DITIB: Wie die Erdoğan-Autokratie den größten Moscheeverband in Deutschland lenkt

Die DITIB-Zentralmoschee in Köln. (© imago images/Hans Blossey)
Die DITIB-Zentralmoschee in Köln. (© imago images/Hans Blossey)

Auch unter dem neuen Vorsitzenden bleibt die DITIB mehr als ein Moscheeverband: Sie dient Ankara als Instrument nationalislamistischer Politik in Deutschland.

Von Moritz Pieczewski-Freimuth

Seit Ende 2025 hat die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) mit ihren rund 900 Gemeinden einen neuen Bundesvorsitzenden: Ramazan Ilikkan. Diyanet-Präsident Safi Arpaguş war eigens aus Ankara angereist, um den neuen Vorsitzenden einzuführen. Die Personalie kommt erkennbar aus Ankara.

Ilikkans gesamte Laufbahn führte durch den Apparat der Diyanet, der türkischen Religionsbehörde, die unmittelbar Präsident Erdoğan untersteht. Nach Angaben des Diyanet-nahen Portals Mihrap Haber war Ilikkan Mufti in mehreren türkischen Landkreisen, von 2013 bis 2017 Religionsattaché am türkischen Generalkonsulat in Düsseldorf und in dieser Zeit zugleich Mitglied des DITIB-Bundesvorstands. Nach seiner Rückkehr amtierte er als Mufti im Ankaraner Bezirk Mamak. Ab 2020 betreute er in der Diyanet-Zentrale das Referat für Deutschland und Österreich und untersuchte dort »Islamophobie« in Europa. Seit Herbst 2022 leitete er die Abteilung für Auslandstürken.[1] Aus diesem Amt wechselte er an die Spitze des Kölner Verbands.

In Ilikkans Düsseldorfer Jahre fiel die Spionageaffäre. Nach dem Putschversuch vom Juli 2016 hatten DITIB-Imame Berichte über Oppositionelle der türkischen Diaspora in Deutschland nach Ankara zu liefern. Dem nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz lagen Berichte vor, die die Religionsattachés der Generalkonsulate Köln, Düsseldorf und München an die Diyanet geschickt hatten. Nach Einschätzung der Behörde hatten die Attachés die Bespitzelung gesteuert.

Als die Diyanet Anfang 2017 die belasteten Imame abzog, verließ auch Ilikkan Deutschland. Die Deutsche Welle berichtete damals, ihm werde eine Rolle in der Affäre zugeschrieben, in Berliner Regierungskreisen gelte er als zurückbeordert. Die Diyanet erklärte, seine Amtszeit sei regulär abgelaufen.[2]

Wie Ilikkan die türkische Diaspora in Deutschland sieht, zeigt ein Interview mit Diyanet TV aus dem Jahr 2023, auf das der Publizist Eren Güvercin aufmerksam gemacht hat. Ilikkan beschrieb die Türken dort als Muslime, die »das Schwert gegen die Ungläubigen« schwingen und »das Banner des Islam« hochhalten.[3]

Unter Kurden, Aleviten und Erdoğan-Kritikern wächst seither die Sorge. »Wir befürchten, dass türkeistämmige Muslime verstärkt auf die Feindbilder der Erdoğan-Autokratie eingeschworen werden und dass sie in Deutschland Druck ausüben«, sagt Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland und Mitglied des Islamismus-Beraterkreises des Bundesinnenministeriums.

DITIB als »die unerschütterliche Bastion unserer Identität, unserer Kultur und unseres Zusammenhalts in Europa«

Kaum im Amt empfing Ilikkan in der Kölner Zentralmoschee eine Reihe von Vertretern der türkischen Regierungslinie: den stellvertretenden AKP-Vorsitzenden Efkan Ala, den früheren Innenminister Süleyman Soylu, der mit israelfeindlichen Äußerungen aufgefallen ist, Kenan Aslan und Vertreter der Union Internationaler Demokraten (UID), die der Verfassungsschutzbericht im Kapitel über Spionage und staatliche Einflussnahme als eng an Ankara angebunden beschreibt, sowie Bilal Erdoğan, den Sohn des Staatspräsidenten. Auch der AKP-Wahlkampfstratege Faruk Acar kam zu Besuch.

