Katars Schattenkrieg gegen Israel

Hamas-Führer Khaled Mashal auf dem al-Jazeera-forum in Katar
Hamas-Führer Khaled Mashal auf dem al-Jazeera-forum in Katar (© Imago Images Anadolu Agency)

Katar führt keinen offenen Krieg gegen den jüdischen Staat, stärkt jedoch mit finanzieller Unterstützung, politischem Rückhalt und Propaganda dessen Gegner. Dohas wachsender regionaler Einfluss könnte zu einer strategischen Bedrohung für Israels Sicherheit werden.

Drei Jahre nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 ist der Krieg zwischen Israel und der Hamas noch immer nicht zu einem dauerhaften Ende gekommen. Obwohl die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) große Teile des Gazastreifens militärisch kontrollieren, ist die schwer bewaffnete palästinensische Terrororganisation nicht nur weiterhin präsent, sondern beansprucht immer noch politische Macht. Ihre auf die Beseitigung Israels ausgerichtete Ideologie lässt sich weder durch territoriale Verluste noch durch militärischen Druck allein beseitigen.

Der Hamas-Angriff zeigte zugleich, dass sie Israels Maßnahmen zur Grenzverteidigung überwinden und ein beispielloses Blutbad unter der Zivilbevölkerung des jüdischen Staates konnte. Dass die palästinensische Terrororganisation ihre militärischen Fähigkeiten über Jahre ausbauen konnte, hängt auch mit Unterstützung von außen zusammen – allen voran mit der Hilfe aus dem Iran, aber auch mit Katars politischer und finanzieller Rolle.

Die Doppelzüngigkeit Katars

Das reiche Emirat am Persischen Golf hat über Jahre hinweg Hilfsgelder für Gaza bereitgestellt, die politische Führung der Hamas beherbergt und sich zugleich als Vermittler zwischen Israel und der Terrororganisation präsentiert. Diese Doppelrolle wirft eine grundlegende sicherheitspolitische Frage auf: Kann ein Staat als neutraler Vermittler gelten, wenn er einer Organisation politischen Rückhalt gewährt, die Israel militärisch bekämpft? Darüber hinaus muss der jüdische Staat einschätzen, welche Gefahr von Akteuren ausgeht, die ihre Gegner nicht offen militärisch konfrontieren, sondern deren Handlungsmöglichkeiten indirekt stärken und sich zugleich diplomatisch engagieren.

Israels sicherheitspolitische Herausforderung reicht damit über die unmittelbare Kriegsführung im Gazastreifen hinaus. Seit der Staatsgründung setzt das Land auf die Abschreckung seiner Gegner, die frühzeitige Erkennung von Gefahren und die Fähigkeit, Bedrohungen wirksam zu begegnen.

Der erste Ministerpräsident Israels, David Ben-Gurion, legte dafür grundlegende Prinzipien fest. Menachem Begin führte diesen sicherheitspolitischen Ansatz 1981 weiter, als die IDF auf seine Anordnung hin den irakischen Atomreaktor Osirak bombardierten. Die nach Begin benannte Doktrin besagt, dass Israel nicht zulassen dürfe, dass feindliche Staaten, die seine Existenz bedrohen, in den Besitz von Atomwaffen gelangen. Im Zweifel sollte eine solche Gefahr bereits im Entstehen neutralisiert werden, bevor sie ein existenzielles Ausmaß erreicht.

Doch wie lässt sich dieser sicherheitspolitische Ansatz auch auf Katar übertragen? Das Emirat mit seinen drei Millionen Einwohnern – von denen lediglich knapp fünfzehn Prozent katarische Staatsbürger sind – stellt den jüdischen Staat nicht durch eine direkte militärische Konfrontation auf die Probe. Sein Einfluss beruht vielmehr auf finanziellen Ressourcen, politischen Beziehungen und seinen Verbindungen zur Hamas. Damit geht es um eine Form strategischer Einflussnahme, die nicht auf unmittelbarer militärischer Konfrontation beruht, sondern auf der Unterstützung und Stärkung eines bewaffneten Gegners. Für Israel stellt sich damit die Frage, wie es Katars Einfluss begrenzen kann, ohne wichtige diplomatische Kanäle aufzugeben.

