Randale, brennende Barrikaden, Übergriffe auf Polizei: Das, was Meden verharmlosend als »Bildungsfrust« abtun, entlädt sich in Frankreich und auf Europas Straßen als massive kriminelle Gewalt und roher Judenhass.
Wenn auf den Boulevards von Paris, Marseille oder Lyon Barrikaden brennen, gehört das zur Folklore einer Republik, die das Aufbegehren seit jeher in ihrer DNS trägt. Doch was sich derzeit unter dem Deckmantel der Schülerstreiks vollzieht, sprengt zunehmend den zivilisatorischen Rahmen. Schüler blockieren seit einem Monat mehr als zweihundert Gymnasien, aber es bleibt nicht beim Protest. Denn die Jugendlichen skandieren israelfeindliche Schlachtparolen und randalieren ungeniert.
Dieser Nexus zwischen schulischen Protesten und Gaza offenbart eine brandgefährliche Radikalisierung. Ein vorgebliches politisches Mitgefühl kippt nahtlos um in blinden Hass und gezielte Gewalt. Dass dieser Exzess im Herzen Europas als vermeintliche »Solidarität« kaschiert wird, ist zutiefst verwerflich und durch nichts zu rechtfertigen.
Die Ursachen liegen offen zutage, machen die Tat aber keineswegs entschuldbarer. Die ohnehin explosive Stimmung an den Schulen – genährt durch Lehrermangel, desolate Infrastrukturen und Zukunftsängste – wird von extremistischen Agitatoren gezielt instrumentalisiert. Sie tragen den Nahostkonflikt als emotionales Ventil in die Pausenhöfe, und projizieren ihn ungefiltert auf französische Straßen. Ein Unmut über das Bildungssystem wandelt sich so rasend schnell in stumpfe, ideologische Aggression und schlussendlich in gezielten, feigen Antisemitismus gegen jüdische Mitbürger.
Greta Thunberg, Palästina-Aktivistin und Pionierin der freitäglichen Schülerstreiks in Schweden, meldete sich zu Wort: Anstatt die Mobgewalt zu verurteilen, beklagte sie, die französische Polizei sei bereit, »Kindern wehzutun«. Das kolportierte sie direkt an den Barrikaden im Pariser Vorort Saint-Denis – und zwar knapp eine Woche nach ihrem Berliner Auftritt, wo sie an einer antiisraelischen Demonstration zum dritten Jahrestag des Hamas-Terrorangriffs teilgenommen hatte.
Was das mit dem jetzigen Streit über die Linke zu tun hat? Es offenbart eine fatale kognitive Dissoanz: Auf der einen Seite begrüßt man freudig alles, was das westliche, kapitalistische System infrage stellt, während man gleichzeitig alle Warnzeichen über die autoritäre und gewalttätige Natur der Intifada in den Wind schlägt. Die gezielte Steuerung dieser Protestszenen entlarvt die ideologische Blindheit einer Bewegung, die im Namen der Befreiung bereit ist, reaktive Gewalt zu legitimieren.
Schule machen in Berlin
Dass dies kein rein französisches Phänomen ist, zeigte sich erst vor ein paar Tagen in Berlin: Auch hier gab es einen Schülerstreik mit Intifada-Aufrufen, Ausschreitungen und 45-jährigen Demonstranten, die keine Lehrkräfte waren. Es wachsen massive Sorgen über die Steuerung dieser Demonstrationen durch externe, radikale Kräfte. Konkret betraf dies etwa das Berliner Andreas-Gymnasium in Friedrichshain, wo die zentrale Blockade stattfand. Die Eingänge wurden mit entwendeten Mülltonnen aus der Nachbarschaft verbarrikadiert. Die Polizei musste jüngere Schüler der 5. und 6. Klasse über Nebeneingänge herausholen.
Ausgerechnet bei dem vermeintlichen »Friedensprotest gegen die Wehrpflicht« vor dem Andreas-Gymnasium offenbarte sich der rohe Charakter dieser Mobilisierung. Ein 17-jähriger, schulfremder Agitator rammte einer 67-jährigen Anwohnerin rücksichtslos eine Mülltonne in den Bauch, um Barrikaden zu errichten. Das Opfer: eine Seniorin, die sich gerade erst von einer Operation erholte. Während die Polizei den Täter wegen Körperverletzung festnahm, entlarvt dieser Exzess die hässliche Doppelmoral der Bewegung: Es kam zu Rufen wie »Viva, viva, Palästina«, dem Schwenken von Palästina-Flaggen sowie zu Rangeleien mit der Polizei und Festnahmen, gefolgt von einem Protestzug zur nahegelegenen Ellen-Key-Schule.
