»Ich will eine Brückenbauerin zwischen beiden Ländern sein« (Teil 1)

Das neue Haus im Kibbuz Be’eri: Die Gemeinschaft bereitet sich auf die langersehnte Rückkehr vor, nachdem sie infolge des Massakers evakuiert worden war
Das neue Haus im Kibbuz Be’eri: Die Gemeinschaft bereitet sich auf die langersehnte Rückkehr vor, nachdem sie infolge des Massakers evakuiert worden war (© Yahel Betito-Abokasis)

Die Deutsch-Israelin Dafna Gerstner hat den 7. Oktober 2023 im Kibbuz Be’eri überlebt. Im Gespräch mit Geneviève Hesse erzählt die 42-jährige Münchnerin, was sie mit ihrem gerade erschienenen Buch »Sie kamen, um uns zu töten – mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« erreichen möchte.

Geneviève Hesse (GH): Am 7. Oktober 2023 saßen Sie im Kibbuz Be’eri neunzehn Stunden lang mit Ihrem deutschen Mann in einem nicht abschließbaren Schutzraum. Wie durch ein Wunder kamen die Terroristen nicht zu Ihnen. Wie haben Sie Ihr Trauma und Ihre Trauer aufgearbeitet?

Dafna Gerstner (DG): Am Anfang konnte ich überhaupt nicht begreifen, was geschehen war. Ich hatte so viele Menschen verloren: meinen Bruder Eitan, meine Freunde Carmel Gat und Schachar Zemach und viele weitere Menschen aus meiner Jugend im Kibbuz. Am 7. Oktober hatte ich gerade zwei wunderschöne Wochen Urlaub mit meinem Mann hinter mir. Wir waren aus München nach Israel geflogen, um meine Familie zu besuchen. Und dann kam dieser Albtraum.

Im Chaos der raschen Evakuierung des gesamten Kibbuz in ein Hotel war es überhaupt nicht möglich, zu begreifen, was passiert war. Wir konnten nicht einmal die sieben Tage der Trauerzeremonie Schiwa einhalten.

GH: Ihr Mann ist schnell nach München zurückgeflogen, Sie wollten dagegen in Israel bleiben. Warum?

DG: Ich konnte mir nicht vorstellen, an einem Ort zu sein, an dem niemand versteht, was ich durchgemacht hatte. Ich habe sofort meine Chefin in München angerufen und gekündigt. Ich wollte bei meinem Vater bleiben, der ebenfalls überlebt hatte, und bei der Gemeinde, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Mitglied von Be’eri war. Es gab dort unglaublich viel zu tun: Schnell wurde klar, dass das Hotel am Toten Meer unser neues Zuhause für die nächsten Monate werden sollte. Gleichzeitig erhielt ich sehr viel Unterstützung – psychologische Ersthilfe, Akupunktur, Massagen. Am Anfang waren die körperlichen Behandlungen für mich wichtiger als Gespräche.

In Israel gibt es schon lange ein Gesetz, das die psychologische und körperliche Behandlung von Menschen finanziert, die Terroranschläge überlebt haben. Nach dem 7. Oktober wurde diese Unterstützung ausgeweitet, weil so viele Menschen betroffen waren. In Deutschland habe ich als Überlebende keine solche Finanzierung, wie ich sie in Israel erhalten kann. Das belastet mich finanziell, denn ich muss die körperlichen Behandlungen fast alle alleine bezahlen.

GH: Wie lange sind Sie noch bei der Kibbuz-Gemeinde im Hotel geblieben?

DG: Im Dezember 2023 kam ich für eine Woche nach Köln zu einem Fernsehinterview. Ich wollte öffentlich Zeugnis davon ablegen, was ich erlebt hatte. Ansonsten blieb ich bis Februar 2024 in Israel. Als ich wieder in München war, konnte mein Körper langsam aus dem Dauerstress des Kriegsgebiets herauskommen. In einer Online-Gruppe von Frauen, die ihren Bruder verloren hatten, versuchte ich zum ersten Mal, mich mit dem Tod von Eitan auseinanderzusetzen.

Brückenbauerin

In diesem Schutzraum hielten sich Dafna Gerstner und ihr Mann neunzehn Stunden lang auf, bis sie gerettet wurden
In diesem Schutzraum hielten sich Dafna Gerstner und ihr Mann neunzehn Stunden lang auf, bis sie gerettet wurden (© Yahel Betito-Abokasis)

GH: Wie ging es für Sie beruflich weiter?

DG: Ich hatte schon vor dem 7. Oktober geplant, mich als Kommunikationsdesignerin und Fotografin selbstständig zu machen. Diesen Plan verschob ich nur um rund acht Monate. Einige Menschen aus dem Hotel gingen ebenfalls wieder arbeiten. Also wollte auch ich langsam in einen normalen Arbeitsalltag zurückkehren. Dann begann ich mit dem Buch. In Israel haben mehrere befreite Geiseln autobiografische Bücher geschrieben. Das Buch von Eli Sharabi, »491 Tage – in den Tunneln der Hamas«, wurde ins Deutsche übersetzt. Auch er kommt aus dem Kibbuz Be’eri.

