»Nur die Sterne waren nah.« Teil 24: Katharinas Verhör

Der Schweizer Diplomat Carl Lutz, der in Budapest Schutzpässe für Juden ausstellte

In dieser Reihe stellen wir die jüdische Dichterin und Widerstandskämpferin Chana Szénes vor. Sie emigrierte 1939 als 18-Jährige von Ungarn nach Palästina, wo sie sich 1943 einer Freiwilligeneinheit des britischen Geheimdienstes anschloss, deren Ziel es war, als Fallschirmspringer über feindlichem Gebiet abzuspringen, um abgeschossene britische Piloten und Juden zu retten.

Am 17. Juni 1944 wird Chanas Mutter Katharina am Morgen von einem Polizeibeamten von ihrer Wohnung abgeholt und zu einem Verhör gebracht. Im Militärhauptquartier sieht sie ihre Tochter wieder, die Spuren der Folter trägt.

Seit Rosch Hashana im September 1939 war Katharina Szénes von ihrer Tochter getrennt. Ihren Sohn Gyuri hatte sie im April 1939 zum letzten Mal gesehen, als sie ihn gemeinsam mit Chana in Lyon besucht hatte. Sorgen machte sie sich 1943 um Chana nicht, wie sie später schrieb, obwohl sie nach dem Sommer 1941 keine Briefe mehr von ihr erhalten hatte, sondern nur noch 25-Worte-Mitteilungen über das Rote Kreuz. Sie fühlte sich wohl und dankbar bei dem Gedanken, dass Chana im relativ sicheren Palästina war – wie sie dachte –, vor allem angesichts der immer prekärer werdenden Lage der Juden in Ungarn.

Ihre Befürchtungen richteten sich ganz auf Gyuri, der im Winter 1942 spurlos aus Frankreich verschwunden war. Katharinas Briefe waren ungeöffnet zurückgekommen. Im Januar 1944 erhielt sie ein Telegramm von Chana, dass Gyuri in Palästina angekommen sei. »Ich war glücklich und dankbar, dass meine Kinder endlich sicher und beisammen waren, und ich bereitete mich aufgeregt vor, mich zu ihnen zu gesellen.«

Im Dezember 1943 hatte sie, wie sie schreibt, über nicht näher erläuterte »geheime Kanäle« einen Brief von ihrer Tochter bekommen. Chana hatte ihrer Mutter geschrieben, sich darauf vorzubereiten, von einem Moment auf den anderen abzureisen. Auch der »Präsident der Zionistischen Organisation« habe solche Andeutungen gemacht, schreibt Katharina.

Gemeint ist offensichtlich Miklós (Mosche) Krausz, der das Palästina-Büro in Budapest betrieb. Es hatte seinen Sitz im »Glashaus« in der Vadász-Straße 29, dem ehemaligen Firmensitz einer Glasgroßhandlung, das einem jüdischen Fabrikanten namens Arthur Weiss gehörte. Weiss’ Bereitschaft, das Gebäude zur Verfügung zu stellen, rettete Tausenden das Leben. Krausz war der offizielle Vertreter der Jewish Agency. Über ihn konnten Einwanderungszertifikate nach Palästina beantragt werden.

Als Juden nach Kriegsbeginn 1939 aus Nachbarländern wie Polen und der Slowakei nach Ungarn flüchteten, stellte er vielen von ihnen Dokumente als Aspiranten auf Einwanderungszertifikate nach Palästina aus, was ihnen einen gewissen Schutz vor der Deportation in ihre Heimatländer bot. Katharina Szénes wird Krausz kennengelernt haben, als Chana im Frühjahr 1939 ihr Zertifikat beantragte und zu diesem Zweck sein Büro aufsuchen musste.

Die »Schutzpass«-Operation

Krausz arbeitete eng mit Carl Lutz zusammen, dem Vizekonsul der Schweizer Gesandtschaft in Budapest. Da Großbritannien und Ungarn keine diplomatischen Beziehungen mehr unterhielten, wurde Großbritannien in Budapest durch die Schweiz diplomatisch vertreten. Die Inhaber von Einwanderungszertifikaten nach Palästina wurden wie britische Staatsbürger behandelt. Lutz stellte Schweizer »Schutzpässe« aus, die vorgaben, deren Inhaber stünden unter dem Schutz der Schweiz. Eigentlich war ihm erlaubt, 8.000 solche Pässe auszustellen, aber er interpretierte die Zahl als die der Familien und stellte Zehntausende solcher Dokumente aus.