Efkan Ala nannte die DITIB bei seinem Besuch »die unerschütterliche Bastion unserer Identität, unserer Kultur und unseres Zusammenhalts in Europa«. Den Aufenthalt Bilal Erdoğans nutzte das Amt für Auslandstürken (YTB) nach Angaben Güvercins für ein Treffen mit den Spitzen von DITIB, der islamistischen IGMG und der den Grauen Wölfen zugerechneten ATIB. Bilal Erdoğan habe dort gefordert, die »kulturelle Erosion« der Diaspora aufzuhalten und junge Türken zu »Leadern« auszubilden.[4]

Was Bund und Länder tun

Die Ausrichtung des Verbands auf Ankara ist der deutschen Politik seit Langem bekannt. Nach der Spionageaffäre ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen mehrere Imame wegen des Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit und stellte die Verfahren Ende 2017 ein. Allerdings bewilligte das Bundesinnenministerium 2017 keine neuen Förderanträge der DITIB mehr. Bereits zugesagte Mittel flossen weiter, nach den Worten eines Ministeriumssprechers als »positive Impulse in Richtung der geforderten und notwendigen Ablösung Ditibs von der Türkei«[5]  Die Bundesregierung bestätigte damit die Bindung an Ankara als Ausgangspunkt ihrer Förderpolitik.

Auf Länderebene bestehen bundesweit mehrere Kooperationen. Hamburg, Bremen und Rheinland-Pfalz haben Verträge mit dem Verband geschlossen. In Hessen und Nordrhein-Westfalen wirkt die DITIB ohne Staatsvertrag am islamischen Religionsunterricht mit. Hessen setzte die Zusammenarbeit 2020 vorübergehend aus.

Auch in der Theologenausbildung wurden dem Verband Zugänge gegeben. Im Beirat des mit Steuergeldern finanzierten Osnabrücker Instituts für Islamische Theologie stellt die DITIB drei von neun Mitgliedern. Den Beirat des Tübinger Zentrums für Islamische Theologie, der bei jeder Professur über die Lehrbefugnis mitentscheidet, führt der von der DITIB vorgeschlagene Funktionär; der Verband besetzt dort drei von sieben Sitzen und schlägt der Universität Tübingen zudem eines der beiden unabhängigen Mitglieder vor.[6]

Weitreichender Einfluss wurde dem Verband auch in Münster zugestanden. Dort eröffnete die Universität am 25. September 2026 die erste Islamisch-Theologische Fakultät Deutschlands. Gonca Türkeli-Dehnert (CDU), Staatssekretärin im NRW-Wissenschaftsministerium, sagte zur Eröffnung: »Der Islam ist fester Teil unserer Gesellschaft geworden.« Die Eröffnung sei »ein Ausdruck des Vertrauens, des Vertrauens in die Wissenschaft, in die Universität Münster und in die Menschen, die diese Fakultät mit Leben füllen werden«. Den Konfessionellen Beirat der Fakultät leitet Kemalettin Oruç vom DITIB-Landesverband NRW; neben ihm entsendet der Verband den Funktionär Zekeriya Altuğ. Oruç sprach beim Festakt für das Gremium.[7]

Über Personal und Lehre entscheidet die Fakultät nicht allein, denn ihr ist dieser Beirat zugeordnet. Welches Gewicht das Gremium hat, regelt eine Ordnung, die der Senat der Universität beschlossen hat. Vor der Einrichtung oder Änderung eines Studiengangs und vor dem Erlass von Studien- und Prüfungsordnungen muss die Universität das Einverständnis des Beirats einholen. Vor jeder Berufung braucht die Universitätsleitung sein Einverständnis zu der Person, die den Ruf erhalten soll. Verweigern darf der Beirat es »aus religiösen Gründen, die sich auf Lehre oder Lebenswandel beziehen«. Beanstandet er nachträglich die Lehre einer berufenen Person, muss die Universität dafür sorgen, dass sie nicht mehr in der Islamischen Theologie unterrichtet.[8]

