Die Auswertung von Todesanzeigen der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad belegt weitere Doppelrollen im Gazastreifen.
Weitere Auswertungen von Todesanzeigen der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PIJ) legen nahe, dass mindestens achtzehn Personen im Gazastreifen, die nach ihrem Tod als Ärzte, Pflegekräfte oder Krankenhausangestellte geführt wurden, zugleich von den Terrororganisationen selbst als Mitglieder ihrer bewaffneten Einheiten bezeichnet wurden. Wie schon bei den im Gazastreifen »getöteten Journalisten« wirft dieser Befund Fragen nach der pauschalen Einordnung von »getötetem Gesundheitspersonal« auf. Denn eine medizinische Berufsbezeichnung allein sagt nichts darüber aus, ob eine Person ausschließlich Zivilist war oder zugleich einer bewaffneten Organisation angehörte.
Gerade im Gazastreifen verdichten sich die Hinweise darauf, dass berufliche Tätigkeit, öffentliche Selbstbeschreibung und militärische Funktion Hand in Hand gehen können. Das ist für die Bewertung zahlreicher Vorwürfe gegen Israel von erheblicher Bedeutung. Darauf verweist ein ausführlicher Bericht der Times of Israel.
Terroristen im Gesundheitswesen
Bereits vor wenigen Wochen hatte eine weitere Auswertung veröffentlichter Todesanzeigen von Hamas und Islamischem Dschihad offengelegt, dass zahlreiche als Journalisten geführte Tote in den Nachrufen der Terrororganisationen zugleich als Angehörige ihrer bewaffneten Formationen geführt wurden. Gerade diese Doppelrolle blieb in weiten Teilen der internationalen Berichterstattung jedoch unbeachtet.
Der Abgleich von Todesanzeigen der Hamas und des PIJ mit den Angaben von internationalen Organisationen, Berufsverbänden und Dokumentationsprojekten förderte eine Reihe konkreter Fälle bei Bediensteten im Gesundheitswesen zutage. So würdigten internationale Pflegeverbände Mohammed Akram al-Kafarna als führenden Vertreter des palästinensischen Pflegewesens und führten ihn als im Krieg getöteten Gesundheitsmitarbeiter. Die Hamas dagegen veröffentlichte ein Foto, das ihn in Kampfausrüstung mit Sturmgewehr zeigt, und bezeichnete ihn als Kämpfer ihres Nidal-Nasser-Bataillons in Beit Hanoun. Beide Rollen schließen einander nicht zwingend aus. Für die öffentliche Einordnung ist jedoch entscheidend, dass sie gemeinsam betrachtet werden.
Ähnlich gelagerte Fälle ziehen sich durch die gesamte Untersuchung. Ahmad Adel Abu al-Hilal arbeitete als Pfleger im Europäischen Krankenhaus in Khan Younis, während ihn der Islamische Dschihad zugleich als Zugführer seiner Rafah-Brigade führte. Ayman Suleiman Abu Tir erscheint in Krankenhausunterlagen als Pflegekraft beziehungsweise Leiter einer Abteilung für klinische Ernährung im Nasser-Krankenhaus, wohingegen der Islamische Dschihad ihn als Kommandeur seiner Zentralen Operationsabteilung bezeichnete. Jaber Abd al-Hamid Mohammadin wurde als Intensivpfleger im Rantisi-Kinderkrankenhaus vorgestellt, später jedoch vom Islamischen Dschihad als Kommandeur seiner militärischen Produktionsabteilung aufgeführt.
Auch Ibrahim Abd al-Raouf al-Farra erscheint in Datenbanken als Pflegekraft und klinischer Ausbilder. Bei der Hamas wird er dagegen als Angehöriger ihres Osama-bin-Zaid-Bataillons benannt. Ahmad Mohammed Hassan Balousha arbeitete nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Bereich Organtransplantation, während ihn der Islamische Dschihad als Kommandeur seiner militärischen Justizeinheit bezeichnete. Salem Jumaa Shirab wiederum wurde als Krankenpfleger im Nasser-Krankenhaus gewürdigt – auch ihn führt der PIJ als Mitglied seiner militärmedizinischen Abteilung.
Genauigkeit gefordert
Die israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) haben bereits im März 2024 Fotos, Einsatzaufnahmen und Verhörmaterial veröffentlicht, die belegen, dass Krankenhäuser als Waffenlager, Kommandozentralen, Unterkünfte für Kämpfer und sogar zur Festhaltung von Geiseln genutzt wurden. Vor diesem Hintergrund begründet Israel auch seine Militäreinsätze in und um Krankenhäuser. Diese hätten dem Schutz der Zivilbevölkerung in einem hochkomplexen Kampfumfeld gedient, auch wenn sie zur zeitweisen Schließung oder Einschränkung des Betriebs einzelner Einrichtungen führten.
Menschenrechtsorganisationen weisen diese Darstellung zurück und werfen Israel vor, das Gesundheitssystem im Gazastreifen im Rahmen einer angeblich völkermörderischen Kriegsführung gezielt zu zerstören. Dasselbe Spannungsfeld zeigt sich bei der Festnahme von Krankenhausdirektoren und medizinischem Personal. Israel wirft mehreren Beschäftigten eine Zusammenarbeit mit der Hamas vor.
Die nun aufgeführten Fälle beweisen nicht, dass alle getöteten Beschäftigten des Gesundheitswesens Kombattanten waren, und sie widerlegen auch nicht die Anzahl der zivilen Opfer im Gazastreifen. Sie zeigen jedoch, dass Kategorien wie »Arzt«, »Pflegekraft« oder »Krankenhausangestellter« für sich genommen keine belastbare Aussage über den militärischen Status einer getöteten Person zulassen.
Offensichtlich rekrutieren die Hamas und der Islamische Dschihad ihre Mitglieder nicht ausschließlich aus Vollzeitkämpfern, sondern aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Zivile Berufe und militärische Funktionen schließen sich im Gazastreifen nicht notwendigerweise aus. Umso bemerkenswerter ist, wie selten diese Doppelrollen in internationalen Berichten ausdrücklich thematisiert werden.
Gleichzeitig stützen sich zahlreiche Vorwürfe gegen Israel auf Opferkategorien, die eine eindeutige moralische Zuordnung nahelegen. Werden Personen ausschließlich als »Journalisten« oder »Gesundheitsmitarbeiter« erfasst, entsteht leicht der Eindruck, Israel habe gezielt geschützte Zivilisten angegriffen. Wird später bekannt, dass ein Teil dieser Personen zugleich bewaffneten Terrororganisationen angehörte, verändert das die Aussagekraft solcher Statistiken und damit auch die Bewertung der aus ihnen gezogenen Schlussfolgerungen. Die Debatte über zivile Opfer im Gazakrieg wird dadurch nicht einfacher, wohl aber genauer.
