Am 4. November 1995 ermordete der jüdische Rechtsextremist Jigal Amir den israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin, weil dieser einen Ausgleich mit den Palästinensern suchte.
Jitzchak Rabin war ein ehemaliger Generalstabschef und Kriegsheld: 1967 hatte er Israels Streitkräfte im Sechstagekrieg geführt, in dessen Verlauf Israel unter anderem das Westjordanland, den Gazastreifen und Ostjerusalem eroberte. In den 1990er-Jahren wurde er zur Symbolfigur des israelischen Friedenslagers. Unter seiner Regierung wurde am 13. September 1993 in Washington die Osloer Prinzipienerklärung unterzeichnet – ein historischer Versuch, den jahrzehntelangen Konflikt zu überwinden. Ein Jahr später erhielt er gemeinsam mit Palästinenserführer Jassir Arafat und seinem Außenminister Schimon Peres den Friedensnobelpreis.
Sein mörder betrachtete die Abtretung von Teilen des biblischen Landes Israel als Verrat am Judentum und als existenzielle Bedrohung für das jüdische Volk. Jigal Amir hielt Rabin für einen Verräter und behauptete, in göttlichem Auftrag gehandelt zu haben. Vor Gericht erklärte er später, er habe den Mord» »zum größeren Ruhm Gottes« begangen.
Hass, der zum Mord führte
Dem Mord war eine monatelange Hetzkampagne aus Teilen der israelischen Rechten vorausgegangen. Der damalige Oppositionsführer Benjamin Netanjahu gehörte zu den Wortführern der Proteste. Bei einem Protestmarsch nahe Ra’anana im März 1994 ging Netanjahu Demonstranten voraus, die einen Sarg mit der Aufschrift »Rabin tötet den Zionismus« trugen. Im Oktober 1995 trat Netanjahu auf dem Jerusalemer Zionsplatz auf, während Rabin im Umfeld der Kundgebung als Verräter verunglimpft und auf Plakaten in SS-Uniform dargestellt wurde. Kritiker werfen dem damaligen Oppositionspolitiker und jetzigem Premierminsniert vor, zur Atmosphäre beigetragen zu haben, in der Amir handelte. Netanjahu weist diesen Vorwurf zurück.
Der Mord schlug eine der tiefsten Wunden in der Geschichte Israels. Er machte gesellschaftliche Brüche sichtbar, die lange zuvor bestanden hatten: zwischen links und rechts, zwischen säkularen und religiösen Israelis, zwischen Friedenslager und nationalem Lager. Diese Gegensätze prägen die israelische Politik bis heute.
Umso verstörender war es für viele Israelis, als Netanjahu Ende 2022 Itamar Ben-Gvir in seine Regierung aufnahm. Ben-Gvir entstammte dem radikalen Milieu um den Rabbiner Meir Kahane. Die Kach-Bewegung, der er angehört hatte, war 1994 als Terrororganisation verboten worden, nachdem ihr Anhänger Baruch Goldstein 29 muslimische Betende in Hebron massakriert hatte. Goldsteins Porträt hing jahrelang in Ben-Gvirs Wohnzimmer. 1995 hatte sich Ben-Gvir im Fernsehen mit einem von Rabins Wagen abgerissenen Emblem gebrüstet: »Wir haben sein Auto gekriegt, und wir werden auch ihn drankriegen.« 2007 wurde er wegen Aufstachelung zum Rassismus und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Als Anwalt verteidigte er später jüdische Extremisten.
In einem Interview vom September 2022 warf Ben-Gvir Rabin vor, »dem Feind geholfen« und »mit unseren Feinden zusammengearbeitet« zu haben. Dies erklärt, warum es für viele Israelis so verstörend was, dass Netanjahu ihn Ende desselben Jahres in seine Regierung aufnahm. Sein Verhalten als Minister für nationale Sicherheit zeigte, dass seine Sympathie für Extremisten auch im Regierungsamt fortbestand. Im August 2023 legte er nahe, ein Siedler, der verdächtigt wurde, einen 19-jährigen Palästinenser nahe Burqa getötet zu haben, verdiene eine »Ehrenmedaille«. Dabei stellte er die Schüsse als Notwehr dar, während die Ermittlungen noch liefen.
