Ein bizarres Dokument: Mamdanis Strategiepapier zur Bekämpfung des Antisemitismus

Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani
Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani (© Imago Images / The Mega Agency)

Das Office to Combat Antisemitism des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani will etwas bekämpfen, von dem es nicht erklärt, was es eigentlich sein und wie es aussehen soll.

Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani hat am 29. September 2026 das Papier »Strategy to Combat Antisemitism« vorgestellt. Es soll eine kommunale Strategie gegen Antisemitismus sein und wurde vom Mayor’s Office to Combat Antisemitism erarbeitet. Herausgekommen ist ein Dokument der Selbstreklame. Der Name »Mamdani« taucht auf den 35 Seiten 104 Mal auf, die Hamas kein einziges Mal. Von wem Antisemitismus ausgeht und wie er sich äußert, bleibt im Dunkeln. Mit Israel soll er nichts zu tun haben.

Versprochen wird: Prävention judenfeindlicher Gewalt, Bekämpfung antisemitischer Vorfälle einschließlich digitaler Formen, Bildung über jüdische Geschichte und den Holocaust, Unterstützung von Betroffenen, Schutz jüdischer Einrichtungen, regelmäßiger Austausch mit unterschiedlichen jüdischen Gruppen sowie Förderung jüdischer Kultur. Konkret sind unter anderem 6,4 Millionen Dollar für »Partners Against the Hate«, eine Million Dollar für die physische Sicherung von Synagogen und anderen Gotteshäusern sowie Investitionen in Holocaust- und jüdische Kulturprojekte vorgesehen.

Keine Definition von Antisemitismus

Das Papier legt keine verbindliche Definition von Judenhass zugrunde und behandelt keinen Antisemitismus mit Israelbezug, obwohl dieser die heute vorherrschende Form des Antisemitismus darstellt. Israel und der Nahe Osten werden an keiner Stelle thematisiert. Der Staat Israel wird nur erwähnt, wo es heißt, New York beherberge »die größte jüdische Gemeinde aller Städte weltweit außerhalb Israels«.

Über Definitionen von Antisemitismus erfährt man, dass es deren »viele« gebe und »unter Wissenschaftlern, Gemeindemitgliedern und Führungspersönlichkeiten der Gemeinschaft« »keine Einigkeit« darüber bestehe, »was Antisemitismus ausmacht. Niemand weiß also, was eigentlich Antisemitismus ist. Das sei aber auch nicht nötig: »New York City kann und wird alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen, ohne dafür eine Definition dieser spezifischen Form von Hass übernehmen zu müssen.« »Die Einführung einer einzigen Definition« sei »weder notwendig noch sinnvoll«. Nicht sinnvoll, wenn es darum geht, Antisemiten zu schützen?

Wenn jüdische Studenten in New York erklären müssen, »keine Zionisten« zu sein, um Studentenvereinigungen beizutreten, oder wenn sie als »Genozid-Unterstützer« verleumdet werden, dann ist das kein Antisemitismus, wenn es nach der Stadt New York geht. Wenn die jüdische Columbia-Studentin Noa Fay berichtet, dass der Standort ihres Zimmers auf Sidechat – Columbias anonymer Social-Media-Plattform – veröffentlicht wurde, seither ihre Pinnwände und Whiteboards »ständig beschädigt wurden« und »Leute mitten in der Nacht gegen meine Tür hämmerten«, interessiert das in der Mamdani-Administration niemanden.

Mamdani erkennt das Recht Israels, als jüdischer Staat zu existieren, ausdrücklich nicht an. Was sollte er gegen Leute haben, die von jüdischen Studenten verlangen, sich von Israel zu distanzieren?

Er wiederum distanziert sich keineswegs von Forderungen nach einer »Globalisierung der Intifada«. Bei der »zweiten Intifada« zwischen 2000 und 2005 wurden über tausend Israelis ermordet. Sie richtete sich gezielt gegen Zivilisten, darunter Babys, Kinder und Senioren. Mamdani sagt, der Begriff »Intifada« sei ein »Schlachtruf für die Befreiung«. Der Bürgermeister ist damit selbst mit das größte Antisemitismus-Problem der Stadt New York – da ist kaum zu erwarten, dass er Antisemitismus wirklich bekämpfen wird.