»Die Hamas könnte ohne katarische Finanzierung weder im von ihr kontrollierten Küstenstreifen überleben noch ihre Kriege gegen Israel finanzieren«, sagt Boaz Itzhaki (Name geändert), ehemaliger Sicherheitsbeamter der israelischen Handelsvertretung in Doha – die 2009 infolge des damaligen Gazakrieges geschlossen wurde – und Unterhändler bei den Verhandlungen über die Freilassung der Hamas-Geiseln. »Einerseits unterstützt das Golfemirat Terrorgruppen und unterhält strategische und wirtschaftliche Beziehungen zum Iran. Andererseits präsentiert es sich in der internationalen Gemeinschaft als konstruktiver Faktor in der Region. Katar ist nicht Teil der Lösung, sondern verschärft das Problem.«

Doch die Rolle der kleinen Monarchie am Persischen Golf erschöpft sich nicht in der Finanzierung des Gazastreifens oder der Aufnahme der politischen Hamas-Führung. Das Emirat hat ein weitreichendes politisches Netzwerk aufgebaut, das ihm Zugang zu unterschiedlichen Akteuren und wichtigen diplomatischen Kanälen verschafft.

Itzhaki kennt das Land aus eigener Erfahrung. Der ehemalige Offizier des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet erläutert, wie Katar seine Beziehungen strategisch einsetzt und welche Folgen seine Doppelrolle für die Sicherheit des jüdischen Staates hat. »Katar nutzt seine Kontakte gezielt, um politischen Einfluss zu gewinnen. Die Vermittlung zwischen Konfliktparteien verschafft Doha zugleich internationale Sichtbarkeit und Zugang zu Verhandlungen, die für Israel von unmittelbarer Bedeutung sind. Für Jerusalem entsteht daraus ein sicherheitspolitisches Dilemma: Katar kann bei Verhandlungen über Geiseln und Waffenruhen eine wichtige Rolle spielen und zugleich einer Organisation wie Hamas politischen Zugang verschaffen. Israel muss deshalb einen Weg finden, seinen Einfluss zu begrenzen, ohne auf wichtige diplomatische Kanäle verzichten zu müssen.«

Risiken einer Konfrontation

Katars Einfluss auf den Konflikt erschließt sich erst, wenn man den Blick über den Gazastreifen hinaus richtet. Das Emirat verfolgt seit Jahren eine Außenpolitik, die auf den Austausch mit rivalisierenden Machtzentren setzt und ihm Zugang zu politischen Entscheidungsprozessen verschafft, die anderen Staaten verschlossen bleiben. Entscheidend ist nicht nur, mit welchen Akteuren Doha verhandelt, sondern auch, welchen politischen Nutzen das Emirat daraus zieht. Die Nähe zu rivalisierenden Kräften verschafft Katar Einfluss in der Region und stärkt zugleich seine Stellung als international gefragter Gesprächspartner. Diese Beziehungen ermöglichen dem kleinen Land, bei regionalen Verhandlungen eine Rolle zu spielen, die weit über seine geografische Größe hinausgeht.

»Durch die Beziehungen zur Hamas hat Katars Ruf erheblich gelitten«, sagt Yossi Mann vom Institut für Nahoststudien an der Bar-Ilan-Universität. »Dohas Verbindungen zum Massaker vom 7. Oktober sowie seine Unterstützung für die Terrororganisation haben das Bewusstsein für die Rolle der Monarchie geschärft. Wir können der Welt durchaus vermitteln, dass das Emirat eine Bedrohung darstellt: Das Land steht hinter der Muslimbruderschaft, unterhält Beziehungen zum Iran und hat den Islamischen Staat sowie andere problematische Akteure in der Region unterstützt. Jede Regierung, die mit Herausforderungen durch extremistische muslimische Bewegungen konfrontiert ist, sollte sich bewusst sein, dass Katar möglicherweise im Hintergrund die Fäden zieht.«

Der Nahostexperte sieht Israel vor einer grundsätzlichen strategischen Entscheidung. Sollte Jerusalem Katar offiziell als Feindstaat einstufen oder würde ein solcher Schritt seinen diplomatischen Handlungsspielraum eher einschränken?

Mann betont, dass der jüdische Staat auch die internationalen Folgen eines solchen Schrittes berücksichtigen müsse. Der Umgang der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit Al Jazeera könnte für Israel ein Anhaltspunkt sein: Wenn der Sender dort nicht tätig sein darf, muss Jerusalem auch den Umgang mit seiner Präsenz in Israel prüfen. Gleichzeitig warnt der Politologe davor, die Möglichkeiten einer politischen Isolierung Katars zu überschätzen. Das Land verfügt über finanzielle Mittel, Medienmacht und Einfluss auf religiöse Kräfte in der gesamten muslimischen Welt. Diese Kombination lässt sich nur schwer wirksam zurückdrängen. Damit geht es für den jüdischen Staat nicht nur um die Begrenzung von Katars Einfluss, sondern auch darum, welche politischen Mittel dafür überhaupt zur Verfügung stehen.

