7. Oktober 2023: Hamas-Chef Sinwar nahm Atomschlag gegen Gaza in Kauf

Pappfigur des ehemaligen Hamas-Führers Yahya Sinwar bei einer Veranstaltung in Teheran

Was die bewusste Inkaufnahme eines nuklearen Gegenschlags durch den Hamas-Chef Yahya Sinwar über die Denkweise islamistischer Organisationen und Regime zeigt.

Ein handschriftlich verfasstes Dokument von Yahya Sinwar, dem von Israel getöteten Hamas-Chef, legt dessen Gesamtplan für das Massaker vom 7. Oktober dar. Das von Truppen der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) im Gazastreifen sichergestellte Dokument enthält auch Überlegungen zu den möglichen israelischen Reaktionen auf den Terrorangriff – bis hin zur Annahme, dass Jerusalem eine Atombombe auf Gaza abwerfen könnte.

Der vom Meir-Amit-Zentrum für Geheimdienst- und Terrorismusinformationen veröffentlichte Brief wurde am 24. August 2022 verfasst und enthält detaillierte Anweisungen für den Start der Offensive. Sinwar plante, etwa 10.000 Terroristen nach Israel zu schicken, und hoffte, dass diese rasch 25 strategische Kreuzungen und mehr als 220 Ortschaften einnehmen würden. Sein Plan sah vor, die Grenzmauer zum Gazastreifen an 25 Stellen in der Nähe der anvisierten Kreuzungen gleichzeitig zu durchbrechen. Jede Terrorzelle sollte aus 100 Kämpfern bestehen, deren erklärtes Ziel es war, »die Siedler in ihren eigenen Autos zu vertreiben«.

Diese Zahlen liegen deutlich über der Zahl der Palästinenser, die am 7. Oktober tatsächlich aus dem Gazastreifen nach Südisrael eingedrungen sind. Die IDF schätzen letztere auf etwa 5.600, darunter rund 3.500 Hamas-Kämpfer, circa 580 Kämpfer der Gruppierung Palästinensischer Islamischer Dschihad sowie ungefähr 1.400 weitere Bewohner des Gazastreifens.

Sinwar war sich der Kosten des Angriffs durchaus bewusst und nahm sogar Extremszenarien in Kauf, die er als Reaktion auf das Massaker für möglich hielt. »Der Feind wird nicht zögern, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Waffen einzusetzen, nicht nur durch Angriffe, sondern auch durch zusätzliche Maßnahmen, möglicherweise sogar durch eine Atombombe. Zunächst wird es jedoch von dem Angriff überrascht werden und ins Chaos stürzen«, schrieb er. »Bei dieser Kampagne geht es um Leben und Tod.«

Erlösung durch Vernichtung

Was der nun veröffentlichte Plan und – und vor allem die darin befindliche Inkaufnahme eines Atomschlags – über Yahya Sinwars Denkweise und sein Weltbild verraten, legt Herb Keinonen in einer lesenswerten Analyse für die Jerusalem Post dar: »Lassen wir für einen Moment die Absurdität der Behauptung [Israel könnte mit einem Atomschlag antworten] beiseite, die darin besteht, dass der radioaktive Niederschlag einer auf Gaza abgeworfenen Atombombe auch Israel kontaminieren würde. … War ihm nicht klar, dass ein Angriff im Stil des Massakers vom 7. Oktober eine verheerende israelische Reaktion nach sich ziehen würde? Natürlich war ihm das klar.«

Das Dokument zeigt, dass Sinwar sogar die Möglichkeit eines israelischen Nuklearschlags in Betracht gezogen hat. »Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Möglichkeit hat er den Angriff dennoch durchgeführt. Die potenzielle Zerstörung Gazas war für Sinwar kein Abschreckungsmittel. Es war ein akzeptabler Preis. Warum? Weil er glaubte, dass dies einen regionalen Flächenbrand entfachen würde, der Israel letztendlich verschlingen würde … Selbst massive Verwüstungen in Gaza, so seine Überlegung, wären es wert, einen regionalen Krieg auszulösen, der Israel begraben würde. Seine Erlösung würde durch die Zerstörung Israels kommen.«

Aus der Perspektive des Sinwar-Briefs betrachtet, erweise sich die von der israelischen Regierung gehegte Vorstellung, man könne die Hamas mit Koffern voller Bargeld aus Katar oder mit Tausenden Arbeitserlaubnissen für Arbeiter aus dem Gazastreifen besänftigen, als eine grundlegende Fehleinschätzung des Feindes. »Diese Politik ging davon aus, man könne die Führer der Hamas davon überzeugen, wirtschaftliches Wohlergehen der Zerstörung Israels vorzuziehen. Doch das Dokument legt nahe, dass Sinwar von etwas ganz anderem motiviert war. Er war bereit, nicht nur den Wohlstand Gazas, sondern dessen Existenz selbst zu riskieren, wenn dies der Preis für die Zerstörung Israels wäre.«

Einer der größten Fehler Israels bei der Einschätzung von Sinwar und der Hamas habe darin bestanden, sie unter dem Blickwinkel der Selbsterhaltung zu betrachten. »Wir gingen davon aus, dass sie so denken würden wie wir. Wer würde wissentlich ein solches Ausmaß an Zerstörung über sich selbst bringen? Wir würden das niemals tun. Also gingen wir davon aus, dass sie es auch nicht tun würden. Doch nun zeigen uns Sinwars eigene Worte, dass selbst die Aussicht auf eine nukleare Verwüstung ihn nicht abgeschreckt hat.«

Wenn der Hamas-Führer im Rahmen seiner apokalyptischen und messianistischen Ideologie bereit war, den Gazastreifen zu opfern, um Israel zu vernichten, dann, so Keinon abschließend, müsse man davon ausgehen, dass dasselbe auch für andere fanatische Akteure in der Region gilt. Dies sei eine Lehre, die sich vor allem die Verharmloser der Islamischen Republik Iran zu Herzen nehmen sollten, die so gerne argumentieren, das Regime würde die Atombombe nicht einsetzen, weil es wüsste, dass dies sein Ende wäre. »Das Sinwar-Dokument legt etwas anderes nahe. Es zeigt, dass zumindest einige der religiösen Fanatiker, mit denen Israel konfrontiert ist, ihre eigene Vernichtung als akzeptablen Preis betrachten, wenn dies ihrer Meinung nach einer von Gott bestimmten Mission dient.«

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