Am selben Tag gab es vor dem Leibniz-Gymnasium in Kreuzberg Spontanversammlungen und Blockadeversuche vor den Zugängen. Bereits zuvor wurde das Französische Gymnasium in Mitte/Tiergarten als erste Schule in Deutschland blockiert – explizit in Solidarität mit den massiven Schulstreiks in Frankreich. Die Berliner Polizei sowie die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bestätigten ausdrücklich, dass sich im Laufe der Aktionen zahlreiche schulfremde, vermummte und erwachsene Aktivisten, teils über vierzig Jahre alt, aus dem linksradikalen Spektrum unter die Jugendlichen gemischt und das Versammlungsgeschehen strategisch übernommen haben.
Das Zerstückeln der Realität
Vor diesem Hintergrund erlebt Europa eine düstere Regression, die an Arno Schmidts Zettels Traum (1970) erinnert: als Metapher für ein radikales, chaotisches Zerstückeln der Realität. Wie der avantgardistische Schriftsteller die Sprache in Tausende Zettel zerlegte, so zerreißen die Randalierer und ihre Einflüsterer die gesellschaftliche Ordnung. Sie setzen die Bausteine der Wirklichkeit gewaltsam neu zusammen und schaffen ein unüberschaubares Chaos, in dem die Grenze zwischen Protest und purem Hass vollkommen verwischt wird.
Umso störender ist die Realitätsverweigerung vieler Medien. Auf die Frage nach den Beweggründen der Proteste in Frankreich antwortete das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) just am 17. Oktober 2026: Es gehe um »hohe Lebenshaltungskosten, geringe Gehälter, Missstände an Schulen«. Benzin, Lebensmittel und Energie seien teurer geworden, und die Jugend habe die schlechte Ausstattung ihrer Schulen satt.
Die ergänzende Klage des ZDF, die Landwirtschaft habe mit den Folgen eines Dürresommers zu kämpfen, ist Wasser auf die Mühlen derer, die die Intifada als Medium der Klima- und Kapitalismuskritik adeln möchten. Während jüdische Geschäfte in Brand gesetzt werden, sorgt sich das ZDF darum, ob sich der landesweite »Gelbwestenprotest« gegen Benzinsteuererhöhungen (2018–2019) erneut formiere. Die Beschränkung der Berichterstattung auf das Wirtschaftliche geht vollkommen an der Weltgeschichte vorbei.
Parteien wie La France insoumise (LFI) unter dem für seine antiisraelische Haltung bekannten Jean-Luc Mélenchon sowie trotzkistische Gruppen wie Révolution permanente befeuern diese Dynamik, um die Wut der Jugend politisch zu kanalisieren. Israels Botschafter in Belgien und Luxemburg, Davis Saranga, warnt vor der Red-Green-Alliance aus westlichen Progressiven und radikalen Islamisten.
Auch in den USA solidarisieren sich linke Netzwerke und Aktivisten im Zuge einer fortschreitenden Intifadisierung des Protests mit den Akteuren der aktuellen Unruhen in Frankreich. Der amerikanische Unternehmer, Philanthrop und Mitbesitzer des Baseballteams Miami Marlins, Ari Ackerman, nutzt seine Social-Media-Reichweite als prominenter Aktivist gegen Judenhass. In einem Video schlägt er nun Alarm:
Schatten der Vergangenheit
Man muss es ohne falsche Rücksichtsausnahme aussprechen: Diese Exzesse haben nicht das Geringste mit den Idealen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu tun. Sie gleichen keinem historischen Aufbegehren für universalistische Menschenrechte, sondern tragen vielmehr die unübersehbaren, hässlichen Züge der völkisch-totalitären Straßengewalt der 1930er-Jahre.
Juden in Paris, Berlin und in ganz Europa müssen heute wieder in existenzieller Angst leben. Wenn Synagogen attackiert, Davidsterne an Häuserwände geschmiert und jüdische Bürger auf offener Straße drangsaliert werden, zeigt sich kein politisches Engagement, sondern ein historischer Rückfall. Wenn jüdische Menschen im Herzen Europas um ihr Leben bangen müssen, schlägt die Stunde der Schande für das Klassenzimmer unseres Kontinents.
Es kursieren Vermutungen, wonach die Randalierer in Paris gezielt jüdische Geschäfte und Einrichtungen ins Visier genommen hätten. Fakt ist: Vor mindestens einer Synagoge machten die Unruhen keinen Halt. Bei einem Einbruch im 19. Arrondissement wurde das temporäre Zentrum der Ohalei-Yaakov-Gemeinde verwüstet.
