Al-Sharaa vereint Syrien, aber vereint er auch die Syrer?

Syriens Präsident Al-Sharaa muss noch beweisen, ob sein Wandel vom Dschihadisten-Führer zum Staatsmann echt ist
Syriens Präsident Al-Sharaa muss noch beweisen, ob sein Wandel vom Dschihadisten-Führer zum Staatsmann echt ist (© Imago Images / APAimages)

Die Kurden bewegen sich auf Damaskus zu, während sich Teile der drusischen Gemeinschaft von der syrischen Hauptstadt entfernen.

Eyal Dror

Innerhalb einer einzigen Woche kam es in Syrien zu zwei Entwicklungen, die in entgegengesetzte Richtungen weisen. Im Nordosten kündigten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) – eine von Kurden geführte Truppe, die jahrelang als Washingtons wichtigster lokaler Partner im Kampf gegen den IS fungierte – ihre Auflösung und Eingliederung in das syrische Militär an. Wenige Tage später ernannte der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa den SDF-Kommandeur Mazloum Abdi zum Präsidentenberater. Hunderte Kilometer weiter südlich, in der mehrheitlich von Drusen bewohnten Provinz Suwayda, schlug der prominente geistliche Führer Scheich Hikmat al-Hijri einen fast entgegengesetzten Kurs ein und bezeichnete die Drusen als «integralen Bestandteil des Staates Israel«.

Zusammengenommen erzählen diese beiden Entwicklungen eine wichtige Geschichte über das neue Syrien. Die Frage, vor der Präsident al-Sharaa aktuell steht, ist nicht mehr nur, ob er die Autorität Damaskus’ über den größten Teil des Landes wiederherstellen kann. Die schwierigere Frage ist, ob er einen Staat aufbauen kann, den Kurden, Drusen und andere Minderheiten als ihren eigenen betrachten können.

Wandel al-Sharaas?

Die Auflösung der SDF stellt eine bedeutende Errungenschaft dar. Jahrelang kontrollierte sie weite Teile Nord- und Ostsyriens, unterhielt eine beträchtliche Streitmacht, verwaltete zivile Institutionen und profitierte vom Schutz der USA. Nach dem Sturz des Assad-Regimes blieb die faktische Autonomie der Kurden eines der größten Hindernisse für die Wiederherstellung der Autorität von Damaskus über das gesamte Land. Militärischer Druck, Gebietsverluste und ein sich wandelndes regionales Umfeld schränkten den Handlungsspielraum der Kurden stark ein. Aus al-Sharaas Sicht ist das Ergebnis nun eindeutig: Eine unabhängige Streitmacht, die als Parallelarmee innerhalb des Staates hätte bestehen bleiben können, existiert nicht mehr. Doch die Auflösung einer Streitmacht ist nicht dasselbe wie der Aufbau eines Staates.

Al-Sharaa hat Schritte unternommen, um den Kurden zu zeigen, dass Integration in den Staat nicht bedeutet, ihre Identität auszulöschen. Die kurdische Sprache wurde als Landessprache anerkannt. Newroz, das kurdische Neujahrsfest, wurde zum nationalen Feiertag erklärt. Langjährige Fragen der Staatsbürgerschaft wurden angegangen. Die Ernennung von Abdi zum Präsidentenberater signalisiert die Bereitschaft, kurdische Führungskräfte in das politische System einzubinden. Das sind wichtige Schritte, doch Erklärungen und symbolische Gesten reichen nicht aus. Die eigentliche Bewährungsprobe besteht darin, wie Syriens Institutionen funktionieren werden: Wer hat die Macht? Erhalten die Kurden eine angemessene Vertretung? Können sie ihre Identität bewahren, ohne dass der Staat diese als Bedrohung ansieht?

