»Der Holocaust wird als ›Propaganda‹ abgetan« (Teil 1)

Renate Heugel im Mena-Watch-Interview: »Der Holocaust wird als ›Propaganda‹ abgetan«
Renate Heugel im Mena-Watch-Interview: »Der Holocaust wird als ›Propaganda‹ abgetan« (© Renate Heugel)

Im Interview mit Mena-Watch spricht die Islamwissenschaftlerin Renate Heugel über die Darstellung des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in Schulbüchern der islamischen Welt.

Renate Heugel studierte an der Universität Tübingen Islamkunde sowie Irankunde, Judaistik und Musikwissenschaften und wurde 2025 an der Universität Bonn im Fach Islamwissenschaften mit einer Arbeit über »Die Zeit des Zweiten Weltkriegs in den Schulbüchern sechs arabischer Länder, Irans und der Türkei seit 1950« promoviert. Stefan Frank sprach mit ihr über ihre Erkenntnisse, über die Leugnung der Shoah – und darüber, wie versucht wurde, sie mit der Aussicht auf Belohnung dazu zu locken, politisch gewünschte Ergebnisse zu liefern.

Stefan Frank (SF): Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit der Darstellung der Epoche des Zweiten Weltkriegs in den Schulbüchern einiger arabischer Länder zu verschiedenen Zeiten befasst. Was war der Impuls dafür?

Renate Heugel (RH): Die Konfrontation mit der Hitlerverehrung und Holocaustnegierung während eines längeren Sprachaufenthalts 2002/03 in Damaskus. Da ich mich für arabische Musik interessierte, hatte ich viele Kontakte zu syrischen Musikern und sang während meines Aufenthalts im Damaszener Hochschulchor mit. Wenn die Studentinnen und Studenten hörten, dass ich Deutsche bin, bekundeten sie mir gegenüber oft eine große Bewunderung für Eva Braun und Adolf Hitler.

Den Jahreswechsel 2002/03 feierte ich zusammen mit Einheimischen und einer italienischen Kommilitonin. Um Mitternacht wollten die Syrer mit uns auf Hitler und Mussolini anstoßen. Als die Italienerin und ich uns weigerten, reagierten sie völlig irritiert. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass sie von den NS-Verbrechen noch nie etwas gehört hatten. Man muss dazu sagen, dass zu dieser Zeit das Internet in Syrien noch kaum verbreitet war und einer strengen Zensur des Assad-Regimes unterlag.

SF: Auf welche Forschungslage trafen Sie?

RH: Ab den ausgehenden 1990er Jahren entstanden mehrere Untersuchungen zur Positionierung der Araber während des Zweiten Weltkriegs. Es ging da etwa um die Frage: Standen sie auf Seiten der Achsenmächte oder beteiligten sie sich am sogenannten »antifaschistischen Widerstand«?

SF: Hat sich die Perspektive in den letzten Jahrzehnten geändert?

RH: Ja. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geriet der Mythos vom »antifaschistischen Widerstand« ins Wanken und die Rolle des Muftis als NS-Kollaborateur rückte mehr in den Vordergrund. Hierfür stehen etwa die Forschungsbeiträge von Gilbert Achcar, Klaus Gensicke, Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers oder Götz Nordbruch. Von israelischer Seite richtete sich das Interesse auf die Darstellungen Israels, der Juden und des Zionismus. Historische Themen spielten dabei eher eine untergeordnete Rolle.

SF: 2003 begannen Sie, sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinanderzusetzen.

RH: Ja. Damals wurde die Darstellung des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs nur in der Dissertation von Ulrike Freitag versteckt erwähnt. Nach meiner Magisterarbeit (2011), die 2012 für den Rave-Forschungspreis des Instituts für Auslandsbeziehungen nominiert worden war, entstanden 2013 zwei kürzere Abhandlungen. Das Georg-Eckert-Institut veröffentlichte 2015 in Zusammenarbeit mit der UNESCO eine größer angelegte Studie über die Darstellung des Holocaust in den Curricula von 135 beziehungsweise Schulbüchern von 26 Ländern.

SF: Wurden da auch arabische Schulbücher untersucht?

RH: Ja, Ägypten, Syrien, Irak und Jemen waren mit insgesamt neun Exemplaren vertreten. Die Problematik der historischen Sichtweise in diesen Ländern findet am Ende der Studie durchaus Erwähnung, doch kommt durch die Art der Darstellung meines Erachtens die Brisanz nicht zur Geltung.

SF: Warum?

