Friedensarbeit auf der Bühne – mit Lachen und Weinen

Friedensarbeit auf der Bühne: Das tragikomische Theaterstück mit dem Titel Jerusalem/Al Quds

Das tragikomische Theaterstück mit dem Titel Jerusalem/Al Quds erzählt von jüdisch-muslimischer Versöhnung. Ein Bericht über eine Aufführung in Berlin und die Reaktionen des Publikums.

»Stühle, Stühle!«, ruft ein Mann freudig, während er zwei Klappstühle auf Armlänge durch den vollen Saal des Kulturhauses Babelsberg trägt. An den eng gestellten Tischchen mit Getränken gibt es längst keine Sitzmöglichkeiten mehr, also werden einige zusätzliche Plätze improvisiert. Auch die Vorstellung am Vorabend war ausgebucht.

Nicht nur die Ankündigung in einer Regionalzeitung über die besondere Beziehung der beiden Schauspieler, der Israelin Sharon Kotkovsky und dem Syrer Jalal Mando, wirkte verlockend. Auch der von Regisseurin Sabine Wiedemann hinzugefügte, tragikomisch klingende Untertitel der Aufführung Jerusalem/Al Quds – Einer vertrackten Situation auf der Spur ließ erahnen: Der Abend könnte trotz des ernsten Themas auch zum Lachen einladen.

Märchenhaft

So kompliziert, wie die Geschichte des belgischen Autors Ismaël Saidi, der marokkanische Wurzeln hat, beginnt, so vorhersehbar ist das Happy End: Die jüdisch-kanadische Delphine erbt von ihrer Großmutter ein Haus in Ost-Jerusalem, in dem allerdings seit Jahrzehnten die muslimische Familie von Shahid lebt. Als sich die beiden erstmals am Tag der Hausübergabe begegnen, ist der persönliche Konflikt unausweichlich. So spiegeln sich im Streit um das Haus die historischen Spannungen zwischen Juden und Muslimen im Nahen Osten.

Die märchenhafte Wirkung einer Sonnenfinsternis lässt Delphines Großmutter Ruth und Shahids Großvater Abu Qasim wieder auferstehen. Beide Figuren werden ebenfalls von Kotkovsky und Mando gespielt. Den Wechsel zwischen den Generationen lösen sie für das Publikum sofort erkennbar durch einen gekrümmten Rücken, eine auf die Nasenspitze geschobene Brille oder eine islamische Gebetskette.

In der Schlussszene wechseln die beiden Schauspieler zu einer dritten Ebene – derjenigen ihrer eigenen Identität. Auf Stühlen sitzen sie einander gegenüber, Jalal Mando reicht Sharon Kotkovsky die Hand und stellt sich vor: »Jalal.« Kotkovsky ergreift sie und antwortet entsprechend: »Sharon.«

Allein ihre gemeinsame Präsenz auf der Bühne sei ein Zeichen dafür, dass Versöhnung möglich ist, meint Regisseurin Sabine Wiedemann, die auch das Stück ins Deutsche übersetzt hat. Es gebe nicht viele Männer aus muslimisch geprägten Milieus, die sich auf ein solches Projekt einließen. Deshalb habe sie die Gelegenheit, mit Jalal Mando zu arbeiten, sofort ergriffen.

Das Wunder der Versöhnung geschieht auf der Bühne durch die Großeltern – transgenerationell. Sie verkörpern Menschen, die dem Hass nicht mit Hass begegnen wollen und sich stattdessen ihrer Angst stellen.

Die Großeltern Ruth und Abu Qasim stemmen die Versöhnung
Die Großeltern Ruth und Abu Qasim stemmen die Versöhnung (© ESCALA e.V.jpg)

In zwei Szenen erzählen sie einander die traumatischsten Kapitel ihrer Biografie: Ruth fängt mit der Shoa an. Wenn sie fertig ist, ermutigt sie Abu Qasim dazu, von seinem eigenen, persönlichen Leiden zu erzählen. Als Palästinenser berichtet er über die im Krieg von 1948 verstorbenen Verwandten: den Vater, die erste, schwangere Ehefrau. Nicht nur an dieser Stelle des Stückes entsteht ein leichtes Unbehagen durch die erstellte, biographische Parallelität, die historisch als eine Relativierung der Einzigartigkeit der Shoa gedeutet werden könnte. Die Geschichte fokussiert auf die versöhnliche Kraft der Empathie für das persönliche Leiden des Gegenübers. Der historische Kontext gerät durch Emotionen oder durch den Humor in den Hintergrund.

