Obwohl Dieter Hallervordens wichtigstes Steckenpferd seit Jahren die Verleumdung Israels ist, durfte er im Landtagswahlkampf von Sachsen-Anhalt für die CDU auftreten – was eine Parteiberaterin nachträglich als »Mut« der Partei feiert.
Der Komiker Dieter Hallervorden war zuletzt vor allem wegen seines Einsatzes im Landtagswahlkampf von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) im Gespräch. Dabei sorgte er für einen Eklat: Bei gemeinsamen Auftritten hatte er Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) unterstellt, sie wollten Deutschland »kriegstüchtig« machen »wie vor 90 Jahren« – als Hitler die Wehrmacht darauf vorbereitete, in Österreich, der Tschechoslowakei und Polen einzumarschieren und Kriegsverbrechen zu verüben. Merz und Pistorius verfolgen keine derartigen Pläne, und Hallervorden weiß das. Es ging um Provokation um ihrer selbst willen.
Die meisten Kommentatoren bezweifelten dann auch, dass Schulzes Popularität durch die Auftritte mit Hallervorden gestärkt wurde, zumal dessen Aussagen so abwegig und ehrabschneidend waren, dass Schulze nicht umhinkonnte, sich von ihnen zu distanzieren.
Keine Ahnung, aber viel Meinung
Hallervordens wichtigstes Steckenpferd ist seit Jahren die Verleumdung des Staates Israel als Urheber eines angeblichen »Völkermords« an den Palästinensern, den er oft detailliert ausmalt. So behauptete er etwa in einem Video, die israelische Regierung wolle Babys »Mehl und Milch« vorenthalten – Lebensmittel, die er offenbar für Babynahrung hält. Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, sage »es doch ganz klar und deutlich, was er will, nämlich das palästinensische Ungeziefer vernichten.« Ein von Hallervorden erfundenes Zitat – als ob es nicht genug kritikwürdige, wirklich von Ben-Gvir stammende Zitate gäbe.
In der Tageszeitung Die Welt ist Hallervorden regelmäßig Nachrichtengegenstand, hat auf der Website sogar eine eigene Themenseite. Kürzlich zitierte ihn das Blatt im Hinblick auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit der Aussage: »Wer seit Dezember 2023 vor dem Internationalen Gerichtshof wegen Völkermords angeklagt ist, hat seinen Anspruch auf Freundschaft verwirkt.«
Tatsächlich hat Südafrika am 29. Dezember 2023 beim Internationalen Gerichtshof (IGH) ein Verfahren gegen den Staat Israel eingeleitet – nicht gegen Benjamin Netanjahu persönlich. Der IGH behandelt Streitigkeiten zwischen Staaten. Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat einen Haftbefehl gegen Benjamin Netanjahu erlassen – aber nicht wegen »Völkermords«, sondern aufgrund des angeblichen »Aushungerns« als Methode der Kriegsführung (wegen der Hungersnot, die es nicht gab) und des angeblich vorsätzlichen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung. Eine geplante Anklage wegen »Ausrottung« ließen die Richter am IStGH wegen mangelnder Beweise nicht zu. Nach Belegen suchte Karim Khan bis zum Schluss vergeblich.
Wenn Hallervorden den Internationalen Gerichtshof nicht vom Internationalen Strafgerichtshof unterscheiden kann, sollte er seine Meinungen dann nicht vielleicht lieber auf Dinge richten, mit denen er sich besser auskennt? Auf einen Hinweis von Mena-Watch hin fügte die Redaktion der Welt in ihrer Onlineausgabe den folgenden Hinweis ein: »Vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) läuft seit Dezember 2023 ein Verfahren gegen den Staat Israel, nicht gegen Ministerpräsident Netanjahu. Südafrika wirft Israel vor, im Gazastreifen gegen die UN-Völkermordkonvention verstoßen zu haben. Gegen Netanjahu hatte ein Gremium von Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) 2024 Haftbefehl wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazastreifen erlassen. Israel weist die Vorwürfe strikt zurück.«
Wie Hallervorden mit Eifer und ohne Rücksicht auf Fakten gegen Israel agitiert, erinnert an den verstorbenen Günter Grass. Vor vierzehn Jahren behauptete der Schriftsteller in einem in Prosa verfassten Pamphlet »Was gesagt werden muss« – das er selbst als »Gedicht« bezeichnete –, Israel plane einen atomaren »Erstschlag«, der »das iranische Volk auslöschen könnte«. Deutschland beteilige sich daran, indem es Israel die U-Boote liefere, von denen aus die Atomraketen ganz sicherlich abgeschossen werden würden.