GH: Sie schreiben im Buch, dass Sie im Vergleich zu anderen Überlebenden Glück hatten, weil Sie keine Leichen gesehen haben.

Tatsächlich habe ich keine gesehen. Aber es war dunkel, als wir herausgeholt wurden. Oder mein Gehirn hat die Bilder ausgelöscht. Wir hatten extrem viel Glück. Es gab Menschen, die in ihren Schutzräumen saßen, während sich Terroristen stundenlang in ihren Häusern aufhielten. Ich habe die ganze Zeit gedacht, dass die Terroristen auf unseren Balkon kommen würden, weil man von dort einen Überblick über die gesamte Nachbarschaft hat. Wir werden nie wissen, warum sie es nicht getan haben. Ein paar Häuser weiter wurden Menschen als Geiseln genommen.

GH: Sie waren nach dem 7. Oktober bereits mehrfach in deutschen Medien zu sehen, unter anderem in der Tagesschau, bei Stern TV und im BR sowie in einem ARD-Podcast, in dem auch ein Journalist aus Gaza von seiner Perspektive sprach. Warum wollten Sie trotzdem noch ein Buch schreiben?

DG: Ich wollte meine Geschichte von A bis Z erzählen – ohne Schnitt, ohne tendenziöse Verdrehung und ohne Doppelperspektive. Meine zentrale Aussage, dass die Geiseln kein politisches, sondern ein menschliches Thema sind, wurde aus einem Fernsehinterview herausgeschnitten. Das hat mich sehr frustriert. Nach meiner Rede in der Münchner Synagoge am 7. Oktober 2024 schlug mir Manfred Otzelberger vor, ein Buch zu schreiben. Ich wusste, dass ich jemanden brauche, der einen Blick von außen einbringt. Manfred hatte die schöne Idee, die Sichtweisen weiterer Menschen aus meinem direkten Umfeld in München in das Buch aufzunehmen.

Ich wollte nicht nur meine eigene Trauer beschreiben, sondern auch die Trauer eines ganzen Landes nach dem 7. Oktober. Deutsche sollen besser verstehen, was Israel vor und nach diesem Tag geprägt hat. Ich will eine Brückenbauerin zwischen beiden Ländern sein. Ich kenne beide Gesellschaften sehr gut und merke immer wieder, wie wenig Deutsche über die israelische Lebensrealität wissen. Viele wissen zum Beispiel nicht, was ein Schutzraum oder ein Kibbuz ist. Ich habe das in meinem Freundeskreis in München unzählige Male erklärt.

GH: Was verstehen Deutsche an einem Kibbuz beispielsweise nicht?

DG: Dass ein Kibbuz eine Gemeinschaft ist, die durch gemeinsame Regeln und Verpflichtungen zusammengehalten wird. Wenn die Gemeinschaft umziehen muss, kann nicht einfach jeder für sich entscheiden, wohin er geht. Wer sein Haus verliert, kann nicht einfach allein an einen anderen Ort ziehen. Alle sind wirtschaftlich und mental eng miteinander verbunden. Viele haben noch nie ein anderes Leben als in der Gemeinschaft geführt.

Mit 35 muss man die Entscheidung treffen, ob man im Kibbuz bleibt oder geht. Ich hatte wegen meines Mannes und mehrerer Lebensjahre außerhalb des Kibbuz den Mut zu gehen. Trotzdem habe ich eine wunderbare Kindheit in Be’eri verbracht. Es war wie ein Sechser im Lotto, dort aufzuwachsen. Manfred hat es einmal mit der Stimmung in Bullerbü verglichen.

GH: Was war so besonders am Kibbuz Be’eri? In Ihrem Buch klingt das teilweise wie eine Art Kommunismus.

DG: Auf kleiner Ebene vielleicht. Aber nicht wie in der DDR. Ein Kibbuz entwickelt sich ständig weiter. Auch wenn Be’eri als sehr konservativ gilt, können Regeln verändert werden. Es braucht dafür allerdings lange Diskussionen. Genau das ist für mich die Stärke von Be’eri: Der Kibbuz ist nicht starr. Gute Vorschläge wurden am Ende immer angenommen.

Die Gehälter der Mitglieder fließen in einen gemeinsamen Topf und werden je nach Bedarf verteilt. Dafür muss man nicht selbst für Miete, Versicherungen, Essen, Auto oder Kinderbetreuung bezahlen, und sogar die Wäsche wird gemacht. Als Kind ist das ein Traum: Die Freunde wohnen um die Ecke, die Schule ist fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Es gab eine tolle Pädagogik, viel Freiheit am Nachmittag, Musik, Tiere und Wanderungen in einer wunderbaren Landschaft. In meiner Erinnerung änderte sich die Stimmung, nachdem Israel die Siedlungen im Gazastreifen geräumt hatte. Aber da war ich schon fast 22. Vorher hatte ich mir wenige Gedanken über die Menschen auf der anderen Seite der Grenze gemacht.

