Antisemitismus im Kultursektor: Mach keine Kunst mit Juden

Antisemitismus im Kultursektor: Demonstranten protestieren gegen einen Auftritt von Jerry Seinfeld in Illinois
Antisemitismus im Kultursektor: Demonstranten protestieren gegen einen Auftritt von Jerry Seinfeld in Illinois (© Imago Images Anadolu Agency)

Jüdische Künstler in Amerika werden ausgegrenzt, auf schwarze Listen gesetzt und aus dem Kulturleben verdrängt. Das ist das Ergebnis einer Studie der Anti-Defamation League.

»Wir wussten, dass die Lage ernst ist – aber nicht, wie ernst genau. Zudem hatte das bisher noch niemand in dieser Form dokumentiert«, sagt Jonathan Greenblatt, Vorsitzender der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL).

»Von vierzig führenden Museen bezieht kein einziges die jüdische Identität in seine DEI-Verpflichtungen [Diversity, Equity, and Inclusion] ein. Autoren werden dazu gedrängt, hebräische Begriffe zu streichen und die Namen jüdischer Charaktere zu ändern, nur um ihre Werke veröffentlichen zu können. Jüdische und israelische Künstler werden von der Bühne gemobbt und aus Veranstaltungsprogrammen gestrichen. Das ist schlicht und einfach Antisemitismus sowie Diskriminierung von Israelis – der Kunst- und Kulturbereich muss endlich aufwachen, bevor jüdische Stimmen vollständig zum Verstummen gebracht werden.»

Unter der Überschrift »State of the Arts: Advancing Jewish Inclusion in Arts, Entertainment and Culture« (»Stand der Künste: Förderung jüdischer Teilhabe in Kunst, Unterhaltung und Kultur«) findet man die Ergebnisse der Untersuchung auf der Website der ADL. Die besondere Stärke besteht in der Vielzahl der Zitate von Betroffenen, die schildern, wie Antisemitismus ihre Fähigkeit einschränkt, ihre Kunst der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Da ist etwa die Fotografin Alyssa Rosenheck. Sie sagt: »Ich habe im Verlagswesen sowohl vor als auch nach dem 7. Oktober Antisemitismus erlebt. Und ich habe miterlebt, wie dieser den Verlauf meiner Karriere verändert hat. Als ich noch schöne Häuser fotografierte und über Kreativität und Design sprach, wurde ich als eine der Besten des Landes gefeiert. Doch in dem Moment, als ich begann, über Antisemitismus aufzuklären, das Existenzrecht Israels zu verteidigen und mich öffentlich als Zionistin zu bekennen, schlossen sich die Türen.«

Verleger: Kein Interesse an jüdischen Autoren

Viele Verlage hätten kein Interesse »an Büchern jüdischer, israelischer oder offen zionistischer Autoren«, fasst die ADL ihre Erkenntnisse zusammen. Das Gleiche gelte für Werke, die jüdische, israelische oder zionistische Charaktere und Themen behandeln. Da diese Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen würden, ließen sie sich nur schwer dokumentieren. »Im Einzelfall lässt sich kaum beweisen, dass eine Ablehnung tatsächlich auf Voreingenommenheit, politische Risikoscheu oder eine anti-israelische Haltung zurückzuführen ist.« Doch die »Undurchsichtigkeit« dieses Prozesses dürfe nicht mit einem Mangel an Belegen verwechselt werden.

»In Interviews, öffentlichen Berichten und durch Aussagen von Branchenvertretern zeichnet sich ein wiederkehrendes Muster ab: Manuskripte, die sich mit jüdischer Identität, Antisemitismus, Israel, Zionismus oder den Folgen des 7. Oktober 2023 befassen, werden auf dem heutigen Markt zunehmend als kommerziell riskant oder politisch heikel eingestuft. Selbst jüdische oder israelische Themen, die keinen explizit politischen Charakter haben, können aufgrund ihrer Verbindung zu Israel oder zum Zionismus als kontrovers wahrgenommen werden.«

Die Schriftstellerin und Literaturkritikerin Liza Libes sagt: »Ich habe zwei Versionen von Exposés für meinen neuesten Roman verschickt. In der einen wurde das Judentum überhaupt nicht erwähnt. In der zweiten wurde es als jüdisches Buch präsentiert. Auf die erste erhielt ich zehn Rückmeldungen, auf die zweite – null.«

