»NAZA«: IDF weisen zentrale Behauptungen des Films zurück

»We are NAZA too«: Auch europäische Filmfans fühlen sich als Kollateralschaden Israels
»We are NAZA too«: Auch europäische Filmfans fühlen sich als Kollateralschaden Israels (© Imago Images / Europa Press)

Der Dokumentarfilm »NAZA« stelle die Verfahren zur Zielauswahl, den Einsatz künstlicher Intelligenz und die Bemühungen zur Minimierung ziviler Opfer falsch dar, erklärte das israelische Militär.

Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) veröffentlichten am Donnerstag eine ausführliche Gegendarstellung zu den Behauptungen in dem Dokumentarfilm »NAZA«. Darin warfen den Filmemachern vor, eine »verzerrte, irreführende und unaufrichtige« Darstellung davon zu liefern, wie das Militär Ziele im Gazastreifen auswählt und angreift.

»NAZA« enthält anonyme Aussagen von 24 Angehörigen des israelischen Militärs und der Geheimdienste. In ihrem Werk legen die Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor nahe, die IDF hätten Nachrichtensysteme und künstliche Intelligenz in einer Weise eingesetzt, die zum Tod von Zivilisten im Gazastreifen beigetragen habe. Die im Film Befragten behaupten zudem, das Militär habe bewusst Zivilisten ins Visier genommen und bei Angriffen auf Terroristen eine große Zahl ziviler Opfer in Kauf genommen. Der von der britischen Zeitung Guardian produzierte Film wurde bei den Filmfestspielen von Venedig mit einem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet.

Erhebliche sachliche Fehler

Die IDF wiesen diese Vorwürfe zurück und erklärten, dass die Darstellung des Films »auf erheblichen sachlichen Fehlern beruht, die auf manipulative Falschdarstellungen der Realität zurückzuführen sind«. Nach Angaben des Militärs unterscheiden verbindliche Richtlinien der IDF zwischen Terroristen und unbeteiligten Zivilisten. Sie verbieten das gezielte Angreifen von Zivilisten und verpflichten Kommandeure, das Risiko von zivilen Opfern so weit wie möglich zu minimieren.

Die IDF erklärten weiter, im Gegensatz zu den im Film erhobenen Vorwürfen hätten sie niemals einen Angriff im Gazastreifen geplant, genehmigt oder durchgeführt, bei dem mit dem Tod von 500 Zivilisten oder einer annähernd so hohen Zahl gerechnet worden wäre. Zudem wies das Militär Behauptungen zurück, dass Algorithmen eigenständig Angriffsziele auswählten. »Künstliche Intelligenz hat in der IDF noch nie eigenständig Angriffsziele ausgewählt.« Nach IDF-Angaben identifizieren autorisierte Geheimdienstoffiziere potenzielle Ziele, entsprechende Fachleute planen die Angriffe, und die Einsatzkommandeure treffen die endgültige Entscheidung darüber, ob ein Angriff durchgeführt wird.

Das Militär widersprach zudem der im Film gemachten Darstellung von »Lavender«, einem vom israelischen Geheimdienst genutzten und durch künstliche Intelligenz unterstützten System. »›Lavender‹ ist keine Datenbank mit zum Abschuss freigegebenen Zielen, sondern eine Datenbank, die Geheimdienstanalysten unterstützt.«

Ferner bestritten die israelischen Streitkräfte, dass ihre Richtlinien automatische Schwellenwerte für zivile Opfer festlegen. Dies bezog sich etwa auf die im Film gemachte Behauptung, dass Angriffe auf rangniedrige Terroristen automatisch genehmigt werden könnten, wenn zwanzig Zivilisten gefährdet seien, oder dass bei einem Angriff auf einen hochrangigen Kommandeur zweihundert Zivilisten in Gefahr geraten könnten. Auch wurde die Behauptung zurückgewiesen, dass es den IDF-Truppen freistehe, anzugreifen, ohne Rücksicht auf diejenigen Zivilisten zu nehmen, die den zuvor erfolgten israelischen Aufforderungen zur Evakuierung eines Gebiets nicht Folge geleistet haben. Die Kalkulation möglicher ziviler Opfer und die Einschätzung der Verhältnismäßigkeit eines Angriffs seien auch nach Erlass von Evakuierungswarnungen noch Teil des Zielauswahlprozesses.