Im September 2026 weigerte sich das Rabin-Zentrum Berichten zufolge, eine Veranstaltung des von Ben-Gvir geleiteten Ministeriums für die Nationale Sicherheit auszurichten, bei der der Politiker als Redner auftreten sollte. Netanjahu hatte einen Verteidiger jüdischer Extremisten zu einer tragenden Säule seiner Koalition gemacht und ihm zugleich die Verantwortung für die Durchsetzung des Rechts übertragen.
Hat Rabins Tod den Frieden verhindert?
Unmittelbar nach der Tragödie begannen sich Mythen um Jitzchak Rabin zu bilden. Einer der verbreitetsten wird von Teilen der israelischen Linken ebenso gepflegt wie von westlichen Politikern: Rabin sei der einzige israelische Regierungschef gewesen, der den Konflikt hätte beenden können. Wäre er nicht ermordet worden, so die Vorstellung, wäre ein endgültiger Frieden zwangsläufig erreicht worden. So erklärte Bill Clinton noch 2017, mit Rabin hätte es seiner Überzeugung nach bis 1998 ein umfassendes Abkommen mit den Palästinensern gegeben. Solche rückblickenden Gewissheiten erheben einen Politiker beinahe zur messianischen Gestalt.
Dabei wird auch übersehen, dass der Oslo-Prozess nach Rabins Ermordung fortgesetzt wurde. Im Januar 1997 unterzeichnete Netanjahus Regierung das Hebron-Protokoll: Rund achtzig Prozent des Stadtgebiets wurden der palästinensischen Selbstverwaltung übergeben, während der Rest unter israelischer Sicherheitskontrolle blieb. Im Oktober 1998 folgte das Wye-River-Memorandum. Auch Netanjahu verhandelte mit Arafat und verpflichtete sich zu weiteren Rückzügen. Sein Beharren auf der Freilassung Jonathan Pollards, der für Israel spioniert hatte, gefährdete jedoch den Abschluss der Vereinbarung. Clinton lehnte die Forderung schließlich ab, nachdem CIA-Direktor George Tenet für den Fall einer Freilassung Pollards mit Rücktritt gedroht hatte. Pollard blieb in Haft (er wurde erst am 20. November 2015 auf Bewährung entlassen).
Für Arafat war Oslo zugleich eine Gelegenheit zur politischen Rückkehr. Nach der Vertreibung der Palästinensischen Befreiungsorganisation, der PLO, aus dem Libanon 1982 hatte er sein Hauptquartier in Tunis eingerichtet – weit entfernt vom Alltag der Palästinenser im Westjordanland und in Gaza. Die Erste Intifada brach 1987 ohne seine Initiative aus und stellte den Führungsanspruch der Exilorganisation infrage. Mit der Hamas erwuchs ihr zudem ein mächtiger Konkurrent. Die Verhandlungen mit Israel eröffneten Arafat die Möglichkeit, in die Gebiete zurückzukehren, eine eigene Verwaltung aufzubauen und seine internationale Anerkennung zu festigen.
Ob er bereit war, den Konflikt damit tatsächlich zu beenden, blieb jedoch umstritten. Am Tag der Unterzeichnung der Oslo-Abkommen erklärte Arafat gegenüber jordanischen Medien, es handle sich lediglich um einen »Stufenplan« – einen taktischen Schritt zur schrittweisen Vernichtung Israels. »Nur ein palästinensischer Staat«, erklärte er, »kann den Kampf fortsetzen, bis der Feind aus allen palästinensischen Gebieten vertrieben ist.«
Im Mai 1994 rief Arafat bei einer Rede in einer Moschee in Johannesburg zum Dschihad für Jerusalem auf. Außerdem verglich er Oslo mit dem Vertrag von Hudaibija – einem Abkommen, an dessen Ende die Niederlage der damaligen Vertragspartner Mohammeds stand. Der Prophet des Islam, hatte diesen Waffenstillstand im Jahr 628 mit de, Stamm der Quraisch geschlossen, dessen Anführer Mekka beherrschten und ihn bekämpften. Der Waffenstillstand sollte zehn Jahre gelten, brach jedoch bereits nach zwei Jahren zusammen: Im Jahr 630 zog Mohammed mit einem Heer nach Mekka und brachte die Stadt unter seine Herrschaft. In Israel wurde Arafats Vergleich deswegen auch als Hinweis auf einen bloß taktischen Waffenstillstand verstanden. Der PLO-Chef erklärte anschließend, er habe einen friedlichen Kampf gemeint. Rabin verlangte dennoch eine erneute schriftliche Bekräftigung seiner Vertragstreue.