Das Klima des Antisemitismus lässt jüdische Autoren vorsichtiger im Umgang mit Verlagen werden. Die Roman-Schriftstellerin Meg Keene berichtet von ihren Schwierigkeiten, Agenten zu finden, denen sie ihr Werk anvertrauen will: »Als ich 2024 meinen Roman bei Literaturagenturen vorstellte, erhielt ich innerhalb von sechs Wochen zwanzig Anfragen für das vollständige Manuskript sowie vier Angebote für eine Zusammenarbeit. Bevor ich die Agenturen kontaktierte, hatte ich jedoch diejenigen, die ansonsten gut zu mir gepasst hätten, geprüft, indem ich untersuchte, wie sie sich zu Juden und Israel geäußert hatten. Etwa zwei Drittel von ihnen hatten Inhalte veröffentlicht, die mich daran zweifeln ließen, ob sie einen jüdischen Roman unvoreingenommen würden vertreten können.«

Jüdische Themen? »Zu riskant«, »lohnt sich nicht«

Jüdische Themen sind offenbar für viele Verlage ein rotes Tuch. Die ADL weist auf einen Beitrag hin, der im März 2024 im Londoner Jewish Chronicle erschien. Der Autor und Verleger Stephen Games, Gründer des Verlags Envelope Books, der Belletristik, historische Romane, Biografien, Memoiren und Sachbücher publiziert, gab darin ein Gespräch wieder, das er mit einem Literaturagenten geführt hatte.

»Ein sehr bekannter Literaturagent von hohem Ansehen, der mit Büchern in Verbindung gebracht wird, die man sofort wiedererkennen würde, berichtete, er habe Schwierigkeiten mit seinen jüdischen Autoren oder mit Werken zu jüdischen Themen – denn seiner Ansicht nach sei ein Großteil des literarischen Londons inzwischen zu einer ›No-Go-Zone‹ für Juden geworden. Er sagte, es habe keinen Sinn, Lektoren oder Programmverantwortlichen Vorschläge zu unterbreiten, da diese schlicht kein Interesse hätten.« Laut Games herrscht »ein Klima wachsender Feindseligkeit gegenüber Juden«.

Der Beitrag im Jewish Chronicle zitierte auch Gillian Freedman, eine Autorin, die ihre Werke im Selbstverlag veröffentlicht. Sie berichtete, dass eine bekannte Website einen Hinweis auf ihr Buch »Jews Milk Goats« – in dem es darum geht, ein jüdisches Leben auf einem Bauernhof im ländlichen Bedfordshire zu führen – entfernt habe, weil es einen jüdischen Bezug aufwies.

Ein Autor der Website – deren Namen Freedman nicht nennen wollte – hatte ihr Buch in seiner wöchentlichen Kolumne erwähnt, doch der Redakteur habe diesen Hinweis gestrichen. Freedman erklärte, die Website habe Sorge vor »Trollen« gehabt, die auf die Erwähnung ihres Buches hätten reagieren können. In einer E-Mail, die Freedman von der Redaktion erhielt, habe der Redakteur ihr geschrieben, dass der Ärger, den Hinweise auf Juden oder das Judentum ihm einbrächten, »sich nicht lohne«.

Der ADL-Bericht hebt hervor, dass laut den mit Betroffenen geführten Interviews »bestimmte jüdische Charaktere, Themen und Erzählungen« im Verlagswesen »als akzeptabler wahrgenommen« würden als andere:

»Autoren berichteten von einer größeren Offenheit gegenüber Geschichten, die den historischen Antisemitismus – insbesondere den Holocaust – in den Mittelpunkt stellen. Zugleich berichteten sie von einer deutlichen Zurückhaltung bei Werken, die sich mit Israel, dem Zionismus, dem gegenwärtigen Antisemitismus oder jüdischen Erfahrungen nach dem 7. Oktober befassen.«

Jüdische Autoren würden davon abgehalten, jüdische oder israelische Themen, Motive oder Charaktere in ihre Bücher aufzunehmen – mit der Begründung, dass sich solche Inhalte »nicht verkaufen ließen, zu riskant seien oder im literarischen Bereich keinen Platz hätten«.

Die ADL hält den angeblichen Publikumsgeschmack für vorgeschoben und beruft sich dabei auf eine eigene Online-Umfrage, durchgeführt über die Plattform Prolific, auf der Nutzer an wissenschaftlichen Studien teilnehmen können. Von 951 Erwachsenen in den USA hätten 84 Prozent angegeben, sie würden – in unterschiedlichem Maße – einem Buch, das sie interessiert, »eine Chance geben«, »selbst wenn es jüdische Themen oder Charaktere« enthält. 73 Prozent sagten das Gleiche über Bücher mit israelischen Themen oder Charakteren.

