Wer in diesen Wochen durch Eilat läuft, könnte beinahe vergessen, wie schwierig die vergangenen Jahre für Israels Tourismusbranche waren. Die Strände sind voll, Familien drängen sich auf der Promenade, Restaurants und Hotels sind gut besucht. Doch hinter diesem Bild verbirgt sich eine tiefgreifende Veränderung: Es sind nicht die ausländischen Touristen, die Israels Ferienorte füllen. Es sind vor allem Israelis.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich Israels Tourismus verändert wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Kriege, gestrichene Flüge und die zeitweise weitgehende Isolation des Landes vom internationalen Flugverkehr ließen den klassischen Incoming-Tourismus einbrechen. Gleichzeitig entwickelte sich jedoch eine andere Form des Reisens: Urlaub im eigenen Land.
Die Zahlen zeigen die Dimension dieser Verschiebung. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2026 entfiel die überwiegende Mehrheit der Übernachtungen in israelischen Hotels auf einheimische Gäste. Ausländische Touristen spielen weiterhin eine deutlich kleinere Rolle als vor dem Krieg. Doch interessanter noch als die Statistik ist das, was sich dahinter verbirgt. Die vergangenen Jahre haben verändert, wohin Israelis reisen, wie spontan der Urlaub geplant wird und sogar, was ein Hotelaufenthalt innerhalb Israels bedeutet.
Vor dem Krieg gehörte für viele Israelis der Urlaub im Ausland wie selbstverständlich zum Jahresablauf. Zypern und Griechenland sind nur wenige Flugstunden entfernt, Billigfluggesellschaften machten kurze Auslandsreisen erschwinglich. Gerade angesichts der hohen Hotel- und Restaurantpreise in Israel war die Konkurrenz durch das nahe Ausland groß.
Seit Oktober 2023 funktioniert diese Rechnung nicht mehr. Internationale Fluggesellschaften stellten ihre Verbindungen nach Israel immer wieder ein. Tickets wurden teurer, Flugpläne unsicher. Während verschiedener Eskalationen wussten Reisende teilweise bis kurz vor dem Abflug nicht, ob ihre Verbindung tatsächlich stattfinden würde. Auch 2026 haben die erneuten militärischen Auseinandersetzungen gezeigt, wie schnell sich diese Situation wieder ändern kann.
Hinzu kommt, dass sich eine Reise ins Ausland für viele Israelis heute anders anfühlt als vor dem 7. Oktober. Antisemitische Vorfälle, anti-israelische Proteste und Berichte über Anfeindungen israelischer Reisender haben dazu geführt, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung den Urlaub im Ausland weniger unbeschwert erlebt.
Der Süden wird zum Rückzugsort … der Norden kämpft um seine Gäste
Davon profitiert besonders Eilat. Die Stadt am Roten Meer ist seit Jahrzehnten Israels klassische Ferienmetropole, musste aber lange mit günstigeren Angeboten in Griechenland, Zypern oder der Türkei konkurrieren. Heute richten sich die Hotels der Stadt noch stärker auf israelische Gäste aus. Angebote, Unterhaltung und Wochenendpakete werden zunehmend für den heimischen Markt konzipiert. Im Sommer zeigt sich das besonders deutlich: Während internationale Besucher weiterhin fehlen, sind die Strände und Hotels von Eilat gut gefüllt.
Aber nicht nur Eilat hat von dieser Entwicklung profitiert. Auch das Tote Meer und kleinere Orte im Negev sind für israelische Urlauber wichtiger geworden. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung über die Auswirkungen des Krieges auf Israels Tourismus kommt zu dem Ergebnis, dass gerade der Inlandstourismus Eilat und das Tote Meer stabilisiert hat. Während internationale Gäste ausblieben, konzentrierte sich die Nachfrage stärker auf Ziele, die innerhalb weniger Stunden mit dem Auto erreichbar waren. Auch Mitzpe Ramon entwickelte sich zeitweise zu einem besonders gefragten Reiseziel.
