Der palästinensische Anti-Hamas-Aktivist Hamza Howidy und der israelische Friedensaktivist Shay Dashevsky veranstalten gemeinsam Podiumsdiskussionen. Sie glauben an die Kraft des Dialogs. Ein Bericht über einen Abend in einer Berliner Bibliothek.
»Free Palestine«, ruft plötzlich ein Mann, verborgen hinter mehreren Bücherwänden im holzgetäfelten Saal der Heinrich-Schulz-Bibliothek in Berlin. »Ja, kommen Sie, lassen Sie uns reden«, antwortet der israelische Friedensaktivist Shay Dashevsky, der auf der kleinen Bühne am anderen Ende des Raums sitzt. Doch der anonyme Zwischenrufer bleibt unsichtbar; auch später taucht er nicht auf.
Es bleibt der einzige Zwischenfall an diesem Abend. Ansonsten herrscht eine überraschend ruhige, konzentrierte Atmosphäre. Dashevsky und sein palästinensischer Gegenpart Hamza Howidy hätten allen Grund, einander zu misstrauen – ihre Nationalitäten, ihre Biografien könnten kaum gegensätzlicher sein. Doch ihr gemeinsames Engagement gegen Antisemitismus, gegen die Hamas und gegen Krieg wirkt: Es überträgt sich auf das Publikum. Rund dreißig Menschen hören aufmerksam zu und stellen vorsichtig formulierte Fragen. Sie sitzen in wenigen Stuhlreihen zwischen Außenwand und Bücherregalen.
Ins Gespräch kommen
In der ersten halben Stunde lässt die moderierende Bibliotheksleiterin Martha Ganter die beiden Männer ihre Geschichte und ihre Motivation schildern.
Hamza Howidy wuchs im Gazastreifen auf. Bereits als Jugendlicher organisierte er ab 2019 Proteste gegen die Hamas und wurde dafür zweimal verhaftet und gefoltert. Freunde und Verwandte kamen durch den Terror der Hamas oder bei israelischen Angriffen in den vergangenen Jahren ums Leben. Im August 2023 entschied er sich, den Gazastreifen über die ägyptische Grenze zu verlassen. Nach dem 7. Oktober gelang es ihm, seine Familie – für den Preis von fünftausend Euro pro Person – herauszuholen. »Vor dem Krieg waren es nur fünfhundert Euro. Auch Ägypten profitiert von der Katastrophe«, meint er kritisch.
Shay Dashevsky stammt aus Israel und lebt seit acht Jahren in Berlin. »Als Linker war ich erschöpft von der angespannten politischen Lage in Israel, besonders in Bezug auf das Westjordanland. In Deutschland fühlte ich mich besser.« Nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel wollte er dem wachsenden Antisemitismus in Europa etwas entgegensetzen. In Zusammenarbeit mit Howidy konzentriert er sich auf Dialogarbeit in Deutschland: »Parallel habe ich das Projekt I am from Israel – ask me anything an deutschen Unis gestartet. Ich stelle mich mit einem Tisch hin und suche das Gespräch mit Studierenden.«
Im Anschluss bleibt eine Stunde für Fragen. Trotz des höflichen und sachlichen Tons sind Differenzen spürbar. Ein älterer Mann fragt, ob die deutsche Regierung genügend Druck auf Israel ausübe. Eine Frau mit grauen Haaren möchte wissen, ob die Demonstrationen von Sahra Wagenknecht (»Frieden statt Wettrüsten«) oder die Berliner Gruppe »Israelis für Frieden« empfehlenswert seien. Ein junger Mann mit Bart und hebräischem Akzent erkundigt sich nach konkreten Alternativen zur Gewaltstrategie von »Globalising Intifada«.
Später berichtet eine Musikerin mit Käppi und perfekt manikürten Fingernägeln, sie müsse ihre Meinung und Identität verstecken, da sie sonst Aufträge verliere. Ein Student mit Piercing wünscht sich eine attraktivere Form für den moderaten Weg des Friedens – der Sog extremistischer Positionen sei für viele zu stark. Eine Frau zeigt sich verstört über den kulturellen Boykott von Israelis und fragt, ob Howidy und Dashevsky die Situation im Gazastreifen als »Genozid« bezeichnen würden. Im Publikum lachen einige, die heiße Frage käme recht spät. Immerhin macht deren Zeitpunkt deutlich, dass die beiden Friedensaktivisten es an dem Abend geschafft haben, sich für kein Lager vereinnahmen zu lassen und einen Gesprächsraum für gegensätzliche Parteien zu eröffnen.
Kommunikationsgeschick
Mit Kommunikationsgeschick schaffen die beiden Friedensaktivisten eine Atmosphäre, in der niemand sich wegen der eigenen Meinung ausgeschlossen fühlt. Gerne fangen Howidy und Dashevsky ihre Antworten beschwichtigend mit einer rhetorischen Gegenfrage oder mit theoretischen Ausführungen an. Ab und zu weisen sie jedes Expertentum von sich ab, geben anschließend aber doch eine persönliche Einschätzung.
