Irakisch-Kurdistan fordert mehr Unterstützung der Jesiden durch Bagdad

Särge mit Opfern des Völkermords an den Jesiden werden nach deren Identifizierung in den Sinjar transportiert

Da das Abkommen zur Rückkehr der Jesiden in ihre Heimatgebiete nicht vollständig umgesetzt ist, muss ein großer Teil der Bevölkerung noch immer in Vertriebenenlager ausharren.

Der Irak müsse viel mehr Verantwortung für seine jesidischen Bürger übernehmen, die 2014, als die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ihr Kerngebiet angriff, zahllose Gräueltaten erleiden mussten. Der Staat sollte ihnen Hoffnung geben und Gerechtigkeit erweisen, damit sie ihr Leben wieder aufbauen können, sagte der Präsident der Autonomen Region Kurdistan, Nechirvan Barzani, am Montag.

»Der Irak ist ein reiches Land. Die jesidische Gemeinschaft hat als irakische Bürger viele Rechte gegenüber dem Staat, aber der Staat muss auch mehr Verantwortung für seine jesidischen Bürger übernehmen. Es ist die Pflicht von uns allen in der Region Kurdistan, im Irak und in der internationalen Gemeinschaft, alles Notwendige und Mögliche für die Jesiden zu tun«, so Barzani in einer Rede.

Der Präsident von Irakisch-Kurdistan sprach auf der internationalen akademischen Konferenz zum Völkermord an den Jesiden 2014 in Erbil, die von der Universität Kurdistan Hewler (UKH) veranstaltet wurde und sich laut Tagesordnung auf »langfristige sozioökonomische Bemühungen für jesidische Überlebende, die psychologischen Auswirkungen des Völkermords sowie Menschenrechte und internationales Recht im Zusammenhang mit dem Völkermord« konzentrierte.

Im Juni 2014 startete der IS eine brutale Offensive in weiten Teilen des Nordens und Westens des Iraks. Im August begann die Terrorgruppe ihren Angriff auf die jesidische Gemeinschaft in deren Kerngebiet Shingal (Sindschar) in der Provinz Ninive, tötete zwischen fünf- und zehntausend Menschen und zerstörte viele jesidische Dörfer und Städte.

Außerdem entführte sie an die siebentausend Frauen und Mädchen, um sie als Sexsklavinnen zu missbrauchen und zu verkaufen. Rund 400.000 Jesiden wurden zur Flucht gezwungen, wobei die meisten von ihnen laut Angaben des Büros für die Rettung entführter Jesiden, das unter der Präsidentschaft der Region Kurdistan operiert, in der Region Kurdistan Zuflucht suchten. Die Vereinten Nationen und mehrere westliche Staaten haben die IS-Verbrechen gegen die Jesiden als Völkermord anerkannt.

Noch immer ungelöst

»Heute besteht das einfachste Recht der Jesiden darin, in ihren Gebieten genügend Frieden und Sicherheit zu finden, damit sie zurückkehren können.« Es müsse für »den Wiederaufbau und die Bereitstellung von Dienstleistungen« gesorgt werden, »damit sie sich wieder ihrer Heimat zuwenden und ein neues Leben beginnen können«, erklärte Barzani.

Es sei »sehr bedauerlich«, dass mehr als ein Jahrzehnt nach der brutalen Eroberung ihres Kerngebiets durch den IS immer noch fast die Hälfte der jesidischen Gemeinschaft in Vertriebenenlagern lebt. »Es gibt jesidische Kinder, die heute elf Jahre alt sind und ihr ganzes Leben in der schwierigen und harten Umgebung von Lagern verbracht haben«, stellte Barzani fest.

Obwohl der Irak im Jahr 2017 die vollständige Befreiung seines Territoriums vom Islamischen Staat erklärte, leben immer noch rund 21.000 jesidische Familien als (Binnen-)Vertriebene, vor allem in Lagern in der Provinz Duhok in der Region Kurdistan.

Präsident Barzani drängte auf die Umsetzung des Shingal-Abkommens, um die immer noch prekäre Situation in der Region zu lösen: »Die Jesiden und ihre Gebiete dürfen nicht länger Schauplatz illegaler Kräfte und regionaler Machtkämpfe sein. Zu diesem Zweck sind wir zu jeder Zusammenarbeit und Koordination mit Bagdad bereit.«

Garantien gefordert

Im Jahr 2020 unterzeichneten die irakische Bundesregierung und die Regionalregierung Kurdistans das Shingal-Abkommen, um die Regierungsführung, Sicherheit und Stabilität in dem Bezirk wiederherzustellen und eine Reihe von Problemen zu lösen, welche die Rückkehr seiner Bewohner verhindert haben. Im Rahmen dieses Abkommens sollte Bagdad die Verantwortung für die Sicherheit übernehmen, alle bewaffneten Gruppen vertreiben und eine neue Streitmacht aufstellen, die aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert wird.

Wegen politischer Konflikte zwischen Bagdad und Erbil wurde das Abkommen nie vollständig umgesetzt, weshalb Tausende von Vertriebenen noch immer nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten. »Gerechtigkeit für die Jesiden wird nicht nur durch die Bestrafung der Verbrecher und Täter des Völkermords erreicht, sondern durch ernsthafte Aufmerksamkeit und Arbeit für die Jesiden, die alle Aspekte und Bereiche ihres Lebens umfasst«, sagte Barzani und betonte die Notwendigkeit von Garantien, um solche Tragödien künftig zu verhindern. Die Region Kurdistan werde sich weiterhin für Gerechtigkeit für die Gemeinschaft einsetzen, »bis der letzte entführte Jeside gerettet ist«.

Seit seiner Gründung ist es dem Büro des Präsidenten der Region Kurdistan für die Rettung entführter Jesiden laut dessen Leiter Hussein Qaidi gelungen, 3.950 Jesiden aus der Gefangenschaft des IS zu befreien.

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