Womit beschäftigt sich der Bericht dann eigentlich? Nun, es ist nicht so, als gäbe es den alten Antisemitismus im Stil des Ku-Klux-Klans nicht mehr – aber es ist gewiss nicht der vorherrschende. Um ihn allein aber geht es in dem Bericht. Als Beispiele für aktuellen Antisemitismus werden folgende genannt:

»Im Jahr 2017 skandierten weiße Nationalisten, die die rassistische Theorie des ›Großen Austauschs‹ vertraten, in Charlottesville (Virginia) den berüchtigten Slogan ›Juden werden uns nicht ersetzen‹. Ein Schütze, der sich der Theorie des ›Großen Austauschs‹ verschrieben hatte, verübte 2018 in der Synagoge ›Tree of Life‹ den tödlichsten Anschlag auf die jüdische Gemeinschaft in der Geschichte der USA. Ein weiterer Schütze, der sich mit der Verschwörungstheorie vom ›Genozid an den Weißen‹ identifizierte, verübte 2019 einen Amoklauf im Chabad-Zentrum von Poway – nur einen Monat, nachdem er versucht hatte, eine örtliche Moschee niederzubrennen.«

2017, 2018, 2019 – es ist, als wären die Beispiele aus einem alten Buch abgeschrieben worden.

Was ist mit dem 7. Oktober?

Der 7. Oktober 2023 taucht als Datum zweimal auf, aber nur nebenbei. So heißt es im Vorwort, »antisemitische Straftaten, die seit dem 7. Oktober 2023 zugenommen haben«, seien »zu einer erschreckenden Alltäglichkeit geworden«. »Was die Kriminalitätsstatistiken betrifft«, so zeigten »Daten des FBI und des NYPD, dass es nach dem 7. Oktober 2023 einen deutlichen Anstieg antisemitischer Straftaten gab«.

Was aber am 7. Oktober passiert ist, erfährt der Leser nicht. Warum hat der Antisemitismus seither zugenommen? Es bleibt rätselhaft – weil eben jener Antisemitismus, der zugenommen hat (und das ist in New York City gewiss nicht in erster Linie der von »weißen Nationalisten«), nicht genannt werden darf. Damit wird die »Strategie« zu einem bizarren Dokument. Bekämpft werden soll etwas, von dem man nicht erfährt, wie es aussieht.

Die Hamas und die Massaker, Entführungen und Vergewaltigungen des 7. Oktober bleiben unerwähnt. Die Pro-Hamas-Demonstrationen in den USA werden verschwiegen. Konkrete antisemitische Verbrechen in New York City werden unter den Teppich gekehrt. Kein Wort über Angriffe auf jüdische Studenten an der Columbia University oder über die koordinierten Farbanschläge und Sachbeschädigungen, die sich gegen die New Yorker Häuser der jüdischen Direktorin des Brooklyn Museums und dreier anderer Museumsleiter richteten.

Im Juni 2024 demonstrierte ein Mob mit Hamas- und Hisbollah-Flaggen und bengalischen Feuern gegen die Gedenkausstellung »06:29 AM – The Moment Music Stood Still« für die Opfer des Nova-Festival-Massakers. Der damalige New Yorker Bürgermeister Eric Adams verurteilte die Proteste. Sein Nachfolger vertuscht sie. Mamdanis Ehefrau Rama Duwaji unterstützt die Massaker des 7. Oktober in den sozialen Medien. Wenn Mamdani wirklich den »Hass« bekämpfen wolle, wie es in dem Papier heißt, könnte er an seinem Küchentisch anfangen.

Besteht Antisemitismus nur aus Zahlen?

