Als Jüdin steht Barbara Butch im Kreuzfeuer von rechten und linken Antisemiten. Rückhalt bekommt sie nur, wenn es dem jeweils anderen Lager schadet.
Arvid Vormann
Nach ihrem Auftritt bei der Olympia-Eröffnungsfeier 2024 – einer spektakulären Inszenierung von Leonardo da Vincis »Letztem Abendmahl«, bei der sie als selbsternannte Botschafterin der Liebe, umringt von Dragqueens, den Platz von Jesus einnahm – sah sich die französische DJ und Künstlerin Barbara Butch neben viel Anerkennung aus dem In- und Ausland auch einer massiven Hetzkampagne aus dem rechten Lager ausgesetzt.
Beleidigungen und Hassbotschaften bis hin zu widerwärtigsten Gewaltfantasien, die sie erreichten, kreisten vor allem um die verschiedenen Elemente ihrer Identität: lesbische Frau, jüdische Frau, dicke Frau, und vor allem: eine Frau, die sich für keine dieser Eigenschaften schämt oder entschuldigt, sondern selbstbewusst für ihre Rechte eintritt und dabei mit ihren Fingern stets ein Herz formt. Ihre Reaktion auf die Hetze damals: »Mein ganzes Leben lang habe ich mich geweigert, ein Opfer zu sein: Ich werde nicht schweigen.«
Auf Instagram notierte sie: »Am Anfang habe ich beschlossen, mich nicht zu äußern, um die Hasser zu beruhigen, aber die Nachrichten, die ich erhalte, werden immer extremer. Und das nur, weil ich die Chance hatte, die Vielfalt meines Landes durch Kunst und Musik zu repräsentieren, zusammen mit anderen Künstlern und Interpreten, die ich bewundere.«
1981 in Paris geboren, wuchs Butch in ärmlichen Verhältnissen auf. Schon früh musste sie neben antisemitischen und homophoben Anfeindungen auch Mobbing aufgrund ihres korpulenten Körpers über sich ergehen lassen. Mit ihrer vierköpfigen Familie lebte sie zeitweise auf nur 35 Quadratmetern, ihre Eltern betrieben ein winziges Restaurant in der Nachbarschaft.
Die Begeisterung für Musik und Dancefloor war schon immer da, genau wie ihr ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Seit ihrer Jugend bewegte sie sich in der lesbischen Szene und setzte sich für LGBT-Rechte ein. Das war auch für ihre eher konservative Familie nicht leicht zu akzeptieren. Als DJ gelang ihr im Laufe der Jahre der Durchbruch, und mit ihrem Auftritt bei Olympia feierte sie ihren größten Erfolg. Ihr Künstlername ist eine Abwandlung von »Barbara Bush«, der Frau des einstigen US-Präsidenten. »Butch« steht im US-amerikanischen Slang für »maskulin«, insbesondere im lesbischen Kontext. Ihren bürgerlichen Namen hat sie nie preisgegeben, nur der Vorname Leslie ist bekannt.
Angriffe von links
Nun hat man sie erneut öffentlich zum Hassobjekt auserkoren – doch die Angriffe kommen diesmal von links. Und schon höhnt es aus rechtskonservativen Kreisen: »Wann kapiert sie endlich, dass der Antisemitismus aus ihrem eigenen Lager kommt?«
Was war passiert? Der regionale Ableger der Partei La France Insoumise (LFI) hatte mit einem antisemitischen Flugblatt, auf dem eine Regenbogenflagge mit Davidstern und viel Blut abgebildet war, bei einem öffentlichen Auftritt von Butch in Grenoble für pogromartige Zustände gesorgt. Die Musikveranstaltung musste nach zwanzig Minuten abgebrochen werden, weil ein Palästinafahnen-schwenkender Mob nicht nur aus Leibeskräften brüllte und bedrohlich gestikulierte, sondern auch Steine und Flaschen auf die Bühne warf, so dass die Sicherheit der DJ nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Die Vorsitzende der LFI-Fraktion, Mathilde Panot, verteidigte die Aktion später in einem Interview des Senders BFMTV und erklärte, sie sei nicht antisemitisch motiviert gewesen. Zugleich bezweifelte sie jegliche Gewaltanwendung. Man habe lediglich gegen eine Unterstützerin des »Genozids« in Gaza demonstriert.
Ins Fadenkreuz linker Antisemiten war Butch schon im März geraten, als sie mit ihrer Unterschrift ihre Unterstützung für einen Gesetzentwurf bekundete, der neue Formen des Antisemitismus berücksichtigen sollte. Kritiker befürchteten, der Entwurf schränke die Meinungsfreiheit ein und kriminalisiere Kritik an Israel. Der Entwurf wurde daraufhin zurückgezogen. Butch erklärte später selbst, sie habe nicht den gesamten Text gelesen und teile diese Befürchtungen. Der Kampf gegen Antisemitismus sei ihr jedoch wichtig und daher würde sie eine entsprechende Gesetzesinitiative, sollte sie von linken Parteien kommen, jederzeit unterstützen.
Doch dieser Rückzieher hat ihr nichts genützt. Es folgte ein weiterer Anwurf: Im Juni 2025, mitten im Gaza-Krieg, sei Butch in Israel aufgetreten. Damit sei sie zur Unterstützerin des »Völkermords« geworden. Butch erklärte dazu, sie sei vom französischen Botschafter in Israel, der ein guter Freund von ihr sei, zu einer privaten Party auf dessen Anwesen eingeladen worden. Etwa dreißig Gäste seien dort gewesen, man könne nicht von einem öffentlichen Auftritt sprechen. Doch auch diese Erklärungen nützten ihr nichts. Sie gilt nun in einigen linken Kreisen als »Genozid-Unterstützerin« und damit gewissermaßen als vogelfrei.
Tatsächlich – und nicht besonders verwunderlich – rechnet sich Butch selbst eher der Linken zu. Der Zeitung Libération schildert sie, dass sie den Gaza-Krieg schrecklich findet und überhaupt nicht versteht, wie man ihr unterstellen könne, kein Mitgefühl mit den Palästinensern zu haben. Mit Israel fühle sie sich verbunden, weil ein Teil ihrer Familie dort lebe. Die Familie ihres Vaters habe wegen antijüdischer Pogrome in der Nachkriegszeit aus Marokko fliehen müssen und dann in Israel Zuflucht gefunden.
Der Hass der LFI-Linken auf Butch lässt sich ganz offenkundig nicht auf irgendwelche Ansichten oder gar Taten zurückführen. Er speist sich einzig aus der Tatsache, dass sie eine Jüdin ist. Schon die reißerische Machart des Flugblatts ließ daran wenig Zweifel. Butch will nun gegen verschiedene Akteure Klage einreichen, so wie sie dies schon vor zwei Jahren teilweise mit Erfolg getan hat.
Jetzt stehen ihr manche derer zur Seite, die sie damals wegen ihrer provokanten Aufführung angegriffen haben, während andere, die ihr früher beistanden und sie als eine der ihren verteidigten, sie inzwischen des »Völkermords« zeihen. Es ist wie die Quadratur des Kreises. Rückhalt für sie scheint oft instrumentell zu sein und stets unter Vorbehalt zu stehen, denn vor allem in ihrer Eigenschaft als Jüdin könnte sie schon bei nächster Gelegenheit erneut zum Sündenbock erklärt werden.
