»Wenn es so weitergeht, hat die jesidische Gemeinschaft im Irak keine Zukunft«

Basma Aldikhi im Mena-Talk: »Wenn es so weitergeht, hat die jesidische Gemeinschaft im Irak keine Zukunft«

Im Mena-Talk mit Isis Eligbali berichtet Basma Aldikhi zum zwölften Jahrestag des Völkermords des Islamischen Staats an den Jesiden über die aktuelle Lage der Überlebenden.

Basma Aldikhi ist eine jesidische Aktivistin und arbeitet seit 2014 für die deutsch-irakische Hilfsorganisation Wadi e. V. mit Überlebenden des Völkermordes. Sie ist auch Mitautorin verschiedener Berichte über die weiterhin katastrophale Lage in den Camps für Binnenvertriebene im kurdischen Nordirak.

Basma berichtet, dass sich vor allem nach dem Rückzug internationaler Hilfsorganisationen die Lage in den letzten Jahren noch einmal verschlimmert habe und viele Campbewohnerinnen und -bewohner inzwischen über Selbstmord nachdächten. Denn auch an eine Rückkehr in das Sinjar-Gebirge, das 2014 vom IS erobert wurde, ist für die meisten nicht zu denken. Dort herrscht weiter Unsicherheit und es gibt kaum Infrastruktur oder ökonomische Perspektiven.

Dominierte das Schicksal der Jesiden damals die Weltmedien, so geraten sie nun zunehmend in Vergessenheit, obwohl die Folgen des Völkermordes für sie weiterhin tägliche Realität bleiben. So sind von den damals über 6.000 vom IS verschleppten Mädchen und Frauen, die systematischem sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren, bisher gerade einmal 3.500 zurückgekehrt. Von den anderen fehlt weiter jede Spur.

IS langfristig erfolgreich?

So kommt Basma auch zu dem Schluss, dass, sollte sich an der Lage nichts ändern, der Islamische Staat langfristig wohl gesiegt habe, weil dann die jesidische Gemeinschaft zerstört werden würde. Derweil würden inzwischen aus Europa – vor allem aber aus Deutschland – jesidische Flüchtlinge wieder in den Irak und damit in ein Leben in Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit abgeschoben. Sie appelliert deshalb, gerade angesichts der massiven Hilfskürzungen, die Jesiden nicht zu vergessen. Inzwischen müssten sogar Schulen schließen, weil es an Geld und Lehrpersonal mangele. Auch die Gesundheitsversorgung in den Camps sei inzwischen auf ein Minimum beschränkt.

Insgesamt habe sich die Lage in den vergangenen Jahren also weiter verschlechtert und drohe, sollte sich nichts ändern, noch katastrophaler zu werden. 2024 veröffentlichte Wadi e. V. zusammen mit Pro Asyl eine umfassende Analyse über die Lage der Jesiden im Irak und die Folgen, die der Völkermord auf diese Gruppe hatte. Darin heißt es unter anderem:

»Im Gutachten geht es auch um die Jesid*innen als Gruppe, deren Lebensgrundlagen systematisch – und darum geht es beim Völkermord – zerstört wurden. Das unterscheidet sie von vielen anderen aus dem Nahen Osten, die vor Krieg und Zerstörung fliehen: Der Islamische Staat wollte nicht nur Jesid*innen vernichten, sondern die jesidische Existenz. So wächst mit jeder Abschiebung die Angst, dass nicht nur Einzelne gewaltsam aus ihrer neuen Heimat gerissen und in eine ungewisse Zukunft geschickt werden, sondern dass auch hier die jesidische kollektive Existenz bedroht ist.«

Daran hat sich bis heute nichts geändert – eher im Gegenteil.

Die englische Originalversion des Interviews finden Sie hier.

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