Das passt zu einer Gesellschaft, in der langfristige Planung in den vergangenen Jahren schwieriger geworden ist. Ein Flug ins Ausland muss gebucht, organisiert und bezahlt werden und kann bei einer neuen Eskalation plötzlich ausfallen. Ein Wochenende in der Wüste lässt sich dagegen vergleichsweise spontan planen. Der Süden bietet zudem etwas, das in einem dicht besiedelten und angespannten Land besonders attraktiv geworden ist, nämlich Abstand. Wüste, Natur, Stille und das Tote Meer stehen im Kontrast zum Alltag in Tel Aviv oder Jerusalem. Damit ist Urlaub innerhalb Israels nicht unbedingt eine neue Erfindung. Verändert hat sich vielmehr seine Bedeutung.
Während der Süden vergleichsweise schnell israelische Urlauber zurückgewinnen konnte, sieht die Situation im Norden komplizierter aus. Galiläa, die Golanhöhen, Tiberias, Akko und Nazareth gehören eigentlich zu den beliebtesten Reisezielen des Landes. Doch gerade diese Region wurde durch die jahrelange Konfrontation mit der Hisbollah besonders getroffen. Hotels und Restaurants mussten zeitweise schließen, ganze Gemeinden wurden evakuiert. Wanderwege und Naturschutzgebiete waren nicht oder nur eingeschränkt zugänglich. Auch nachdem die Bewohner zurückkehrten, bedeutete dies nicht automatisch, dass die Touristen ebenfalls zurückkamen.
Noch 2026 blieb die Hotelauslastung im Norden deutlich hinter anderen Teilen des Landes zurück. Besonders schwierig ist die Situation für Orte wie Nazareth. Die Stadt lebt stärker als viele andere israelische Reiseziele von internationalen Besuchern und christlichen Pilgergruppen. Diese lassen sich nicht einfach durch israelische Familien ersetzen, die für ein Wochenende verreisen. Eine wissenschaftliche Analyse der Tourismusbranche beschreibt, wie Restaurants und Geschäfte geschlossen blieben und Hotels monatelang kaum betrieben wurden, während der internationale Pilgertourismus nur langsam zurückkehrte. Hier zeigt sich die Grenze des Inlandstourismus: Israelis können einen Teil der fehlenden internationalen Gäste ersetzen, aber nicht überall.
Eine Branche richtet sich neu aus
Eine weitere Erfahrung hat das Verhältnis vieler Israelis zu Hotels und Ferienorten verändert. Nach dem 7. Oktober wurden Hotels plötzlich zu temporären Wohnhäusern. Zehntausende Menschen aus den Grenzregionen im Süden und später aus dem Norden wurden nach Eilat, ans Tote Meer, nach Tel Aviv, Jerusalem und in andere Städte evakuiert. Orte, die eigentlich für einige Tage Abstand vom Alltag stehen, wurden für Monate zum Alltag selbst. Kinder gingen von dort zur Schule, Eltern arbeiteten aus Hotelzimmern, Familien lebten auf engem Raum zwischen anderen Evakuierten.
Ein beträchtlicher Teil der israelischen Hotelübernachtungen während der Kriegsjahre ging deshalb gar nicht auf klassische Urlauber zurück, sondern auf Evakuierte. Gerade Eilat und die Hotels am Toten Meer wurden damit zu ungewöhnlichen Mikrokosmen der israelischen Gesellschaft. Ferienanlagen wurden zu provisorischen Gemeinden. Menschen, die ihre Häuser teilweise innerhalb weniger Stunden verlassen hatten, lebten plötzlich dort, wo andere normalerweise Urlaub machten.
Diese Erfahrung wirkt nach. Wenn Israelis heute wieder für ein Wochenende nach Eilat oder ans Tote Meer fahren, kehren diese Orte langsam zu ihrer ursprünglichen Funktion zurück. Sie werden wieder Orte der Erholung. Große Hotelgruppen wie Fattal, Isrotel und Dan haben sich wirtschaftlich wieder stabilisiert. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Nachfrage israelischer Gäste. Denn der internationale Tourismus ist noch immer weit vom Niveau vor dem 7. Oktober entfernt.