Diese Fragen haben aufgrund von al-Sharaas Vergangenheit besonderes Gewicht. Der Mann, der Syriens Minderheiten auffordert, dem Staat zu vertrauen, den er aufbaut, stammt nicht aus einer Tradition des politischen Pluralismus, sondern aus der dschihadistischen Bewegung. Er führte jahrelang eine bewaffnete islamistische Organisation an, bevor er nach und nach die Sprache der Staatskunst, der Inklusion und des Minderheitenschutzes übernahm. Diese Wandlung mag aufrichtig sein. Führungskräfte können sich ändern, wenn sie vom Aufstand in die Regierung wechseln. Doch eine andere Möglichkeit darf nicht außer Acht gelassen werden: Seine derzeitige Mäßigung könnte in erster Linie strategischer Natur sein und darauf abzielen, Syrien zu stabilisieren, internationale Legitimität und Investitionen zu sichern sowie den inneren Widerstand zu verringern, während die Zentralregierung ihre Macht festigt.

Es ist noch zu früh, um zu wissen, ob al-Sharaas Wandel echt ist. Genau deshalb sollte er anhand von Taten, Institutionen und Regeln beurteilt werden und nicht anhand von Reden und Absichtserklärungen. Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie er Minderheiten behandelt, solange er auf deren Zusammenarbeit und internationale Unterstützung angewiesen ist, sondern wie er sie behandelt, wenn er stark genug ist, um weniger stark auf sie angewiesen zu sein. Der Unterschied zwischen Integration und Unterwerfung wird davon abhängen, wie sich der syrische Staat verhält, wenn die Macht fest in seinen Händen liegt.

Deshalb sollte al-Sharaa sich Sorgen um Suwayda machen. Während sich die Kurden – zumindest institutionell – in Richtung Damaskus bewegen, gehen Teile der drusischen Gemeinschaft in die entgegengesetzte Richtung. Im Zuge der Unruhen in der Provinz im Juli 2025 kam es zu außergerichtlichen Hinrichtungen drusischer Zivilisten, die Amnesty International der Regierung und regierungsnahen Kräften zuschrieb. Dadurch hat sich eine tiefe Vertrauenskrise zwischen Teilen der drusischen Gemeinschaft und Damaskus entwickelt. So hatte Al-Hijri bereits Suwaydas Unabhängigkeit gefordert, doch seine jüngste Beschreibung der Drusen als integralen Bestandteil Israels geht noch wesentlich weiter.

Das bedeutet nicht, dass die syrischen Drusen Israelis werden wollen. Al-Hijris Äußerungen haben bei den Drusen, die diese Vorstellung ablehnen, Widerstand ausgelöst. Die Gemeinschaft ist nicht monolithisch, und ihre Führer vertreten unterschiedliche Ansichten zu Damaskus, Israel und der Zukunft Syriens. Diese Meinungsverschiedenheit ist an sich schon aufschlussreich. Viele Drusen suchen kein anderes Land. Sie suchen ein Syrien, in dem sie Drusen bleiben können und gleichzeitig sichere und gleichberechtigte syrische Bürger sind.

Gelingt die Einigung? 

Ein Land wird nicht allein dadurch vereint, dass alle bewaffneten Kräfte letztendlich der Hauptstadt unterstehen. Souveränität lässt sich nicht allein an Kontrollpunkten, Grenzübergängen oder Flaggen über Regierungsgebäuden messen. Ein Staat ist erst dann wirklich vereint, wenn seine Bürger nicht mehr glauben, sie bräuchten eine externe Macht, um sich vor dem Staat selbst zu schützen.

Die Kurden und die Drusen stellen al-Sharaa daher geradezu spiegelbildlich gegenüber. Jahrelang waren die USA der wichtigste Garant für die Sicherheit der Kurden und ihre de facto bestehende Autonomie. Al-Sharaa hat nun die Gelegenheit, zu beweisen, dass der syrische Staat den Zwang durch Schutz qua Vertretung und Sicherheit ersetzen kann. In Suwayda vollzieht sich der gegenteilige Prozess. Da Teile der drusischen Gemeinschaft das Vertrauen in Damaskus verloren haben, hat Israel als potenzielle Schutzquelle an Bedeutung gewonnen.

