An der Nordgrenze Israels übernehmen Soldatinnen Aufgaben, die lange Männern vorbehalten waren. Zwischen Aufklärung, verdeckten Operationen und unmittelbarer Gefahr verändert sich auch die Rolle der Frauen in der Armee.
Fast zwei Jahrzehnte lang war die Nordgrenze Israels eine der ruhigsten Fronten des Landes. Seit dem Sommer 2006, dem Ende des zweiten Libanonkriegs, herrschte dort über weite Strecken eine fragile Ruhe – bis der Krieg am 8. Oktober 2023 auch den Norden des jüdischen Staates erreichte.
Nur einen Tag nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober, dem schlimmsten Pogrom an Juden seit dem Holocaust, eröffnete die Hisbollah eine weitere Front gegen Israel. Die vom Iran unterstützte schiitische Miliz begann, Israel vom Zedernstaat aus mit Raketen, Panzerabwehrwaffen und Drohnen anzugreifen; nach eigener Darstellung, um ihrem Verbündeten – der palästinensischen Terrororganisation – Hamas im Kampf gegen Israel zu Hilfe zu kommen. Aus den anfänglichen Gefechten entlang der Grenze entwickelte sich ein eigener Kriegsschauplatz.
Das Auge der Armee
Im Süden des Libanon verlaufen die Kämpfe zum Teil anders als während der großen Kriege, die Israel seit seiner Staatsgründung im Jahre 1948 geführt hat. Nicht nur die Topografie ist eine andere. Es ist oft ein Krieg ohne Fronten, und damit hat sich auch der Waffengang verändert. Zahlreiche Einheiten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) sind in den vergangenen Monaten in den Libanon vorgedrungen, haben viele Hisbollah-Kämpfer getötet, ihre Stellungen und Waffenlager zerstört sowie strategisch wichtige Gebiete gesichert.
Für nicht wenige Soldaten in den IDF-Kampfeinheiten ist der direkte Kampf gegen einen bewaffneten Gegner militärische Routine. Für Soldatinnen, die in den vergangenen Jahren zunehmend auch in operativen und kämpfenden Funktionen eingesetzt werden, hat dieser Krieg noch eine andere Dimension. Sie stehen nicht nur an der Seite ihrer männlichen Kameraden an der Front. Manche von ihnen arbeiten auch dort, wo der Gegner möglichst lange unsichtbar bleiben will. Ihre Waffen sind Kameras, Drohnen und Aufklärungssysteme.
Das Aufklärungsbataillon 869 – auch »Shahaf« genannt – ist dabei gewissermaßen das Auge der israelischen Armee an der Nordfront. Seine Soldatinnen und Soldaten beobachten das Gelände, verfolgen Bewegungen, identifizieren Terror-Infrastrukturen im Libanon und liefern Informationen an jene Kräfte, die anschließend gegen die Ziele vorgehen. Nach Angaben der IDF half die Einheit allein im vergangenen Jahr dabei, rund sechzig Hisbollah-Kämpfer zu lokalisieren und zu töten.
Doch auch dieses Auge hat Grenzen. Wenn Aufklärungsbilder nicht mehr ausreichen, müssen Informationen dort gewonnen werden, wo sich der Gegner selbst sicher fühlt – tief in seinem eigenen Gebiet. Dafür gibt es die Einheit 504 des militärischen Nachrichtendienstes. Ihr Einsatz beginnt dort, wo die Distanz zwischen Beobachter und Beobachtetem verschwindet. Bei ihrer Mission führen sie verdeckte Operationen durch und dringen, wenn es der Auftrag erfordert, tief in feindlich kontrolliertes Gebiet vor, um unter anderem Informationen unmittelbar beim Gegner zu gewinnen.
