»NAZA«: Wie ein Film Israel in die Nähe der Nazis rückt

Der Film »NAZA« erhielt in Venedig den Sonderpreis der Jury
Der Film »NAZA« erhielt in Venedig den Sonderpreis der Jury (© Imago Images / KCS Presse)

In »NAZA« werde die israelische Regierung in assoziative Nähe zum Holocaust gerückt, stellt der profil-Journalist Stefan Grissemann fest. Auf die Idee, das zu kritisieren, kommt er nicht.

Am Dienstag verkündete das Wiener Filmcasino, der Film »NAZA« von Yuval Abraham und Rachel Szor »war für uns der wichtigste und beste Film in Venedig und er kommt aufgrund seiner Dringlichkeit schon ab 1. Oktober zu uns«. Der von der britischen Tageszeitung Guardian und vom »Oscar-Preisträger Jonathan Glazer (The Zone of Interest) produzierte Film ist zwingend. Nicht nur aufgrund seines brisanten Inhalts, auch formal weiß er zu überzeugen«, zitierte das Kino in seiner Programmankündigung die österreichische Tageszeitung Der Standard.

Gegen dieses überschwängliche Lob wäre festzuhalten, dass der als »zwingend« bezeichnete Film schon im Titel den in ihm erhobenen Vorwürfen widerspricht. Dies gilt zumindest, wenn die Filmemacher das Thema ernsthaft behandeln und nicht nur als Waffe gegen Israel gebrauchen würden. So ist das titelgebende »NAZA« das hebräische Akronym für »Kollateralschaden«. Schon der Titel des Films verweist also darauf, dass die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) vor ihren Operationen kalkulieren, mit wie vielen getöteten Zivilisten bei einem Angriff auf militärisch legitime Ziele zu rechnen ist – und dann entscheiden, ob der jeweilige Angriff durchgeführt werden kann oder nicht.

Kriegsrecht oder israelische Verwerflichkeit?

Solch ein Vorgehen widerspricht dem internationalen Recht nicht im Mindesten, und es ist schon gar kein Hinweis auf einen Genozid, sondern erfüllt geradezu prototypisch die notwendigen Abwägungen, die verantwortungsvoll handelnde Armee unternehmen müssen, um bei ihren Operationen dem kriegsrechtlichen Grundprinzip der Verhältnismäßigkeit zu genügen.

Es sei denn natürlich, man unterstellt, wie Stefan Grisseman es in der Wochenzeitung profil unter Berufung auf die angeblichen Whistleblower in »NAZA« tut, die Berechnung möglicher Kollateralschäden diene nicht der Einschätzung der Verhältnismäßigkeit eines Einsatzes, sondern stelle eine Kalkulation für das »systematisch« verfolgte israelische Projekt dar, »die palästinensische Bevölkerung in weiten Teilen auszulöschen.«

Der von den Filmemachern nahegelegte und von Journalisten wie Grissemann aufgegriffene Schluss, der Begriff »NAZA« würde bedeuten, dass Zivilisten bewusst von Israel angegriffen werden, ist nur zu ziehen, wenn die realen Verhältnisse vor Ort sprichwörtlich auf den Kopf gestellt werden. Warum sollten sich die IDF überhaupt die Mühe machen, Kollateralschäden zu kalkulieren, wenn ihr Ziel im Massenmord an Zivilisten bestünde? »Der ganze Sinn der Berechnung von Kollateralschäden ist, dass man versucht, zivile Opfer zu vermeiden. Wenn es einen Begriff dafür gibt und eine Zahl, die damit verbunden ist«, dann zeige allein das, erläutert Hen Mazzig in einer kurzen Videoanalyse, »dass es nie eine Kampagne zur absichtlichen Tötung von Zivilisten gab. Es ist das exakte Gegenteil eines Genozids.«

Dass Abraham und Szor, die den Film ja weniger für ein israelisches als vielmehr für ein internationales Publikum gedreht haben, nicht die englische Bezeichnung »Collateral Damage«, sondern das hebräische Akronym »NAZA« gewählt haben, das in Venedig, New York oder Berlin nicht verstanden wird, tut ein Übriges zur Sache. So formuliert selbst der Kulturjournalist Grissemann, von dem man doch annehmen müsste, dass er für seine Rezension recherchiert hat, »NAZA« sei »ein Euphemismus, den die israelische Armee und ihre Handlanger benutzen« – und nicht bloß das hebräische Akronym für das, was alle Streitkräfte tun, die sich an das Kriegsrecht halten.