Er tat das gleiche, das Raoul Wallenberg, mit dem er die Rettungsaktivitäten koordinierte, im Namen Schwedens tat. (Wallenberg, der 1944 in Budapest ankam, wurde von der Krausz-Lutz-Operation inspiriert.) Lutz und Wallenberg, beide später von Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt, organisierten auch sogenannte Schutzhäuser in Budapest, die als »extraterritorial« galten. Lutz richtete 76 solcher Schutzhäuser ein, in denen 15.000 bis 20.000 Juden Zuflucht fanden.

»Es ist nicht genau bekannt, wie viele Personen mit einem Schutzpass in die sicheren Unterkünfte gelangten. Es gab auch viele Fälschungen von Schutzpässen«, erklärt Ayala Nedivi, Autorin des 2014 erschienenen Buchs Zwischen Krausz und Kasztner: Der Kampf um die Rettung der ungarischen Juden. »Die Spanne liegt zwischen 40.000 und 100.000. Es könnten 50.000 bis 80.000 gewesen sein.«

Das »Glashaus« war das berühmteste Schutzhaus, in dem bis zu 3.000 Menschen gleichzeitig lebten. Das begehrte Zertifikat für die Ausreise nach Palästina zu erlangen, war also in jeder Hinsicht höchst wichtig für Katharina Szénes. Doch der Termin für die avisierte Aliyah Anfang 1944 nahte, kam und verstrich, ohne dass das Zertifikat ankam.

Unter der Besatzung

Katharina Szénes beschreibt das Leben nach der deutschen Invasion am 19. März:

»Die Pflicht, den gelben Stern zu tragen, lähmte uns. Manche wollten ihn unter keinen Umständen auf der Straße tragen. Verhaftungen, Hausarreste, Zwangsräumungen, Deportationen und Selbstmorde prägten jeden Tag der deutschen Herrschaft. Ich konnte meine Verwandten in der Provinz nicht mehr besuchen, und im Mai hörte ich, dass sie alle im Ghetto waren. Dann verbreiteten sich Gerüchte, dass Juden aus den Ghettos in Güterwaggons an unbekannte Orte deportiert würden. Und einige Tage später wurden Juden in Budapest angewiesen, in mit dem gelben Stern gekennzeichnete Häuser zu ziehen. Auch ich packte ein paar wichtige Dinge, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, war mir aber nicht sicher, was ich tun und wie ich vorgehen sollte.«

Einen Teil des Hauses, in dem sie lebte, hatte Katharina an Margit Dajka vermietet, eine berühmte Schauspielerin im Theater und im Film. Katharina betont, dass Margit »in jenen tragischen Tagen unendliche Sympathie für diejenigen an den Tag legte, die verfolgt wurden« und mit großer Güte half. Als die Gestapo einen Teil des Hauses beschlagnahmen wollte, in dem Katharina lebte, habe sie dies durch ihre Intervention vereitelt. Margit schlug Katharina vor, das Haus auf ihren Namen einzutragen. Sie könne sich auch um ihren sonstigen Besitz kümmern. Wenn alles vorüber wäre, bekäme sie alles zurück. Margit schärfte Katharina außerdem ein, in ihrer Abwesenheit unter keinen Umständen jemanden in ihr Haus zu lassen. Katharina versprach es.

Das Verhör

Am 17. Juni klingelte es gegen acht Uhr Morgen an der Tür. Katharina öffnete. Ein Fremder fragte nach »Frau Béla Szegö«. Die wohne nicht an dieser Adresse, antwortete sie. »Selbstverständlich tut sie das«, beharrte der Fremde. Dann sah er auf einen Zettel und sagte: »Oh, warten Sie einen Moment. Nicht Szegö … Szénes. Frau Szénes ist der Name der Frau, nach der ich suche. Ich bin ein Beamter der Staatspolizei. Bitte öffnen Sie die Tür.« Sie ließ ihn in die Eingangshalle. »Sie werden ins Hauptbüro des Militärhauptquartiers als Zeugin vorgeladen«, sagte er. »Bitte kommen Sie mit.« – »Zeugin für wen? In welcher Angelegenheit?« – »Ich weiß es nicht«, sagte er und zuckte mit den Schultern.