»Unsere Einsätze sind extrem wichtig und bedeutend für die Sicherheit Israels«, erzählt Lieutenant R., die erste Einsatzkommandantin in der Geschichte der 504-Kampfkomponente. »Natürlich spielt Angst eine große Rolle dabei, doch davon lassen wir uns nicht beeinflussen. Wir sind bestens vorbereitet, kennen unsere Grenzen sowie die Aufgaben der anderen Teammitglieder und haben auch Hintergrundinformationen über Menschen, denen wir im Feindgebiet begegnen werden.«
Für ihre Operationen wird die Einheit – die nicht immer nur aus Frauen besteht – mit den bestmöglichen Geheimdienstinformationen geschult und lange vorbereitet. Sie lernen auch, dass sie sich dabei nicht auf die Sicherheit eines geschützten Militärpostens verlassen können. Die Soldatinnen müssen ihre Umgebung kennen, ihre Rolle im Team beherrschen und jederzeit darauf vorbereitet sein, dass aus einer verdeckten Mission eine unmittelbare Konfrontation werden kann.
Die Einheit 504 operiert unter anderem in Syrien, im Libanon, im Westjordanland und im Gazastreifen. Zu ihren Aufgaben gehören auch geheime Treffen und deren Absicherung. Denn manche Erkenntnisse lassen sich weder aus der Luft noch mit modernster Satellitentechnik gewinnen. Sie kommen von Menschen, die vor Ort sind und Zugang zu Informationen haben. Die Kämpferinnen sind bis an die Zähne bewaffnet und absolvieren Nahkampftraining. Sie bewegen sich verdeckt, navigieren in feindlichem Gelände und bereiten sich auf unmittelbare Konfrontationen vor. Ihre Arbeit unterscheidet sich damit grundlegend von der klassischen Vorstellung einer Soldatin, die an einem festen Frontabschnitt eingesetzt wird.
»Wir alle wissen, wie bedeutend unser Einsatz ist«, sagt Lieutenant R. »Unsere Kampfeinheit trägt dazu bei, das Gebiet zu sichern. Dabei muss man sich selbst im feindlichen Gelände bewegen und jederzeit auf eine bewaffnete Auseinandersetzung vorbereitet sein. Erst dann beginnt die schwierige Aufgabe: den ersten Kontakt zu Agenten herzustellen, die noch nie Israelis getroffen haben. Wir lernen dabei Menschen kennen, die bereit sind, für ihre Freiheit alles zu riskieren – vor allem Frauen.«
Beteiligt, aber nicht gleichberechtigt
Der Einsatz israelischer Soldatinnen zur Landesverteidigung begann schon lange vor der Staatsgründung. Während das Spionagenetzwerk NILI – um Sara Aaronsohn – zum Ende des Ersten Weltkriegs gegen die osmanische Besatzung agierte und die alliierten Truppen mit wichtigen Informationen versorgte, griffen Frauen zur Waffe und beteiligten sich an der Verteidigung der jüdischen Gemeinschaft (hebräisch: Jischuw) im britischen Mandatsgebiet. In der Haganah (hebräisch: Verteidigung), der wichtigsten militärischen Organisation des Jischuw und Vorläuferin der IDF, dienten Frauen ebenso wie in ihrer mobilen Eliteeinheit, dem Palmach. Auch in den Untergrundorganisationen Etzel und Lehi waren sie aktiv.
Als Israel am 14. Mai 1948 seine Unabhängigkeit erklärte, rückten bereits am folgenden Tag die regulären Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak gegen den neu gegründeten Staat vor. An ihrer Seite kämpften auch arabische Verbände aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina. Aus der Verteidigung des Jischuw war ein Krieg um die Existenz des jüdischen Staates geworden. Frauen standen dabei nicht nur abseits des Kampfgeschehens. Einige trugen Waffen, nahmen an militärischen Operationen teil, kämpften an der Seite ihrer männlichen Kameraden und fielen an der Front. Andere waren in Aufklärung, Nachrichtenwesen oder der Versorgung der kämpfenden Einheiten eingesetzt.