RH: Die 272 Curricula aus 135 Ländern werden aufgrund der Erwähnung von Begriffen in fünf Kategorien wie »direkte Referenz« oder »nur Kontext« zum Holocaust eingeteilt und anhand von farblich gestalteten Karten veranschaulicht. So erscheint etwa die Türkei als »direkte Referenz« zusammen mit Kanada, Deutschland, Namibia und vielen weiteren Ländern. In einer Tabelle lassen sich die Begriffe oder Sätze nachlesen, die zur Einordnung des jeweiligen Landes in die entsprechende Kategorie führten.

Bei der Türkei handelt es sich um das Wort »soykırım«. Es bedeutet Völkermord und steht in einem türkischen Curriculum von 2012. Es wird aber nicht erklärt, in welchem Kontext »soykırım« steht. Man fragt sich unwillkürlich, ob diese Art der Darstellung suggerieren soll, dass der Holocaust in der Türkei, in Kanada, Deutschland oder Namibia ähnlich gelehrt wird.

Was die Schulbücher betrifft, so findet keine regionale Unterscheidung statt. Doch macht es einen Unterschied, ob Länder, die in den Nahostkonflikt nicht involviert sind – wie beispielsweise Indien oder Uganda –, die Ermordung der Juden vernachlässigen oder ob ein ägyptisches Schulbuch den Holocaust als »zionistische Propaganda« in Zweifel zieht und deswegen ignoriert. Mit seiner (Nicht-)Darstellung bedient das ägyptische Schulbuch das Narrativ von der jüdischen Weltverschwörung, das im Nahen Osten leider weit verbreitet ist.

Lernen Kinder bereits in der Schule dieses antisemitische Stereotyp, werden sie kaum Vertrauen zu Juden entwickeln, um später Kontakte oder gar Freundschaften aufbauen zu können. Genau das wäre aber eine Grundvoraussetzung für einen gelungenen Friedensprozess. Die Studie des Georg-Eckert-Instituts arbeitet diese Bedeutung im regionalen Kontext nicht heraus, sondern reiht die Ergebnisse der untersuchten Länder alphabetisch aneinander. Es ist deswegen wenig verwunderlich, dass die darin enthaltenen alarmierenden Ergebnisse bis heute, zehn Jahre später, nicht die Beachtung fanden, die sie eigentlich verdient hätten.

Länderüberblick

SF: Bitte erzählen Sie, welche Länder und Zeiträume Sie erforscht haben.

RH: Es waren Schulbücher der Länder Ägypten, Syrien, Irak, Jordanien, Saudi-Arabien, Tunesien, Iran und Türkei. Ihr Erscheinungszeitraum liegt zwischen 1950 und 2018. Abgesehen von einem türkischen Exemplar handelt es sich bei allen übrigen achtzig Lehrwerken um offizielle Schulbücher, die vom Bildungsministerium des jeweiligen Landes herausgegeben wurden. An Schüler der Grund- und Mittelstufe (Klasse 1–9) richten sich 34, an die der Oberstufe (Klasse 10–12/13) 43 Lehrwerke. Auf vier Exemplaren fehlt eine Angabe. Kriterium für die Auswahl war, dass sich die Texte in irgendeiner Weise mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs befassen: etwas weiter gespannt betrifft dies die zwanziger bis vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

SF: Hatten Sie Schwierigkeiten, an genug relevante Bücher zu kommen bzw. konnten Sie aktuelle Lehrwerke mit früheren vergleichen?

RH: Die meisten Schulbücher erhielt ich über das Georg-Eckert-Institut. Ergänzend dazu suchte ich in den Bibliothekskatalogen weltweit. Besonders in den USA und Israel fand ich weitere wichtige Exemplare. In den meisten Fällen kann der Zeitraum von den 1950er bis in die 2010er Jahre abgedeckt werden – inklusive der politischen Umbrüche in Ägypten (1979 und 2013), Syrien (1966), Irak (1958 und 2003), Iran (1979) und Türkei (2002). Eine Tabelle in meiner Studie veranschaulicht auf Seite 45 die Zeiträume für jedes Land.

SF: Man könnte – naiv – meinen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wäre eine bloße Sammlung von historischen Tatsachen. Aber die Darstellung hängt natürlich von Interessen ab.

RH: Genau. Und das Interesse am Zweiten Weltkrieg unterscheidet sich von Land zu Land und oft auch im Verlauf des Untersuchungszeitraums 1950 bis 2018.

SF: Gehen wir die einzelnen Länder in ihrer Dissertation der Reihe nach durch.

