Für Thomas von der Osten-Sacken zeigt der Jemen, dass die richtigen Lehren aus den Anschlägen von 9/11 vergessen worden sind.
Der Vormarsch der Huthis im Jemen, die Bedrohung zentraler Schifffahrtswege, ein zunehmend isoliertes Saudi-Arabien und der bevorstehende Abzug amerikanischer Truppen aus dem Irak: Für Thomas von der Osten-Sacken sind all diese Entwicklungen Teile eines präzedenzlosen Umbruchs, der den Nahen Osten 25 Jahre nach den Anschlägen von 9/11 erschüttere. Im Mena-Watch-Gespräch mit Florian Markl beschreibt er eine Region, in der die jahrzehntelang prägende Rolle der Vereinigten Staaten rapide an Bedeutung verliert, ohne dass eine andere Macht bereitstünde, die entstehende Lücke zu füllen.
Die Huthis und das Worst-Case-Szenario
Ausgangspunkt des Gesprächs ist der jüngste Vormarsch der Huthis im Jemen. Von der Osten-Sacken misst ihm weit über das Land hinausgehende Bedeutung bei. Denn gleichzeitig mit der Bedrohung der Straße von Hormus sei nun auch der Zugang zum Roten Meer unter Druck geraten. Hinzu komme der Angriff proiranischer Milizen aus dem Irak auf eine Pipeline, über die Saudi-Arabien Öl vom Osten des Landes in Richtung Rotes Meer transportieren konnte.
Damit sei eine Konstellation entstanden, die amerikanische Strategen jahrzehntelang als Albtraumszenario betrachtet hätten: Iran-nahe Kräfte bedrohen beziehungsweise kontrollieren entscheidende Zugänge zu den internationalen Energie- und Handelswegen, während Saudi-Arabien seine Verwundbarkeit offenbart.
Besonders bemerkenswert erscheint ihm die amerikanische Reaktion. Statt Saudi-Arabien militärisch zu unterstützen, hätten die USA Gespräche mit den Huthis geführt und sich offenbar damit zufriedengegeben, dass amerikanische und israelische Schiffe nicht betroffen sein sollen. Für von der Osten-Sacken wäre eine solche Haltung unter früheren demokratischen wie republikanischen Regierungen kaum vorstellbar gewesen.
Die Bedeutung der Ereignisse reicht weit über Saudi-Arabien und den Jemen hinaus. Am südlichen Zugang zum Roten Meer kontrollieren die Huthis nach Darstellung von der Osten-Sackens strategisch bedeutsame Gebiete. Auf der gegenüberliegenden afrikanischen Seite verschlechtere sich zugleich die Sicherheitslage in Somalia, während Eritrea sich stärker an den Iran annähere.
Damit gerate eine Route unter Druck, über die rund zwölf Prozent des Welthandels laufen. Die Gefahr bestehe darin, dass islamistische Kräfte auf beiden Seiten des Roten Meeres irgendwann miteinander kooperieren und dadurch die Möglichkeit erhalten könnten, den Handelsweg zu blockieren oder hohe Gebühren zu verlangen.
Die Auswirkungen seien bereits jetzt an den Energiepreisen sichtbar. Ein hoher Ölpreis betreffe zwar auch europäische Autofahrer, könne in ärmeren Staaten aber unmittelbar politische und soziale Krisen auslösen. Als Beispiel nennt von der Osten-Sacken Syrien, wo steigende Benzin- und Ölpreise bereits zu den größten Massenprotesten seit dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 geführt hätten.
Warum die Huthis gerade jetzt vorstoßen
Dass die Huthis während des Iran-Krieges zunächst weitgehend zurückgehalten wurden und erst später massiv vorstießen, interpretiert von der Osten-Sacken als strategischen Vorteil für den Iran. Während andere Verbündete Teherans, wie die Hamas und die Hisbollah, in Kriegen gegen Israel massiv geschwächt worden seien, habe man die Huthis gewissermaßen in Reserve gehalten. Nun zeige sich deren Wert: Die Huthis seien »jetzt die ganz große Trumpfkarte.«
Mit der Kontrolle der Ostküste des Roten Meeres habe der Iran einen erheblichen strategischen Gewinn erzielt. Gleichzeitig seien die Gegner der Huthis im Jemen ausgesprochen schwach gewesen. Die sogenannten Regierungstruppen hätten zwar auf dem Papier beträchtliche Stärke besessen, tatsächlich aber kaum Motivation zum Kampf gezeigt. Dazu seien Konflikte zwischen von Saudi-Arabien und von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Kräften gekommen, welche das Lager der Huthi-Gegner weiter geschwächt hätten.
