»Ich bin auf meinem Weg zum Judentum dreimal konvertiert«

Der Buchautor Itay Böing im Mena-Watch-Interview: »Ich bin auf meinem Weg zum Judentum dreimal konvertiert«
Der Buchautor Itay Böing im Mena-Watch-Interview: »Ich bin auf meinem Weg zum Judentum dreimal konvertiert« (© privat)

Im Interview mit Elisa Mercier spricht Itai Böing, ehemaliger Lehrer an einer Berliner Gesamtschule und Autor des Buches »Dazugehören«, über seinen Weg zum Judentum, seine drei Konversionen, den Umgang mit der Vergangenheit sowie die Zäsur des 7. Oktober.

Elisa Mercier (EM): In Ihrem Buch »Dazugehören. Ein deutsch-jüdisches Leben« beschreiben Sie Ihren langen Weg zum Judentum. Was hat Sie dabei besonders geprägt?

Itai Böing (IB): Der Weg zu meiner Entscheidung für das Judentum dauerte fast drei Jahrzehnte. Der Auslöser für diese Hinwendung war mein erster Aufenthalt in Israel mit der Aktion Sühnezeichen von 1966 bis 1967. Ich lebte und arbeitete zunächst in einem Kibbuz an der damaligen Grenze zum Westjordanland und anschließend in Jerusalem in einem Heim für körperbehinderte Kinder, wo ich auch den Sechstagekrieg 1967 erlebte.

Prägend war für mich jedoch vor allem die Zeit davor, als Ägypten die Straße von Tiran sperrte und in Israel nach ägyptischen Drohungen die Angst vor einer Vernichtung des Staates spürbar war. Diese Erfahrungen führten zu einer tiefen Verbundenheit mit Israel und der Lebensform im Kibbuz. Gleichzeitig begegnete ich vielen Überlebenden der Shoah und sah die Nummern, die ihnen in Auschwitz auf die Arme tätowiert worden waren. Als Deutscher hatte ich das Gefühl, nicht nach Israel zurückkehren zu können, ohne zunächst die Orte kennenzulernen, die zwischen deutscher Geschichte und jüdischem Schicksal stehen.

EM: Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

IB: Nach meiner Rückkehr nach Deutschland ging ich mit der Aktion Sühnezeichen als Freiwilliger in die Gedenkstätte Theresienstadt, wo ich mich intensiv mit der Geschichte der deutschen Besatzung, des Ghettos und dem Schicksal seiner jüdischen Häftlinge auseinandersetzte. Danach arbeitete ich mehrere Monate als Betreuer von Jugendgruppen aus der Bundesrepublik in der Gedenkstätte Auschwitz. Anschließend war ich ein Jahr in Detroit in einem Antirassismusprojekt tätig. Diese drei Jahre prägten meinen weiteren Lebensweg entscheidend.

Zurück in West-Berlin wurde ich Lehrer und engagierte mich politisch. Ich trat der damaligen Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW) bei. Mitglieder jener Partei hatten Widerstand gegen die NS-Diktatur geleistet, sowjetische Soldaten hatten Auschwitz befreit und die DDR wurde von Verfolgten des Nazi-Regimes regiert. Antizionist bin ich jedoch nie gewesen. Ich habe geschwiegen. In meiner Lehrertätigkeit bildete die Shoah kein Randthema. Ich bin zum Beispiel mit meinen Klassen nach Auschwitz und Theresienstadt gefahren, was in den 1990er Jahren noch eine Ausnahme war.

Dreifache Konversion

EM: Sie schreiben in Ihrem Buch über die NS-Vergangenheit Ihrer Familie. Welche Bedeutung hatte diese Auseinandersetzung für Ihre Hinwendung zum Judentum?

IB: Die Mitgliedschaft meines Vaters in der NSDAP erschütterte mich. Ausweichende Antworten meiner Eltern auf meine Fragen als Jugendlicher zu den deutschen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs verursachten einen tiefen Graben zu meiner Familie. Auch meine christliche Prägung zerbrach. Nach meiner Begegnung mit Israel und der Shoah stellte sich für mich die Frage, wie ein christlich geprägtes Europa solche Verbrechen zulassen und begehen konnte. Ich trat aus der Kirche aus und wandte mich dem Kommunismus zu. Später verlor diese Weltanschauung für mich an Bedeutung. Auch konnte ich mich meinen Eltern wieder annähern.