Der Antisemitismus hat in dem Dokument kein Gesicht, keinen Namen, keine konkrete Erscheinung. Er besteht nur aus Zahlen. Die Berichte des American Jewish Committee (AJC) über Antisemitismus werden selektiv zitiert. Man erfährt etwa, dass 93 Prozent der jüdischen Amerikaner Antisemitismus laut einer Umfrage im Auftrag des AJC für »ein Problem« halten, dazu viele weitere Statistiken aus Meinungsumfragen. Aber alles, was mit der Hamas, Israel, Antisemitismus an US-Universitäten oder der Boykottkampagne BDS zu tun hat – und ein beträchtlicher Teil der Öffentlichkeitsarbeit des AJC beschäftigt sich damit –, wird ausgeblendet.

Die Links zur AJC-Website sind also eine Irreführung. Scheinbar bezieht sich der Bericht auf das AJC (Zitat: »Diesen allgemeinen Eindruck eines zunehmenden Antisemitismus bestätigte auch das American Jewish Committee …«), während in Wahrheit der überwiegende Teil von dessen Erkenntnissen und Bewertungen bewusst ignoriert wird, weil er nicht zu den ideologischen Vorgaben einer Kommission passt, deren Vorgesetzter Zohran Mamdani ist.

Das Ergebnis ist eine Verzerrung. In den Fußnoten wird siebenmal auf Online-Dokumente des AJC verwiesen; etliche Umfrageergebnisse werden zitiert – nicht aber jene Erhebung von 2025, wonach 38 Prozent der befragten jüdischen Studenten es vermeiden, ihre Ansicht zu Israel zu äußern, eine Zahl, die auf 68 Prozent unter jenen steigt, die Antisemitismus erfahren haben. Das darf nicht zitiert werden, weil Antisemitismus unter der Mamdani-Administration nichts mit Israel zu tun haben darf. Zur Erinnerung: Als ein Mob gegen eine Synagoge demonstrierte, gab Mamdani den Juden die Schuld, weil in der Synagoge eine Informationsveranstaltung zur Alija stattgefunden hatte. Damit, so Mamdani, habe die Synagoge gegen »internationales Recht« verstoßen.

Der Bericht ist blanker Hohn. Er gibt vor, sich mit dem gegenwärtigen Antisemitismus zu befassen, nennt dann aber lieber antisemitische Vorfälle aus dem letzten Jahrzehnt, weil da die Täter besser passen. Weiße Nationalisten als Täter: Das geht. Hamas-Anhänger als Täter: Das geht nicht. Es ist, als würde Mamdani einen Bericht über die Tierwelt im New Yorker Central Park in Auftrag geben und dabei dekretieren, welche Tiere erwähnt werden dürfen und welche nicht. »Nennt die Schildkröten, aber nicht die Frösche. Schreibt über die Waschbären, aber kein Wort über die Stinktiere.«

Die Absurdität des Berichts spiegeln auch die Illustrationen wider. Er enthält nicht weniger als vier Fotografien von Zohran Mamdani: Mamdani bei einer Rede. Mamdani umarmt einen Mann mit Kippa. Mamdani mit gefalteten Händen beim Besuch des Kupferberg Holocaust Centers. Mamdani bei einer anderen Rede. Ein Personenkult um einen politischen Führer der USA, der wie kein zweiter den Antisemitismus anheizt – wie zuletzt auch mit seiner Ankündigung, er werde den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verhaften, wenn dieser nach New York komme.

Geradezu absurd wirken die historischen Schwarz-Weiß-Fotografien, mit denen das Thema Antisemitismus bebildert ist. Auf Seite 22 ist ein Foto einer koscheren Metzgerei von 1937. Auf der Schaufensterscheibe ist hebräische Schrift, durch das Glas sieht man das halb verdeckte Gesicht eines Mannes. Im Schaufenster hängen tote Hühner mit den Köpfen nach unten. Auf Seite 13 sieht man das historische Foto eines Krämers, der Männern mit Hüten auf der Straße Waren anbietet, die auf zwei Karren lagern. Mehr Klischee über Juden geht nicht. Würde die Stadt New York eine Schrift über antikatholisches Ressentiment mit alten Fotos bebildern, die ein italienisches Delikatessengeschäft mit Salamis zeigen oder einen Schuhputzer in Little Italy?