Auch jenseits des Staates bleibt der Verband als Ansprechpartner gesetzt. Am 10. September 2026 empfing der EKD-Auslandsbischof Frank Kopania Ilikkan zum Antrittsbesuch im Kirchenamt in Hannover; die Evangelische Kirche in Deutschland sprach anschließend von einer Fortsetzung des Dialogs, Ilikkan von gemeinsamer Verantwortung mit den Kirchen. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte 2017 nach der Spionageaffäre ihre Irritation über die DITIB erklärt und den Gesprächsfaden dennoch gehalten.

In mehreren Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist der Verband gesetzlich verankert: Das hessische Rundfunkgesetz berechtigt seit 2016 den DITIB-Landesverband, im Wechsel mit Ahmadiyya und Alevitischer Gemeinde ein Mitglied in den hr-Rundfunkrat zu entsenden; ein DITIB-Landeskoordinator nahm den Sitz ein. In Bremen bestimmen Schura und DITIB seit 2014 gemeinsam den muslimischen Vertreter im Rundfunkrat von Radio Bremen.

Hinzu kommen die Deutsche Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums und verschiedene »Dialogforen«, etwa der nordrhein-westfälischen Landesregierung mit dem organisierten Islam, in denen die DITIB seit Jahren mit am Tisch sitzt. In Niedersachsen teilt sich die DITIB seit 2016 einen Sitz in der Versammlung der Landesmedienanstalt mit Schura und Aleviten.[9]

Jede dieser Einbindungen legitimiert die DITIB als Vertretung der Muslime in Deutschland und behandelt sie bei Kooperationen in Schule und Hochschule zudem als Religionsgemeinschaft im verfassungsrechtlichen Sinne. Die Befunde zu Satzung, Personen und Verhalten zeigen jedoch, wen sie tatsächlich vertritt.

Diyanet-Tochter ohne Autonomie

Die Bindung an Ankara ist institutionell verankert. Schon der Name, Diyanet İşleri Türk İslam Birliği, weist den Verband als Gründung der Diyanet aus. Die baden-württembergische Landesregierung hat das Verhältnis 2020 in einer Landtagsdrucksache beschrieben: Die Diyanet nehme gegenüber der DITIB »Leitungs‑, Steuerungs- und Kontrollaufgaben« wahr und unterstehe ihrerseits dem türkischen Staatspräsidenten. Zur Auslandsorganisation der Behörde zählt die Drucksache ausdrücklich die Religionsattachés, also das Amt, das Ilikkan in Düsseldorf innehatte.

Der Bonner Staatsrechtler Josef Isensee kam 2019 in einem Gutachten für das hessische Kultusministerium zum selben Ergebnis. Der dortige Landesverband sei das letzte Glied einer Weisungskette, die über den Bundesverband zur Diyanet und von dort zum Staatspräsidenten führe. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages halten in einem Sachstand vom Juni 2026 fest, dass die DITIB satzungsgemäß an die Diyanet angebunden ist und diese ihre Leitungs- und Kontrollbefugnisse weiter ausübt.[10]

Wie weit diese Abhängigkeit reicht, haben die Sozialwissenschaftler Kemal Bozay und Hüseyin Çiçek in ihrer 2026 bei Springer VS erschienenen Studie beschrieben. Die DITIB unterstehe demnach dem türkischen Staat, der Diyanet und den Religionsattachés der türkischen Auslandsvertretungen. Der Diyanet-Präsident sei zugleich Vorsitzender des DITIB-Beirats; in Deutschland vertrete ihn der Botschaftsrat für religiöse Angelegenheiten, auf Konsulatsebene die Religionsattachés.

