Eine kleine haredische Partei steht als Symbol für die Veränderungen in Israels strengorthodoxem Sektor. Ob sie es bei der kommenden Wahl ins Parlament schafft, ist allerdings ungewiss.
Wie auf Mena-Watch wiederholt berichtet, ist die Wehrdienstbefreiung für die Haredim genannten Strengorthodoxen, die momentan etwa fünfzehn Prozent der jüdischen Bevölkerung Israels stellen, spätestens seit dem 7. Oktober zu einem zentralen Streitpunkt im jüdischen Staat geworden. Der weitgehende Verzicht auf weltliche Bildung in ihren Schulen führt dazu, dass die Haredim ausbildungsmäßig wenig qualifiziert sind. Für sie selbst ist das nicht weiter problematisch, da sie in weiten Teilen ohnehin bloß dem Talmudstudium nachgehen und dafür staatliche Unterstützung erhalten.
Gerade in Kriegszeiten führt das jedoch in säkularen und nationalreligiösen Kreisen, deren Männer und Frauen Wehrdienst leisten müssen, zu Verbitterung und einer sich verbreiternden Spaltung der Gesellschaft. Konkret geht es um rund 100.000 Wehrpflichtige, die dem Militär durch die Freistellung der Haredim fehlen.
Zeichen für Veränderung
Zibur haHaredi (deutsch: »Ultraorthodoxe Öffentlichkeit) ist eine zu den Knessetwahlen in Israel kandidierende Kleinpartei des haredischen Spektrums, die sich in Umfragen bis dato weit unter dem Mindestprozentsatz von 3,25 Prozent bewegt, der für einen Eintritt ins israelische Parlament nötig ist. Ihre Kandidatenliste wird von Moti Leitner, einem Haredi mit Schläfenlocken, angeführt, der Bürgermeisterstellvertreter der stark strengorthodox geprägten Stadt Bet Schemesh und von Beruf Software-Spezialist ist.
Leitner tritt dafür ein, dass jedenfalls jene Haredim, die das religiöse Lernen nur formal betreiben, zum Wehrdienst einberufen werden sollten – wobei jedoch auf ihren Lebensstil hinsichtlich Geschlechtertrennung, Feiertagen und strengen Speisegesetzen Rücksicht zu nehmen sei. Leitner teilt die Urangst anderer haredischer Führer vor einer Assimilation an eine säkulare Gesellschaft nicht, sondern hält die haredische Identität für stark genug, dem zu widerstehen. Bereits seit mehreren Jahren existieren beim israelischen Militär ja auch Spezialeinheiten wie Nahal Hraedi und das Nezer-Bataillon, wo der Dienst mit der Waffe mit strengorthodoxer Lebensführung und religiösem Studium verbunden wird.
Ein weiteres Zeichen der Veränderung in Teilen des haredischen Sektors ist es, dass zwei Frauen auf vordere Plätze der Kandidatenliste gesetzt wurden. Ein besonderes Anliegen von Zibur haHaredi ist es auch, innerhalb des strengorthodoxen Spektrums darauf hinzuwirken, dass jene Haredim, die einen Wehrdienst leisten, keinen Diskriminierungen mehr in der eigenen Gesellschaft ausgesetzt sind.
So vielversprechend das klingt, muss sich noch zeigen, ob die Kleinpartei den Einzug in die Knesset schafft und wie dann die politische Konstellation sein wird. Die Anliegen von Zibur haHaredi würden von den meisten der anderen Parteien mitgetragen – außer natürlich den klassischen strengorthodoxen Fraktionen Vereinigte Thora-Liste und Schas, die sich kategorisch gegen die Wehrpflicht wenden. In der Vergangenheit waren jedoch gerade diese Parteien oft die notwendigen Mehrheitsbringer für rechte, aber auch linke Regierungen Israels, sodass ihre Positionen erheblichen Einfluss genießen und schwer zu übergehen sind.