»Auch Frauen waren Teil des Unabhängigkeitskrieges, aber ihrer wurde nicht auf dieselbe Weise wie der Männer gedacht«, kritisiert. Sharon Geva, Historikerin und Autorin von Women in the State of Israel: The Early Years. »Sie waren Kämpferinnen und fielen auf dem Schlachtfeld. Trotzdem wurden ihre Geschichten vor allem durch ihre weibliche Identität erzählt. Gerade darin liegt eine der Konstanten der israelischen Militärgeschichte: Die Beteiligung von Frauen an der Verteidigung des Landes war früh Realität, ihre Gleichstellung als Kämpferinnen jedoch keineswegs selbstverständlich. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Geschichte israelischer Soldatinnen bis heute.«
Die Beteiligung von Frauen am bewaffneten Kampf bedeutete aber keineswegs, dass sie innerhalb der militärischen Organisationen denselben Platz einnahmen wie Männer. Sie übernahmen wichtige Aufgaben in Aufklärung, Nachrichtenwesen, Logistik und zunehmend auch in operativen Bereichen. Doch die Vorstellung von der kämpfenden Soldatin blieb über Jahrzehnte eine Ausnahme und war kein selbstverständlicher Bestandteil der israelischen Armee. Die Streitkräfte waren auf die Fähigkeiten und den Einsatz von Frauen angewiesen, ohne ihnen deshalb automatisch dieselben Aufgaben und Möglichkeiten wie Männern zu eröffnen. Erst allmählich begann sich dieses Verhältnis zu verändern – mit der Öffnung immer weiterer militärischer Bereiche für Frauen.
»Die Gleichheit der Geschlechter bei der Staatsgründung ist ein Mythos«, sagt Geva. »Frauen galten innerhalb des Verbandes zunächst als gleichwertig, wurden militärisch ausgebildet und waren Teil der militärischen Gemeinschaft. Doch mit der Gründung der IDF wurde die Rolle der Soldatinnen neu geordnet: Der verpflichtende Militärdienst blieb bestehen, während Frauen aus zahlreichen Kampfpositionen ausgeschlossen wurden.«
Die Historikerin erklärt, dass sich dieses Verhältnis erst Jahrzehnte später grundlegend zu verändern begann. »Mit der Öffnung immer weiterer Kampf- und Spezialverwendungen rückten Frauen schrittweise dorthin vor, wo sie lange Zeit nicht vorgesehen waren – an die operative Front. Heute dienen sie in Panzerverbänden, Artillerieeinheiten, Grenzschutzformationen sowie als Pilotinnen und in Spezialeinheiten. Der Krieg im Norden zeigt nun, wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht.«
Ständige Möglichkeit der Eskalation
Die Öffnung der Armee für Frauen erzählt damit nicht nur eine Geschichte über gesellschaftlichen Wandel. Sie zeigt auch, wie sehr sich die Aufgaben und Einsatzräume der IDF verändert haben. Gerade an der Nordgrenze wird sichtbar, was der Dienst dort heute bedeutet: Die Soldatinnen stehen nicht an einer statischen Front, sondern in einem Raum, in dem Beobachtung, Aufklärung und die unmittelbare Nähe zum Feind ineinandergreifen. Für die Frauen, die hier Dienst tun, ist die Grenze damit nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein Einsatzraum, in dem sie ständig mit der Möglichkeit einer Eskalation rechnen müssen.