Beide Szenen des biographischen Rückblicks folgen einem ähnlichen, sich spiegelnden Muster: die Angst, in die Vergangenheit zu blicken, eine stützende Hand des Gegenübers, und das Singen eines Gebets aus der eigenen Religion – für den jeweils anderen: Ruth spricht das Kaddisch, Abu Qasim rezitiert die Fatiha. Zum Entsetzen der Enkel verlieben sich die Großeltern und verschwinden am Ende der Sonnenfinsternis eng umschlungen. Als Abu Qasim flüstert: »Ich würde gerne in alle Ewigkeit mit dir zusammenbleiben«, und Ruth »ich auch« antwortet, bricht spontaner Applaus im Publikum aus.

Zwischen Delphine und Shahid endet es nicht ganz so märchenhaft, aber immerhin mit einem versöhnlichen Salam/Shalom, einer Einladung zum Kaffee – und Ruths lakonischer Feststellung: »Wir sind wahrscheinlich die einzigen Völker auf der Welt, die ihre Zeit damit verbringen, sich Frieden zu wünschen – und gleichzeitig ständig im Krieg sind.«

Keine Lösung

Nach dem Schlussapplaus lädt die Regisseurin das Publikum zu einem Gespräch ein. Nicht alle Zuschauer bleiben. Zwei Frauen sagen: »Wir möchten es so stehen lassen. Wir fühlen uns berührt und erfüllt. Gerade in diesen Zeiten tut ein solcher Abend sehr gut. Wir haben den Traum, dass daraus Realität werden könnte.«

Eine andere Zuschauerin, die mit einer israelischen Freundin gekommen ist, sagt mit leuchtenden Augen: »Es war total märchenhaft.« Und fügt nachdenklich hinzu: »Es war genau der Friedenstraum, den jene Menschen hatten, die an der Gaza-Grenze in den Kibbuzim lebten – und das Pogrom vom 7. Oktober 2023 nicht überlebten.«

Auf die Frage nach dem Verhältnis die beiden Schauspieler zueinander, erzählt Jalal Mando: »Ich bin in Syrien geboren worden. Dort wäre es unvorstellbar, mit einer Israelin aufzutreten. Wir sind so erzogen worden, dass alle Israelis uns töten wollen. Deshalb hatten wir Angst vor ihnen.« Vor acht Jahren standen er und Kotkovsky erstmals gemeinsam im Potsdamer Hans Otto Theater mit dem Stück Gehen und Bleiben auf der Bühne. Damals sei es »schon ein komisches Gefühl« gewesen, mit einer Israelin zu arbeiten. »Aber Sharon wollte mich nicht töten«, fügt er schmunzelnd hinzu. Das erzähle er nun auch seinen syrischen Freunden.

Ein weißhaariger Mann aus dem Publikum fragt Sharon Kotkovsky, ob sie als jüdische Israelin in ihrer Kindheit in Jerusalem Kontakt zu Muslimen gehabt habe. »Es ist kompliziert«, sagt sie. »Aber wir leben miteinander. In Restaurants, Cafés, Krankenhäusern, Apotheken, Shopping Malls, überall sieht man arabische Menschen neben Juden, Christen und anderen. Es ist sehr eng, aber es gibt natürlich auch Distanz. Und es gibt Viertel, in denen ausschließlich arabische Nachbarn wohnen. Trotzdem: Man kann uns nicht trennen.«

Dann berichtet sie von ihrer Angst als Kind, als sie – in einer Zeit zahlreicher Terroranschläge – täglich mit dem Bus zur Schule fahren musste. »Ich zitterte bei jedem Araber und bei jedem Stein. Aber die meisten sind keine Terroristen. Wir leben so eng beieinander, wir müssen eine Lösung finden. Dieses Land gehört sowohl den Palästinensern als auch den Israelis. Das ist kein Widerspruch. Welche Lösung es sein soll – ein Staat oder zwei Staaten –, ist mir egal, solange wir in Frieden leben können.«

Bei der Inszenierung habe man auch überlegt, wie es mit den Enkeln weitergehen könnte, erzählt Kotkovsky. Ob sie heiraten, das Haus verkaufen und das Geld teilen. Aber letztlich sehe sie es nicht als ihre Aufgabe, eine Lösung zu liefern, sondern zum Dialog anzuregen.

Schon vor knapp zehn Jahren hatte eine andere Tragikomödie von Ismaël Saidi großen Erfolg, vor allem in Belgien und Frankreich: In Djihad machen sich drei desorientierte junge Belgier mit muslimischem Hintergrund auf den Weg in den »Heiligen Krieg«. Das Stück wurde vielfach an Schulen aufgeführt. Auch zu Jerusalem/Al Quds existiert ein pädagogisches Dossier, um Seminare und Workshops zu ermöglichen. »Theater ist nur der Aufhänger«, erklärt Sabine Wiedemann, die auf viele weitere Aufführungen und Workshops, besonders mit Jugendlichen, hofft.

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