RH: In Saudi-Arabien wird der Zweite Weltkrieg als historisches Ereignis in den Schulbüchern nicht gelehrt, der Begriff wird aber in anderen Zusammenhängen wie beispielsweise Zionismus oder Existenzialismus verwendet.

SF: Ägypten?

RH: Abgesehen von einem 1957 erschienenen Schulbuch streifen nur zwei Oberstufenbände aus den achtziger Jahren auf einer beziehungsweise drei Seiten die Themen Zweiter Weltkrieg und Nationalsozialismus. Das Lehrwerk von 1957 beschreibt die Politik Hitlers wie auch die Kriegsereignisse dagegen auf 28 Seiten. Auffallend dabei ist die positive Darstellung Deutschlands und Hitlers.

An der Konzeption des Exemplars könnten ehemalige Nationalsozialisten beteiligt gewesen sein – Johann von Leers etwa arbeitete zu dieser Zeit im ägyptischen Informationsministerium. [Johann von Leers, 1902–1965, war ein Nationalsozialist, antisemitischer Publizist und Professor an der Universität Jena, der 1945 nach Argentinien floh und sich 1956 in Ägypten niederließ, wo er zum Islam konvertierte und den Namen Omar Amin von Leers annahm; Anm. Mena-Watch]. Hervorzuheben wäre auch die negative Darstellung Großbritanniens in den Texten der fünfziger und sechziger Jahre. Diese Tendenz schwächt sich ab den achtziger Jahren ab, und die Rolle Ägyptens auf Seiten der Siegermächte sowie als Gründungsmitglied der Vereinten Nationen tritt mehr in den Vordergrund.

SF: Der Irak?

RH: Der Zweite Weltkrieg wie auch der Nationalsozialismus werden im Irak in der Oberstufe gelehrt. Für meine Studie kamen drei Bücher mit einem Umfang von neun bis zwölf Seiten infrage. Eine Veränderung durch den Sturz Saddam Husseins lässt sich bei der Zuweisung der Kriegsschuld erkennen. Während das Exemplar aus dem Jahr 2000 eindeutig Hitler für den Kriegsausbruch verantwortlich macht, bleiben die späteren von 2010 und 2017 eher vage und übernehmen Hitlers Rechtfertigung von der angeblichen Unterdrückung der deutschen Minderheit in Polen kritiklos.

SF: Das ist sehr bemerkenswert und schockierend. Wie sieht es mit Jordanien aus?

RH: In Jordanien lässt sich ein großes Interesse am Zweiten Weltkrieg wie auch am Aufstieg Hitlers und seiner Ideologie erkennen. Die Außenpolitik des Dritten Reichs von 1933 bis 1939 spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Für Hitlers Forderung an Polen zeigen die Autoren ein gewisses Verständnis, sehen die Verantwortung für den Kriegsausbruch aber eindeutig bei Deutschland.

SF: Wie ist es mit Syrien, das früher durch die Ba‘ath-Ideologie als mit dem Saddam-Regime verwandt galt?

RH: Der Zweite Weltkrieg und die Rolle Deutschlands nehmen in den syrischen Lehrwerken einen großen Raum ein. Im Zentrum stehen drei Schulbücher in mehreren Auflagen, die einen Zeitraum von 1964 bis 2014 abdecken und sich mit dem Thema auf sechs bis 24 Seiten befassen. Dabei stechen eine wohlwollende Haltung gegenüber dem Dritten Reich und eine große Bewunderung Hitlers ins Auge. Über die Entstehung des Panarabismus und die ideologische Verbundenheit eines Teils der Gründer der Ba‘ath-Partei mit dem deutschen Nationalsozialismus habe ich auch in meiner Magisterarbeit geschrieben.

SF: Der Iran unter dem Schah?

RH: Neben der russisch-britischen Besetzung des eigenen Landes zeigen die iranischen Lehrwerke der Schah-Zeit ein Interesse für den Nationalsozialismus und die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs. Dabei handelt es sich um fünf Schulbücher mit einem Umfang zwischen fünf und 33 Seiten. Besonders ausführlich behandelt das 1960 erschienene Exemplar die Thematik und lässt dabei eine gewisse Bewunderung für Hitler erkennen.

SF: Und nach Khomeinis Machtübernahme?

RH: Zwei unter dem Mullah-Regime herausgegebene Lehrwerke unterstellen England und Frankreich wegen ihrer antikommunistischen Haltung eine Nähe zum Faschismus. Bei den Kriegsereignissen nimmt der Russlandfeldzug besonders viel Raum ein.