Diese Kette hatte Ilikkan von 2013 bis 2017 selbst besetzt. Weil die Verbandsspitze weisungsgebunden ist, gilt die DITIB den Autoren als Dachverband ohne Eigenständigkeit; die Diyanet über ihr gegenüber Leitungs‑, Steuerungs- und Kontrollbefugnisse aus. Die Diyanet selbst beschreiben sie als vom Staat beauftragte Einrichtung, die seit 1924 den politischen Auftrag hat, die Interessen der Staatsführung durchzusetzen und einen nationalistisch-religiösen Gesellschaftswandel von oben zu tragen, im Inland wie in der Diaspora.

Die Abhängigkeit zeigt sich nach Bozay und Çiçek in drei Bereichen zugleich. Erstens in der Organisation: Die Landesverbände sind eng an die Kölner Zentrale gebunden, die Imame beim türkischen Staat angestellt, die Freitagspredigten kommen aus Ankara.

Zweitens in der Ideologie: Der Staat prägt das Islamverständnis des Verbands, das auf Unterwerfung, Gehorsam und Pflichterfüllung ausgerichtet ist, und verankert über Gedenkinszenierungen wie die Erinnerung an Çanakkale die Einheit von Nation und Islam in der Diaspora.

Drittens im Sicherheitsbereich: Die Spionage nach dem Putschversuch 2016 lief über eine eigene Vernetzung von Diyanet, Konsulaten und DITIB, deren Berichte unmittelbar an die türkischen Behörden gingen; die Attachés bildeten darin das Bindeglied. Aus demselben Grund steht der Verband nach Einschätzung der Autoren einer Imam-Ausbildung in Deutschland skeptisch gegenüber: Unabhängige Lehre passt nicht zu seinen religiösen und politischen Zielen.[11] Kurzum: Die DITIB untersteht der Diyanet, die Diyanet untersteht Präsident Erdoğan.

Der Auftrag: die Diaspora an die Türkei binden

Erdoğan hat sein Verhältnis zur Demokratie früh offengelegt. Aus den 1990er-Jahren wird ihm der Satz zugeschrieben, die Demokratie sei nur der Zug, auf den man aufsteige, bis man am Ziel sei. 1997 rezitierte er öffentlich ein Gedicht, für das er später inhaftiert wurde: »Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.«[12]

Nach dem Wahlsieg der AKP 2002 richtete Ankara seine Diasporapolitik in Europa neu aus. Die regierungsnahen Organisationen in Deutschland greifen seither verstärkt Kulturverlustängste sowie reale oder imaginierte Diskriminierungserfahrungen von Deutschtürken auf und stellen sie in den Dienst einer nationalislamistischen Identitätspolitik. Auswanderer und ihre Nachkommen sollen kulturell an die Türkei gebunden bleiben, als Teil einer »Großtürkei« im Sinne des Neo-Osmanismus und als Wählerreservoir Erdoğans. Neben der Auslandsabteilung der Diyanet, die Ilikkan zuletzt leitete, schuf Erdoğan 2010 mit dem YTB einen zweiten Arm, der staatliche Förderprogramme koordiniert.

Die ideologische Klammer bildet die sogenannte türkisch-islamische Synthese: die Vorstellung einer homogenen Nation aus sunnitischem Islam, türkischer Sprache und Kultur, die Erdoğan und seine Anhänger zum Nationalislamismus steigern. Antisemitismus, rigider Patriarchalismus sowie Feindschaft gegenüber Armeniern, Kurden und Aleviten gehören ebenso zu diesem Repertoire wie Demut vor Gott und Gehorsam gegenüber der türkischen Nation. Dass antisemitische Einstellungen in der DITIB über Einzelfälle hinausgehen, zeigte der Politologe Marvin Hild, der für das Göttinger Institut für Demokratieforschung die Social-Media-Profile von 34 niedersächsischen DITIB-Funktionären auswertete.[13]

Imam-Ausbildung ohne »Verbiegung« der Glaubenslehre (Itikad) in Deutschland

Die von interessierten politischen Kreisen beförderte Imam-Reform lässt diese Steuerung unberührt. Im Dezember 2023 vereinbarte die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) mit Diyanet und DITIB, die Entsendung türkischer Staatsimame schrittweise zu beenden und jährlich 100 Imame in Deutschland auszubilden. Das Ministerium sprach von einem »Meilenstein«.

