Syriens Schulbücher: Islamismus statt Nationalismus

Neue syrische Schulbücher offenbaren, welche Werte die neuen Machthaber Kindern vermitteln wollen. (© imago images/Anadolu Agency)
Neue syrische Schulbücher offenbaren, welche Werte die neuen Machthaber Kindern vermitteln wollen. (© imago images/Anadolu Agency)

In Syriens neuen Schulbüchern findet die sunnitisch-islamistische Ideologie der aktuellen Machthaber Niederschlag.

Nach dem Sturz Bashar al-Assads im Dezember 2024 stand Syrien vor der schwierigen Aufgabe, das von Jahrzehnten baathistischer Diktatur und den Jahren des blutigen Bürgerkriegs zugrunde gerichtete Land neu aufzubauen. Den neuen Machthabern wurde mit einiger Skepsis begegnet, und die war wohlbegründet: Immerhin war der neue Präsident, Ahmed al-Sharaa, einst Chef des syrischen Ablegers der dschihadistischen Terrororganisation al-Qaida. Viele fürchteten, dass Syrien sich unter al-Sharaa in Richtung eines islamistischen Systems entwickeln werde.

Das für ihre Forschung zu Schulbüchern bekannte Institute for Monitoring Peace and Cultural Tolerance in School Education (IMPACT-se) hat nun eine erste Analyse von 130 syrischen Schulbüchern des Unterrichtsjahres 2025–2026 vorgelegt, die es mit Lehrbüchern aus der Zeit der Assad-Diktatur verglichen hat. Zusammengefasst kann man sagen: In den neuen Schulbüchern wurde die ehemals propagierte Ideologie der Baath-Partei durch eine sunnitisch-islamistische Weltanschauung ersetzt.

Islamische Identität statt syrischem Nationalismus

Besonders deutlich zeige sich der Wandel bei der Vermittlung nationaler Identität. Während unter der Baath-Herrschaft ein säkular geprägter syrischer Patriotismus und der panarabische Nationalismus dominierten, rücke nun die Zugehörigkeit zur weltweiten muslimischen Gemeinschaft in den Vordergrund.

Die nationale Identität werde damit zunehmend einer übergeordneten religiösen Identität untergeordnet. Auch die Geschichtsschreibung werde entsprechend verändert. So werde der Große Arabische Aufstand von 1916 bis 1918 nicht mehr als nationale Befreiungsbewegung gegen die osmanische Herrschaft charakterisiert, sondern lediglich als Rebellion zur Loslösung vom Osmanischen Reich.

Parallel dazu würden die früheren Machthaber Hafez und Bashar al-Assad sowie der Personenkult um ihre Familie weitgehend aus den Schulbüchern entfernt. Die Assad-Herrschaft, die sich maßgeblich auf Angehörige der alawitischen Minderheit stützte, werde nun als korruptes und sektiererisches Regime dargestellt. Der Bürgerkrieg ab 2011 und der Umsturz von 2024 erscheinen dagegen als moralisch gerechtfertigter Kampf zur Wiederherstellung einer authentischen islamisch-arabischen Herrschaft.

Religion ersetzt Wissenschaft

Die Islamisierung beschränke sich laut der Untersuchung nicht nur auf den Religions- und Geschichtsunterricht, sondern betreffe auch naturwissenschaftliche Fächer. Die Vermittlung wissenschaftlich fundierten Wissens werde durch die Propagierung einer religiösen Weltanschauung ersetzt.

Wissenschaftliche Konzepte wie die Evolutionstheorie, der Urknall und die biologische Entwicklung würden demnach erheblich gekürzt oder vollständig gestrichen. An ihre Stelle träten religiöse Erklärungen, die Naturphänomene unmittelbar auf göttliches Wirken zurückführen. Das schlage sich beispielsweise darin nieder, dass, wo früher von einer »Gabe der Natur« gesprochen wurde, heute von einer »Gabe Allahs« gesprochen wird.

Minderheiten werden verdrängt

Besonders problematisch bewertet der Bericht den Umgang mit Syriens ethnischer und religiöser Vielfalt. Kurden, Turkmenen und Drusen kämen in den neuen Schulbüchern kaum noch vor. Historischen Persönlichkeiten aus diesen Gemeinschaften werde ihre ethnische Zugehörigkeit teilweise abgesprochen.

Ebenso würden religiöse Minderheiten marginalisiert. Das Christentum komme zwar noch vor, erscheine aber in einer eingeschränkten und rechtlich untergeordneten Stellung. Schiitische und alawitische Traditionen würden abgewertet.