Die Huthis hätten diese Schwäche ebenso erkannt wie die Zurückhaltung der USA. Dadurch habe sich, so von der Osten-Sacken, für sie eine »einmalige historische Chance« ergeben.
Saudi-Arabien steht weitgehend allein
Besonders problematisch ist aus seiner Sicht, dass kaum jemand erkennbar in der Lage ist, den Vormarsch der Huthis am Boden zurückzudrängen. Saudi-Arabien verfügt zwar über moderne Kampfflugzeuge und andere hochwertige Waffensysteme, doch von der Osten-Sacken sieht einen entscheidenden Mangel: kampffähige Bodentruppen.
Auch auf Verbündete könne Riad derzeit kaum zählen. Pakistan habe trotz eines zuvor geschlossenen Verteidigungsabkommens kein Interesse erkennen lassen, wegen der Huthi-Angriffe militärisch einzugreifen. Und auch die Türkei, der dritte Staat im Bund des erst vor wenigen Wochen unterzeichneten Mekka-Abkommens, hat bis auf die Entsendung einiger Dschihadisten aus Syrien keine militärische Unterstützung geleistet.
Damit stellt sich für von der Osten-Sacken eine entscheidende militärische Frage: Wer soll die Huthis tatsächlich zurückdrängen? Luftangriffe allein reichten dafür kaum aus, aber Bodentruppen seien nicht vorhanden. Deshalb bestehe die wahrscheinlichere Alternative darin, sich mit den neuen Tatsachen zu arrangieren und über diplomatische Kanäle eine Verständigung mit dem Iran zu suchen.
Das Ende der amerikanischen Hegemonie?
Darin sieht von der Osten-Sacken die eigentliche historische Dimension der aktuellen Entwicklung. Über Jahrzehnte sei die politische Ordnung am Golf auf der amerikanischen Hegemonie aufgebaut gewesen. Nun verliere dieses System in kurzer Zeit seine Grundlage.
»Bündnisse mit den USA«, sagt von der Osten-Sacken, »haben nicht mehr den Wert, den sie früher hatten.« Die Vereinigten Staaten zögen Truppen aus der Region ab und seien nach seiner Darstellung zugleich mit erheblichen Problemen des eigenen Militärs konfrontiert – erst nach und nach werde etwa deutlich, welch enorme Schäden iranische Angriffe auf US-Stellungen in arabischen Staaten verursacht hätten.
Das Resultat sei jedenfalls ein präzedenzloses Machtvakuum. Von der Osten-Sacken zieht einen historischen Vergleich mit Großbritannien: Nach dem Zweiten Weltkrieg habe London seine frühere Rolle im Nahen Osten nicht mehr erfüllen können. Damals sei die Vormachtstellung jedoch schrittweise an die USA übergegangen. Doch heute gebe es im Unterschied dazu keinen vergleichbaren Nachfolger.
Damit entstehe erstmals seit Jahrzehnten eine Situation, in der in der ohnehin instabilen Region keine Hegemonialmacht mehr vorhanden sei. Welche Folgen dies haben werde, lasse sich noch kaum abschätzen.
Der Irak vor einer neuen Bewährungsprobe
Dieselbe Entwicklung sieht von der Osten-Sacken im Irak. Dort stehen zwei Prozesse nebeneinander: der Abzug der amerikanischen Truppen und die geplante Entwaffnung von Milizen. Während der US-Abzug nach Plan verlaufe, gelte dies für die Entwaffnung wichtiger proiranischer Verbände gerade nicht.
Genau daraus entstehe die Sorge, dass der Iran seinen Einfluss nach dem amerikanischen Rückzug weiter ausbauen könnte. Die irakische Regierung suche deshalb Unterstützung in Europa, während Politiker aus Irakisch-Kurdistan verstärkt Kontakte nach Teheran pflegten.