Schon im Mai 2024 relativierte die DITIB das Vorhaben auf einer Pressekonferenz: Weiterhin wolle man jährlich 75 Theologieabsolventen aus der Türkei holen und könne lediglich 25 Imame aus deutschen Ausbildungsstätten einsetzen. Die Imame sollen künftig zehn Jahre in Deutschland bleiben statt bisher vier bis fünf. DITIB-Vertreter Zekeriya Altuğ stellte klar, die Diyanet bleibe »eine religiöse Autorität und theologische Instanz und wird das auch in Zukunft bleiben«.[14]

Wie politisiert das Personal der Behörde sein kann, zeigte sich im April 2024. Bei einer Diyanet-Reise nach Jerusalem griff ein türkischer Imam israelische Sicherheitskräfte mit einem Messer an. Bei seiner Beisetzung würdigte ihn ein Funktionär der Diyanet-Gewerkschaft als »Beschützer Jerusalems«.[15]

Selbst wenn künftig alle Imame in Deutschland ausgebildet und bei der DITIB angestellt wären, bliebe die Kontrolle Ankaras bestehen. Erstens liegen die zentralen Entscheidungen weiter beim Beirat, der de facto ein Organ der Diyanet ist. Zweitens hat Ankara seine Absicht selbst zu Protokoll gegeben. Am 2. April 2026 versicherten Diyanet-Vertreter dem Auswärtigen Ausschuss des türkischen Parlaments, eine »Verbiegung« der Glaubenslehre (Itikad) in Deutschland zu verhindern. So geben es Güvercin und der frühere DITIB-Justiziar Murat Kayman wieder, die das Sitzungsprotokoll ausgewertet haben.[16]

Nationalislamistische Herrschaftspolitik im Gewand der Religion

Struktur, Personal und Auftrag ergeben ein geschlossenes Bild. Die DITIB untersteht über die Diyanet dem türkischen Staatspräsidenten, der die Behörde zum Instrument seiner nationalislamistischen Herrschaft gemacht hat. Mit Ramazan Ilikkan führt sie ein Beamter, der aus dem Konsulatsapparat kam, als die Attachés nach Einschätzung des Verfassungsschutzes die Bespitzelung von Oppositionellen in Deutschland steuerten, und der danach in Ankara die Diasporapolitik gegenüber Deutschland leitete.

Diese Politik beschreibt der Verfassungsschutzbericht 2024 als Einflussnahme des türkischen Staates auf die türkischstämmige Bevölkerung, flankiert von nachrichtendienstlicher Tätigkeit, die das Bundesamt als transnationale Repression einordnet. Als größten staats- und regierungsnahen Interessenverband nennt der Bericht die UID. Nach eigenen Angaben hat die UID zwischen Mitte 2021 und Ende 2022 insgesamt 670 gemeinsame Veranstaltungen mit der DITIB abgehalten.[17] Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt die UID in diesem Zusammenhang als größten staats- beziehungsweise regierungsnahen Interessenverband für Einflussnahme; es beschreibt ein Geflecht, über das aus hohen politischen Stellen in der Türkei unmittelbar auf das Verhalten der türkischen Diaspora eingewirkt werde.

Es bleibt festzuhalten: Was hier über die Moscheen läuft, ist nationalislamistische Herrschaftspolitik eines fremden Staates. Religion ist dabei das Medium. Die Imam-Reform ändert daran nichts Wesentliches. Der Verband bleibt, was die Bundesregierung ihm selbst bescheinigt hat: an die Türkei gebunden.

