Der Genozid-Vorwurf gegen Juden und den jüdischen Staat ist eine Frucht christlicher Denktradition.
Tilman Tarach
Maßgebliche Vertreter der Partei Die Linke machen es sich derzeit einfach: Hinweise auf ideologische und personelle Verbindungen zu antisemitischen und dschihadistischen Akteuren werden routiniert abgewehrt, indem man sie schlicht zur rechten Kampagne erklärt. Zwar gibt es solche Kampagnen von rechts tatsächlich, doch sie dienen vielen aus der Linken lediglich als bequeme Strohmänner. Wer sich ausschließlich an rechtspopulistischen Scharfmachern abarbeitet, erspart sich die Auseinandersetzung mit der eigentlichen Kritik und sonnt sich billig in der Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.
Umstandslos überhört werden dabei die vielen demokratischen und linken Stimmen – nicht zuletzt jene von Jüdinnen und Juden –, die seit Langem aussprechen, dass sie sich auch vor den Antisemiten in der Linken fürchten. Es ist ein zentrales Prinzip aufklärerischen Denkens: Wirklich kritische Köpfe setzen sich, wenn sie ihre eigene Position überprüfen möchten, nicht mit ihren schlichtesten, sondern mit ihren klügsten Kritikern auseinander.
Wohlfeile Kritikabwehr
Hinter der intellektuellen Unredlichkeit verbirgt sich jedoch nicht nur wohlfeile Kritikabwehr, sondern auch Opportunismus: Was wiegen schon ein paar Tausend Juden in Berlin im Vergleich zur quantitativen Übermacht des israelfeindlichen Spektrums? Dieses Zahlenverhältnis spielt eine Rolle bei Parteien, die um Wählerstimmen buhlen, bei Medien, die ihre Leserschaft bedienen wollen, und bei Influencern, die auf Reichweite schielen. Niemals sollte dabei vergessen werden: Aufgrund des Holocausts ist die Zahl der Jüdinnen und Juden weltweit noch immer geringer als im Jahr 1939.
Seit dem 7. Oktober 2023 wächst die Zahl derer, die sich schlicht nicht mehr trauen, öffentlich ein gutes Wort für Israel oder die Juden einzulegen. Es ist die berechtigte Angst vor blanker Gewalt, vor Mordanschlägen – legitimiert durch den Vorwurf, man sei mit solcher Parteinahme ein »Genozid-Unterstützer«. Die Genozid-Anklage ist die derzeit größte Gefahr für Jüdinnen und Juden weltweit: Sie fungiert als ultimative Lizenz zum Pogrom und zur Menschenjagd und verklärt unzählige, auch tödliche Angriffe zu vermeintlichem Widerstand.
Man kann daher den zeitgenössischen Antisemitismus nicht ernsthaft bekämpfen, ohne die brandgefährliche Genozid-Beschuldigung zu kritisieren. Es ist entscheidend, diese Anklage faktisch zu widerlegen – das haben andere, berufenere Stimmen denn auch längst getan. Gewiss: Aufgrund der massiven Schlagseite in weiten Teilen der Berichterstattung und der Positionierungen von Organisationen wie Amnesty International gibt es heute zweifellos viele naive, nicht per se antisemitische Menschen, die diesen Vorwurf gutgläubig für bare Münze nehmen. Unvergessen, wie der Stern, die New York Times und viele andere ein Foto eines an Zerebralparese leidenden Kindes aus dem Gazastreifen auf die Titelseite nahmen und es als »Gesicht des Hungers« in Gaza präsentierten.
»Sage mir, was Du den Juden vorwirfst …«
Indessen bleibt der Kern toxisch: Wer sich an der Genozid-Anklage regelrecht berauscht, wer auf der Straße aggressiv »Israel begeht einen Völkermord!« brüllt, wer das nicht nur glaubt, sondern glauben möchte, steht in dringendem Verdacht, selbst einen Genozid an den Juden (oder zumindest an den Israelis) zu wünschen. Hinter dem Ruf »Israel begeht einen Genozid!« verschanzen sich die Mörder. Es ist ein Markenzeichen des Antisemitismus, das sich durch die Geschichte zieht: Sage mir, was du den Juden vorwirfst, und ich sage dir, was du selbst im Schilde führst.