Woran der Oslo-Prozess scheiterte
Der Oslo-Prozess scheiterte nicht daran, dass Rabin nicht mehr da war, sondern daran, dass Jassir Arafat nie beabsichtigt hatte, ihn für einen dauerhaften Frieden zu nutzen. Arafat betrieb Obstruktion und erfüllte seine vertraglichen Verpflichtungen nicht – besonders deutlich wurde dies bei der »Änderung« der PLO-Charta. Am 24. April 1996 verkündete der Palästinensische Nationalrat die Aufhebung der umstrittenen Bestimmungen, ohne jedoch die betroffenen Passagen genau zu benennen oder einen vollständigen überarbeiteten Text zu veröffentlichen.
Für die Vereinigten Staaten waren insbesondere die Artikel 9 und 19 unannehmbar: Artikel 9 bezeichnete den bewaffneten Kampf als einzigen Weg zur »Befreiung Palästinas«, während Artikel 19 die Gründung Israels für rechtswidrig erklärte. Die Regierung Shimon Peres und die Vereinigten Staaten nahmen Arafat zunächst beim Wort und akzeptierten den Beschluss. Netanjahu hielt ihn jedoch für unzureichend, weil die betroffenen Artikel nicht einzeln benannt worden waren. Im Januar 1998 erklärte Arafat deshalb in einem Brief an Clinton ausdrücklich, die Artikel 6–10, 15, 19–23 und 30 seien aufgehoben worden.
US-Außenministerin Madeleine Albright begrüßte diese Klarstellung. Doch da kein konsolidierter Text veröffentlicht wurde, hielt der Streit an. Die entscheidende politische Frage war jedoch, ob die formelle Anerkennung Israels in der palästinensischen Gesellschaft Wurzeln schlagen und mit einem konsequenten Vorgehen gegen Terrororganisationen einhergehen würde.
Arafat drohte außerdem wiederholt mit der einseitigen Ausrufung eines Staates zum 4. Mai 1999, obwohl die bisherigen Vereinbarungen einseitige Veränderungen des Status der Gebiete ausschlossen. Die Umsetzung der Sicherheitsverpflichtungen blieb ein zentraler Streitpunkt. Das Wye-Memorandum verlangte ausdrücklich die Bekämpfung terroristischer Strukturen, die Einziehung illegaler Waffen und Maßnahmen gegen Aufstachelung. Gerade diese Anforderungen zeigen, wie weit die Wirklichkeit von den Versprechen des Friedensprozesses entfernt war.
Arafat sprach gegenüber westlichen Staats- und Regierungschefs von Frieden. Seine Rhetorik vor dem eigenen Publikum ließ dagegen immer wieder Zweifel daran aufkommen, ob er einen dauerhaften Kompromiss vermitteln wollte.
Die folgenden Ereignisse bestätigten diese Doppelzüngigkeit. Auf dem Gipfel von Camp David im Juli 2000, den US-Präsident Bill Clinton ausrichtete und bei dem er persönlich vermittelte, unterbreitete Ministerpräsident Ehud Barak den Palästinensern ein beispiellos großzügiges Friedensangebot. Nach Baraks späterer Darstellung sahen die Vorschläge einen palästinensischen Staat auf nahezu dem gesamten Gebiet des Westjordanlands und im gesamten Gazastreifen vor, mit einer Hauptstadt in Ostjerusalem, Hilfen und Entschädigungen für Flüchtlinge sowie der Räumung isolierter Siedlungen.
Clinton legte persönlich Kompromissvorschläge vor und drängte Barak und Arafat, ihre Differenzen zu überbrücken und ein endgültiges Abkommen zu schließen. Barak handelte dabei nicht nur aus der Überzeugung, dass ein dauerhafter Frieden Israels Sicherheit und seine Stellung in der islamischen Welt stärken würde. Auch amerikanischer Druck und der Wunsch, die aus seiner Sicht bestehende Unnachgiebigkeit der palästinensischen Führung und deren Nullsummendenken offenzulegen, spielten eine Rolle.