Für diejenigen Stellen in Deutschland, die mit der DITIB kooperieren, folgt daraus: Wer mit ihr Verträge hält oder sie an Religionsunterricht und Hochschulgremien beteiligt, hat die Voraussetzungen, auf die er sich dabei stützt, gegen diesen Befund zu halten, nämlich Staatsunabhängigkeit und Verfassungstreue. Diese Prüfung haben die Länder bisher nicht konsequent vorgenommen oder politisch zwischen Ministerium und Hochschulautonomie verloren: Nach der DITIB im Tübinger Beirat gefragt, verwies das baden-württembergische Kultusministerium auf die Universität, in Münster trägt die Beteiligung des Verbands allein eine Satzung der Universität, an die der Gesetzgeber keine Anforderungen stellt.

Nach Ilikkans Amtsantritt und der demonstrativen Nähe zur islamistisch-autokratischen Politik Ankaras sollte die Beweislast umgekehrt liegen: Solange die Steuerung durch die Diyanet und das Präsidialamt Erdoğans besteht, trägt eine Kooperation den Einfluss eines autokratischen Staates in deutsche Behörden, Rundfunkanstalten, Schulen und Universitäten hinein.

Die Maßstäbe dafür liegen vor. Das Grundgesetz verlangt in Art. 7 Abs. 3, dass der Religionsunterricht den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft folgt; sie muss diese Grundsätze also selbst bestimmen können. Nordrhein-Westfalen hat das in § 132a Schulgesetz konkretisiert und fordert vom Kooperationspartner Eigenständigkeit, Staatsunabhängigkeit und Verfassungstreue. An diesen Maßstäben gemessen sind Verträge und Kooperationen mit der DITIB zu beenden.

(Moritz Pieczewski-Freimuth ist Erziehungswissenschaftler und Sozialarbeiter. Er lebt in Köln und verfasst Beobachtungen und Kommentare zu den Themen Politischer Islam, Integration, Neue Rechte, Antisemitismus und patriarchale Strukturen. In den vergangenen Jahren sammelte er fachliche und praktische Kompetenz u. a. beim Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) von Susanne Schröter, bei MIND prevention gGmbH sowie in verschiedenen ideologiekritischen Initiativen. Dieser Beitrag ist zuerst vom Arbeitskreis Politischer Islam veröffentlicht worden.)


[1] Mihrap Haber (24. November 2025): Ramazan Ilıkkan kimdir? DİTİB’in yeni genel başkanı, Ramazan Ilıkkan kimdir? DİTİB’in yeni genel başkanı – Mihrap Haber.  

[2] Deutsche Welle Türkçe (10. Februar 2017): Türkiye casuslukla suçlanan imamlarını geri çekiyor, Türkiye casuslukla suçlanan imamlarını geri çekiyor; Der Tagesspiegel (15. Februar 2017): Spionageverdacht. Razzia bei Geistlichen des Moscheeverbands Ditib, Spionageverdacht: Razzia bei Geistlichen des Moscheeverbands Ditib.

[3] Eren Güvercin (23. November 2025): Beitrag zum Interview Ilikkans bei »Diyanet TV«. In: X @erenguevercin, https://x.com/erenguevercin/status/1992565021595906295.

[4] Eren Güvercin (1. Dezember 2025): Beitrag zum Besuch Efkan Alas, https://x.com/erenguevercin/status/1995579351643881803; Eren Güvercin (7. Dezember 2025): Beitrag zum Besuch Süleyman Soylu, https://x.com/erenguevercin/status/1997621612900733290; Erkan Pehlivan (14. Dezember 2025): Beitrag zum Besuch der UID, https://x.com/erkanpehl/status/2000187758246342863; zur UID vgl. Bundesamt für Verfassungsschutz (10. Juni 2025): Verfassungsschutzbericht 2024, https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=9, S. 328.; Eren Güvercin (2. März 2026): Beitrag zum YTB-Treffen mit Bilal Erdoğan in Köln, https://x.com/erenguevercin/status/2028431595850358963; YTB (1. März 2026): YTB brings together umbrella Turkish NGOs, https://www.ytb.gov.tr/en/news/ytb-brings-together-umbrella-turkish-ngos-in-europe; Instagram-Beitrag zum Besuch Faruk Acars (8. März 2026), https://www.instagram.com/p/DVon2EtjPLz/.

