Der Fotoreporter Motaz Azaiza gesteht, Aufnahmen der Terroristen vom 7. Oktober 2023 unter Verschluss gehalten zu haben, um die Hamas nicht zu belasten. Seitens seiner bisherigen Förderer herrscht beredtes Schweigen, während er selbst kein Blatt vor den Mund nimmt.
Der palästinensische Fotojournalist Motaz Azaiza hat im September 2026 in Episode 233 des vom Journalisten und YouTuber Ahmed al-Biqawi moderierten palästinensischen Formats Taqarrab Podcast eingeräumt, am 7. Oktober 2023 die Verschleppung der israelischen Geiseln durch die Hamas und die Übergriffe durch palästinensische Mobs im Gazastreifen gefilmt, das Beweismaterial jedoch bewusst unter Verschluss gehalten zu haben.
Azaizas Begründung ist entlarvend: Er wollte die beteiligten Personen vor israelischer Vergeltung bewahren. »Ich wusste, dass Israel diese Videos nutzen würde, um jede dort anwesende Person zu identifizieren und zu töten«, erklärte er. »Ich wollte nicht – auch nicht indirekt – für den Tod dieser Menschen verantwortlich sein, nur um dafür ein paar Likes und Klicks im Internet zu bekommen.«
Wie eine Nachrichtensperre
In weiten Teilen der internationalen Öffentlichkeit schlägt dieser Vorfall kaum Wellen. Dabei müssten sich jene Medienhäuser und Institutionen, die Azaiza zuvor auf Händen trugen und ihn etwa 2024 vom Time Magazine unter die einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit reihen ließen, nun mit der Notwendigkeit konfrontiert sehen, ihre Auszeichnungen und Partnerschaften kritisch zu überprüfen. Kurz gesagt: In der Domäne des Journalismus ist Azaiza kein Niemand. Vor zwei Jahren wurde er zusammen mit drei weiteren palästinensischen Journalisten sogar für den Friedensnobelpreis nominiert.
Reporter ohne Grenzen (RSF) hat sich bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht offiziell zu den jüngsten Vorwürfen gegen Azaiza geäußert. Gerade RSF, das Motaz Azaiza nicht nur öffentlich unterstützt, sondern ihn im November 2025 durch seine spanische Sektion mit einem Spitzenpreis für seine Gaza-Berichterstattung ausgezeichnet hat, meldet sich diesbezüglich nicht explizit zu Wort. Stattdessen verweist die Organisation auf die generell gefährliche Lage der Journalisten in Gaza.
Damit bleibt eine unangenehme Frage offen: Wo endet der Schutz von Journalisten und wo beginnt die Verantwortung für eine Berichterstattung, die möglicherweise auch Informationen über bewaffnete Akteure bewusst ausspart?
Der Vorfall und die selbstauferlegte Nachrichtensperre von RSF und anderen offenbaren eine fundamentale Krise des Berufsstandes und markieren den Moment, in dem die Dokumentation von Gewalt bewusst der Vertuschung weicht. Azaizas öffentliche Beichte wirft ein grelles Licht auf eine Entwicklung, die als schwerer Bruch der journalistischen Ethik zu werten ist. Schließlich bricht mit dem Verschweigen solcher Szenen die Basis des journalistischen Selbstverständnisses in sich zusammen.
Journalismus und Propaganda
Motaz Azaiza verließ den Gazastreifen am 23. Januar 2024. Nach 108 Tagen der Berichterstattung überschritt er über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten, von wo aus er am selben Tag mit einer katarischen Militärmaschine vom Flughafen al-Arisch nach Doha ausgeflogen wurde. Es war eine Flucht: Selbstschutz vor dem Aufgreifen nicht nur durch die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) oder den Inlandsgeheimdienst Shin Bet – sondern nicht zuletzt auch durch die Hamas.
Der Fotograf zeichnet in seinen jüngsten Äußerungen ein Selbstporträt, aus dem die innere Zerrissenheit unverkennbar hervorgeht. Im Podcast mit al-Biqawi beschrieb er die systematische Zensur über die Hamas-WhatsApp-Gruppe »SMART«, in der fast alle lokalen Reporter in Gaza organisiert gewesen seien: Kritik aus der Zivilbevölkerung im Küstenstreifen habe man konsequent weggeschnitten, um die unzensierte Realität zu vertuschen.
Im in Katar geführten Interview stellte er der Hamas die drastische Frage, was ihr bewaffneter Kampf den Menschen in Gaza eigentlich gebracht habe: »Zeigt mir einen einzigen Palästinenser in Gaza, der seit dem 7. Oktober durch die Waffen der Hamas geschützt wurde.« Über die politische Führung fällt sein Urteil noch vernichtender aus: Man müsse keine zwei Jahre abwarten, um Fehlentscheidungen zu erkennen, wenn man sehe, wie tagtäglich Menschen sterben. Die Hamas habe Gaza ins Mittelalter zurückgebracht und Frauen dazu gezwungen, »in Plastikeimer zu urinieren«.
Azaiza beschreibt die psychischen Folgen des Krieges als anhaltendes Trauma und berichtet von erheblichen Schlafproblemen. Gaza sei »der giftigste Ort der Welt«: »Du liebst ihn, aber gleichzeitig hasst du ihn. Du liebst ihn, aber er verletzt und zerstört dich.« Die Realität dort habe ihn zu Dingen gezwungen, die er niemals gewollt habe.
Die ureigenste Aufgabe von Journalisten in Konfliktgebieten besteht darin, die Geschehnisse vor Ort unparteiisch zu dokumentieren. Wer aus taktischen Motiven Beweise zurückhält, um Angreifer vor ihrer Identifizierung zu bewahren, verkehrt den Schutz von Opfern ins Gegenteil. Er degradiert den Journalismus zur bloßen Propaganda. Azizas persönliches Trauma ist dabei keine Entlastung von der journalistischen Verantwortung. Im Gegenteil: Dass ausgerechnet ein einstiger Darling der anti-israelischen Presse nun so offen über die Realität in Gaza und die Rolle der Hamas spricht, macht die Frage nach dem Versagen seiner früheren westlichen Förderer umso drängender.