Besonders deutlich spüren das Tel Aviv und Jerusalem, deren Hotels traditionell stark von ausländischen Touristen abhängig sind. Auch Reiseleiter, kleine Souvenirgeschäfte, Restaurants und andere Unternehmen, die von internationalen Besuchern leben, können die fehlenden Gäste nicht ohne Weiteres ersetzen. Die Stände am Griechischen Markt in Jaffa zum Beispiel sind heute weitgehend verwaist, während es vor dem 7. Oktober oft schwierig war, sich zwischen all den Touristen durchzudrängen. Viele kleine Läden haben vorübergehend geschlossen – und die Frage steht im Raum, wie lange es dauern wird, bis der gesamte Markt schließt.
Der Inlandstourismus hält also einen Teil der Branche am Leben, löst aber nicht alle Probleme. Gleichzeitig zwingt die neue Kundschaft die Branche dazu, sich anzupassen. Ein israelisches Paar, das für zwei Nächte aus Tel Aviv nach Mitzpe Ramon fährt, hat andere Erwartungen als eine Reisegruppe aus Europa oder den USA. Hotels müssen stärker mit Wochenendangeboten, Wellness, Essen, Familienprogrammen und kurzen Aufenthalten arbeiten. Der israelische Urlauber ist damit vom zusätzlichen Kunden zu einem der wichtigsten Kunden der Branche geworden.
Urlaub als Stück Normalität
Hinter dieser Entwicklung steckt jedoch mehr als ein wirtschaftlicher Trend. Nach Jahren, in denen der Alltag immer wieder von Alarmen, Reserveeinberufungen, Schulschließungen, abgesagten Flügen und militärischen Eskalationen unterbrochen wurde, hat Freizeit in Israel eine andere Bedeutung bekommen. Ein Wochenende am Toten Meer, ein paar Tage in Eilat oder eine Wanderung im Negev sind nicht nur Ersatz dafür, dass eine Reise nach Europa komplizierter geworden ist. Sie bieten die Möglichkeit, für kurze Zeit aus einem Alltag auszusteigen, der lange von Unsicherheit geprägt war.
Dabei verändert sich auch die Art, wie Urlaub geplant wird. Statt Monate im Voraus zu buchen, entscheiden sich viele Menschen kurzfristiger. Man fährt, wenn die Situation ruhig ist, wenn die Kinder frei haben, wenn der Reservist gerade zu Hause ist oder wenn sich einige Tage Urlaub spontan ergeben. Diese Form des Reisens passt zu einer Gesellschaft, die in den vergangenen Jahren gelernt hat, weniger weit vorauszuplanen. Der Inlandstourismus ist deshalb auch ein kleines Abbild des israelischen Alltags geworden: flexibel, spontan und erstaunlich anpassungsfähig.
Natürlich bleibt die Frage, wie nachhaltig diese Entwicklung ist. Israel ist ein teures Reiseland. Ein Wochenende in einem guten Hotel in Eilat oder am Toten Meer kann schnell mehr kosten als ein Kurzurlaub auf Zypern oder einer griechischen Insel. Sobald internationale Flugverbindungen wieder dauerhaft stabil und günstig sind, wird diese Konkurrenz zurückkehren. Auch die Tourismusbranche selbst ist noch lange nicht wieder dort, wo sie vor dem Krieg war. Internationale Besucher fehlen weiterhin, manche Regionen erholen sich nur langsam und viele kleine Unternehmen haben die vergangenen Jahre wirtschaftlich kaum überstanden.
Und dennoch hat sich etwas verändert. Eilat, das Tote Meer, der Negev und irgendwann hoffentlich auch wieder der Norden sind für viele Israelis nicht mehr nur die Alternative, wenn gerade keine Reise ins Ausland geplant ist. Sie sind zu erreichbaren Rückzugsorten in einem Alltag geworden, in dem selbst eine kurze Pause nicht immer selbstverständlich war. Vielleicht entdecken Israelis ihr eigenes Land deshalb gar nicht wirklich neu. Die Orte waren immer da. Neu ist vielmehr, was sie heute für viele Menschen bedeuten.