Die Nazis warfen den Juden Tag und Nacht die Absicht eines Völkermordes vor; diese wahnhafte Gewissheit bildete tatsächlich eine zentrale ideologische Grundlage für den Holocaust, der als Notwehr gegen die herbeiphantasierte jüdische Bedrohung imaginiert wurde. Schon das Machwerk der Protokolle der Weisen von Zion behauptete, die Juden müssten »alle anderen Religionen vernichten«. Adolf Hitler schrieb, die Juden wollten die »Vernichtung aller nichtjüdischen Völker«. Obsessiv fabulierte er in seinen Reden von einem jüdischen Plan einer »Volksvergiftung«, »Völkerausrottung«, »Völkervernichtung« und eines »Vernichtungskrieges«, gar von einer »internationalen Weltvergiftung«. Das NS-Hetzblatt Der Stürmer erklärte, durch die Juden werde »das Christentum in schauerlicher und gründlicher Weise ausgerottet«.
Stürmer-Herausgeber Julius Streicher meinte, die Juden wollten am deutschen Volk »den größten Ritualmord aller Zeiten« begehen. Anlässlich eines angeblichen Ritualmordes in Haifa fantasierte der seine Zeitung im Jahr 1936 vom »Völker fressenden Jehova« und vom »Blut rituell gemordeter Menschen und Völker«. Ein in der NS-Zeit veröffentlichtes Buch von Wilhelm Matthießen trägt den beklemmend vertraut anmutenden Titel »Israels Geheimplan der Völkervernichtung«.
Das gleiche Muster sahen wir bei den schwersten antijüdischen Exzessen, die es vor dem Nationalsozialismus gegeben hatte: den Pogromen im Kontext der Brunnenvergiftungslegenden. Der Vorwurf lautete auch hier »Völkermord«, denn die Juden wollten angeblich »die ganze Christenheit mit einem schrecklichen Gift auslöschen«, so etwa der Mönch Albert im 15. Jahrhundert.
Frucht christlicher Denktradition
Der Völkermord-Vorwurf gegen Juden ist eine Frucht christlicher Denktradition. Kaum ein islamistischer Antisemit in »Free Palestine« – wenn man den von der Hamas kontrollierten Teil Gazas einmal so nennen möchte – glaubt wirklich an einen Genozid. Es widerspräche der Matrix des islamischen Antisemitismus, in der die Juden vor allem als schwächliche Versager wahrgenommen werden. Vor westlichen Mikrofonen behauptet man das mitunter – als Waffe bedient man sich des Genozid-Vorwurfs für das westliche Publikum gerne. Doch insgeheim verachtet die Hamas die linken Palästina-Freunde insgeheim eher dafür, wenn diese von einem Völkermord reden. Der 7. Oktober wird dort nicht als Beginn eines Genozids beklagt, sondern ganz im Gegenteil als triumphaler Auftakt einer angestrebten Vernichtung der Juden gefeiert.
Erst in diesen Tagen präsentierten die Dschihad-Nazis um die Hamas – in deren Wirkungsraum Adolf Hitler vielfach verehrt wird – wieder Videos, in denen auf den Straßen Gazas zum Kampf gegen die Juden aufgerufen wird. Die Drohung, den 7. Oktober immer wieder aufs Neue zu begehen, steht nach wie vor im Raum. Ein aus dem Küstenstreifen stammender Palästinenser hat kürzlich in Istanbul einen Laden mit dem Namen »7. Oktober« eröffnet: Auch er ist weit entfernt davon, das Ereignis, die Folgen und einen angeblichen Völkermord zu betrauern: Die Namensgebung ist vielmehr stolzer Ausdruck des Triumphs.
Anders als in den (post-)christlichen Ländern operieren auch antiisraelische Massenaufläufe etwa im Jemen, in Pakistan und im Iran kaum mit dem Genozidvorwurf, sondern fordern einfach brachial die Vernichtung Israels und der Juden. Im offiziellen Schlachtruf der Huthi-Miliz etwa heißt es: »Tod Israel! Fluch über die Juden! Sieg dem Islam!« Dieser Unterschied zeigt sich selbst auf hiesigen Kundgebungen: Wer dort mit schmerzverzerrter Miene ein »Völkermord!«-Schild vor sich herträgt, ist in der Regel ein urdeutscher Antisemit. Der antisemitische Islamist hingegen skandiert furchtlos »Free Palestine« – und lacht dabei siegesgewiss. Im anti-israelischen Milieu hierzulande stehen diese beiden Phänotypen indes als eine Art Querfront einträchtig Seite an Seite.
Dass beachtliche Teile der Partei Die Linke diesem Milieu nahestehen oder gleich angehören und damit israelpolitisch auf einer Linie mit der Neonazi-Partei Der III. Weg und dem Compact-Magazin, dem einflussreichsten Vorfeld-Organ der AfD, liegen, ist ein Aufklärungsverrat, der schwer zu ertragen ist.
Der Artikel ist zuerst beim Jungleblog erschienen.