»Ich bin extrem pro-palästinensisch und gegen Besatzung«, sagt Howidy gleich zu Beginn, aber nicht im Sinne der Palästina-Demonstrationen in Deutschland: »Anfangs war ich froh, dass Menschen für Gaza demonstrierten. Doch als ich sah, wie sie ›Intifada‹ riefen und Hamas-Symbole trugen, war ich schockiert. Sie sprechen nicht im Namen der Zivilbevölkerung. Zu viele von uns haben sich schon für ihre Zwecke instrumentalisieren lassen.«
Rund 65 Prozent der Bevölkerung der Küstenenklave seien gegen die Hamas, was aber nicht bedeute, dass sie Israel lieben. Viele Palästinenser im Ausland könnten sich nicht offen äußern – aus Angst, ihre Angehörigen zu gefährden. »Was wir wollen, ist ein Ende der humanitären Katastrophe, ein Ende des Kriegs, mehr Hilfe und die Befreiung der Geiseln.« Gewalt sei dafür nicht nötig, »das ist durch Gespräche möglich«. Die Intifada habe zum Tod von viertausend Palästinensern und eintausend Israelis geführt: »Wie kann man sich so etwas für mein Volk wünschen?«, fragt Howidy empört. Gaza brauche Frieden und demokratische Wahlen.
Auf die Frage nach dem deutschen Druck gegen Israel antwortet der Palästinenser, dass die Lage für Deutschland aufgrund seiner Geschichte kompliziert sei: »Ein Waffenembargo ist eine Möglichkeit, aber ich hätte schon früher etwas getan, als Israel die humanitären Hilfen stoppte. Nicht zu vergessen und noch wichtiger ist der Druck von Europa gegen die Hamas und die Länder, die ein Ende des Kriegs bewirken können. Die Hamas-Führer sitzen in Katar und in der Türkei auf Bergen von Geldern.«
In kein Lager drängen lassen
Klingen die Fragen aus dem Publikum nach dem Versuch, sie in einem bestimmten Lager einordnen zu wollen, reagieren die beiden Friedensaktivisten mit einer Ablehnung von Etikettierung. »Wenn du nicht sagst, dass es Apartheid oder ein Genozid ist, dann rede ich nicht mit dir«, fasst Howidy die Haltung mancher Gesprächspartner aus früheren Diskussionen zusammen.
Dashevsky schildert, dass er Vertreter des Genozidvorwurfs gern danach fragt, ob der israelische Gegenschlag nach dem 7. Oktober 2023 legitim gewesen sei, was die meisten bejahten. Darauf stelle er die Nachfrage, ab wann der »Genozid« ihrer Meinung nach denn dann begonnen habe. Wenn die Antwort »schon vor siebzig Jahren« – oder gar: »Das ist ein neuer Holocaust« – laute, dann sei für ihn kein rationaler Diskurs mehr möglich: »Wer dem Begriff Genozid nicht sofort zustimmt, wird als Genozid-Unterstützer beschimpft. Solange keine juristische Entscheidung gefallen ist, ist das nur eine Blutetikette – und der Preis dafür kann sehr hoch sein. Ich kann nicht selber entscheiden, ob es ein Genozid ist oder nicht. Die englische Regierung hat gesagt, es sei kein Genozid, aber viele Leute wählen lieber die Aussagen von Organisationen, die ihnen besser gefallen.«
Auch Howidy zieht es vor, abzuwarten, was zuständige Organisationen von Juristen über die Bezeichnung »Genozid« sagen. Bis dahin sei es ein Ratespiel, auf diese Frage zustimmend oder abschlägig zu beantworten. Allerdings, so Howidy, würde er den Begriff sofort verwenden, »wenn Ben-Gvir die Bevölkerung Gazas in die Sinai-Wüste deportieren würde«. Er arbeite auch deswegen mit Dashevsky zusammen, weil er unbedingt etwas gegen den ansteigenden Hass gegen Juden und Israelis in Deutschland bewirken wolle.
Dashevsky beschreibt in diesem Zusammenhang, wie die Stimmung gegen Israelis und Juden auf Demonstrationen und in den sozialen Medien nach dem 7. Oktober 2023 eskalierte. »Es beginnt mit Drohungen, Angriffen und dann wird geschossen – zunächst gegen Juden und Zionisten. Aber später trifft es alle, die eine abweichende Meinung vertreten. Wir brauchen mehr politische Unterstützung für moderate Stimmen.«
Mit der eingangs angesprochenen Gruppe »Israelis für den Frieden« habe er einmal demonstriert, würde dies aber nicht wieder tun. Er habe dort Parolen gehört wie »From the river to the sea« und keinen substanziellen Unterschied zu anderen Palästina-Demonstrationen bemerkt. »Ich frage mich, ob diese jüdischen Menschen einfach Empathie mit Suizid haben«, sagt er. Die Frau aus dem Publikum, die nach der Gruppe gefragt hatte, murmelt: »Ich habe da etwas anderes erlebt.«
Howidy glaubt, dass es inzwischen keinen legitimen Grund mehr für den Krieg gibt. Die Hamas sei stark geschwächt. Als Beleg nennt er zwei kürzlich abgefeuerte Raketen – sie seien in Gaza eingeschlagen. »Das ist kein Vergleich zu den Tausenden Raketen, die früher in einer Stunde abgeschossen wurden.«
Weitere Termine der Berliner Podiumsdiskussionen: wewanttoliveber
