Hamas in Europa: Wie konkret die Terrorgefahr geworden ist

War die Berliner Gedenkveranstaltung zum 7. Okfober Ziel eines Hamas-Anschlagsplans
War die Berliner Gedenkveranstaltung zum 7. Okfober Ziel eines Hamas-Anschlagsplans (© Imago Images / IPON)

Sieben mutmaßliche Hamas-Mitglieder sind in Deutschland angeklagt. Sie sollen Waffen für einen Anschlag auf Juden, Israelis und proisraelische Personen beschafft haben. Ein Teil davon wurde nach Wien gebracht. Der Fall wirft erneut die Frage auf, welche Strukturen die Hamas in Europa aufgebaut hat.

Als Anfang Oktober 2025 drei Männer in Berlin festgenommen wurden, klang die Nachricht zunächst wie eine weitere vereitelte islamistische Anschlagsplanung. Ein Sturmgewehr, mehrere Pistolen und Munition wurden sichergestellt. Die Bundesanwaltschaft ging davon aus, dass die Waffen für Anschläge auf jüdische oder israelische Einrichtungen bestimmt waren.

Fast ein Jahr später ist deutlich geworden, welche Dimension die deutschen Ermittler dem Fall beimessen. Am 8. September 2026 erhob die Bundesanwaltschaft vor dem Staatsschutzsenat des Kammergerichts Berlin eine Anklage gegen sieben Männer. Ihnen werden unter anderem Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Alle sieben befinden sich in Untersuchungshaft.

Ein Anschlag rund um den 7. Oktober

Nach Darstellung der Ermittler handelt es sich nicht bloß um Sympathisanten, die sich nach dem 7. Oktober 2023 radikalisierten. Die Männer sollen vielmehr als sogenannte Auslandsoperateure der Hamas tätig gewesen sein und im Auftrag hochrangiger Funktionäre Waffen und Munition beschafft haben. Bis zum Zugriff der Behörden waren laut Bundesanwaltschaft ein funktionsfähiges vollautomatisches Gewehr, dreizehn Pistolen und mehr als siebenhundert Schuss Munition zusammengekommen. Ein Teil der Waffen soll nach Wien gebracht und dort eingelagert worden sein.

Besonders brisant ist der Zeitpunkt des mutmaßlich geplanten Anschlags. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft soll der militärische Flügel der Hamas spätestens seit Juli 2025 einen konkreten Mordanschlag in Deutschland oder Österreich geplant haben. Als mögliche Opfer nennt die Behörde Repräsentanten Israels, Menschen jüdischen Glaubens und proisraelisch eingestellte Personen.

Der Anschlag sollte demnach Anfang Oktober 2025 stattfinden, rund um den zweiten Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober 2023. Bei einem Beschuldigten soll außerdem ein bereits vorbereitetes Bekennervideo gefunden worden sein, in dem ein Anschlag rund um diesen Jahrestag angekündigt wurde. Die ersten drei Verdächtigen wurden am 1. Oktober festgenommen, also nur wenige Tage vor dem Jahrestag. Die Hamas bestreitet eine Verbindung zu den Beschuldigten.

Damit geht es bei dem Verfahren um mehr als Waffenbesitz oder abstrakte Unterstützung einer Terrororganisation. Sollte sich die Anklage vor Gericht bestätigen, wäre es ein Fall, in dem eine Hamas-Struktur in Europa Waffen für einen konkreten Anschlag bereitgestellt hätte. Noch muss allerdings das Kammergericht Berlin über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden. Die Anklage ist kein Urteil, und die Vorwürfe gegen die sieben Männer sind bislang nicht rechtskräftig festgestellt.

Für Österreich ist der Fall besonders relevant. Im November 2025 wurde im Zuge der Ermittlungen ein Waffenversteck in Wien ausgehoben. Einer der Beschuldigten soll Waffen dorthin gebracht und gelagert haben. Die Ermittlungen blieben auch nicht auf Deutschland und Österreich beschränkt. Festnahmen beziehungsweise Ermittlungsmaßnahmen führten unter anderem nach Großbritannien, Dänemark und Zypern. Einer der Beschuldigten wurde am Flughafen Larnaka festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, im August 2025 die Übergabe von dreihundert Schuss scharfer Munition veranlasst zu haben.

Das Bild, das aus den verschiedenen Verfahren entsteht, ist damit ein gesamteuropäisches. Waffen werden beschafft, über Grenzen transportiert und an unterschiedlichen Orten gelagert. Genau darin liegt die Bedeutung des Falls: Die Hamas wird in Europa traditionell vor allem im Zusammenhang mit Finanzierung, Propaganda, politischen Netzwerken oder Spendensammlungen diskutiert. Die aktuellen Ermittlungen betreffen dagegen mutmaßliche operative Strukturen und reale Waffen.

Seit dem 7. Oktober hat sich etwas verändert

Dass diese Sorge nicht ausschließlich auf dem aktuellen Verdacht beruht, zeigt ein anderes Verfahren. Erst im März 2026 verurteilte das Kammergericht Berlin vier Männer wegen Mitgliedschaft in der Hamas zu Haftstrafen zwischen viereinhalb und sechs Jahren. Nach Überzeugung des Gerichts waren sie als Auslandsoperateure für Waffendepots in mehreren europäischen Ländern zuständig. Dabei ging es um Depots beziehungsweise Waffenstrukturen in Polen, Bulgarien und Dänemark. Die Waffen sollten nach den Feststellungen beziehungsweise der zugrunde liegenden Anklage für mögliche Anschläge auf jüdische oder israelische Einrichtungen in Deutschland und anderen europäischen Staaten bereitgehalten werden. Anders als bei den sieben nun Angeklagten liegt in diesem früheren Verfahren bereits ein Urteil des Kammergerichts vor.

