Rund um den zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 wollte die Terrorgruppe Angriffe auf jüdische und (pro-)israelische Ziele in Berlin und Wien durchführen.
Die Hamas soll Anschläge auf jüdische und israelische Ziele in Berlin und Wien vorbereitet haben. Das geht laut der Tageszeitung Die Welt aus einer 214-seitigen Anklageschrift des Generalbundesanwalts hervor, die der Welt-Redaktion vorliegt. Demnach sollten die Anschläge in zeitlicher Nähe zum 7. Oktober 2025, dem zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers in Israel, verübt werden. Als mögliche Ziele galten israelische Diplomaten, jüdische Gemeindezentren und pro-israelische Demonstrationen.
Die Bundesanwaltschaft hat sieben Männer angeklagt. Nach den Ermittlungen waren sie Teil eines internationalen Netzwerks, das Waffen und Munition für die geplanten Anschläge beschaffen sollte. Dabei liefen zwei voneinander getrennte Beschaffungswege.
Eine zentrale Rolle soll der 25-jährige dänische Staatsbürger Yousif C. gespielt haben. Er reiste Ende Juli 2025 mit fünf scharfen Pistolen des Typs HS-9 von Kopenhagen nach Berlin und übergab sie dort an Abed Al G. Dieser reichte die Waffen an Mohammed A. weiter, der sie nach Wien brachte und dort in einem Lager deponierte. Mohammed A. soll nach Welt-Recherchen ein Sohn des hochrangigen Hamas-Funktionärs Basem Naim und früherer Leibwächter des damaligen Hamas-Chefs Ismail Haniyeh sein.
Als Abed Al G. erfuhr, dass Yousif C. von der Polizei durchsucht worden war, soll er aus Angst vor Entdeckung die Munition von der Michaelbrücke in Berlin in die Spree geworfen haben. Polizeitaucher fanden dort im September fünfzig intakte Patronen. Ersatzmunition soll anschließend Mohammad S. beschafft haben. Besonders brisant: Mohammad S. arbeitete zu dieser Zeit nach Welt-Informationen als Vertrauensperson für das Bundesamt für Verfassungsschutz. Seine eigene Beteiligung an der Munitionsbeschaffung soll er seinem V-Mann-Führer gegenüber verschwiegen oder heruntergespielt haben.
Parallel dazu soll eine zweite Gruppe ein erheblich größeres Waffenarsenal organisiert haben. Der 61-jährige Borhan El-K. reiste aus Dänemark nach Deutschland und kaufte laut Anklage Ende August in Hessen ein vollautomatisches Sturmgewehr der Marke Crvena Zastava, acht Glock-26-Pistolen und mehr als sechshundert Schuss Munition. Über mehrere Zwischenstationen gelangten die Waffen nach Berlin, wo Wael M. sie in Empfang nahm.
Am 1. Oktober 2025 kam es schließlich zum Zugriff. Der 44-jährige deutsche Staatsangehörige Ahmad I., der in Damaskus geboren wurde, fuhr mit einem Škoda in den Hinterhof der Turmstraße 17 in Berlin-Moabit. Dort sollte Wael M. ihm das Sturmgewehr, die acht Pistolen und die Munition übergeben. Unmittelbar nach der Übergabe griffen Einsatzkräfte des Bundeskriminalamts und weitere Spezialkräfte zu und nahmen die Verdächtigen fest. Die übrigen Beschuldigten wurden im Zuge der Ermittlungen ebenfalls festgenommen; alle sieben Angeklagten befinden sich in Untersuchungshaft.
Teil der Ermittlungen ist zudem ein Bekennervideo, das Mohammed A. am 7. August 2025 in Wien aufgenommen haben soll. Darauf soll er vermummt und bewaffnet vor einer Hamas-Flagge im Namen der Qassam-Brigaden Anschläge auf europäischem Boden angekündigt haben. Nach Darstellung der Welt sollten Berlin und Wien am oder um den 7. Oktober zeitgleich oder in enger zeitlicher Folge getroffen werden.
»Ein koordinierter, blutiger Anschlag«
Die Anklageschrift des Generalbundesanwalts zeigt nach Einschätzung der Welt, »dass Europa für die radikalislamische Hamas längst kein reiner Rückzugs- und Finanzierungsraum mehr« sei.
»Die Terrororganisation hat das europäische Festland zum aktiven Operationsgebiet erklärt. Ihr Ziel: ein koordinierter, blutiger Anschlag auf jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland und Österreich, exakt terminiert um den zweiten Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober.«
Die Formulierung lässt allerdings offen, wie genau der mutmaßliche Tatzeitraum eingegrenzt war. Sollte ein Anschlag tatsächlich am 7. Oktober stattfinden – oder lediglich in zeitlicher Nähe zum zweiten Jahrestag des Massakers?