Die Autoren der Analyse warnen davor, dass mit den neuen Schulbüchern bestehende konfessionelle Spannungen verstärkt werden könnten. Von dem von Präsident al-Sharaa insbesondere in der Zeit unmittelbar nach dem Sturz Assads hervorgehobenen Bekenntnis zu einer gemeinsamen syrischen Identität jenseits religiöser und ethnischer Grenzen sei in den Schulbüchern jedenfalls nicht mehr viel übriggeblieben.

Antisemitismus und Feindseligkeit gegenüber Israel

Besonders scharf kritisiert IMPACT-se die Darstellung von Juden und Israel. Jüdische Gemeinschaften würden laut der Studie wiederholt mit traditionellen religiösen Vorwürfen wie Verrat, Betrug und gebrochenen Bündnissen in Verbindung gebracht. Die jahrhundertelange Geschichte jüdischen Lebens in Syrien bleibe dagegen weitgehend unerwähnt.

Darüber hinaus würde Juden eine eigenständige nationale Identität abgesprochen. Israel erscheine in den Unterrichtsmaterialien ausschließlich als feindlicher Staat und werde mit Bezeichnungen wie »zionistische Entität« oder »Feind« beschrieben. Auf Landkarten sei Israel nicht zu finden.

In der Darstellung des Krieges von 1948 würden israelische Militäroperationen sogar mit den nationalsozialistischen Verbrechen an den Juden gleichgesetzt. Friedensabkommen mit Israel würden pauschal verurteilt.

Verherrlichung von Gewalt und Märtyrertum

Ein weiterer zentraler Kritikpunkt betrifft die Darstellung bewaffneter Gewalt. Nach den Erkenntnissen der Forscher werden militante Persönlichkeiten und gewaltsame Auseinandersetzungen in den neuen Schulbüchern teilweise idealisiert.

Insbesondere der palästinensische bewaffnete Widerstand werde als heroischer Kampf dargestellt. Dabei werden laut Bericht auch Raketenangriffe und Selbstmordattentate als Formen gerechtfertigter Verteidigung und höchsten Märtyrertums romantisiert.

Die Untersuchung warnt damit vor einer Erziehung, die religiös motivierte Gewalt legitimieren und Selbstaufopferung im bewaffneten Kampf als gesellschaftliches Ideal vermitteln könnte.

Frauen auf traditionelle Rollen reduziert

Auch bei der Gleichstellung der Geschlechter diagnostizieren die Forscher einen deutlichen Rückschritt. Verweise auf die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen seien aus den Unterrichtsmaterialien gestrichen worden. Frauen würden nun vor allem in ihrer Rolle als Ehefrauen und Mütter dargestellt, wobei Gehorsam und familiäre Pflichten im Vordergrund stünden.

Die Veränderungen beträfen auch die Illustrationen. Abbildungen von Frauen und Mädchen seien teilweise nachträglich mit islamischen Kopfbedeckungen versehen worden. Darüber hinaus enthielten die Lehrbücher Passagen, die eine besonders strenge Verschleierung einschließlich der Burka befürworten.

Nach Einschätzung von IMPACT-se wird damit ein Gesellschaftsmodell vermittelt, das die öffentliche Rolle von Frauen einschränkt und traditionelle Geschlechterhierarchien festigt.

Vom Baathismus zum Islam

Die Untersuchung zeichnet insgesamt das Bild eines Bildungssystems, das zwar mit der Ideologie des gestürzten Assad-Regimes bricht, aber nicht zu einer pluralistischen und säkularen Orientierung findet. Für IMPACT-se-Geschäftsführer Marcus Sheff zeigen die Schulbücher »einen sehr besorgniserregenden Wechsel von einem schädlichen ideologischen Rahmen zu einem anderen.«

Marginalisierung von religiösen und ethnischen Minderheiten sowie Frauen, Verherrlichung von religiös motiviertem Kampf, antisemitische Darstellungen von Juden und Ablehnung von Friedensprozessen mit Israel: All das sind für Sheff besorgniserregende Inhalte, die im neuen Syrien staatlicherseits vermittelt werden. »Dieser Bericht sollte bei internationalen Entscheidungsträgern, die darauf hoffen, dass Syrien sich zu einem Partner beim Aufbau eines friedlichen und prosperierenden Nahen Ostens entwickelt, ernsthafte Bedenken wecken«, so Sheff.

Syrien ist auf ausländische Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes angewiesen. Sheff zufolge sollte dies auf ausländische Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes angewiesen ist, sollte Sheff zufolge als Möglichkeit verstanden werden, Einfluss auf die Gestaltung der neuen Lehrpläne zu nehmen.

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