Obwohl er genau wisse, dass das in der Zukunft passieren werde, habe er bislang angeblich »geschwiegen«. »Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge.« Nun müsse er es aussprechen: »Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.« Den Namen Israels dürfe man, so Grass weiter, angeblich nicht aussprechen – wie den des Gottseibeiuns. Er aber müsse das nun doch ausnahmsweise tun, um kurz vor seinem vermuteten letzten Atemzug – »mit letzter Tinte« – den Weltfrieden doch noch zu retten und die Auslöschung des iranischen Volkes durch Israels »allesvernichtende Sprengköpfe« im letzten Moment zu verhindern.
Das »Gedicht« war nicht nur ein Dokument des Hasses, sondern auch der völligen Selbstüberschätzung und Selbstbeweihräucherung des ehemaligen Waffen-SS-Mannes. Israel eines behaupteten Verbrechens anzuklagen, das in der Zukunft liegt, war besonders perfide – eine Anklage, gegen die es keine mögliche Verteidigung gibt. Die Unschuldsvermutung gilt für Juden ohnehin nicht. Der Dramatiker Rolf Hochhuth sagte damals, Julius Streicher hätte den Text von Grass im Stürmer gedruckt.
Die Süddeutsche Zeitung, La Repubblica und El País veröffentlichten diesen wirren Text auf der Titelseite. Sie unterzogen Grass‘ Behauptungen keiner Prüfung, fragten nicht nach Belegen – weil ein Künstler keine Beweise benötigt. Niemand verlangt von Hermann Hesse einen Nachweis darüber, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, oder fordert von Eduard Mörike eine Substantiierung der Aussage, wonach der Frühling ein blaues Band durch die Lüfte flattern lasse. Pöbeleien aus der Feder von Günter Grass sind ein »Gedicht«, da gelten andere Maßstäbe.
Im Mantel des »Künstlers«
Das ist für Anti-Israel-Aktivisten, die gleichzeitig als Künstler gelten, äußerst praktisch. Denn so haben sie gewissermaßen Tarnkappen-Eigenschaften und können unerkannt vom Radar der Tatsachenprüfung Angriffe auf den jüdischen Staat fliegen. Niemand verlangt Rechenschaft. Niemand fragt: »Stimmt das?« Das kommt auch Hallervorden gelegen. Antisemitismus wird bei ihm zum Kunstwerk, auch ohne, dass Zeilenumbrüche seine Auslassungen wie ein Gedicht aussehen lassen. Gegen Kritik ist er immun. Israel nennt er »die Atommacht« oder »die Apartheid«. Kürzlich teilte er über seinen YouTube-Kanal mit:
»Als ich den nachfolgenden Dialog mit einem Avatar über den Massenmord in Gaza aufgezeichnet habe, hatte die Atommacht Israel noch nicht Atomanlagen und Wohnhäuser im Iran zerbombt. Nun sind viele Zivilisten verbrannt und die Nuklearanreicherung in Natanz ist atomar verseucht. Es soll bereits Strahlung aus den Lecks ausgetreten sein. Das kann bis nach Deutschland zur heimtückischen Bedrohung werden. Nur im Unterschied zu Tschernobyl werden im Iran Arbeiter von dringend notwendigen Reparaturarbeiten durch neue israelische Luftangriffe abgehalten. Aber schon säuseln Schönredner aus Medien und Politik, Israels Terrorismus sei geboten, so Selenskyj-Freund und CDU-Scharfmacher Kiesewetter. … Herr Kiesewetter gehört hinter Gitter.«