Antisemitische Boykotte

Neben dieser stillen Benachteiligung jüdischer Themen und Autoren gibt es auch noch die offenen Boykottaufrufe und schwarzen Listen, vor allem im Internet. So habe jemand im Mai 2024 eine Google-Tabelle mit dem Titel »Ist dein Lieblingsautor ein Zionist?« erstellt.

»Die Tabelle unterteilte Schriftsteller in Kategorien wie ›pro-israelisch/zionistisch‹, ›pro-palästinensisch/antizionistisch‹, ›kompliziert‹ sowie ›beide Seiten einnehmend‹ und forderte Leser dazu auf, Werke von Autoren, die als zionistisch eingestuft wurden, weder zu kaufen noch zu bewerben.«

Zudem wurde den Lesern geraten, Autoren, deren politische Haltung als »unklar« galt, vorerst nicht mehr zu unterstützen, bis weitere Belege vorlägen. Dieses Muster, so die ADL, habe sich auf Plattformen wie BookTok, Bookstagram, X, BlueSky, Threads, Goodreads und in anderen Leser-Communities ausgebreitet.

»Dort identifizieren Content-Ersteller und Accounts ›problematische‹ Autoren, verbreiten Listen mit zionistischen oder vermeintlich zionistischen Schriftstellern und rufen dazu auf, deren Werke weder zu kaufen, zu rezensieren, zu empfehlen noch zu bewerben.«

Bei diesen Kampagnen handele es sich nicht bloß um Ausdruck persönlicher Konsumvorlieben, betonen die Autoren. „Vielmehr sind sie der Versuch einer extremen, lautstarken Minderheit, Autoren aufgrund ihrer Identität, Nationalität, Überzeugungen, mutmaßlichen politischen Einstellung oder ihrer Beziehung zu Israel mit Reputationsschäden und wirtschaftlichen Nachteilen zu belegen.“

Gegen St. Martin’s Press gab es 2024 Boykottaufrufe. Dem Verlag wurden »Rassismus« und »Islamophobie« vorgeworfen, nachdem eine Angestellte im Internet geschrieben hatte: »Die Palästinenser müssen von der Hamas und iranischen Stellvertretern befreit werden – nicht von Israel.« Der Boykott gegen St. Martin’s Press verdeutliche, wie sich ein solcher Druck von einzelnen Autoren auf die Verlage selbst ausweiten kann, heißt es in dem ADL-Bericht:

»Der Boykott wurde öffentlich als Reaktion auf persönliche Social-Media-Beiträge einer Mitarbeiterin aus der Marketingabteilung dargestellt, in denen sie nach dem 7. Oktober ihre Unterstützung für Israel zum Ausdruck brachte. Aktivisten bezeichneten die Beiträge als ›rassistisch, islamfeindlich und anti-palästinensisch‹. Zudem organisierten Influencer-Netzwerke einen Boykott der Marketing- und Werbeaktivitäten für Titel von St. Martin’s Press und weigerten sich, Bücher des Verlags zu bewerben, bis ihren Forderungen nachgekommen würde. Bemerkenswerterweise gab St. Martin’s Press nicht nach, sondern veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sowohl Antisemitismus als auch Islamfeindlichkeit verurteilt wurden.«

Die Dynamik, die sich entwickelt, sobald es um jüdische Autoren oder Themen geht, verändere »das Risikokalkül für Lektoren und Verlage«, analysieren die Autoren des ADL-Berichts.

»Der Erwerb eines Buchmanuskripts eines jüdischen, israelischen oder offen zionistischen Autors kann heute nicht mehr nur als redaktionelle oder kommerzielle Entscheidung wahrgenommen werden, sondern als potenzieller Auslöser für eine organisierte Gegenreaktion, die sich gegen den Autor, das Verlagslabel oder den Verlag richtet.«

Solche Kampagnen würden oft von einer vergleichsweise kleinen, aber hochgradig organisierten und lautstarken Minderheit vorangetrieben. Diese könnten durch ihre Sichtbarkeit und ihre Fähigkeit zur Online-Mobilisierung »repräsentativer wirken, als sie tatsächlich sind« – was ihren Einfluss auf institutionelle Entscheidungsprozesse verstärke.