[5] Andreas Wyputta (6. Oktober 2017): Weniger Geld für Islamverband Ditib. Emanzipation von Erdoğan. taz, https://taz.de/Weniger-Geld-fuer-Islamverband-Ditib/!5452908/.

[6] Universität Osnabrück, Institut für Islamische Theologie (30. September 2026): Beiräte, https://www.uni-osnabrueck.de/fb3/iit/institut/beiraete; Universität Tübingen, Zentrum für Islamische Theologie (30. September 2026): Beirat, https://uni-tuebingen.de/jp/fakultaeten/zentrum-fuer-islamische-theologie/zentrum/beirat/.

[7] Universität Münster (25. September 2026): Islamisch-Theologische Fakultät feierlich eröffnet. Universität Münster gründet deutschlandweit einzigartigen Fachbereich, https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=15665; Universität Münster (30. September 2026): Vertreter der Verbände für den Beirat für Islamische Theologie an der Universität Münster., https://www.uni-muenster.de/Rektorat/Beirat_Islamische_Theologie/index.html; zum Vorsitz: Tobias Schrörs (25. September 2026): Universität Münster eröffnet erste islamisch-theologische Fakultät Deutschlands,  Frankfurter Allgemeine Zeitung, https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/universitaet-muenster-eroeffnet-erste-islamisch-theologische-fakultaet-deutschlands-accg-201260564.html.

[8] Arbeitskreis Politischer Islam (24. September 2026): Fehlstart der Islamfakultät Münster. »Abnormalitäten-Theologie« über Homosexualität aus dem Beirat, https://www.ak-polis.de/fehlstart-islamfakultaet-muenster/.

[9] Evangelische Kirche in Deutschland (9. September 2026): EKD und DITIB setzen Dialog fort, https://www.ekd.de/ekd-und-ditib-setzen-dialog-fort-97818.htm; DITIB (10. September 2026): Antrittsbesuch des DITIB-Vorsitzenden Ramazan Ilıkkan bei EKD-Auslandsbischof Frank Kopania in Hannover, https://www.ditib.de/detail1.php?id=939&lang=de; katholisch.de (26. September 2017): Die Bischöfe sind »irritiert« über die Ditib, https://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/die-bischofe-sind-irritiert-uber-die-ditib; Medienkorrespondenz (19. Mai 2017): Vertreter der Muslime. DITIB erhält Sitz im Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks, https://www.medienkorrespondenz.de/politik/artikel/vertreter-der-muslime-ditib-erhaelt-sitz-im-rundfunkrat-desnbsphessischen-rundfunks.html; Gesetz zur Änderung des Radio-Bremen-Gesetzes vom 1. April 2014, Brem.GBl. 2014 Nr. 46, S. 241, Art. 1 Nr. 3, https://www.gesetzblatt.bremen.de/fastmedia/218/2014-04-02-gesetzblatt-2014-nr-46-radio-bremen-aendg.pdf; Niedersächsischer Landtag: Antwort der Landesregierung auf die Kleine Anfrage zur Einflussnahme der Türkei auf die DITIB, Drucksache 18/963 (2018), https://www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_18_02500/00501-01000/18-00963.pdf; Landtag Nordrhein-Westfalen: Vorlage des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales »Dialogforen der Landesregierung mit dem organisierten Islam«, Vorlage 16/2808 vom April 2015, https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV16-2808.pdf.  

