Ehemalige Hamas-Geisel »Ich bin hier, ich lebe – und das ist das Wichtigste auf der Welt«

Der ehemalige Hamas-Gefangenen Luis Har bei einer Veranstaltung zur Befreiung der Geiseln in Italien
Der ehemalige Hamas-Gefangenen Luis Har bei einer Veranstaltung zur Befreiung der Geiseln in Italien (© Imago Images ZUMA Press)

Luis Har wurde 129 Tage, nachdem er während des Massakers vom 7. Oktober 2023 entführt worden war, im Rahmen einer israelischen Militäroperation aus der Gefangenschaft im Gazastreifen befreit.

Amelie Botbol

»Es ist ein Tag der Trauer für uns alle«, sagte die ehemalige Geisel Luis Har gegenüber JNS angesichts des dritten Jahrestags des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 in der vergangenen Woche. »In Gefangenschaft zu sein, ist die Hölle. Es ist schrecklich. Das war die Realität, und wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was war. Sie gaben uns kaum die Möglichkeit zu denken. Wir waren nicht unsere eigenen Herren. Aber zugleich erzähle ich heute meine Geschichte und zeige, dass ich hier bin, dass ich lebe – und das ist das Wichtigste auf der Welt. Wir bauen weiter auf, und es ist ihnen nicht gelungen, uns zu brechen.«

Kurz vor dem Jahrestag flog Har nach Guatemala, um dort an Gedenkfeiern teilzunehmen und seine Erinnerungen zu teilen, was er als Teil seines Heilungsprozesses bezeichnete. Doch der Jahrestag erinnert auch eindringlich daran, wie sehr sich sein Leben am 7. Oktober verändert hat, als palästinensische Terroristen ihn entführten und in den Gazastreifen brachten. »Es ist traurig, dass es passiert ist. Es ist etwas, das wir tief in uns jedes Mal spüren, selbst nach drei Jahren«, erzählte die ehemalige Geisel.

Am 6. Oktober übernachtete Har im Haus seiner Freundin Clara Marman in Nir Yitzhak. Gegen 6:30 Uhr am nächsten Morgen hörten sie Raketenalarm-Sirenen und suchten eilig Schutz. Claras Bruder Fernando, ihre Schwester Gabriela, ihre Nichte Mia und ihre Hündin Bella befanden sich ebenfalls im Haus, als die Hamas ihren Einfall startete. Alle fünf flüchteten sich in den Schutzraum, als Terroristen begannen, durch die Tür zu schießen, und schließlich einbrachen. Sie flehten um ihr Leben, bevor sie in einem weißen Toyota-Pickup aus dem Kibbuz in den Gazastreifen verschleppt wurden. Clara, Gabriela, Mia und Bella wurden am 53. Tag des Krieges freigelassen.

Am 12. Februar 2024 befreiten Kommandos der Shayetet 13 der israelischen Marine und der Mobilitätseinheit 5515 des Generalstabs Luis und Fernando nach 129 Tagen aus der Geiselhaft in Rafah im südlichen Gazastreifen. Die Operation mit dem Codenamen »Goldene Hand« wurde gemeinsam mit dem israelischen Sicherheitsdienst Shin Bet durchgeführt. Har beschrieb die Momente seiner Befreiung in einer Videoaussage: »Jemand drückte meinen Kopf nach unten und sagte: ›Luis, hier sind die IDF. Wir kommen, um dich nach Hause zu holen.‹«

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Ganz neu aufbauen

Nach seiner Rettung wurde Har klar, dass er sich selbst ganz neu kennenlernen und sein Leben von Grund auf neu aufbauen musste, da sich alles verändert hatte. »Ich glaube, ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich war ein Kibbuznik im Süden, ein Unbekannter mit einem Familienleben, und plötzlich bin ich auf der ganzen Welt bekannt und bewältige das Trauma mit Kraft, Glauben und Hoffnung, von denen ich vorher nicht wusste, dass ich sie besitze«, erzählte er.

