Ahmad Mansour sieht im Mena-Talk den Gaza-Plan von US-Präsident Donald Trump als eine reale Chance für Frieden. Zugleich warnt der Extremismusforscher vor einer Eskalation im digitalen Raum, wo Extremisten und Antisemiten den Diskurs dominieren und Europa drauf bislang kaum Antworten gefunden hat.
Ahmad Mansour ist Psychologe, Autor und einer der profiliertesten Kritiker des politischen Islams im deutschsprachigen Raum. Er lebt in Deutschland, berät Behörden in Fragen der Radikalisierung und steht wegen Drohungen gegen seine Person unter Polizeischutz.
Im Mena-Talk erklärt Mansour, warum er im Gaza-Plan des amerikanischen Präsidenten eine »historische Chance« sieht. Der Vorschlag könne die Freilassung israelischer Geiseln ermöglichen, den Wiederaufbau des Gazastreifens anstoßen und Israel mehr Sicherheit verschaffen. Auch die Perspektive eines palästinensischen Staates sei erkennbar – jedoch nur, wenn umfassende Bedingungen erfüllt werden. Dazu zählen etwa die Stärkung der Palästinensischen Autonomiebehörde, Veränderungen im Bildungswesen und die Förderung moderater Kräfte.
Mansour zweifelt dennoch an einer Zustimmung seitens der Hamas. Ihr Kalkül sei das Leid der eigenen Bevölkerung, das sich propagandistisch gegen Israel einsetzen lasse: »Das Sterben ist genau das, was die Hamas will.« Kurzfristig habe Trumps Vorstoß den Druck auf die Islamisten verschoben, doch bei einer Ablehnung werde die internationale Kritik rasch wieder Israel treffen. Für Mansour ein zentrales Paradox: »Würde wirklich ein Genozid im Gazastreifen passieren, müsste man doch jede Möglichkeit nutzen, um ihn zu stoppen. Warum sagt also sagt die Hamas Nein?«
Perspektivenänderung
Trumps Initiative verändert seiner Analyse nach aber die Perspektive: Sie zwingt zur Auseinandersetzung mit der Verantwortung der Hamas. Gleichzeitig verdeutliche sie die mediale Logik moderner Politik. Trump selbst sei ein »Produkt der sozialen Medien«, sein Politikstil entspreche deren Mechanismen von Zuspitzung und Emotionalität. Dass gerade er nun einen Friedensplan präsentiere, den viele reflexartig ablehnten, mache die Verwirrung der politischen Öffentlichkeit sichtbar.
Besonders kritisch sieht Mansour den parallelen »Narrativkrieg«. In sozialen Netzwerken dominierten einseitige Darstellungen, antisemitische Deutungen fänden breite Resonanz, vor allem bei jungen Menschen. Europa habe dem bislang wenig entgegenzusetzen. »Es gibt weder wirksame Gegennarrative noch eine digitale Strategie.« Statt symbolischer Politik brauche es digitale Aufklärung, eine klare Sprache und die Vermittlung von Medienkompetenz in Schulen.
Auch die Politik sieht er in der Pflicht: Plattformen wie TikTok oder X verdienten an der Polarisierung, Regulierung bleibe wirkungslos. Europa sei abhängig von US-Anbietern und habe keine eigenen Alternativen entwickelt. Notwendig sei eine demokratische Kommunikation, die Fakten mit Emotionalität verbindet und dort präsent ist, wo Jugendliche täglich viele Stunden verbringen – online.
Ahmad Mansour zieht daraus ein nüchternes Fazit: Ein Friede werde nicht an fehlenden Plänen scheitern, sondern an Akteuren, die ihn ablehnen – und an Gesellschaften, die dem digitalen Vormarsch extremistischer Deutungen zu spät entgegentreten.