»Seit dem 8. Oktober 2023 befindet sich der Norden Israels im Krieg«, sagt Sarit Zehavi, ehemalige Offizierin des IDF-Nachrichtendienstes und Gründerin des Forschungs- und Bildungszentrums Alma im Westen Galiläas. »Entscheidend ist, was hinter der sichtbaren Grenze liegt: Die Hisbollah hatte nämlich einen konkreten Plan für eine Invasion Galiläas. Dieser Angriff sollte nicht nur aus Raketen bestehen. Kämpfer ihrer Eliteeinheit Radwan waren darauf vorbereitet, die Grenze zu überwinden und israelische Gemeinden anzugreifen.«
Damit bekommt auch die Arbeit der Soldatinnen auf der israelischen Seite eine andere Dimension. Sie beobachten nicht einfach eine Grenze, die unter Spannung steht. Sie versuchen, Entwicklungen auf der anderen Seite frühzeitig zu erkennen und einzuordnen. Was auf den Bildschirmen und Beobachtungsposten wie Routine aussieht, ist Teil einer Verteidigung, die verhindern soll, dass ein Szenario wie jenes vom 7. Oktober im Norden Realität wird. »Wir dürfen nicht darauf warten, dass der Feind die Grenze überquert«, warnt Zehavi. »Die entscheidende Frage ist, was wir erkennen, bevor er angreift. Die Hisbollah könnte ihre Entscheidung zu einem Zeitpunkt treffen, mit dem Israel nicht rechnet – und darauf muss Israel vorbereitet sein muss.«
Damit kommt den Soldatinnen an den Beobachtungsposten eine besondere Verantwortung zu. Sie sind oft die Ersten, die eine Veränderung bemerken, lange bevor daraus eine unmittelbare Gefahr wird. Für sie bedeutet das, dass ihr Dienst weit über die reine Beobachtung hinausgeht. Sie müssen erkennen, was sich verändert, Informationen einordnen und Auffälligkeiten weitergeben. Ihre Arbeit besteht darin, aus einzelnen Beobachtungen ein möglichst genaues Bild der Lage zu gewinnen und damit dazu beizutragen, dass die Armee reagieren kann.
Dabei entscheidet sich ihre Arbeit nicht erst im Augenblick eines Angriffs. Ihr Erfolg liegt häufig gerade darin, dass es gar nicht erst dazu kommt. Eine ungewöhnliche Bewegung, ein neues Muster, eine Information zur richtigen Zeit – aus solchen Einzelheiten muss ein Lagebild entstehen, das militärische Entscheidungen ermöglicht. An der Nordgrenze kann zwischen dem Erkennen einer Gefahr und ihrer Eskalation nur wenig Zeit liegen.
Tief im Feindesland
Das gilt auch für die Soldatinnen der IDF, die in der aktuellen Kampfzone unmittelbarer Gefahr ausgesetzt sind. Das Aufklärungsbataillon 869 versucht auf der israelischen Seite, Bewegungen und Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Währenddessen suchen die Kämpferinnen der Einheit 504 des militärischen Nachrichtendienstes tief in Feindesland nach Informationen, die sich nur durch den direkten Kontakt mit Menschen gewinnen lassen. Beide Aufgaben ergänzen sich dabei: Die einen gewinnen Informationen aus der Beobachtung, die anderen aus dem direkten Kontakt mit Menschen.
Für die Soldatinnen der Kampfeinheit 504 ist dies längst keine theoretische Debatte mehr. Sie gehören zu einer Generation von Soldatinnen, die diese Grenze überschritten haben. Für sie bedeutet das auch, als Frau ihren eigenen Teil zur Verteidigung Israels beitragen zu können. »Seine Heimat zu beschützen ist eine Frage der Verantwortung«, sagt Lieutenant R. »Was uns antreibt, ist ein Gefühl für die Mission. Es geht nicht mehr darum, ob Frauen überhaupt im Kampf eingesetzt werden können, sondern welchen Beitrag sie dort leisten können.«
Ihre Generation öffnet damit zugleich eine Tür für die nächste. Dabei verschieben sich die Grenzen dessen, was in der Armee als selbstverständlich gilt. Was jetzt noch als Durchbruch angesehen wird, kann in der Zukunft bereits zum Ausgangspunkt werden. Die Veränderung vollzieht sich dabei nicht in großen Erklärungen, sondern im Alltag jener Soldatinnen, die längst dort eingesetzt werden, wo Entscheidungen unter realer Gefahr getroffen werden müssen.
»Am Ende geht es nicht darum, wie mutig wir sind, sondern dass wir unseren Auftrag erfüllen«, erklärt Lieutenant R. »Vielleicht liegt genau darin die stille Bedeutung unseres Einsatzes. Wir kämpfen nicht nur dort, wo die Gefahr bereits sichtbar ist, sondern versuchen, den Moment zu verhindern, in dem aus einem Zeichen eine konkrete Bedrohung wird. Solange dieser Moment ausbleibt, bleibt unsere wichtigste Leistung für die meisten unsichtbar.«