Die IDF wiesen auch die Behauptungen zurück, sie hätten verabsäumt, die Folgen von Angriffen zu untersuchen. Das Militär erklärte, es habe während des Gazakriegs Hunderte von Vorfällen überprüft, darunter auch Fälle mit unbeabsichtigten zivilen Opfern, um festzustellen, was geschehen sei, und operative Lehren daraus zu ziehen. Es räumte ein, dass es bei komplexen Kampfhandlungen zu Fehlern gekommen sei, und erklärte, mutmaßliche Verstöße gegen israelisches oder internationales Recht würden untersucht und könnten, sofern gerechtfertigt, zu Disziplinarmaßnahmen oder strafrechtlichen Ermittlungen führen.

Mangelnde Kenntnisse

Einer der grundlegenden Mängel von »NAZA« ist nach den Angaben des israelischen Militärs, dass er sich auf Geheimdienstmitarbeiter stützte, die nur mit einem Teil des Zielauswahlprozesses vertraut sind. Die Befragten, die angaben, in nachrichtendienstlichen Funktionen gedient zu haben, „beziehen sich in der Regel nur auf begrenzte, erste Phasen der Nachrichtenauswertung und nicht auf den weitaus umfassenderen Prozess der Planung und Genehmigung von Angriffen«, heißt es in der IDF-Erklärung.

Der Film blende die Rolle von Einsatzplanern, Spezialisten für die Minimierung ziviler Schäden, Rechtsberatern und Kommandeuren, die letztendlich Angriffe genehmigen oder ablehnen, weitgehend aus, so das Militär. Solche Verfahren hätten regelmäßig zur Anforderung zusätzlichen Aufklärungsinformationen, zu Änderungen an Angriffsplänen, zur Auswahl anderer Waffensysteme oder zur Absage von Angriffen aufgrund der Gefahr für Zivilisten geführt.

Das Militär warf den Filmemachern zudem vor, keinen ausreichenden Kontext zum Krieg geliefert zu haben. Die gravierendsten Auslassungen beträfen dabei das Hamas-Massaker im Süden Israels am 7. Oktober 2023 und die von der Terrorgruppe betriebene Nutzung ziviler Gebiete für militärische Zwecke. Ferner ließe der Film Maßnahmen außer Acht, die die IDF ergreifen, um zivile Opfer zu minimieren, darunter Evakuierungswarnungen, die Auswahl der Munition, Änderungen an Angriffsplänen und die Erleichterung humanitärer Hilfe.

Die IDF beanstandeten zudem die Darstellung des Begriffs »Kollateralschaden« in der Dokumentation. Deren Titel »NAZA« leitet sich vom hebräischen Akronym für »nezek agavi« (deutsch: Kollateralschaden) ab. Die Abschätzung des zu erwartenden Kollateralschadens bei einem Angriff auf ein militärisches Ziel ist nach internationalem Recht vorgeschrieben. Dies soll Kommandeuren dabei helfen, zu entscheiden, ob ein Angriff rechtmäßig ist und ob zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen erforderlich sind, so die Erklärung. Stattdessen stelle der Film den Prozess der Abschätzung potenzieller ziviler Schäden als Beweis für Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben von Zivilisten dar.

Das israelische Militär räumte die moralische Belastung ein, von der einige der im Film interviewten Personen sprachen. »Entscheidungen, die zivile Opfer fordern können, gehören zu den schwierigsten, denen Soldaten und Kommandeure gegenüberstehen, und die IDF erwarten von ihren Soldaten, dass sie diese Last spüren und entsprechend handeln.« Diese moralische Belastung beweise jedoch an sich noch nicht, dass eine Entscheidung rechtswidrig gewesen sei, schrieb es in seiner Erklärung.

Manipulative Darstellung

Die IDF warfen den Filmemachern vor, manipulative Schnitttechniken anzuwenden, relevanten Kontext wegzulassen und »unverantwortliche Anspielungen auf historische Gräueltaten« zu machen. Sie erklärten, weiterhin offen für »echte Kritik« und bereit zu sein, begründete Vorwürfe wegen Fehlverhaltens zu prüfen.

Die IDF wiesen zudem darauf hin, dass die Filmemacher ihre Vorwürfe dem Militär vor der Veröffentlichung nicht zur Prüfung und Stellungnahme vorgelegt und ihm trotz Aufforderungen auch nach der Veröffentlichung keine Kopie zur Verfügung gestellt hätten. Die nun erfolgte ausführliche Stellungnahme sei daher auf der Grundlage des Berichts eines Vertreters, der an einer öffentlichen Vorführung teilgenommen hatte, erstellt worden sowie unter Hinzuziehung weiterer allgemein zugänglicher Berichte.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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