»Es war mir unbegreiflich. Ich kannte niemanden in der Armee, und Juden waren schon lange zur Zwangsarbeit eingezogen worden. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass die Vorladung etwas mit Gyuri zu tun haben könnte, der im wehrfähigen Alter war. Allerdings hatte er das Land vor sechs Jahren mit Genehmigung der zuständigen Behörden verlassen. Ich fragte mich, ob seine Flucht mit gefälschten Dokumenten von Frankreich über Spanien nach Palästina etwas mit der Vorladung zu tun haben könnte.«

Katharina bat den Beamten zu warten, während sie sich anzöge, und weckte Margit. Margit zog sich eilig an, begrüßte den Beamten und versuchte herauszufinden, worum es ging, erhielt aber ebenfalls keine Auskunft. Er sagte aber zu, dass Katharina sehr bald wieder zu Hause sein würde. Bevor sie das Haus verließ, hatte Katharina die Geistesgegenwart, Margit die gefälschten Papiere zu geben, die sie sich für die geplante Flucht nach Palästina besorgt hatte.

Die Straßenbahnfahrt zum Militärhauptquartier am Horthy-Miklos-Boulevard dauerte eine halbe Stunde. »Was empfand ich? Vielleicht Neugier und Angst, denn ich konnte mir nicht vorstellen, warum sie mich suchten. Doch damals waren grundlose Verhaftungen an der Tagesordnung und kaum jemand unter uns hatte nicht Angst, aufgegriffen und zur Polizei oder zum Militärhauptquartier gebracht zu werden. Wir begannen, das Verschwinden von Verwandten, Freunden und Bekannten zu akzeptieren; unsere Reihen lichteten sich. Das Einzige, das wirklich zählte, war die Sicherheit meiner beiden Kinder – und die war gewährleistet. Was auch immer mit mir geschah, war unwichtig.«

Der Beamte erkundigte sich nach Margit. Er interessierte sich für ihre Karriere, in welchen Stücken und Filmen sie mitgespielt hatte, und das Theater im Allgemeinen. Katharina beschreibt ihn als »sehr höflich«. Sie bat um die Möglichkeit, telefonieren zu dürfen. Sie wollte Margit anrufen und sie daran erinnern, das Haus auf ihren Namen eintragen zu lassen. Sie ging in ein Tabakgeschäft, um das öffentliche Telefon zu benutzen. Als sie anfing zu wählen, schrie der Besitzer sie an: »Was ist in Sie gefahren? Wissen Sie nicht, dass es jedem, der den gelben Stern trägt, verboten ist, zu telefonieren?« Weder Katharina noch der Beamte hatten das gewusst. Sie könne das Telefon im Büro benutzen, sagte der Beamte.

Im Militärhauptquartier wurden sie im zweiten Stock von zwei Polizisten erwartet, die gerade einen Brunch mit Speck und grünen Paprika zu sich nahmen. Der Beamte bat die Polizisten, den Raum zu verlassen. Nun konnte Katharina Margit anrufen. Danach erkundigte er sich, ob Katharina Kinder habe. Als sie die Frage bejahte, fragte er, wo sie seien. Eine Landkarte hing an der Wand, Katharina zeigte lächelnd auf das Mandatsgebiet Palästina. Ein groß gewachsener Zivilist betrat den Raum. Er stellte sich als Herr Rozsa vor, forderte Katharina auf, sich zu setzen und nahm hinter einer einer Schreibmaschine Platz. Das Verhör begann.

