Dass New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu zur Persona non grata im Big Apple erklärte, war eine Geste, die judenfeindliche Ressentiments schürt.
»Benjamin Netanjahu ist in New York City nicht willkommen.« Mit dieser öffentlichen Erklärung und der Forderung, den israelischen Premierminister bei seinem geplanten UN-Besuch festzunehmen, setzte der Bürgermeister der Stadt, Zohran Mamdani, unlängst ein aufmerksamkeitsstarkes Signal. Es war eine typische Performance des New Yorker Politikers: dramatisch unterlegt, maßgeschneidert für die sozialen Netzwerke und in der Sache ein schierer PR-Coup.
Wer Mamdani zuhört, sucht vergeblich nach vergleichbaren Worten über die Mullahs im Iran. Gegenüber ihnen und den anderen blutigen Autokraten dieser Welt, die im September vor der UN-Generalversammlung auftreten, schweigt Mamdani geflissentlich. Seine moralische Entrüstung entlädt sich mit obsessiver Präzision an einem einzigen Staat: dem jüdischen – und das mit potenziell fatalen Konsequenzen.
Nur wenige Tage nach Veröffentlichung des Videos wurde in der Nähe einer Synagoge auf der Upper West Side ein jüdischer Mann niedergestochen. Der mutmaßliche Täter soll dabei »Allahu akbar« gerufen haben. Mamdanis Video hatte zu diesem Zeitpunkt bereits rund zweihundert Millionen Aufrufe erreicht.
Einen belastbaren Zusammenhang zwischen den Aussagen des New Yorker Bürgermeisters und dem Messerangriff in den Straßen der Stadt gibt es nicht. Doch genau hier liegt die Tücke stochastischer Gewalt: Sie setzt keinen expliziten Aufruf voraus, sondern verlässt sich auf und fördert ein gesellschaftliches Klima, in dem die Hemmschwelle gegenüber Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe sinkt. Die Rabbinerin Angela Buchdahl von der Central Synagogue warf Mamdani in einem offenen Brief eine »entmenschlichende Sprache« vor. Seine Rhetorik lasse Drohungen und Gewalt gegen Juden gedeihen.
Zwischen Hohlheit und Hoheit
Mamdanis Drohung, Netanjahu das Handwerk zu legen und die Handschellen klicken zu lassen, ist allerdings rechtlich gegenstandslos. Der Bürgermeister besitzt nicht die Exekutivgewalt, den Regierungschef eines ausländischen Staates auf dem Territorium der Vereinten Nationen festzunehmen. Wie haltlos der ausgerufene Kurs ist, betonte nicht zuletzt Mamdanis Vorgänger im Amt, der Afroamerikaner Eric Adams. Eine deutliche Kritik aus der eigenen Partei kam vom demokratischen US-Senator John Fetterman aus Pennsylvania, der Mamdanis Posse unmissverständlich kommentierte: »Du bist ein Bürgermeister, Kumpel. Du kannst ein Schlagloch flicken. Du kannst den Müll wegmachen. Du kannst niemanden festnehmen lassen, genauso wenig wie ich. Das ist ein Witz.«
Fetterman ist ein pragmatischer Demokrat, der sich mit seiner kompromisslosen Unterstützung für Israel deutlich vom Linksaußenflügel seiner Partei distanziert. Dieser Gegensatz zeigt sich auch im Auftreten: Während Fetterman wie ein Boxer in Kapuzenpullis und kurzen Hosen erscheint, gewandet sich Mamdani in maßgeschneiderte Anzüge oder traditionelle südasiatische Kurtas – ein Kontrast, der ihn aus Sicht von Fettermans Anhängern wie einen elitären, weltfremden sozialistischen Sonnenkönig wirken lässt.
Beim verbalen Schlagabtausch bewies Mamdani Nehmerqualitäten: Fettermans Seitenhiebe steckt er ebenso weg wie die jüngsten Konterschläge Netanjahus, die er wohl bewusst in seine Inszenierung eingeplant hatte. Seine Selbstinszenierung als globale Gerechtigkeitsinstanz verfehlte ihre politische Wirkung denn auch nicht: Fast eine Viertelmilliarde Klicks belegen die enorme Reichweite seines ursprünglichen Videos. Sein Vorstoß bediente gezielt Muster, die bis in klassische antisemitische Narrative reichen, und spricht weit mehr als nur die heimische Wählerschaft an.