»Israel sollte darauf bestehen, dass Katar sich nicht nur auf seine Beziehungen zu den USA beruft, sondern auch an deren strategischen Zielen messen lässt«, fordert Mann. »Die VAE verfolgen beispielsweise gegenüber dem Iran eine andere Linie als Doha. Der Golf-Kooperationsrat hätte die Gelegenheit gehabt, geschlossen aufzutreten und ein gemeinsames Vorgehen gegen den Mullah-Staat zu signalisieren. Doch Katar und Oman tun das nicht, weil ihnen die gegenwärtige Lage entgegenkommt.«

Widersprüchliche Beziehungen

Der israelische Angriff auf Katar im September 2025 verdeutlichte die Risiken einer solchen Strategie. Der Versuch, die dort beherbergte Hamas-Führung auszuschalten, scheiterte und belastete zugleich das Verhältnis zu Washington. Statt Katars Stellung zu schwächen, rückten die Golfstaaten nach dem Angriff enger an das Emirat heran. Die Sorge, der jüdische Staat könnte künftig auch auf ihrem Territorium zuschlagen, stärkte Dohas Rückhalt in der Region und seine sicherheitspolitische Bindung an die USA. Zugleich drohte die Operation, Katars Position gegenüber Israel und seinen Nachbarn zu festigen.

Für Jerusalem kommt es deshalb darauf an, neben den Auswirkungen auf Hamas auch die Folgen für das Verhältnis zu Washington einzukalkulieren. Eine offizielle Einstufung von Katar als Feindstaat oder weitere Militärschläge gegen das Emirat könnten amerikanische Interessen berühren und Doha zusätzlichen Handlungsspielraum verschaffen. Israel muss deshalb abwägen, wie weit es gegen Katar vorgehen kann, ohne das Verhältnis zu Washington zu gefährden.

Hinzu kommen wirtschaftliche Verflechtungen, die dem öffentlichen Konflikt eine widersprüchliche Dimension verleihen. Israel ließ katarische Geldtransfers nach Gaza über Jahre zu, in der Hoffnung, eine Eskalation zu verhindern. Zugleich unterhielten beide Länder Geschäftsbeziehungen. Israelische Akteure spielten zudem eine wichtige Rolle beim Aufbau von Katars Diamantenhandel. Während Jerusalem die Unterstützung für Hamas kritisierte, blieben die wirtschaftlichen Kontakte zwischen beiden Seiten bestehen.

Auch die sogenannte Katargate-Affäre wirft Fragen nach möglichen Verbindungen zwischen den Zielen des Emirats und dem Umfeld von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu auf. Im Raum stehen Vorwürfe, wonach Mitarbeiter aus seinem Nahebereich gegen Bezahlung katarische Interessen vertreten und das Image des Emirats in Israel verbessert haben sollen. Die Vorwürfe sind von erwiesenen Tatsachen zu unterscheiden. Zugleich zeigt die Affäre den möglichen Widerspruch zwischen der öffentlichen Kritik an Doha und Verbindungen ins politische Umfeld Netanjahus.

Fokus auf internationale Aktivitäten

Darüber hinaus steht Al Jazeera wegen seiner Berichterstattung über den jüdischen Staat wiederholt in der Kritik, unter anderem wegen antisemitischer Darstellungen und einseitiger Propaganda. Israel muss deshalb nicht sofort zu einer formellen Einstufung Katars greifen, um politischen Druck auszuüben. Wo sich belastbar nachweisen lässt, dass katarische Gelder terroristischen Organisationen zugutekommen, könnten dokumentierte Belege genutzt werden, um gegenüber Washington konkrete Konsequenzen einzufordern. Ein solches Vorgehen wäre gezielter als militärische Drohgebärden und könnte wirksame politische Folgen für das Emirat nach sich ziehen, ohne ihm neue Bündnisse und zusätzliche Legitimität zu verschaffen.