Israel begehe heimtückische Verbrechen, Deutschland wird zu Israels Opfer und ein CDU-Bundestagsabgeordneter »gehört hinter Gitter«: Ein Text in der Art hätte auch gut in die frühere National-Zeitung des 2013 verstorbenen DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey gepasst. In einem ebenfalls auf YouTube veröffentlichten »Gedicht« sinniert Hallervorden über den Schmerz eines Vaters in Gaza nach, der im Krieg ein Kind verloren hat:
»Soll ich diesem Vater empfehlen,
So cool wie ein Talkgast zu sein,
Sich bloß in keinem Wort zu verfehlen,
Das antisemitisch erscheint?«
Antisemitismus ist bei Hallervorden kein mörderischer Wahn, sondern Ausdruck authentischen Schmerzes aufgrund der von Juden verübten Verbrechen. Er sollte nicht kritisiert werden, sondern verdient als menschliche Reaktion auf erlittenes Leid Verständnis. Hallervorden sieht Israel als Befehlsgeber hinter den meisten deutschen Parteien: »Sie geloben Apartheid die Treue, von Ampel bis AfD.« Der Deutsche Bundestag erscheint bei Hallervorden als Marionette bzw. als Komplize eines angeblichen »Völkermords«:
»Gaza, ich schlag meine Augen nieder,
Vor der Ohnmächtigen Geschrei,
Vor deinen zerfetzten Gliedern,
Und ich frag mich dann immer wieder:
Und das soll kein Völkermord sein?«
Hamas-Propaganda in holprigen Versen. Die Motive sind immer wieder die gleichen: An Leid und Sterben im Gazastreifen sei nicht die Hamas schuld, sondern Israel; es verfolge den Plan, alle Palästinenser zu vernichten, möglichst schon als »Babys«. Das erinnert nicht zufällig an die biblischen Erzählungen von der Tötung der nicht-jüdischen Erstgeborenen in Ägypten und dem Kindermord in Bethlehem. Der beim Zuhörer erweckte Eindruck: Von der Zeit des Alten Testaments über Jesus bis heute gibt es eine dämonische Kraft, heutzutage vertreten durch den Staat Israel.
Hinzukommen die alten Motive des »Weltenbrandstifters Juda«, der alles »heimtückisch« vergiften wolle. Nicht mehr nur die Brunnen, wie im Mittelalter, sondern durch eine atomare »Verseuchung«, die auch für Deutschland und Didi Hallervorden »zur heimtückischen Bedrohung werden« könne. »Kein Mensch wird als Terrorist geboren«, sagt Hallervorden in dem Video. Das ist sicherlich richtig – so, wie auch kein Mensch als Fernsehkomiker oder Antisemit geboren wird. Was will er damit sagen? Eigentlich meint er: Nicht der Terrorist selbst ist schuld, wenn er mit dem Auto Menschen überfährt oder sie in ihren Häusern anzündet. Die Schuld soll irgendwo anders zu suchen sein: bei denen, die ihn so wütend gemacht haben.
CDU-Beraterin verteidigt sich
Die Welt berichtet häufiger über Hallervorden als über Teilnehmer des Dschungelcamps. Trotz gelegentlicher Kritik ist der Ton insgesamt unterstützend. In Dessau habe »Didi Hallervorden … sogar noch ordentlich nachgelegt« und »tosenden Applaus« bekommen, heißt es da etwa. Kommunikationsberaterin Clara von Nathusius, die die CDU Sachsen-Anhalts im Wahlkampf berät, lobte in einem Gastkommentar für die Welt (»Warum ich es verteidige, mit Dieter Hallervorden zu sprechen«) die Auftritte Hallervordens an der Seite des CDU-Kandidaten – trotz des Antisemitismus, den sie nicht verschweigt.