Eine von seiner Freundin Gaëlle verfasste Widmung an den Wänden der Zahnarztpraxis, in der Eitan ermordet wurde. Sieben Stunden lang kämpfte er gegen die Hamas-Terroristen
Eine von seiner Freundin Gaëlle verfasste Widmung an den Wänden der Zahnarztpraxis, in der Eitan ermordet wurde. Sieben Stunden lang kämpfte er gegen die Hamas-Terroristen (© Dafna Gerstner)

»Hier stimmt etwas nicht«

GH: Wie hat sich Ihre Beziehung zum Judentum seit dem 7. Oktober verändert?

DG: Schon vorher war es für mich emotional gesehen ziemlich komplex, im »Land der Täter« zu leben. Besonders am Holocaust-Gedenktag empfand ich es als schmerzhaft, nicht in Israel zu sein.

Aber dann wurden wir am 7. Oktober 2023 von Terroristen angegriffen und ermordet – und trotzdem nahm man das in Deutschland nicht richtig wahr. Plötzlich waren wir die Täter, die »Kindermörder«, und bis heute erleben wir eine große Antisemitismuswelle. Da dachte ich: Hier stimmt etwas nicht. Verstehen sie nicht, dass wir einen Krieg an sieben Fronten führen?

Nur die Juden um mich herum konnten mich verstehen. Dann bat mich die jüdische Gemeinde in München um einen Vortrag. Danach merkte ich, dass ich nicht mehr schweigen konnte. Wir waren plötzlich die Bösen, obwohl uns das Schlimmste passiert war. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, dass ich spreche. Ich muss darüber erzählen, weil es sonst keiner macht.

GH: Woher nehmen Sie den Mut, sich mit Ihrem Buch öffentlich zu zeigen?

DG: Mir ist bewusst, dass ich mich damit gefährde. Aber ich habe diese Öffentlichkeit bereits durch die vielen Interviews gewählt. Diese Sichtbarkeit ist der Preis, den ich bereit bin zu zahlen.

Ich will nicht, dass diejenigen gewinnen, die uns Angst machen wollen. Und ich tue es auch für alle, die nicht überlebt haben.

GH: Eine Woche haben Sie gemeinsam mit Gaëlle, der Verlobten Ihres am 7. Oktober getöteten Bruders Eitan, in einer jüdischen Gemeinde in den USA verbracht. Sie sagte, diese Erfahrung sei heilsamer gewesen als Jahre der Therapie. Inwiefern?

DG: Wegen des Gefühls der Zugehörigkeit, des Mitgefühls und der Liebe, die wir erfahren haben. Trotz der physischen Entfernung und obwohl wir uns nicht kannten, war die Verbindung zwischen uns sofort vorhanden. Es war unglaublich erfrischend zu sehen, wie offen amerikanische Juden ihre Religion leben und wie stolz sie darauf sind. Deutsche Juden nennen wir manchmal »Galuti«. Damit ist eine Haltung der ängstlichen Zurückhaltung im Exil gemeint. In den USA habe ich liberale Juden kennengelernt. Familiär war ich eher von Orthodoxen geprägt, obwohl unser Kibbuz überhaupt nicht religiös war und sehr lange nicht einmal eine Synagoge hatte. In den USA habe ich ein vielfältiges, lockeres Judentum kennengelernt. Es gab sogar Rabbinerinnen.

GH: Haben Sie Pläne oder Träume für die Zukunft?

DG: Ich mache im Moment nur kleine Schritte. Mein aktuelles Ziel ist, das Haus meines Vaters im Kibbuz einzurichten. Es wurde neu gebaut und ist jetzt fertig. Ich muss nur noch die Küche, die Schränke und die übrigen Möbel hineinbringen. Das stresst mich sehr.

Das Buch ist natürlich ein großer Schritt und auch eine Form der Aufarbeitung meines Traumas. Jetzt kann mein Leben weitergehen. Alles ist schriftlich festgehalten, und dadurch fällt eine Last von mir ab. Vor allem wollte ich meinem Bruder Eitan ein Andenken bewahren. Wer wird sich sonst seine Geschichte erzählen? Im Kibbuz wird er sicher noch lange als Held in Erinnerung bleiben. Er hat stundenlang gegen die Terroristen gekämpft und damit sehr viele Leben gerettet – auch meines. Bis ihm Munition ausging. Er wurde um 14:00 Uhr ermordet, und die Armee traf um 16:00 Uhr am Ort ein. Es waren zwei Stunden, die alles hätten verändern können.

Teil 2 des Interviews erscheint morgen hier.

»Sie kamen, um uns zu töten – mein Leben als Jüdin vor und nach dem 7. Oktober« ist im Verlag Herder erschienen.

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