Das Theater im Palais adaptiert das autobiografische Buch »Wir spielen Alltag – Leben in Israel seit dem 7. Oktober« der Deutsch-Israelin Lizzie Doron für die Bühne. Damit bietet es dem Berliner Publikum einen gelungenen Anreiz zu mehr Empathie mit den aktuellen Emotionen und Widersprüchen der israelischen Gesellschaft. Auch das palästinensische Leid bekommt Raum. Die nächste Vorstellung ist am 7. Oktober.
Am hinteren Ende des kleinen Theaterraums steht Alina Gause mitten im Publikum. Sie ist Intendantin des Theaters im Palais und spielt an diesem Abend Lizzie Doron. Am anderen Ende, vor der eigentlichen Bühne, steht Carl Martin Spengler. Er hat sich eine billig wirkende Joggingjacke übergezogen: So wird er zu Muhammad, Dorons palästinensischem Freund aus Ost-Jerusalem. Sie versuchen, am Telefon miteinander zu reden – und schaffen es nicht.
Die emotionale Spannung zwischen den beiden zieht sich mittels eines langen, leeren, ockerfarbenen Läufers durch den Raum. Dieser teilt das Publikum räumlich in zwei Hälften, die in Reihen quer zur eigentlichen Bühne sitzen. So befinden sich die Zuschauenden mitten im Fluss der erstarrten Emotionen.
Eine Art Spiegel
Im Raum des »musikalischen Salontheaters stehen«, wie Gause zu Beginn ankündigt, neben den grün gepolsterten Stühlen für das Publikum vier harte, schwarze und als »reserviert« ausgezeichnete Holzstühle. Sie wirken wie kleine Signale dafür, dass es in den nächsten knapp zwei Stunden trotz der wohltuenden Liedersequenzen nicht salonartig-gemütlich wird.
Auf den reservierten Stühlen werden drei der Darsteller – Ira Theofanidis, Meik van Severen und Carl Martin Spengler – zu immer neuen Charakteren. Alina Gause ist die Einzige, die als Lizzie Doron durchgehend eine zentrale Figur verkörpert. Die anderen verwandeln sich mithilfe verschiedener Requisiten in unterschiedliche Figuren aus Dorons Alltag. Ein Superman-Rucksack macht Meik van Severen zum Enkel. Mit ein paar Alufolienstreifen und Lockenwicklern werden die beiden männlichen Darsteller zu streitenden Frauen im Friseursalon.
Die ungewöhnliche Sitzanordnung ist Programm: Eine komfortable Distanz zum Geschehen wird kaum möglich. Das Publikum findet sich nicht einfach vor einer Geschichte, sondern mitten in ihren Spannungen. Dabei werden keine verstörenden Gräueltaten direkt gezeigt oder in Worten thematisiert. Höchstens in den Blicken der Schauspieler kann man sie erahnen. Der Fokus des Stücks liegt auf tiefen Einblicken in die Psyche ausgewählter Figuren der israelischen Bevölkerung. Die Lichter bleiben im ganzen Raum an, sodass auch die Reaktionen des gegenübersitzenden Publikums ins Blickfeld geraten. Der israelische Regisseur Dori Engel, der auch das Bühnenbild übernommen hat, hält damit dem Berliner Publikum eine Art Spiegel seiner eigenen Reaktionen auf die israelische Gesellschaft vor.
Im ersten Teil geht es um die Morgenstunden von Lizzie Doron und ihr nahestehenden Personen am 7. Oktober 2023: die Nachricht von den ersten Toten im engsten Freundeskreis, Panikgefühle und vergebliche Versuche, sich in WhatsApp-Gruppen gegenseitig zu beruhigen, Nachrichten, die für immer nur ein Gelesen-Häkchen haben und nie mehr beantwortet werden. Es geht um Kinder und Enkel, die aus dem Urlaub nach Tel Aviv zurückkehren sollen. Um Angst. Um das Warten. Die vier Darsteller tigern durch den Raum und rufen wie ein Echo: »Luftalarm«, »Schickt die Armee«, »Es ist Krieg«.
Dann wird es plötzlich still. Die Töne des Akkordeons von Ira Shiran und die Stimmen der vier Darsteller auf Hebräisch füllen den Raum. Kurz darauf beginnt die hektische Geschäftigkeit wieder, teilweise als Ersatzhandlung gegen die Angst: Putzen, Einkaufen, Wasser und Klopapier besorgen. Auch das Publikum wird einbezogen und soll Wasserflaschen und Klopapierrollen nach hinten weiterreichen.
Ruhiger wird es erstmals beim Telefonat zwischen der langjährigen Friedensaktivistin Lizzie und Muhammad am 17. Oktober 2023. Es ist eine Schlüsselszene des Stücks. Muhammad hat angerufen. Lizzie sagt ihm: »Am 7. Oktober hat sich alles bei mir auf Null gestellt.« Dieses Mal erwartet sie von ihm eine Entschuldigung. Doch die kommt nicht. Er versucht, sich herauszuwinden, und Lizzie bleibt kontrolliert.
Am Abend des 27. Oktober 2023, als die israelische Bodenoffensive in Gaza beginnt, ruft sie ihn an. Muhammad ist voller Wut. Sein Cousin sei gerade von den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) getötet worden, erzählt er. Bereits im vorangegangenen Krieg sei sein Onkel gestorben. Auch Lizzie gelingt es nicht, »etwas Tröstendes zu sagen«. Obwohl sie die Bilder der Verheerungen gesehen hat: Flüchtlinge, zerstörte Häuser, Tote. Im Buch schreibt sie: »Schon unser eigenes Entsetzen übersteigt meine emotionale Kapazität, und jetzt auch noch ihres. Ich kann all das Furchtbare, das geschieht, nicht mehr in mich aufnehmen.«
Eine Woche später möchte sie Muhammad sagen: »Wir wissen nicht mehr, wie man miteinander redet.« Sie versucht noch zweimal, ihn telefonisch zu erreichen. Dann nicht mehr. Die quälende Desillusionierung über den eigenen Pazifismus und das Hadern mit den Grenzen des eigenen Mitgefühls ziehen sich als roter Faden bis zum Ende. «Ist auch mir das Mitleid abhandengekommen?», fragt sich Lizzie.