Dies ist das Paradoxon, das al-Sharaa lösen muss. Der Wiederaufbau Syriens erfordert eine starke Zentralregierung. Nach mehr als einem Jahrzehnt Bürgerkrieg, Milizenbildung und ausländischer Intervention kann kein stabiler Staat entstehen, wenn jede der Gemeinschaften ihre eigene Streitmacht und ihren eigenen ausländischen Schutzherrn unterhält. Wird die zentralisierte Autorität jedoch durch Zwang, Ausgrenzung oder Angst aufgebaut, gilt: Je stärker Damaskus wird, desto eher könnten Minderheiten ihren Schutz außerhalb der Hauptstadt suchen.

Unlängst habe ich gefragt, welche Art von Armee al-Sharaa aufbauen wird. Hinter dieser Frage verbirgt sich eine grundlegendere: Welchem Staat wird diese Armee dienen und wie viele Syrer werden glauben, dass dieser Staat auch der ihre ist?

Seit Jahren wird Syrien anhand von Landkarten bemessen: Wer kontrolliert Idlib, wer hält Sweida und wer regiert östlich des Euphrats? Al-Sharaa ist nun näher daran als jeder andere syrische Führer seit Beginn des Bürgerkriegs, den größten Teil dieser Gebiete unter einer Zentralregierung zu vereinen. Diese Leistung sollte nicht unterschätzt werden. Doch eine einheitlich gefärbte Landkarte ist nicht zwangsläufig ein geeintes Land.

Die Kurden zeigen, was Integration bewirken könnte; die Drusen zeigen, was passiert, wenn eine Minderheit nicht mehr darauf vertraut, dass der Staat sie schützt. Diese Bewährungsprobe gilt nicht allein für al-Sharaa. Sie betrifft auch ausländische Regierungen, die entscheiden, wie viel Legitimität, Investitionen und diplomatisches Engagement das neue Syrien erhalten soll. Die Regierung und regierungsnahe Kräfte waren bereits in schwere Übergriffe gegen Minderheiten verwickelt, während uniformierte syrische Soldaten dabei gefilmt wurden, wie sie Drohungen gegen Juden ausstießen.

Internationale Legitimität sollte daher an Bedingungen geknüpft sein. Sollte Damaskus Minderheiten unter Druck setzen, sektiererische oder antisemitische Hetze innerhalb seiner Sicherheitskräfte dulden oder es verabsäumen, Massenübergriffe durch unter staatlicher Autorität operierende Kräfte zu verhindern oder zu bestrafen, sollte dies Konsequenzen nach sich ziehen. Diese könnten von diplomatischer Verurteilung und gezielten Sanktionen bis hin zur Aussetzung politischer und wirtschaftlicher Vorteile reichen. Wo Zivilisten unmittelbar von großangelegter Gewalt bedroht sind, darf selbst die Möglichkeit von Militäroperationen nicht ausgeschlossen werden.

Die Welt sollte nicht auf ein weiteres Massaker warten, um zu entscheiden, ob al-Sharaas gemäßigte Haltung echt ist. Der Präsident mag noch beweisen, dass die Wiedervereinigung Syriens zu einer echten nationalen Integration werden kann. Doch die Beweislast liegt bei ihm. Sollte der syrische Staat erneut zu einer Bedrohung für die Minderheiten werden, die er zu regieren vorgibt, sollte die Welt nicht nur al-Sharaas Absichten neu bewerten. Sie sollte einen Preis dafür fordern.

Eyal Dror gründete und leitete die »Operation Good Neighbor« an der israelisch-syrischen Grenze. Der Autor von »Embracing the Enemy: The Inside Story of Israel’s Secret Humanitarian Mission to Rescue Syrian Civilians From Civil War« hält Vorträge zu den Themen Sicherheit, Naher Osten, humanitäre Hilfe, Führung und gesellschaftliche Resilienz. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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