»Eine offizielle Einstufung Katars als Terrorstaat könnte eine Dynamik auslösen, die weit über Israel hinausreicht«, erklärt Ariel Admoni, Experte für die Golfstaaten und Forscher an der Ariel-Universität. »Sie könnte auch in Washington jene Kräfte stärken, die Dohas Rolle zunehmend als sicherheitspolitische Bedrohung betrachten. Das katarische internationale Medienbüro von Al Jazeera in den USA bezog nicht selbst Stellung. Die Vorwürfe, das Land unterstütze den Terrorismus, wurden stattdessen von Katars Medienattaché in Washington vehement zurückgewiesen. Das Golfemirat ist sich bewusst, dass Israel international große Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Debatte über die Rolle der kleinen Monarchie und ihr Verhältnis zu Israel wird deshalb auch außerhalb der Region geführt.«

Für Admoni liegt der Ansatzpunkt in den konkreten Aktivitäten, mit denen Katar außerhalb seiner Grenzen politische Wirkung entfaltet. Nicht jede Verbindung hat dasselbe strategische Gewicht, und nicht jede Maßnahme muss auf internationaler Bühne ausgetragen werden, um spürbare Folgen zu haben. Gerade lokale Initiativen und einzelne Projekte können auf öffentlichen Druck, Reputationsverluste oder den Wegfall politischer Unterstützung empfindlich reagieren. Dafür braucht es genaue Kenntnisse der jeweiligen Strukturen und ein abgestimmtes Vorgehen, statt sich auf symbolische Gesten zu beschränken.

»Katar ist ein raffinierter Gegner; daher muss auch die Antwort gut abgestimmt sein«, betont Admoni. »Das Golfemirat verfolgt zahlreiche Interessen in vielen Ländern. Schon ein begrenzter Imageschaden oder das Ende einer lokalen Initiative kann die Verantwortlichen in Doha beunruhigen. Um den Kopf des Oktopusses ins Visier zu nehmen, sollte ein interministerielles Team gezielte, kleinteilige Maßnahmen entwickeln – sei es im wirtschaftlichen, medialen, nachrichtendienstlichen oder sicherheitspolitischen Bereich. Im Fall Katars sollte sich die kontinuierliche Arbeit darauf konzentrieren, die Fäuste an den Enden seiner Tentakel zu treffen.«

Langfristige Strategie gefordert

Israel muss aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre Konsequenzen ziehen und seine bisherigen Annahmen über den Umgang mit Katar überprüfen. Dabei gilt es, kurzfristige Entlastung nicht mit dauerhafter Sicherheit zu verwechseln. Zugleich muss Jerusalem seine politischen und sicherheitspolitischen Optionen so aufeinander abstimmen, dass es auf unterschiedliche Formen der Einflussnahme angemessen reagieren kann. Entscheidend wird sein, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu bewahren und zugleich dort entschlossen vorzugehen, wo konkrete Gefahren für Israels Sicherheit entstehen. So könnte der jüdische Staat Fehlentwicklungen früher erkennen und auf neue Bedrohungen rechtzeitig reagieren.

»Es geht nicht nur darum, was Katar getan hat, sondern auch darum, warum Israel so lange glaubte, mit finanziellen Zugeständnissen die Lage im Gazastreifen kontrollieren zu können«, sagt der Ex-Sicherheitsmitarbeiter Boaz Itzhaki. »Wir müssen bereit sein, die eigenen Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Wer die Strategie seines Gegners verstehen will, darf die eigenen Fehler nicht ausblenden.«

Aus dieser Kritik folgt jedoch nicht, dass Israel politisch resignieren muss. Vielmehr sollte das Land sicherheitspolitische Entschlossenheit mit diplomatischer Klugheit verbinden und seine Entscheidungen an ihren tatsächlichen Folgen messen. »Jerusalem kann es sich nicht leisten, seine Sicherheit von der Hoffnung abhängig zu machen, dass andere Akteure ihre Interessen irgendwann freiwillig mit den Interessen Israels in Einklang bringen werden«, mahnt Itzhaki. «Wir müssen unsere Entscheidungen an überprüfbaren Ergebnissen messen und daraus Konsequenzen ziehen. Eine Strategie, die kurzfristig bequem erscheint, kann langfristig einen hohen Preis haben.«

Katar: Dohas doppeltes Medienspiel

Von Ariel Admoni. Während des Irankriegs haben die katarischen Mediennetzwerke eine teheranfreundliche Berichterstattung verfolgt und Israel sowie die USA negativ dargestellt.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.