Die Titelwahl der Filmemacher dürfte dann auch alles andere als Zufall sein: Erinnert »NAZA« doch allzu deutlich an »Nazi« – und dient damit dem intendierten Zweck, Israel gegen jede Realität des Völkermords zu bezichtigen. So kommt auch Grissemann im profil nicht umhin festzustellen: »Das israelische Regieduo rückt das Tun der rechtsextremen Regierung Benjamin Netanjahus in assoziative Nähe zum Holocaust.«

Auf die Idee, diese assoziative Unterstellung als das zu kritisieren, was sie ist – ein holocaustrelativierendes Ressentiment, das aus dem Krieg, den die Hamas mit ihrem Massaker am 7. Oktober vom Zaun gebrochen hat, einen israelischen Vernichtungsfeldzug macht –, kommt Grissemann hingegen nicht. »Es gibt eine Obsession damit, Juden zu Nazis zu machen«, erklärt Mazzig in seinem Video, und dies sei der älteste Trick, den es gibt: Man nimmt das, was den Juden angetan wurde, und beschuldigt sie, es nun selbst anderen anzutun. (Diese Obsession erfüllt gemäß der IHRA-Arbeitsdefinition übrigens den Tatbestand des Antisemitismus.)

Wahrscheinlich würde Grissemann antworten, es seien doch Israelis, die das selbst sagen – als enthöbe ihn das von der journalistischen Verpflichtung, die im Film erhobenen Behauptungen und die mittels dieser Aussagen konstruierte Botschaft zu prüfen und (kritisch) einzuordnen. »Nicht die Herkunft der Filmemacher entscheidet über die Glaubwürdigkeit einer Darstellung, sondern ihre Quellen, ihre Methodik und vor allem ihre Einordnung«, schreibt denn auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft Rhein-Neckar ganz richtig.

Offenkundige Widersprüche

Selbst bei den wenigen bislang öffentlich bekannten Ausschnitten des Films treten sofort Widersprüche zutage, wenn man sie denn nicht per se für bare Münze nimmt, weil man ohnehin von der Verwerflichkeit israelischer Kriegsführung überzeugt ist. So wird im Trailer von einem angeblichen Whistleblower erklärt: »Ich weiß nicht, wie viele getötet wurden, weil sie das nie überprüfen. Aber einmal gab es eine Genehmigung für 500.«

Der Haken an der Sache ist allerdings, dass es im gesamten Gaza-Krieg lediglich einen Fall gab, bei dem es hieß, er habe rund 500 zivile Todesopfer zur Folge gehabt. Allerdings handelte es sich dabei nicht nur um den Einschlag einer fehlgegangenen Rakete des Palästinensischen Islamischen Dschihad im al-Ahli-Krankenhaus, sondern es stellte sich auch heraus, dass die Hamas die Opferzahlen des Raketeneinschlags massiv nach oben verfälscht hatte. Die behaupteten 500 zivilen Opfer waren schlicht eine Lüge.

Dementsprechend wiesen die israelischen Streitkräfte die im Film gemachte Darstellung als »vollkommen falsch« zurück: »Die IDF haben niemals einen Angriff im Gazastreifen geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem erwartet wurde, dass 500 Zivilisten oder auch nur annähernd so viele getötet werden«, teilte das Militär mit.

Die Behauptung, dass Entscheidungen zum Angriff der Künstlichen Intelligenz (KI) überlassen würden, sei nur damit zu erklären, dass die Whistleblower – sofern sie nicht absichtlich die Unwahrheit sagen – unzureichende Kenntnisse über das Zustandekommen der Angriffsbefehle verfügen. Die Verfahren zur Zielauswahl erforderten eine menschliche Genehmigung sowie die Prüfung der militärischen Notwendigkeit, der Verhältnismäßigkeit und des zu erwartenden zivilen Schadens. In der Erklärung wurde auch betont, dass die IDF umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hat, um zivile Opfer zu vermeiden.

All dies passt ebenso wenig zum von »NAZA« erhobenen Vorwurf eines mittels KI »kalkulierten Massenmords an palästinensischen Zivilisten im Gazastreifen« wie Yonah Jeremy Bobs Hinweis auf die israelischen Ermittlungen wegen möglicher Kriegsverbrechen durch IDF-Soldaten. » Derzeit werden über 3.000 Fälle und über 150 strafrechtliche Ermittlungen geprüft.« Aktuell sei die »Zahl der Strafverfahren fünfmal so hoch wie die der [beim Gazakrieg] im Jahr 2014 eröffneten Fälle, und die Zahl der überprüften Fälle ist sechsmal so hoch«.

Der Film von Yuval Abraham und Rachel Szor wurde trotz der naheliegenden Einwände und Kritikpunkte in der Filmbranche so euphorisch begrüßt, dass er in Venedig sogar mit 25 Minuten Standing Ovation bedacht wurde – eine Auszeichnung, hinter der sich Kim Jong-un und die Partei der Arbeit Koreas nicht verstecken müssen. Dies sagt alles über die Verfasstheit beträchtlicher Teile der Kunst- und Kulturszene aus, was man wissen muss. Die Hamas haben sie damit auf jeden Fall auf ihrer Seite.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 16. September. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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