»Nachdem er die üblichen Daten zu Familie und Herkunft notiert hatte, fragte er mich zunächst nach Gyuri, dem Ältesten, wandte sich dann aber schnell Chana zu. Zu meiner großen Überraschung stellte er mir endlos Fragen über sie, hörte auf, zu tippen und fragte, welche konkreten Gründe sie für ihren Auszug von zu Hause gehabt habe.«

Er könne verstehen, »dass ein Junge von zu Hause weggeht: um die Welt zu sehen, sein Studium abzuschließen, sich auf seine Karriere vorzubereiten. Aber ein Mädchen … warum sollte ein junges Mädchen ihr Zuhause, ihre Mutter, ihre Freunde verlassen wollen?« – »Aus den gleichen Gründen, die Sie erwähnt haben. Die jüdische Jugend hat keine Zukunft in Ungarn, keine Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen. Und so sehr es mich auch schmerzte, mich von ihr zu trennen, insbesondere, da ich mich zuvor von meinem Sohn hatte trennen müssen, bin ich glücklich, dass sie nicht hier ist, um das schreckliche Leid der Juden zu sehen und zu erfahren.«

Ein »verächtliches Lächeln« habe sich auf seinem »unangenehmen Gesicht« breit gemacht, erinnerte sich Katharina. Er wollte wissen, was Chana jetzt tue, wie oft sie Briefe sende, was sie getan habe, bevor sie Budapest verließ, wer ihre Freunde und Lehrer gewesen seien. »Wofür interessierte sie sich, welchen Beruf hat sie angestrebt, welche Ambitionen hatte sie?« Katharina antwortete, dass Chana Lehrerin werden wollte und mit diesem Ziel studiert habe. Dann sagte sie:

»Vielleicht interpretieren Sie das als den normalen Stolz einer Mutter auf ihr Kind, aber ich kann Ihnen versichern, dass meine Tochter ein außergewöhnlich begabtes Mädchen und in jeder Hinsicht eine bemerkenswerte junge Frau ist. Sie müssen meinem Wort nicht glauben. Sie können ihre Lehrer befragen, die meine Aussagen, da bin ich mir sicher, bestätigen werden.«

Rozsa war nun zufrieden mit dem Verhör und bat seinen Kollegen, eine Zusammenfassung auf der Schreibmaschine zu verfassen. Katharina musste unter Eid mit ihrer Unterschrift bezeugen, dass ihre Aussage der Wahrheit entsprach. Dann sagte Rozsa: »Nun, wo, denken Sie wirklich, ist Ihre Tochter jetzt, in diesem Moment?« Katharina antwortete, dass sie nach ihrem besten Wissen in einer landwirtschaftlichen Siedlung in der Umgebung von Haifa sei. Rozsa wandte sich ihr zu: »Nun, wenn Sie es wirklich nicht wissen, sage ich es Ihnen. Sie ist hier, im Raum nebenan. Ich werde sie sofort hereinbringen lassen, sodass Sie beide reden und Sie sie überzeugen können, uns alles zu sagen, was sie weiß. Denn wenn sie es nicht tut, wird dies Ihr letztes Treffen sein.«

Katharina erinnerte sich, sich gefühlt zu haben, »als würde der Boden unter ihr nachgeben«:

»Ich umklammerte verzweifelt mit beiden Händen die Tischkante. Meine Augen schlossen sich und innerhalb von Sekunden fühlte ich, wie alles – Hoffnung, Glaube, Vertrauen, der Sinn des Lebens, alles, woran ich je geglaubt hatte – wie ein Kartenhaus zusammenbrach. Ich war körperlich und seelisch völlig am Boden zerstört. Die Tür öffnete sich. Ich drehte mich um, mit dem Rücken zum Tisch, mein Körper war steif.

Vier Männer führten sie herein. Hätte ich nicht gewusst, dass sie kam, hätte ich die Chana von vor fünf Jahren vielleicht in diesem ersten Moment nicht wiedererkannt. Ihr einst weiches, welliges Haar hing in einem schmutzigen Wirrwarr, ihr verwüstetes Gesicht spiegelte unsägliches Leid wider, ihre großen, ausdrucksstarken Augen waren zugeschwollen und dunkel verfärbt, und auf Wangen und Hals waren hässliche Striemen. Das war mein erster Blick auf sie. Sie riss sich von den Männern los, eilte auf mich zu, schlang ihre Arme um meinen Hals und schluchzte: Mutter, vergib mir! Ich spürte ihr Herz klopfen und ihre brennenden Tränen.«

In der Serie »Nur die Sterne waren nah« bisher erschienen:

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.