Anstatt die historische Friedenschance zu nutzen, reiste Arafat nach Baraks späterer Darstellung ohne Gegenvorschlag aus Camp David ab. Seine Witwe Suha erklärte 2012, er habe ihr unmittelbar nach dem Scheitern des Gipfels angekündigt, eine Intifada zu beginnen. Auch ein Mitglied des Fatah-Revolutionsrats berichtete 2020, Arafat habe nach seiner Rückkehr den Anstoß dazu gegeben. Der Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg, häufig als unmittelbarer Auslöser genannt, erscheint vor diesem Hintergrund eher als Vorwand für eine bereits beabsichtigte Eskalation.
Zugleich geriet Arafats Fatah innenpolitisch unter Druck: Die Entfremdung zwischen der palästinensischen Bevölkerung und ihrer Führung wuchs, während Hamas und Palästinensischer Islamischer Dschihad ihren Führungsanspruch herausforderten. Die Tanzim-Milizen der Fatah und die ihr nahestehenden Al-Aksa-Brigaden beteiligten sich unmittelbar an der Gewalt. Letztere gingen 2002 auch deshalb zu Selbstmordanschlägen über, um der wachsenden Popularität der Hamas entgegenzuwirken. Die Gewaltwelle kostete insgesamt mehr als tausend Israelis das Leben. Attentate auf Busse, Cafés und Märkte prägten den Alltag.
Vor diesem historischen Hintergrund sind heutige Aufrufe, die Intifada zu globalisieren, besonders verstörend. Die antizionistische Organisation Within Our Lifetime verbindt die Parole »Globalisiert die Intifada« mit der Forderung nach Befreiung »mit allen notwendigen Mitteln«. Angesichts der Geschichte der zweiten Intifada lässt sich dies als Aufforderung verstehen, deren gewaltsame Taktiken weltweit zu verbreiten. Auch die der PFLP nahestehende Gruppierung Samidoun propagiert die Parole; zudem wurde sie auf einer von der Palestinian Youth Movement mitorganisierten Kundgebung skandiert. Zohran Mamdani weigerte sich im Juni 2025, die Parole zu verurteilen, und berief sich dabei auf palästinensische Rechte.
Wunschdenken
Clinton bezeichnete Arafats Ablehnung später als seine »größte persönliche Enttäuschung« und fügte hinzu: »Ich habe mich aufgerieben, um den Palästinensern zu einem Staat zu verhelfen. Sie hatten ein Abkommen – und lehnten es ab.« Verpasste Möglichkeiten zur Staatsgründung lassen sich deshalb nicht allein mit dem Mord an Rabin erklären.
Arafats Entscheidung knüpfte an frühere Ablehnungen territorialer Kompromisse an. Bereits 1937 lehnte das Arabische Hohe Komitee die Teilungsvorschläge der Peel-Kommission ab. Diese sahen einen jüdischen Staat und einen arabischen Staat vor, der Transjordanien und einen Teil Palästinas umfassen sollte. 1947 wies die palästinensisch-arabische Führung den UN-Teilungsplan zurück, der einen unabhängigen arabischen und einen unabhängigen jüdischen Staat vorsah. Die jüdische Führung akzeptierte den Kompromiss. Beide Ablehnungen erfolgten bereits vor der Gründung Israels im Jahr 1948.
Wo Israel lediglich als vorübergehender kolonialer Vorposten betrachtet wird, der wie einst die Reiche der Kreuzfahrer verschwinden soll, verliert ein dauerhafter Ausgleich seinen Sinn. Zugeständnisse erscheinen dann als Schwäche, Kompromisse als Verrat und die Zeit als Verbündete. Die Aussicht auf einen eigenen Staat wird so dem Streben nach einem späteren vollständigen Sieg untergeordnet.
Der von Rabin vertretene Grundsatz »Land für Frieden« erwies sich später als Illusion. Unter der Regierung Ariel Scharons zog sich Israel 2005 einseitig aus dem Gazastreifen zurück und räumte dort sämtliche jüdischen Siedlungen. Doch statt Frieden kamen mehr als 30.000 Raketen. Aus »Land für Frieden« wurde »Land für Raketen«. Einfach gesagt: Der Oslo-Prozess beruhte auf Wunschdenken. Das Haupthindernis war nie Rabins Ermordung, sondern die palästinensische Weigerung, Israels Existenzrecht anzuerkennen.