Von der Osten-Sacken zieht als extremes Negativszenario einen Vergleich mit Kabul 2021: Eine Seite erfülle ihre Verpflichtung zum Abzug, während die andere die vereinbarten Bedingungen nicht einhalte. Zugleich betont er allerdings ausdrücklich, dass der Irak nicht Afghanistan sei und sich gesellschaftlich und wirtschaftlich anders entwickelt habe.
Das entscheidende Problem bleibe dennoch bestehen: Wer besitzt tatsächlich die militärische Macht, bewaffnete Milizen zu entwaffnen?
War der Irakkrieg tatsächlich nur ein Desaster?
Im letzten Teil des Gesprächs weitet sich die Diskussion zu einer Bilanz der vergangenen 25 Jahre aus. Von der Osten-Sacken widerspricht der Darstellung, der Irak müsse schlicht als gescheiterte Unternehmung des sogenannten »War on Terror« abgehakt werden. Trotz aller Fehler, die zweifelsohne gemacht worden seien, falle seine Bewertung deutlich differenzierter aus: »Wenn der Irak 2005 so ausgesehen hätte, wie er jetzt ist, hätte jeder gesagt, der Irakkrieg ist ein ganz großer Erfolg.«
Dabei bestreitet er keineswegs Probleme wie Korruption, Armut oder extralegale Tötungen. Sein Argument lautet vielmehr, dass die heutige Entwicklung des Irak in vielen Rückblicken ausgeblendet werde.
All die momentan zu lesenden Rückblicke und Analysen zum 25. Jahrestag von 9/11 zeichnen sich für von der Osten-Sacken vor allem durch einen Punkt aus: Sie alle blendeten die gleichermaßen wichtigen wie richtigen Debatten aus, die nach den fürchterlichen Anschlägen von New York, Washington und Pennsylvania geführt worden seien: Nach dem 11. September 2001 sei zumindest zeitweise erkannt worden, dass Terrorismus, Bürgerkrieg und Instabilität nicht nur als Sicherheitsprobleme behandelt werden könnten. Dahinter stünden strukturelle Ursachen wie Diktatur, Armut, Unterdrückung, schlechte Bildungssysteme und zentralisierte, von kleinen Eliten kontrollierte Volkswirtschaften.
Die damalige Idee einer langfristigen politischen und gesellschaftlichen Transformation des Nahen Ostens sei zwar mangelhaft und widersprüchlich umgesetzt worden. Doch die zugrunde liegende Analyse hält von der Osten-Sacken weiterhin für richtig: »Terror, Bürgerkrieg und Instabilität«, so fasst er die zentrale Erkenntnis von damals zusammen, »haben Ursachen und wir können nicht immer nur die Symptome bekämpfen, wir müssen sozusagen an die Ursachen gehen.«
Gerade der Irak zeige seiner Ansicht nach, dass da, wo strukturelle Veränderungen tatsächlich angegangen worden seien, auch positive Resultate zu verzeichnen seien. Jemen, Syrien und Sudan seien dagegen Beispiele dafür, was geschehe, wenn eine solche Perspektive aufgegeben werde.
Humanitäre und politische Katastrophe
Am Ende kehrt das Gespräch zum Jemen zurück. Von der Osten-Sacken kritisiert, dass das Land über Jahre entweder als humanitäres Problem oder als Sicherheitsproblem betrachtet worden sei, ohne eine langfristige politische Perspektive zu entwickeln. Dabei verschärfe sich die humanitäre Lage stetig weiter. Er verweist auf Binnenvertriebene, Cholera und ein zusammenbrechendes Gesundheitssystem. Gleichzeitig seien die Hilfsgelder für den Jemen im vergangenen Jahr mehr als halbiert worden; Mittel für Binnenvertriebene seien faktisch gestrichen worden.
Für von der Osten-Sacken hängen diese Entwicklungen miteinander zusammen: der Aufstieg der Huthis, die Schwächung Saudi-Arabiens, der wachsende iranische Einfluss, der amerikanische Rückzug und das Fehlen langfristiger politischer Strategien für die Gesellschaften der Region. Das Resultat ist in seiner Darstellung nicht einfach eine weitere Krise im Nahen Osten, sondern ein grundlegender Wandel der regionalen Ordnung – zu einem Zeitpunkt, an dem bisher nicht erkennbar ist, was an ihre Stelle treten könnte.