Selektive Blindheit
Trotz – oder gerade wegen – dieser kalkulierten Zuspitzung trifft Mamdanis Kurs in Europa auf offene Ohren. In linken Medien wird er spätestens seit seinem Wahlsieg im November 2025 als Hoffnungsträger und mögliche Blaupause gehandelt. »Warum nicht das Modell Mamdani?«, fragte die taz geradezu euphorisch. Man traute ihm einen echten Wandel zu und meinte, ausgerechnet ein sozialistischer Demagoge könne dem Populismus etwas entgegensetzen. Das Neue Deutschland nannte ihn mit vorsichtigem Optimismus den »neuen Stern am Himmel«.
Groß war auch der Jubel bei der Linkspartei über Mamdanis Sieg. In einem Instagram-Video gratulierten die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp, Landeschefin Kerstin Wolter und Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner prompt auf Englisch. »Du zeigst, dass eine sozialistische Vision gewinnen kann«, rief Eralp begeistert in die Kamera. Auch progressive Teile der Grünen wollen »mehr Mamdani wagen«.
Die Sehnsucht nach einem linken Heilsbringer führt zu einer gefährlichen Realitätsverweigerung. Denn die Bilanz vor Ort straft dieses Wunschdenken Lügen: Wo genau bekämpft Mamdani den Hass, wenn er Sicherheitsmaßnahmen für Synagogen gezielt abbaut? Rund zwanzig Prozent der über vierhundert Mitglieder des Übergangsteams waren mit israelfeindlichen Gruppen vernetzt oder fielen durch entsprechende Rhetorik auf. Gleichzeitig weigerte sich der frischgebackene Bürgermeister monatelang, einen jüdischen Verbindungsmann fürs Rathaus zu benennen.
Auch andere ethnische und religiöse Gemeinschaften haben ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht. Entgegen geläufigen Kolportagen hat die Mehrheit der wählenden Schwarzen in New York gegen Mamdani gestimmt. Sie schienen zu wissen, warum. Während das Rathaus traditionell bis zu neun stellvertretende Bürgermeister stellt, um die Vielfalt der Metropole abzubilden, schloss der in Uganda geborene Mamdani bei seiner Ernennungswelle Afroamerikaner komplett von der gesamten Führungsebene aus. Eine offizielle Stadtkarte der Einwanderer-Enklaven zur FIFA-WM fügte sich nahtlos in diese Stoßrichtung ein: In ihr wurden etliche historische Viertel wie Little Italy nicht berücksichtigt. Liberale Muslime werfen Mamdani vor, den Antisemitismus zu verharmlosen und das interreligiöse Gefüge der Metropole zu beschädigen.
Währenddessen herrscht in den bevorzugten Medien der europäischen Mamdani-Sympathisanten ähnliche Selektivität. Mamdani glänzt in ihren Augen als Symbolfigur der sozialen Gerechtigkeit. Seine Ausgrenzungspolitik verschweigt man, wie auch die Tatsache, dass er über seine Wahlversprechen von kostenlosem Nahverkehr und bezahlbarem Wohnraum nicht mehr spricht.
Warnsignal
Unmittelbar nach Mamdanis rechtlich haltlosem Vorstoß gegen Netanjahu resümierte die taz allen Ernstes, die US-Linke müsse nun »für das Völkerrecht streiten«. Ein bemerkenswerter Kurzschluss, bei dem Symbolpolitik für Substanz verkauft wird.
Europa braucht keine neuen Erlöserfiguren, sondern einen nüchternen Blick auf deren Auftreten und Programm. Wer Zohran Mamdani zum Vorbild erhebt, übernimmt nicht nur seine weltfremden Wahlversprechen, sondern auch seine Weltanschauung, die Israel systematisch zum moralischen Ausnahmefall erklärt und antisemitische Ressentiments salonfähig macht. Der Kult um Mandani ist ein Warnsignal dafür, wie schnell ideologische Sehnsucht den Realitätssinn verdrängen kann – und wie bereitwillig Teile Europas jene Entwicklungen romantisieren, deren Folgen die New Yorker bereits erleben.