Heute akzeptiere er sich »mit diesen neuen Eigenschaften und diesem neuen Leben. Und ich teile meine Geschichte weiterhin mit der Welt. Ich beschreibe immer wieder, wie einzigartig und erstaunlich das israelische Volk ist. Die Gefangenschaft gab mir die Kraft, mich selbst kennenzulernen. Nach meiner Rückkehr sagten mir meine Freunde, sie seien sich sicher gewesen, dass ich es schaffen würde, wegen meiner Widerstandsfähigkeit. Für sie war es klar, auch wenn es für mich selbst nicht so war.«

Seit seiner Befreiung, so Har, versuche er, sich auf das Positive zu konzentrieren. Er wisse nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibe, und wolle diese nutzen, um anderen zu helfen. Unter anderem, indem er verwundete Soldaten in Krankenhäusern besuche, mit deren Müttern spreche und ehrenamtlich Mahlzeiten für die Truppen organisiere.

Doch trotz seiner Bemühungen, nach vorn zu blicken, sagte Har, er betrachte sich nicht als über das Trauma hinweg.

»Es ist noch kein Posttrauma. Es ist wirklich ein Trauma, und wir brauchen viel Kraft und müssen bereit sein, wenn wir die Panik spüren, um daraus herauszukommen. Es passiert ganz plötzlich. Es kann das Geräusch eines Motorrads oder eines Flugzeugs sein, und der Körper zieht sich zusammen. Plötzlich werden wir von Anspannung und Stress überwältigt. Ich sage mir: ›Entspann dich, du bist hier, du bist nicht dort.‹ Und langsam komme ich wieder heraus.

Es kann zwanzig Jahre lang schlummern und dann weckt irgendetwas es wieder auf. Ich bin mir dessen bewusst, also müssen wir damit umgehen. Wenn ich anfange zu weinen, weine ich; wenn ich unglücklich bin, bin ich unglücklich, und dann suche ich nach Lösungen, um da wieder herauszukommen, zum Beispiel, indem ich Zeit mit meinen Enkelkindern verbringe.«

Die Folgen der Gefangenschaft sind auch körperlicher Natur. Har leidet nach der langen Zeit der Bewegungslosigkeit weiterhin unter starken Schmerzen in den Beinen und Schwäche auf der linken Seite und befindet sich weiterhin in Behandlung.

Trotz allem, was er durchgemacht hat, sagte Har, er hege keinen Groll. Stattdessen möchte er sich auf die Zukunft vorbereiten. »Ich schätze die Stärke der Menschen, die geholfen haben. Ich möchte wissen, was passiert ist – nicht so sehr, um herauszufinden, wer verantwortlich ist, sondern um auf das vorbereitet zu sein, was als Nächstes passieren könnte. Schauen Sie sich an, was in dem Flydubai-Flugzeug passiert ist. Die Passagiere wussten, was zu tun war«, sagte Har unter Bezug auf den Terroranschlag vom 30. September an Bord eines Fluges nach Tel Aviv. »Wir müssen wissen, was in allen Szenarien zu tun ist. Ich hege keinen Hass in mir. Ich möchte verstehen.«

Der Wunsch, das Geschehene festzuhalten und sicherzustellen, dass es nicht in Vergessenheit gerät, steht auch hinter Hars kürzlich erschienenem Buch »Rescued. The Hope that Kept Me Alive in Captivity«. Dieses, so sagt er, erzähle seine Geschichte so, wie er sie erlebt hat – auf möglichst authentische Weise. »Das Buch ist wichtig, weil unser Gehirn über Abwehrmechanismen verfügt, die uns schützen. Das Gehirn drängt uns dazu, Dinge zu vergessen, mit denen es zu schwer ist, zu leben. Sobald es niedergeschrieben ist, wird es zu einem Beweis.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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