Die Menschen auf diesen Schwarz-Weiß-Fotos sind höchstwahrscheinlich alle tot. Ist das eine angemessene Art, jüdisches Leben in New York zu zeigen? Die aktuellen Farbfotos der Broschüre zeigen allesamt Zohran Mamdani. Ihn zu verherrlichen – darum geht es. »Bürgermeister Mamdani wird weiterhin jüdische kulturelle, historische und religiöse Stätten besuchen und seine Plattform nutzen, um auf diese Orte aufmerksam zu machen«, erfährt man. Jüdische Stätten benötigen also Mamdani, weil sonst kein Mensch von ihrer Existenz erfahren würde? Welch eine Hybris.

»Sagt nicht ›Juden‹, sagt ›Zionisten‹«

Wie will man Antisemitismus bekämpfen, wenn man nicht wissen will, wie er aussieht? Mamdani will ja gar nicht, dass etwas gegen die Antisemiten unternommen wird, die seine Freunde sind – er will sie decken. Wann immer das Zauberwort »Zionisten« fällt, ist es angeblich kein Antisemitismus. Darum kommen auch die Begriffe »Zionisten«, »Zionismus« und »Antizionismus« im gesamten Text nicht vor, ebenso wenig wie »Israel«. Jedes dieser Wörter sorgt dafür, dass man nicht von »Antisemitismus« sprechen kann, wenn es im Spiel ist.

Vom „Verstehen jüdischer Erfahrungen« ist die Rede. Wie wollen die Autoren sie verstehen, wenn es ihnen egal ist, wenn jüdische Studenten von Hamas-Unterstützern bedroht und geschlagen werden? Dass der Antisemitismus jedes Mal überkocht, wenn Israel in den Nachrichten ist?

Der heutige Antisemitismus kleidet sich in das Gewand des »Antizionismus«. Im März 2023 verurteilte das Bundesbezirksgericht in Manhattan Saadah Masoud zu achtzehn Monaten Haft. Er hatte zwischen 2021 und 2022 mehrfach auf der Straße Juden geschlagen, die Israelflaggen trugen oder an Pro-Israel-Veranstaltungen teilnahmen.

In einem Chat schrieb er: »Gewalttätig!! Nur Gewalt … In Palästina wünschen sie sich, sie könnten einem Zionisten eine klatschen, ohne zu Tode gefoltert zu werden. Wir können das aber!!« Aus den Gerichtsakten geht hervor: Masoud griff in Manhattan ein Opfer an, das eine israelische Flagge trug. Er und ein Mittäter griffen in Brooklyn jemanden an, der traditionell mit dem Judentum in Verbindung gebrachte Kleidung trug – darunter eine Kippa –, während das Opfer vor seinem eigenen Wohnhaus saß. In Manhattan griff Massoud ein Opfer an, das eine Halskette mit einem Davidstern trug.

Im Prozess behaupteten seine Anwälte, er habe drei unschuldige amerikanische Juden nicht etwa darum angegriffen, weil er Antisemit ist, sondern weil er »soziale und politische Ziele in Bezug auf Palästina voranbringen« wollte. Dieses Argument fiel in sich zusammen, als die Anklage seine Chatverläufe vorlegte; darin hatte er seine Komplizen angewiesen: »Denkt dran: Sagt nicht ›Juden‹, sagt ›Zionisten‹!« Als es der Polizei nach langen Ermittlungen schließlich gelang, ihn zu verhaften, sagte er zu dem Beamten: »Das alles wegen eines Juden?«

Masoud taucht in der »Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus« der Stadt New York nicht auf – anders als die weißen Nationalisten von Charlottesville 2017. Aus Mamdanis Sicht ist Masoud ja sicherlich auch kein Antisemit. Schließlich ist er »für Palästina«.

Zohran Mamdani: Der Eklat und der Erlöser-Mythos

Dass New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu zur Persona non grata im Big Apple erklärte, war eine Geste, die judenfeindliche Ressentiments schürt.

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