SF: Kommen wir zum zweiten nicht-arabischen, aber islamischen Land in Ihrer Studie: der Türkei.

RH: Die Bücher der fünfziger und sechziger Jahre behandeln den Zweiten Weltkrieg auf nur wenigen Seiten und behaupten, die Türkei hätte fest an der Seite der demokratischen Staaten gestanden und mit ihrer Neutralitätspolitik einen großen Beitrag zum Sieg der Alliierten geleistet. Eine differenziertere Sichtweise und ausführlichere Beschreibung der Kriegsereignisse finden sich erst in einem Schulbuch von 2012 mit einem Umfang von 49 Seiten.

SF: Tunesien.

RH: Ein großes Interesse an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs lässt sich in Tunesien ab den 1990er Jahren festmachen. Die Zwischenkriegszeit und die Kriegsereignisse nehmen in fünf Schulbüchern einen Raum von etwa 35 bis 80 Seiten ein. Dabei werden auch ökonomische Hintergründe, wie beispielsweise die Weltwirtschaftskrise oder das Wesen totalitärer Herrschaftssysteme, behandelt. Während ein Lehrwerk von 1964 eine gewisse Bewunderung für Hitler erkennen lässt, distanzieren sich die späteren eindeutig von seiner Politik und werfen ihm Vertragsbruch und Täuschung vor.

Antisemitische Stereotypen

SF: Wie werden der NS, die Judenverfolgung und der Holocaust dargestellt? Werden die Idee der alles kontrollierenden jüdischen Weltverschwörung und das Ziel der Vernichtung der Juden als das Hauptelement des NS gezeigt?

RH: Der zweite Teil der Frage kann eindeutig mit »nein« beantwortet werden. Die Idee der alles kontrollierenden jüdischen Weltverschwörung wird nicht als eine spezielle NS-Wahnvorstellung gelehrt, da die untersuchten Länder eben gerade diese Weltanschauung selbst vertreten. Zwei syrische Lehrwerke, die im Zeitraum von 1964 bis etwa 2010 Verwendung fanden, schildern die Juden als Profiteure der Inflation von 1923, während alle anderen Klassen in Deutschland verarmt seien und der Staat seinen Bankrott habe erklären müssen.

SF: Ein Klischee, das direkt der NS-Ideologie entnommen ist.

RH: Es gibt da etwa auch die Vorstellung, die Juden seien für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg verantwortlich und trügen die Schuld an allem Unglück. Sie besäßen zu viel Macht. So wird das im ägyptischen Schulbuch von 1957 und den beiden syrischen als die Vorstellung Hitlers kommentarlos gelehrt.

SF: Was ist mit der sogenannten »Dolchstoßlegende«, die besagt, das deutsche Heer sei im Felde unbesiegt geblieben und nur durch Verräter in Deutschland gemeuchelt worden?

RH: Das taucht etwa in einem irakischen Schulbuch aus dem Jahr 2000 und zwei tunesischen Lehrwerken auf – doch sie betonen, dass es sich hierbei um die Ansicht gewisser nationalistischer Kreise in Deutschland gehandelt habe.

SF: Was ist mit der Rassenlehre, dem Kern der NS-Ideologie?

RH: Sie kommt in allen Ländern in irgendeiner Weise zur Sprache, wird aber meist auf einen zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch reduziert. Nur ein jordanisches Exemplar von 1994 schildert ihren eliminatorischen Charakter – jedoch nicht hinsichtlich der Juden, sondern in Bezug auf die slawische Bevölkerung. In zwei später erschienenen jordanischen Schulbüchern von 2001 und 2007 folgt der Behandlung des NS-Rassismus ein Abschnitt über die Merkmale des Zionismus.

SF: Was wird da behauptet?

RH: Mit Verweis auf den Talmud heißt es dort, Juden hätten eine rassistische und überhebliche Haltung gegenüber anderen Völkern. An ihrer Verfolgung in Europa trügen sie selbst die Schuld. Abschließend werden die Schüler dazu aufgefordert, die nationalsozialistische und die zionistische Ideologie miteinander zu vergleichen.

Teil 2 des Interviews erscheint morgen hier.

Renate Heugels Buch The Double Taboo of the Holocaust. The Description of World War II in School Textbooks of Six Arab Countries, Iran, and Turkey since 1950 ist im Verlag Dr. Kovač erschienen.

Die deutsche Fassung der Dissertation kann auf dem Server der Universität Bonn kostenfrei heruntergeladen werden.

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