Kinder zwischen Exil und Angst

Zwischen Exil und Angst: Kinder in einem Flüchtlingslager für iranische Kurden im Nordirak
Zwischen Exil und Angst: Kinder in einem Flüchtlingslager für iranische Kurden im Nordirak (© Imago Images / imagebroker)

Das Leben der Zivilbevölkerung in den iranisch-kurdischen Flüchtlingslagern im Nordirak ist durch Angst, rechtliche Unsicherheit und fehlende Zukunftsaussichten geprägt.

Ali Barzanji

Diskussionen über iranisch-kurdische Parteien in der Region Kurdistan im Irak konzentrieren sich in der Regel auf politische Organisationen, bewaffnete Aktivitäten und Spannungen zwischen Teheran und diesen Gruppen. Am Rande dieses Konflikts findet jedoch eine andere Gruppe weitaus weniger Beachtung: die Familien, die aufgrund der politischen und sicherheitspolitischen Lage gezwungen waren, den Iran zu verlassen, und seit Jahren in diesen Lagern leben.

Für viele dieser Familien sind die Lager kein vorübergehender Zufluchtsort. Jahre sind vergangen. Kinder wurden dort geboren und sind dort aufgewachsen, wodurch eine Generation entstanden ist, die einen Großteil oder sogar ihr ganzes Leben außerhalb des Landes verbracht hat, in dem ihre Eltern geboren wurden. Das tiefer liegende Problem ist, dass ein solches Exil nicht einfach nur bedeutet, fern der Heimat zu sein. Ein jahrelanges Leben unter solchen Bedingungen kann dazu führen, dass eine Reihe sozialer und humanitärer Probleme von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.

Wenn Angst Teil der Kindheit wird

Ein Kind, das in ein unsicheres Umfeld hineingeboren wird, versteht nicht unbedingt die Politik, der sich dieses Umfeld verdankt, aber es bekommt deren Folgen mit. Das Geräusch von Flugzeugen, Drohnen oder Explosionen hat für sie nicht dieselbe politische Bedeutung wie für die Erwachsenen. Was aber bleibt, ist ein Gefühl der Unsicherheit und Angst. Dies gewinnt besonders an Bedeutung, wenn Kinder ihre frühen Jahre in einem Umfeld verbringen, das regelmäßig Sicherheitsbedrohungen und Angriffen ausgesetzt ist.

In den letzten Jahren wurde wiederholt über iranische Angriffe auf iranisch-kurdische Gruppen in der Region Kurdistan berichtet, von denen in einigen Fällen auch Zivilisten betroffen waren. Menschenrechtsorganisationen und Medienberichte haben die Folgen dieser Angriffe für Familien und Kinder dokumentiert und darauf hingewiesen, dass ihre Auswirkungen nicht allein an der Zahl der Getöteten oder Verletzten gemessen werden können. Das tiefer liegende Problem ist die Frage, was es bedeutet, in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem es kein Gefühl der Sicherheit gibt. Für die Kinder, die in diesen Lagern leben, ist Krieg nichts, dem sie in einem Geschichtsbuch begegnen, sondern er ist Teil ihrer Kindheitserinnerungen.

Eine der am wenigsten sichtbaren Dimensionen des Lebens dieser Familien ist die Frage der rechtlichen Identität und der Ausweisdokumente. Für viele der betroffenen Kinder ist die Frage der Ausweisdokumente nach wie vor ungelöst, was nicht bloß ein administratives Problem darstellt. Die rechtliche Identität ist oft der Ausgangspunkt für den Zugang zu einer Reihe von Grundrechten und Dienstleistungen. Wenn der Status oder die Papiere eines Kindes ungewiss sind, stehen auch Bildung und Gesundheitsversorgung infrage. Die Folgen dieser Umstände begleiten das Kind möglicherweise bis ins Erwachsenenalter.

Unter den Menschen, die in den Lagern leben, befinden sich schwangere Frauen, deren Situation ebenfalls verstärkte Aufmerksamkeit verdient. Eine Schwangerschaft erfordert regelmäßige medizinische Versorgung, Zugang zu Ärzten und Untersuchungen sowie die Möglichkeit, bei Komplikationen geeignete medizinische Dienstleistungen zu erhalten. In einem Umfeld, in dem all das eingeschränkt oder erschwert ist, können Unsicherheit und Ungewissheit den schon bestehenden Druck auf die Flüchtlinge noch weiter erhöhen.

Ganz generell ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung eines der Probleme, mit denen Familien in den Lagern konfrontiert sind. Die Entfernung zu medizinischen Einrichtungen, finanzielle Hürden, Probleme mit den Ausweispapieren und der eingeschränkte Zugang zu spezialisierten Leistungen werden zu alltäglichen Schwierigkeiten für Familien, die bereits seit Jahren im Exil leben. Das bedeutet nicht, dass keinerlei medizinische Versorgung verfügbar ist. Das Problem liegt vielmehr in der Unsicherheit des Zugangs für Personen, deren Lebensumstände ohnehin schon prekär sind.

Generation, die sich das Exil nicht ausgesucht hat

Die Präsenz politischer oder bewaffneter Organisationen in einem Gebiet sollte nicht bedeuten, dass jede dort lebende Person als Teil einer politischen oder militärischen Struktur betrachtet wird. In den Lagern wohnen Familien, deren Leben mit politischen Entwicklungen verflochten ist, die aber nicht unbedingt selbst politische oder militärische Akteure sind. Ein in einem Lager geborenes Kind, eine schwangere Frau, die medizinische Versorgung sucht, oder eine Familie, die seit Jahren auf eine stabile Zukunft für ihre Kinder hofft – sie alle können nicht einfach über den Ort, an dem sie leben, definiert werden.

Die vielleicht entscheidende Frage im Kontext der Situation in den Lagern betrifft die Zukunft der Kinder, die dort geboren wurden. Ihre Eltern haben den Iran verlassen, doch sie selbst haben überhaupt keine persönlichen Erinnerungen an das Herkunftsland ihrer Eltern. Diese Kinder bewegen sich zwischen mehreren Realitäten: der Vergangenheit und den Erinnerungen ihrer Eltern, ihrem eigenen Leben in der Region Irakisch-Kurdistan und einer Zukunft, die ungewiss bleibt.

Deshalb sollte das Leben dieser Menschen in den Lagern nicht nur durch die Brille des Konflikts zwischen der Islamischen Republik Iran und den iranisch-kurdischen politischen Gruppen betrachtet werden. Hinter diesem Konflikt stehen Menschen, deren Bedürfnisse weitaus elementarer sind als Politik: ein Ausweisdokument, eine sichere Schule, der Zugang zu medizinischer Versorgung und die Aussicht auf ein normales Leben in Sicherheit und mit einer Zukunft.

Ali Barzanji ist Menschenrechtsaktivist in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan.

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