Welche konkreten Ziele die mutmaßlichen Attentäter ins Auge gefasst hatten, ist bislang ebenfalls nicht bekannt. Fest steht, dass rund um den zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers in Berlin und Wien mehrere jüdische und israelsolidarische Veranstaltungen stattfanden. So versammelten sich am 5. Oktober Hunderte Menschen zu einer Gedenkveranstaltung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) auf dem Wiener Judenplatz. Sie war auf den 5. statt auf den 7. Oktober gelegt worden, weil am Abend des 6. Oktober das jüdische Laubhüttenfest (Sukkot) begann. Am 7. Oktober wurde in dem im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom Doron Rabinovicis Lesedrama »Der siebente Oktober« aufgeführt.
In Berlin fand am selben Tag im ehemaligen Flughafen Tempelhof eine Gedenkveranstaltung zur Eröffnung der Nova Music Festival Exhibition statt, zu der unter anderem Israels Botschafter Ron Prosor und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner angekündigt waren. Ob eine dieser Veranstaltungen bei den Anschlagsplanungen eine Rolle spielte, ist nicht bekannt.
Vor allem die Veranstaltung im ehemaligen Flughafen Tempelhof dürfte gut geschützt gewesen sein, da sie vom israelischen Botschafter besucht wurde. Zudem war bekannt, dass die Ausstellung bei ihren Stationen in den USA das Ziel anti-israelischer Demonstranten gewesen war, die in New York City das Gedenken an die Opfer mit Parolen, Trommeln und Rauchfackeln gestört hatten. Laut einem Bericht von Zeit Online »patrouillierte« in Berlin die Polizei »um das Gelände«. Die Veranstaltung stand damit unter sichtbarer polizeilicher Sicherung.
Ein möglicher Angriff hätte sich allerdings nicht auf das eigentliche Veranstaltungsgelände beschränken müssen. Der Terroranschlag in Washington vom 21. Mai 2025 fand vor dem Jüdischen Museum statt. Der Täter ermordete Sarah Lynn Milgrim und Yaron Lischinsky beim Verlassen des Museums. Der Terroranschlag auf den Christopher Street Day in Berlin am 25. Juli 2026 fand vierhundert Meter vom eigentlichen Veranstaltungsgelände entfernt statt.
Auch bei den verschiedenen Gedenkveranstaltungen in Berlin und Wien hätte ein Anschlag daher grundsätzlich in der näheren Umgebung erfolgen können. Eine große Menschenansammlung kann zudem aus größerer Entfernung angegriffen werden. Ein extremes Beispiel dafür ist der Massenmord von Las Vegas am 1. Oktober 2017. Der Täter schoss aus einem Hotelzimmer im 32. Stock auf die Besucher eines Musikfestivals. Er tötete sechzig Menschen und verletzte mehr als 850.
Terrorismus ist grenzüberschreitend
Die deutsche Justiz befasst sich nicht zum ersten Mal mit der Hamas. Im März 2026 verurteilte das Berliner Kammergericht vier Männer zu Haftstrafen, die als Auslandsoperateure der Hamas tätig gewesen waren und sich unter anderem um geheime Waffendepots der Organisation in Europa – Dänemark, Polen, Bulgarien – gekümmert hatten.
Dass Terrornetzwerke nationale Grenzen für ihre Arbeitsteilung nutzen, ist nicht neu. Al-Qaida war ein bewusst transnational organisiertes Terrornetzwerk. Schon die Vorbereitung des 11. September 2001 verlief über zahlreiche Staatsgrenzen: Die Führung und Ausbildung lagen wesentlich in Afghanistan; Mohammed Atta und andere spätere Täter gehörten zur sogenannten Hamburger Zelle; weitere Vorbereitung und Flugausbildung erfolgten in den USA. Finanzierung, Reisen und Kommunikation verbanden mehrere Länder. Die 9/11-Kommission stellte später gerade Defizite beim Informationsaustausch zwischen Behörden und Staaten als ein zentrales Problem heraus.
Auch die europäischen Al-Qaida-Strukturen funktionierten grenzüberschreitend. Die Anschläge von Madrid 2004 zeigen ebenfalls die Bedeutung internationaler Kontakte und Netzwerke. Bei den späteren Ermittlungen gegen dschihadistische Strukturen wurde die europäische Zusammenarbeit deshalb ausgebaut. Auch das IS-Netzwerk hinter den Pariser Anschlägen von 2015 operierte grenzüberschreitend: Während die Terroristen in Frankreich zuschlugen, lagen wichtige personelle und logistische Strukturen in Belgien, insbesondere im Brüsseler Stadtteil Molenbeek.