Sie habe »fünf Meter daneben« gestanden, als dort »im Hintergrundvideo das Standbild eines Demonstrationsschilds: Stoppt den Völkermord in Gaza« erschienen sei. Diese Aussage habe sie »härter« getroffen »als die meisten im Saal«, schließlich habe sie »nach dem 7. Oktober 2023 Fridays for Israel mitgegründet, eine Organisation gegen Antisemitismus und Antizionismus«. Sie schreibt: »Es gibt keinen Völkermord in Gaza, dieser Vorwurf ist eine Verleumdung, die den jüdischen Staat an seiner verwundbarsten Stelle trifft.« Für sie markiere »dieses Wort deshalb die Grenze des Erträglichen«. Aber, hey: Man müsse fünf gerade sein lassen: »Es bleibt eine erlaubte Äußerung, denn die Grenzen der Freiheit ziehen Strafgesetze und Verfassung.«
Nun könnte man freilich eine Menge falsche, beleidigende und verleumderische Aussagen über einzelne Menschen oder Bevölkerungsgruppen zusammentragen, die nicht gegen Strafgesetze und das Grundgesetz verstoßen. Will die CDU ihnen allen in Zukunft eine Bühne bieten, bloß weil keine Strafe droht?
Nachdem sie das leidige Antisemitismus-Thema abgehakt hat, sieht Clara von Nathusius in dem Engagement Hallervordens sogar einen Grund, weshalb die CDU sich auf die Schulter klopfen könne: Sie habe »Mut« bewiesen, als sie »vor Publikum, fünf Wochen vor einer Wahl« ohne »konkrete Kuration des Programms« – also planlos – jemanden auf die Bühne geholt habe, bei dem man vorab nicht wisse, was er sagen werde.
Dass nicht alle Hallervordens bizarre Aussagen toll fanden, ärgert die Kommunikationsberaterin: »Das Verstörendste an dieser Woche ist, wie verstört alle darauf reagieren.« Dass sie ein paar Zeilen weiter oben selbst die »Verleumdung« Israels kritisiert hatte, die sie an dem Abend angeblich so hart getroffen hatte, ist schon wieder vergessen. Der »Mut« der CDU, sagt sie, sehe »im deutschen Politikbetrieb inzwischen aus wie ein Betriebsunfall«. »Wir haben uns eine Vollkasko-Politik herangezogen: bloß kein Risiko, bloß kein offener Ausgang, bloß kein Satz, der nicht durch drei Abstimmungsschleifen lief.«
Die Kritik an Hallervorden sei kleinlich, sagt sie damit im Grunde. Von dem angeblichen »Mut«, den die CDU mit der Einladung eines Israelhassers angeblich bewiesen habe, kommt sie ohne Umschweife zu dem »Mut«, den die CDU in der frühen Bundesrepublik gehabt habe: »Katholiken neben Protestanten, Arbeitnehmerflügel neben Wirtschaftsrat«. Sie schlägt den Bogen von Hallervorden zu Adenauer. »Wir können nicht jahrelang die Gesinnungsprüfer beklagen und dann selbst welche werden«, findet sie.
Später bringt sie auch noch Immanuel Kant ins Spiel und schreibt, Sven Schulze traue »dem Bürger zu, was Kant ihm zutraute, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Er behandelt die Menschen in Sachsen-Anhalt wie Erwachsene, wie Bürger, die keinen Vormund bestellt haben.« Hätte Kant Hallervorden auf die Bühne geholt? Würde sie auch Salafisten und Neonazis einladen? Sicherlich nicht. Unter dem Mantel der Kunst aber darf alles gesagt werden, solange es nur gegen Israel geht. Wer dafür kein Verständnis hat und milde Kritik übt, sieht sich flugs mit der Anklage konfrontiert, ein »Gesinnungsprüfer« zu sein, der andere »bevormunden« wolle.