[10] Landtag von Baden-Württemberg: Antrag der Abg. Nico Weinmann u. a. FDP/DVP und Stellungnahme des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport »Schlussfolgerungen für Baden-Württemberg aus der Beendigung der Zusammenarbeit mit DITIB beim islamischen Religionsunterricht in Hessen«, Drucksache 16/8099 vom 11. Mai 2020, https://www.landtag-bw.de/resource/blob/249082/9a94836badbbb063581bc1a3de53e9f4/16_8099_D.pdf, S. 2 (Gutachten Isensee) und S. 4 (Einschätzung der Landesregierung); Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Sachstand »Moscheen in Deutschland«, WD 1 — 3000 — 013/26 vom 22. Juni 2026, https://www.bundestag.de/resource/blob/1193248/WD-1-013-26.pdf, S. 11 und 24; Kemal Bozay / Hüseyin Çiçek: Die Ditib in Deutschland – Religion und Politik im Namen des türkischen Staates, Wiesbaden (Springer VS) 2026, S. 2 f.

[11] Bozay/Çiçek: Die Ditib in Deutschland.

[12] Yannic Hertel (11. Januar 2019): Erdogan saß selbst wegen Gedicht im Gefängnis, Frankfurter Rundschau, https://www.fr.de/politik/erdogan-selbst-wegen-gedicht-gefaengnis-11126282.html.

[13] Kemal Bozay/Hüseyin I. Çiçek/Remko Leemhuis: Die DİTİB in Deutschland – Religion und Politik im Namen des türkischen Staates, Berlin (American Jewish Committee Berlin Ramer Institute) 2023, S. 20–32, https://ajcgermany.org/de/broschueren/die-ditib-deutschland-religion-und-politik-im-namen-des-tuerkischen-staates, S. 20–32; Marvin Hild (2021): Zwischen Schein und Sein. Wie sich niedersächsische DITIB-Funktionäre in sozialen Medien äußern, in: Demokratie-Dialog, Heft 9, https://univerlag.uni-goettingen.de/bitstream/handle/3/eissn-2748-0127_Democracy_dialog_series9.6/DemDi9-21_06_Hild43-51.pdf?sequence=2&isAllowed=y, S. 43–51.

[14] Bundesministerium des Innern und für Heimat (14. Dezember 2023): Bundesinnenministerium vereinbart mit der Türkei die Beendigung der Imam-Entsendung, https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2023/12/imam-ausbildung.html; DITIB (17. Mai 2024): Pressemitteilung zur Imam-Ausbildung, https://www.ditib.de/detail1.php?id=847&lang=de; Frankfurter Allgemeine Zeitung (17. Mai 2024): Ditib will mehr Imame in Deutschland ausbilden, https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ditib-will-mehr-imame-in-deutschland-ausbilden-19727076.html.

[15] Jüdische Allgemeine (30. Mai 2024): Diyanet sieht Judenmörder als ›Beschützer Jerusalems‹, https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/diyanet-sieht-judenmoerder-als-beschuetzer-jerusalems/.

[16] Eren Güvercin (10. April 2026): Beitrag zur türkischen Imam-Strategie im Ausland, https://x.com/erenguevercin/status/2042709277605851426; Murat Kayman (17. Mai 2026): Was Ankara wirklich will. Ein Parlamentsprotokoll und was es für die deutsche Religionspolitik bedeutet, https://murat-kayman.de/2026/05/17/was-ankara-wirklich-will-ein-parlamentsprotokoll-und-was-es-fuer-die-deutsche-religionspolitik-bedeutet/.

[17] Bundesamt für Verfassungsschutz (2025): Verfassungsschutzbericht 2024, Abschnitt zu nachrichtendienstlichen Aktivitäten und Einflussnahme der Türkei ab, https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/verfassungsschutzberichte/2025-06-10-verfassungsschutzbericht-2024.pdf?__blob=publicationFile&v=9m, S. 327; zu den gemeinsamen Veranstaltungen von UID und DITIB: Erkan Pehlivan (26. Juni 2023): Verfassungsschutzbericht. Türkei in Deutschland »massiv geheimdienstlich tätig,« Frankfurter Rundschau, https://www.fr.de/politik/tuerkei-deutschland-verfassungsschutz-bericht-geheimdienst-akp-92355622.html.

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