Kein naiver Friedensstifter
Ein zweiter Mythos stammt von der politischen Rechten: Rabin sei ein naiver Friedensschwärmer gewesen, der Israels Sicherheit preisgegeben habe. Tatsächlich galt er während des größten Teils seiner Laufbahn als »Mister Sicherheit«. Seine letzte große Knesset-Rede zur Ratifizierung von Oslo II vom 5. Oktober 1995, knapp einen Monat vor seiner Ermordung, zeigt das deutlich.
Rabin sprach ausdrücklich von einer »palästinensischen Entität«, die »weniger als ein Staat« sein sollte. Selbst Netanjahu bekannte sich erst in seiner Bar-Ilan-Rede von 2009 unter strengen Bedingungen zur Möglichkeit eines demilitarisierten palästinensischen Staates. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 verwarf er diese Perspektive erneut: Die Palästinenser strebten seiner Darstellung zufolge einen Staat anstelle Israels an; ihre staatliche Anerkennung nach dem Massaker wäre eine Belohnung des Terrorismus. Diese Ablehnung reicht auch in Teile der Opposition hinein.
Rabin lehnte eine Rückkehr zu den Grenzen ab, die vor 1967 bestanden hatten. Er erklärte: »Die Grenzen Israels werden in der endgültigen Regelung jenseits der Linien verlaufen, die vor dem Sechstagekrieg bestanden.« Er bestand darauf, dass Israel das Jordantal einschließlich der östlichen Hänge des Berglands im Westjordanland als zentralen Bestandteil seiner strategischen Sicherheitsgrenze behalten müsse. Zudem betonte er, dass sämtliche Siedlungen bis zur Unterzeichnung eines endgültigen Abkommens mit den Palästinensern erhalten bleiben würden. Eine Verpflichtung Israels, ihren Verbleib durch »Gebietstausch« auszugleichen, erwähnte er nie. In seiner Zukunftsvision für Israel sah er Jerusalem als vereinte Stadt – einschließlich Ma’ale Adumim und Giv’at Ze’ev – und als ewige Hauptstadt Israels.
Obwohl Rabin bereit war, Risiken einzugehen und mit Arafat zu verhandeln, blieb er vorsichtig und skeptisch. Er hatte nie der erste israelische Ministerpräsident sein wollen, der Arafat die Hand reichte – sein Zögern auf dem Rasen des Weißen Hauses im September 1993 machte das sichtbar.
Rabin hegte bereits zu Beginn des Prozesses erhebliche Zweifel, noch vor der Unterzeichnung der Abkommen. Wie Avi Gil, der langjährige Mitarbeiter von Schimon Peres, in seinen Memoiren berichtet, schrieb Rabin am 7. Juni 1993 an Peres und verlangte, die Oslo-Kontakte vorübergehend auszusetzen. Er befürchtete unter anderem, dass die palästinensische Exilführung in Tunis die parallel geführten Verhandlungen in Washington untergraben würde. Erst später änderte er seine Haltung und stimmte der Fortsetzung der Gespräche zu. Einen Monat vor der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens stellte er fest, dass der Entwurf keine klare Absage an den Terrorismus enthielt, und verlangte eine Korrektur. Schließlich akzeptierte er eine vage Erklärung, blieb damit jedoch unzufrieden.
Einige Angehörige und Vertraute wussten von seinen Zweifeln. Seine Tochter Dalia Rabin sagte 2010: »Viele, die meinem Vater nahestanden, erzählten mir, dass er kurz vor seiner Ermordung erwogen habe, den Oslo-Prozess wegen des Terrors auf den Straßen zu stoppen … Arafat hielt seine Versprechen nicht.«
Mosche Ja’alon, der damalige Chef des Militärgeheimdienstes, schrieb in seinem 2008 erschienenen Buch Derech Arukah Ketzarah, Rabin habe ihm 1995 gesagt, er wolle nach den nächsten Wahlen im Oslo-Prozess »die Dinge in Ordnung bringen«, weil Arafat nicht mehr zu trauen sei. Hätte Rabin weitergelebt, hätten Arafats Lügen und seine Unterstützung des Terrorismus – einschließlich der Selbstmordanschläge von 1996 – für ihn einen Wendepunkt darstellen können.
Die fortbestehenden Mythen um Rabin verschleiern, dass er kein verblendeter Friedensstifter war, sondern ein vorsichtiger, auf Sicherheit bedachter Staatsmann.