Ob und in welchem Umfang zwischen den beiden Gruppen operative Verbindungen bestanden, ist öffentlich bislang nicht belegt. Die österreichische Tageszeitung Standard berichtet ausdrücklich, dass über Kontakte zwischen den im März verurteilten Männern und den nun Angeklagten bisher nichts bekannt sei. Von einem einzigen nachgewiesenen großen europäischen Hamas-Netzwerk zu sprechen, wäre deshalb verfrüht. Auffällig ist dennoch, dass deutsche Ermittler innerhalb weniger Jahre wiederholt auf mutmaßliche oder gerichtlich festgestellte Strukturen zur Waffenbeschaffung und -lagerung gestoßen sind.

All das geschieht in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem sich viele Juden in Deutschland ohnehin zunehmend bedroht fühlen. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) dokumentierte für 2025 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle in Deutschland. Das bedeutet im Durchschnitt fast 24 pro Tag. Darunter waren 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. 68 Prozent aller registrierten Vorfälle ordnete RIAS dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Gegenüber der Zeit vor dem 7. Oktober 2023 bleibt das Niveau damit außergewöhnlich hoch.

Dabei muss zwischen antisemitischen Vorfällen, politischem Protest, islamistischer Radikalisierung und terroristischer Anschlagsplanung unterschieden werden. Sie sind nicht dasselbe und sollten auch nicht miteinander vermengt werden. Gleichzeitig bilden die Zahlen den gesellschaftlichen Hintergrund, vor dem die mutmaßlichen Anschlagspläne eine besondere Wirkung entfalten. Denn wer heute in Berlin oder Wien eine Synagoge besucht, an einer jüdischen Veranstaltung teilnimmt oder sich öffentlich als Israeli zu erkennen gibt, begegnet Sicherheitsmaßnahmen, die für andere Teile der Gesellschaft ungewöhnlich erscheinen. Polizeischutz vor Synagogen und jüdischen Einrichtungen ist längst Teil des europäischen Alltags geworden. Die Vorstellung, dass zusätzlich Waffen für einen Anschlag auf Juden oder Israelis bereitliegen könnten, macht aus einer abstrakten Bedrohung eine sehr konkrete.

Eine europäische Geschichte des 7. Oktober

Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 verbot Deutschland die Betätigung der Hamas. Das Bundesinnenministerium begründete das Verbot damals mit den Zielen und Aktivitäten der Organisation, die sich gegen den Gedanken der Völkerverständigung und gegen das Existenzrecht Israels richteten. Doch ein Verbot beseitigt bestehende Strukturen nicht automatisch. Die aktuellen Verfahren zeigen vielmehr, wie schwierig die Grenze zwischen politischem beziehungsweise logistischem Netzwerk und operativer Terrorstruktur zu ziehen sein kann. Gerade Organisationen wie die Hamas funktionieren nicht ausschließlich dort, wo sie militärisch kämpfen. Finanzierung, Beschaffung, Kontakte und Logistik können weit entfernt vom eigentlichen Konfliktgebiet stattfinden.

Auch Europol weist seit dem 7. Oktober auf ein verschärftes terroristisches Umfeld in Europa hin. Die Behörde stellte fest, dass der Hamas-Angriff auf Israel und der anschließende Krieg im Gazastreifen die gesellschaftliche Polarisierung verstärkt hätten. Terroristische und extremistische Gruppen unterschiedlicher ideologischer Richtungen nutzten diese Situation für Propaganda, Rekrutierung und zur Inspiration potenzieller Einzeltäter. Der jetzt angeklagte Fall geht allerdings über Onlinepropaganda oder Radikalisierung hinaus. Die deutschen Ermittler sprechen von vorhandenen Waffen, Munition, einem Depot in Wien und einem konkreten Zeitfenster für einen Anschlag.

Fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker zeigt sich damit erneut, dass der 7. Oktober nicht an den Grenzen Israels endete. Seine Folgen sind auch in Berlin, Wien, London oder Kopenhagen spürbar, sowohl politisch als auch gesellschaftlich – aber offenbar auch für die Arbeit der Sicherheitsbehörden.

Noch ist offen, ob das Berliner Gericht die Anklage zulassen wird und welche Vorwürfe sich in einem möglichen Prozess beweisen lassen. Gerade deshalb ist eine nüchterne Betrachtung wichtig. Doch schon jetzt steht fest, dass deutsche Gerichte sich nicht zum ersten Mal mit Hamas-Strukturen und Waffendepots in Europa beschäftigen. Im März wurden vier Männer in einem solchen Komplex verurteilt. Nun wirft die Bundesanwaltschaft sieben weiteren Männern vor, einen Schritt weiter gegangen zu sein: von der langfristigen Bereitstellung von Waffen hin zur Vorbereitung eines konkreten Mordanschlags rund um den Jahrestag des 7. Oktober. Für Juden und Israelis in Europa ist diese Unterscheidung alles andere als theoretisch.

Hamas plante Anschläge in Berlin und Wien

Rund um den zweiten Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 wollte die Terrorgruppe Angriffe auf jüdische und (pro-)israelische Ziele in Berlin und Wien durchführen.

Hamas in Europa: Netzwerke im Schatten

Wie Ermittlungen zeigen, begann die Hamas lange vor ihrem Massaker am 7. Oktober 2023 damit, Anschläge auf jüdische und israelische Ziele in Europa zu planen.

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