Das Tel Aviver Viertel Florentin wird zur Leinwand einer Nation, die zwar vom Krieg traumatisiert ist, aber dennoch widerstandsfähig bleibt und voller Farbe und Leben steckt.
Linda Gradstein
Bei einem Spaziergang durch das trendige Viertel Florentin in Tel Aviv ist fast jede Wand mit Graffiti bedeckt, von denen sich viele auf den 7. Oktober beziehen.
Als Beispiel wäre das große Superman-Graffito zu nennen, das eine Kreuzung dominiert und auf dem sich die ermutigende Aufschrift findet: »Keine Panik – die IDF wird euch beschützen.« Das Wandbild stammt von zwei Straßenkünstlern aus Aschkelon namens Roman und Andrei und vergleicht die Stärke der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte mit der von Superman. Es entstand Wochen, nachdem Romans Haus in Aschkelon im Zuge des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023 von Granatsplittern getroffen worden war.

»Um als Graffito zu gelten, muss ein Gemälde im öffentlichen Raum und ohne Zustimmung der Behörden entstanden sein«, erklärte Avi Ettinger, der eine kleine Gruppe von Journalisten durch Florentin führte. »Andernfalls spricht man von Street Art.«
Wer auf frischer Tat ertappt wird, muss mit einer Geldstrafe rechnen und kann sogar eine Nacht im Gefängnis verbringen. Doch obwohl es illegal ist, hat die Stadt zugelassen, dass die meisten Wandbilder erhalten bleiben, insbesondere solche, die sich auf den 7. Oktober beziehen. Etwa das Graffito, das Rachel Edri, die Heldin von Ofakim, darstellt, die mehr als siebzehn Stunden überlebte, nachdem fünf bewaffnete Hamas-Terroristen in ihr Haus eingedrungen waren.
Gemäß dem Motto, dass »ein hungriger Mann gefährlich ist«, servierte Edri ihren Angreifern Kaffee, Tee, Erfrischungsgetränke und sogar selbstgebackene marokkanische Kekse, deren Rezept sich danach schnell im Internet verbreitete. Sie verwickelte die Angreifer in Gespräche und verband einen der verwundeten Bewaffneten.
Immer wieder bat sie die Angreifer um Erlaubnis, auf die Toilette gehen zu dürfen, und erklärte, dass sie dies als ältere Frau häufig tun müsse. Doch jedes Mal kam sie auf dem Weg zu ihrer Toilette an einem offenen Fenster vorbei und tauschte Signale mit den draußen postierten Sicherheitskräften aus. Schließlich stürmte eine Spezialeinheit das Haus und rettete Rachel und ihren Ehemann David.
Symbol für Resilienz
In einer Zeit, in der sich viele Israelis nach dem 7. Oktober machtlos fühlten, wurde Rachel zum Symbol für die israelische Widerstandsfähigkeit und Resilienz. Auf dem Graffito in Florentin ist sie als »Rosie the Riveter« dargestellt. Die Figur stand für die Millionen amerikanischer Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in Fabriken, Werften und Büros arbeiteten, während die Männer im Krieg kämpften. Edri kam persönlich nach Florentin, um sich das Wandbild in der Tzrifin-Straße anzusehen.

Ettinger sagte, Graffiti-Sprayen sei ein teures Hobby. Für ein großes Werk würden zwanzig bis dreißig Farbdosen benötigt, was Kosten von über 800 Schekel (230 Euro) bedeutet. Er erklärte, es gebe eine informelle Gemeinschaft von Graffitikünstlern in Tel Aviv, von denen einige tagsüber als Anwälte oder Zahnärzte arbeiten. Wenn ein Graffitikünstler stirbt, gebe es eine informelle Vereinbarung, das Werk nicht zu übermalen. Zwischen den Künstlern besteht eine überwiegend freundschaftliche, gelegentlich jedoch auch rivalitätsgeprägte Konkurrenz. Viele von ihnen arbeiten nachts, um das Risiko, erwischt zu werden, zu minimieren.
Die Florentiner Graffiti sind zudem ein Spiegelbild der israelischen Gesellschaft, wie etwa das Bild eines IDF-Soldaten und eines jungen Mädchens in einem rosa Sweatshirt. In diesem Fall stammt das Kunstwerk von Rotem Zamir und Yuval Peler, die als offizielle Militär-Graffitikünstler in der israelischen Armee dienten. Insgesamt erzählen die Wandbilder die Geschichte einer Stadt und eines Landes, das durch den 7. Oktober traumatisiert wurde, aber dennoch widerstandsfähig und voller Farbe und Leben bleibt.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)