Ich habe mich intensiv mit der hebräischen und der griechischen Bibel befasst und stellte dabei fest, dass mich besonders der Tanach [die hebräische Bibel] tief ansprach. Ich fand dort eine spirituelle Dimension, die mir der Kommunismus nicht geben konnte. Zudem wurde mir durch die Auseinandersetzung mit der Shoah bewusst, dass ich meinen Schmerz darüber eher mit Juden und Jüdinnen teilen konnte als mit nichtjüdischen Deutschen. Dieser provokante Satz war zum Zeitpunkt meiner ersten Konversion noch mit einem Fragezeichen versehen. Das verschwand nach dem 7. Oktober 2023.

Ich bin auf meinem Weg zum Judentum dreimal konvertiert, freundlicher formuliert: »I am a Jew by choice, not by birth.« Der erste Übertritt erfolgte in einem liberalen Rahmen, später folgte ein konservativer Übertritt in Jerusalem. Der dritte entstand in Stockholm, wo ich während meines Aufenthalts regelmäßig in einer orthodoxen Gemeinde betete, aber aufgrund meiner bisherigen Übertritte nicht als Teil eines Minjan gezählt wurde. Ein Minjan ist das Quorum zehn religionsmündiger Juden, das für bestimmte Teile des Gottesdienstes erforderlich ist. Das löste bei mir eine Art Krise aus, weil ich nicht als zugehörig galt. Schließlich vollzog ich nach Empfehlung des Rabbiners einen orthodoxen Übertritt in Israel. Heute verstehe ich mich als universaler Jude, der sich dem jeweiligen Ritus einer Gemeinde anpasst.

EM: Wie haben Sie sich auf den Giur, die Konversion zum Judentum, vorbereitet?

IB: Vielleicht klingt das Folgende paradox: Das jüdische Lernen fängt nach dem Übertritt erst richtig an und kann fast zu einer Sucht werden. Lernen ist ein zentraler Bestandteil jüdischen Lebens. Selbstverständlich habe ich auch vor dem Erscheinen vor dem Rabbinatsgericht gelernt, und zwar im Vorbereitungskurs bei einem Rabbiner, etwa zwei Jahre lang. Hebräisch beherrschte ich ja schon auf mittlerem Niveau. Aber da Judentum in erster Linie eine Familienreligion ist – die Synagoge ist eher zweitrangig –, habe ich mir jüdische Alltagspraxis im Zusammenleben mit meiner israelischen Partnerin angeeignet.

Jedoch ist das Judentum nicht nur eine Angelegenheit von Wissen und Kenntnissen, sondern auch von Verhalten. Einfach gesagt gibt es bei mir ein Vorher und ein Nachher. Jüdische Lebensregeln sind nun ständig präsent. Folglich lebe ich heute bewusster als früher. Dass damit auch erhöhte spirituelle Intensität verbunden ist, versteht sich von selbst.

EM: Kommen wir noch einmal auf Israel: Wie hat sich das Land über die Jahrzehnte entwickelt – von Ihrem ersten Aufenthalt während des Sechstagekriegs bis zu Ihren vielen späteren Besuchen?

IB: Israel ist über die Jahrzehnte deutlich vielfältiger und jünger geworden. Die Gleichberechtigung verschiedener Bevölkerungsgruppen hat sich stark entwickelt: Es gibt arabische Parteien, arabische Richter am Obersten Gericht und Menschen arabischer Herkunft in allen gesellschaftlichen Bereichen. Durch die Einwanderung aus Äthiopien, Jemen und anderen Ländern ist Israel heute ein multiethnischer Staat.

Gleichzeitig bleibt Israel ein Land mit großen Herausforderungen. Die hohen Lebenshaltungskosten und die ständige Notwendigkeit von teuren Sicherheitsmaßnahmen bestimmen den Alltag. Die Erfahrungen von Krieg und Terror, etwa während der Zweiten Intifada, haben die israelische Gesellschaft nachhaltig geprägt. Zugleich aber haben sich die Beziehungen zur Region verändert, was sehr positiv ist: Während 1967 ein umfassender Boykott arabischer Staaten herrschte, gibt es heute wirtschaftliche und politische Annäherungen, etwa mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und weiteren Ländern der Region. Und noch etwas: War damals Israel europäisch geprägt, so ist es heute orientalisch, denn die gegenwärtige Mehrheit der Israelis sind Nachfahren von Einwanderern aus dem Nahen Osten.

