Reporter ohne Grenzen hat zwei Gazaner aus seiner offiziellen Liste getöteter Journalisten entfernt, nachdem ihre Verbindungen zu Terrororganisationen bekannt geworden waren. Warum schweigt die Organisation zu den Korrekturen – und welche Nachteile entstehen dadurch für Israel in Den Haag?
Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Eine Organisation, die sich dem Schutz von Journalisten verschrieben hat, entfernt zwei Namen aus ihrer offiziellen Statistik getöteter Medienschaffender, nachdem Hinweise auf deren Verbindungen zu Terrororganisationen bekannt geworden sind. Eine öffentliche Erklärung dazu bleibt allerdings aus. Öffentlich gemacht wurden die Korrekturen von HonestReporting. Die Jerusalem Post überprüfte die Angaben anschließend. Im Zentrum steht das »Barometer« von Reporter ohne Grenzen (RSF), eine international viel zitierte Quelle für die Zahl getöteter Journalisten im Gaza-Krieg.
Das 2012 eingeführte »Barometer« von Reporter ohne Grenzen wird in internationalen Redaktionen oft unkritisch als unanfechtbare Referenz gehandhabt. Ein Blick auf diese Statistik hinterlässt stets eine tiefsitzende Beklemmung: Das fortlaufende Register der Namen mundtot gemachter, entführter oder getöteter Kolleginnen und Kollegen führt die alltägliche Lebensgefahr in Krisengebieten schmerzhaft vor Augen. Umso ernüchternder wirkt es, wenn ausgerechnet diese Statistik durch die fahrlässige Aufnahme bewaffneter Terrorkader politisch instrumentalisiert und entwertet wird.
Militärische Kader statt medialer Kollegen
Auf der RSF-Website betont die Organisation die Strenge ihrer Kriterien:
»Das Barometer von Reporter ohne Grenzen dokumentiert, wie viele Journalist*innen und Medienmitarbeitende jedes Jahr getötet, inhaftiert, entführt oder als vermisst gemeldet werden. Es werden ausschließlich Fälle erfasst, bei denen eindeutig ein Zusammenhang mit ihrer journalistischen Tätigkeit festgestellt wurde. Neben professionellen Journalist*innen zählen dazu auch Medienmitarbeitende wie Tontechniker*innen, Kameraleute, Fahrer*innen oder Übersetzer*innen.«
Wer das Wort »ausschließlich« und die Anforderung eines »eindeutigen Zusammenhangs« zur eigenen Richtlinie erklärt, gerät durch das klammheimliche Löschen aktiv bewaffneter Terrorkader in einen – letztlich unauflösbaren – Erklärungsnotstand.
Am 20. Juli führte das RSF-Barometer noch 68 getötete Gazaner als Medienschaffende auf, am 4. August waren es 67. Verschwunden war Mohammad Jarghoun. Vor der Streichung seines Namens war Jarghoun als Reporter geführt worden, der im Einsatz ums Leben kam: »Dieser 23-jährige Reporter der Produktionsfirma Smart Media wurde am 7. Oktober [2023] durch israelisches Feuer getötet, als er über die Kämpfe nahe dem Grenzübergang Rafah im Süden des Gazastreifens berichtete«, hieß es seitens Reporter ohne Grenzen.
Anfang Juli bezeichneten die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, Jarghoun als Angehörigen ihres Bataillons »Märtyrer Muhammad Abu Harb« in Rafah. RSF entfernte seinen Namen daraufhin aus seinem »Barometer«, ohne die Korrektur öffentlich zu erläutern.
Ein zweiter Fall betrifft Mohamed Nasr Abu Huwaidi. Bereits am 10. Juni entfernte RSF seinen Namen ebenfalls aus seinem Register von Journalisten, die im Zusammenhang mit ihrer Arbeit während des Gazakrieges getötet worden seien. Zuvor hatte ihn die Organisation als deutlich erkennbaren Journalisten mit Presseweste beschrieben, der am 23. Dezember 2023 bei einem israelischen Bombardement im Stadtteil Chajaya getötet worden sei.
In diesem Fall waren es die al-Quds-Brigaden, der militärische Flügel des Palästinensischen Islamischen Dschihad, die Huwaidi als Kommandeur ihrer zentralen militärischen Medieneinheit deklarierten. Auch das Committee to Protect Journalists (CPJ) kam zu dem Ergebnis, dass er an Kampfhandlungen beteiligt gewesen sei, und entfernte ihn aus seiner eigenen Datenbank getöteter Journalisten.
Heimliche Korrekturen, bleibende Schlagzeilen
Besonders brisant ist, dass Huwaidi zuvor Gegenstand einer RSF-Beschwerde beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) gewesen war. In einer im September 2024 eingereichten Beschwerde führte RSF ihn als einen der Journalisten an, für deren Tod die Organisation Israel verantwortlich machte. HonestReporting zufolge hat RSF diese Eingabe bislang weder zurückgezogen noch entsprechend revidiert. Damit geht es längst nicht mehr nur um die bloße Korrektur einer Statistik. Es stellt sich die Frage, welche Beweiskraft eine Beschwerde beim IStGH besitzt, wenn darin Personen als Opfer israelischer Angriffe auf Journalisten angeführt werden, deren Zugehörigkeit zu bewaffneten Terrororganisationen später bekannt wird.
Die Tragweite des Reporter-ohne-Grenzen-Registers erschöpft sich also nicht in der statistischen Erfassung von Todesfällen. Sie reicht bis nach Den Haag und Redaktionen weltweit. Laut HonestReporting wurde RSF zwischen Mai 2025 und Anfang August 2026 in vierzig Beiträgen von dreizehn großen westlichen Medien als Quelle für den Vorwurf zitiert, Israel habe Journalisten gezielt angegriffen. Einer vorläufigen Auswertung zufolge weisen rund ein Viertel der 67 weiterhin gelisteten Journalisten Hinweise auf Terrorverbindungen auf. Darunter sind Personen mit »Märtyrererklärungen« durch Terrororganisationen, mit dokumentierter Beteiligung an Kampfhandlungen oder mit Verbindungen zu terroristischen Medien.
Die Namen Huwaidis und Jarghouns sind inzwischen aus den einschlägigen Online-Registern verschwunden. Wie viele weitere Namen überprüfungsbedürftig wären, lässt sich derzeit nicht sagen. Wo Korrekturen unsichtbar bleiben, bleibt die Dunkelziffer verborgen. RSF nennt das »laufende Aktualisierung«. Man könnte es auch fehlende Transparenz nennen. Die Presseweste wird zur Tarnkappe, die Menschenrechtsrhetorik zum Gütesiegel. Die Namen verschwinden – das antiisraelische Narrativ bleibt.