»Infolgedessen können Manuskripte von literarischem und kommerziellem Wert als Reputationsrisiko betrachtet werden, falls die Identität, die Nationalität, die Zugehörigkeit, die Social-Media-Historie oder die tatsächliche beziehungsweise vermeintliche Beziehung des Autors zu Israel dem politischen Prüfstein nicht standhalten.«

Kampagnen gegen Bühnenkünstler

Ein bevorzugtes Ziel von Störaktionen von Anti-Israel-Gruppen sind seit vielen Jahren Liveauftritte von Künstlern – jüdischen, israelischen oder solchen, die schon mal in Israel aufgetreten sind. Konzerte des Israel Philharmonic Orchestra wurden etwa durch den Einsatz von Pyrotechnik unterbrochen. Der Bericht der ADL nennt weitere Beispiele aus diesem Jahr. Im August startete das »Anti-War Committee DMV« einen Online-Protest unter dem Motto »Shut Down Seinfeld« und forderte den Veranstaltungsort, an dem der Komiker Jerry Seinfeld im Oktober 2026 auftreten sollte, dazu auf, die geplanten Shows abzusagen.

Im Juli veröffentlichte die Gruppe »Theater Workers for a Ceasefire« eine Erklärung im Internet, in der sie das Publikum dazu aufrief, das Theaterstück »Birthright« von Jonathan Spector zu boykottieren – weil die Figuren des Stücks kontrovers Ansichten über Israel und den Zionismus diskutieren. »Theater Workers for a Ceasefire« räumte in der Erklärung ein, dass es im Stück die »antizionistische Figur Izzy« gibt, die etwa erklärt: »Der Zionismus basierte von Anfang an auf der Vertreibung, Unterwerfung und Unterdrückung [der Palästinenser].« Was die Boykotteure stört, ist, dass Izzy einen Diskurs mit ihrer »zionistischen Gesprächspartnerin Chaya« führt – und die ihr widerspricht. Sie hätten also gewollt, dass im Stück nur eine einzige Perspektive vorkommt. Der Pluralismus der Meinungen sei nichts anderes als: »kulturelle Propaganda«.

Im April wurde die jüdisch-amerikanische Komikerin Judy Gold an einem Wochenende bei zwei verschiedenen Comedy-Auftritten in Manhattan zum Ziel antisemitischer Anfeindungen. Ein Zuschauer rief ihr unter anderem zu: »Du bist eine Jüdin!« Er wurde aus dem Lokal entfernt. Gold dankte dem Club später für sein schnelles Handeln und sagte, Vorfälle wie dieser zeigten, dass »Antisemiten sich nicht einmal mehr schämen«. Bei einer anderen Veranstaltung brüllte jemand etwas, das laut Presseberichten Stereotype über Juden und Geld enthielt. Die Künstlerin reagierte von der Bühne aus, indem sie das Klischee infrage stellte, merkte jedoch an, dass die betreffende Person nicht des Saals verwiesen wurde.

Im Januar wurde ein Auftritt des Komikers Guy Hochman im Fine-Arts-Theater in Beverly Hills abgesagt, nachdem es Drohungen gegeben hatte. Statt sich schützend vor seinen Künstler zu stellen, verlangte das Theater von diesem eine Erklärung, dass er »Völkermord, Vergewaltigung, Aushungern und Folter von Palästinensern« verurteile. Hochman weigerte sich.

Auch in Europa

Der ADL-Bericht beschäftigt sich mit Vorfällen aus den USA. Aus hiesiger Perspektive ist zu ergänzen, dass die Lage jüdischer Künstler in vielen europäischen Ländern nicht besser ist. Im Juli wurde Barbara Butch, DJ und lesbische Aktivistin, in der französischen Universitätsstadt Grenoble gewaltsam von der Bühne vertrieben. Sie brach ihren Auftritt nach zwanzig Minuten ab, nachdem Antisemiten Glasflaschen und andere Gegenstände auf sie geworfen hatten. Viele jüdische Musiker in Frankreich bekommen kaum noch Auftritte; oft argumentieren die Veranstalter damit, dass Konzerte mit jüdischen Künstlern unwirtschaftlich seien, da für den Schutz von Juden zusätzliche Sicherheitsleute benötigt würden.

Auch stößt Kunst, die mit dem Judentum verbunden ist, auf Ablehnung. Die Klarinettistin Marine Goldwaser sagt, es sei »die Frage, wie man Dinge präsentiert« und dabei »bestimmte Punkte abmildert«. »Man muss den Begriff ›jüdische Musik‹ vermeiden und eine gewisse Unklarheit wahren, um nicht ins Visier zu geraten.«

Vom Antizionismus zum Antisemitismus

Bis vor kurzem sagte man verschämt »Zionisten« statt »Juden«, wenn man seinem antisemitischen Ressentiment Ausdruck verleihen wollte. Das scheint sich zu ändern.

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