Historische Zäsur

EM: Israel wurde am 7. Oktober 2023 von der Hamas und anderen islamistischen Gruppen brutal angegriffen. Sehen Sie diesen Angriff als Zäsur?

IB: Definitiv! Für Israel war der 7. Oktober eine historische Zäsur, deren Folgen in vielerlei Hinsicht noch aufgearbeitet werden und andauern. Für mich persönlich wurde diese Zäsur vor allem durch die fehlenden Reaktionen in Deutschland spürbar. Mich hat die Haltung vieler Menschen erschüttert, mit denen ich über Jahre verbunden war – auch durch die gemeinsame Arbeit gegen das Vergessen der Shoah. Dass einige nach diesem Angriff nicht klar Stellung bezogen oder ihn relativierten, hat mein Vertrauen erschüttert.

Besonders schmerzhaft ist für mich das Ausbleiben eindeutiger Solidarität, auch im interreligiösen Dialog. Wenn Menschen brutal angegriffen werden, erwarte ich von Partnern, dass sie klar an ihrer Seite stehen. Zumal nach einem Massaker, das in den Augen mancher israelischer Kommentatoren die Grausamkeit der SS übertroffen hat.

EM: Was hat sich für Sie und Juden allgemein seit dem 7. Oktober 2023 verändert?

IB: Ich kann nur für mich sprechen. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe oder trotz des grassierenden Antisemitismus Unsicherheit verspüren. Ich kann aber verstehen, wenn Menschen jüdische Schulen für ihre Kinder wählen, weil sie dort mehr Schutz erwarten. Für mich ist wichtig, sichtbar zu bleiben. Früher trug ich die Kippa in der Öffentlichkeit selten, heute trage ich sie in geschlossenen Räumen bewusst als Zeichen: Es gibt uns, und wir sind da.

Was mich stärker bewegt als Angst, ist das Gefühl, von Teilen der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden. Umso wichtiger sind für mich Menschen und Initiativen, die Antisemitismus als Angriff auf Demokratie und Menschenwürde verstehen und sich dagegen einsetzen. Diese Solidarität bedeutet mir viel. Die Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit anderer verletzt mich, aber sie bestimmt nicht mein Handeln.

EM: Bedeutet das, dass Sie sich nach dem 7. Oktober gesellschaftlich weniger zugehörig fühlen, und was bedeutet Zugehörigkeit für Sie allgemein?

IB: Die Frage der Zugehörigkeit ist für mich seit dem 7. Oktober zu einer Krise geworden. Als Lehrer wollte ich dazu beitragen, dass eine neue Generation weniger antisemitisch, rassistisch und menschenfeindlich aufwächst. Heute habe ich manchmal das Gefühl, daran gescheitert zu sein. Besonders die vorherrschende Ablehnung Israels, die oft mit antisemitischen Vorstellungen verbunden ist, macht mich traurig und zornig zugleich. Ich fühle mich dadurch stärker an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Während Vorbehalte gegenüber Israel und Juden früher oft verborgen blieben, werden sie heute offen geäußert. Wer dieser Haltung widerspricht, wird schnell zum Außenseiter.

Die deutsche Erinnerungskultur empfinde ich ambivalent: Es ist wichtig, an die ermordeten Juden zu erinnern, aber die Erinnerung an die Toten scheint leichter zu fallen als die Solidarität mit lebenden Juden und mit Israel. Zugehörigkeit bedeutet für mich jedoch mehr als gesellschaftliche Anerkennung. Religiös bin ich Teil der jüdischen Gemeinschaft – durch meine Mitarbeit als Vorbeter, im interreligiösen Dialog und bei Begegnungen mit Schulklassen. Besonders spüre ich Zugehörigkeit, wenn ich in eine Synagoge komme und Menschen mir zeigen, dass ich willkommen bin. Ich fühle mich dem Judentum und der jüdischen Gemeinschaft zugehörig. Diese Verbindung bleibt ein wichtiger Teil meiner Identität.

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