Schonungsloser Blick
Die Stärke des Buchs und der Bühnenadaptation ist der schonungslose Blick auf die eigenen Defizite und die Desorientierung nach dem Verlust der bisherigen politischen Heimat. Mit trauriger Selbstironie blickt Lizzie auf ihr eigenes politisches Leben zurück. Jahrelang hat sie gegen den israelischen Nationalismus und gegen Netanjahus Justizreform demonstriert. Nun schwenkt sie Israel-Fahnen vor dem Brandenburger Tor. Nachts hängt sie Porträts der Geiseln in Berlin auf. Direkt unter den Plakaten befinden sich Stolpersteine für die Opfer der Shoah. Hinter ihr sprechen die drei anderen Schauspieler die verschiedenen Namen im Chor.
»Wie hat meine Mutter mit all den Toten vom Holocaust leben können?«, fragt sich Lizzie, die sich ihrer Mutter näher als je zuvor fühlt, als sie selbst Kurzbiographien der Opfer vom 7. Oktober 2023 schreibt. »Sie ist verrückt geworden«, antwortet ihr Mann Dani. Eine Freundin, die versucht, sie von ihrer Verzweiflung zu erlösen, sagt, die Skrupel und Bedenken der Linken gehörten »zu einer Welt vor dem 7. Oktober«. Sie verteilt Israel-Fähnchen im Publikum.
Doch Dorons kritische Haltung verschwindet keineswegs. Auch die Bühnenfassung, die eng am Inhalt des Buches bleibt, hält an ihrer scharfen Beobachtung der israelischen Gesellschaft und Politik fest. So wird der Platz der Geiseln in Tel Aviv in einer Szene teilweise zur Touristenattraktion. Ein amerikanischer Jude schwärmt davon, wie lohnend es sei, die Orte des Massakers vom 7. Oktober zu besuchen. Auch Dorons Kardiologe wird zum Gegenstand ihrer Kritik. Er beschimpft sie und ihre Freunde als »halluzinierende Linke«, schwärmt vom ultranationalistischen Politiker Kahane und verabschiedet sich dennoch mit den Worten: »Wir sind doch alle Brüder.« Dorons Antwort: »Ich bin Einzelkind.«
Die vielleicht eindringlichste Szene des Abends handelt von einem Mann, dessen Tochter im Kibbuz Be’eri ermordet wurde. Er kommt, um die Wohnung zu besichtigen, die Lizzie verkaufen möchte. Er möchte für seine Frau und die drei Kinder, die überlebt haben, eine bessere Unterkunft als das Hotel für Binnenflüchtlinge finden. Wie bei jeder Wohnungsbesichtigung zeigt er Lizzie ein Video von der Beerdigung seiner Tochter. Ihr fehlen die Worte. Beim Abschied schenkt sie dem Mann die ganze Packung Marzipan aus Deutschland, von dem er schon im Gespräch mehrere Stücke gegessen hat. Er liebe Marzipan so sehr, dafür würde er sterben.
Auf der Berliner Bühne wird die Übergabe verlangsamt, beinahe zelebriert. Ist es eine Anregung an das Publikum, wie leicht sich Solidarität ausdrücken lässt? Deutsches Marzipan als Trostspende, wo die Sprache versagt. Das Spiel der Darstellenden verleiht der Szene eine tiefe Intensität. Nicht nur jetzt fließen ein paar Tränen im Publikum. Im Buch erzählt Doron, dass sie immer wieder deutsches Marzipan ins Hotel des Mannes geschickt hat.
Überzeugend wirkt die Bühnenadaptation auch, weil sie palästinensisches Leiden an entscheidender Stelle positioniert, und zwar kurz vor Schluss. In der Szene geht es darum, dass Lizzie die Mails ihres jungen Verwandten Ari lange nicht geöffnet hat. Er studiert in Amerika und hat bereits am 15. Oktober 2023 eine palästinensische Flagge zu seinem Facebook-Profilbild gemacht.
Zuletzt liest sie seine Nachrichten doch. Auf der Bühne übernimmt Meik van Severen Aris Worte an Lizzie: »Auch du weißt um den Preis, den die bezahlen, die anders denken. Ich weiß noch, wie die Reaktionen waren, als du angefangen hast, über die Palästinenser zu schreiben.« Ari hat Facebook-Postings beigefügt, die Menschen aus Gaza geschickt haben. Diese berichten vom Tod aller Familienangehörigen durch die Bombardierungen. Direkt danach singen die vier Darsteller zum Schluss Leonard Cohens Lied: »Lover, lover, lover, lover, lover, lover, lover, come back to me.« Es klingt wie ein flehender, hilfloser Ruf: nach Trost, nach Nähe, nach einem Neuanfang.
Doch einen Neuanfang liefern weder das Buch noch die Bühnenadaptation. Beide sind ein bedeutsames Zeugnis über eine traumatisierte Gesellschaft, aber sie geben keine Lösung. Sie ringen nur um den Verstand, um eine politische Haltung – und ignorieren dabei das Leiden der Gegenseite nicht. Es bleibt zu hoffen, dass alle grünen Polsterstühle bei der nächsten Vorführung am 7. Oktober besetzt werden – und mehr deutsches Marzipan zum Trost nach Israel gesendet wird.
