Auf den ersten Blick hat der Streit um das Schwimmbad an der Berliner Volksbühne nichts mit dem Nahostkonflikt zu tun. Doch die Taktik und die Technik der Opferstilisierung zeigen verblüffende Parallelen zum Umgang der Medien mit Israel.
In Berlin sollte ein Schwimmangebot an der Volksbühne ausschließlich schwarzen Menschen offenstehen. Es handelte sich um den temporären »Pop-up-Pool«, der als zeitweiliger »Safe Space« – als geschützter Raum frei von Rassismuserfahrungen – dienen sollte. Gebucht wurde er von Each One Teach One (EOTO), einem Community- und Empowerment-Projekt sowie Bildungs- und Beratungszentrum für schwarze, afrikanische und afrodiasporische Menschen in Berlin mit Sitz im Wedding. Die Maßnahme war auf sechs Stunden angelegt, bevor das Bad anschließend wieder für den regulären Publikumsverkehr öffnen sollte.
Die Veranstaltung wurde allerdings wegen Sicherheitsbedenken und Drohungen abgesagt. In der anschließenden Debatte wurde jedoch nicht etwa darüber diskutiert, ob eine solche Trennung nach Hautfarbe sinnvoll oder gar selbst problematisch ist. Stattdessen lautete der Vorwurf, die Entscheidung, den exklusiven Schwimmtermin abzusagen, sei Ausdruck von Rassismus und »weißer Dominanz«.
Damit war die Rollenverteilung festgelegt: hier die von Rassismus Betroffenen, dort die weiße Mehrheitsgesellschaft als Träger struktureller Macht. Alles gemäß der kontroversen Critical Race Theory, dem Werkzeug der identitätspolitischen Antirassisten. Diese moralische Sortierung weist eine bemerkenswerte Parallele zum Umgang mit Israel auf. Es entsteht ein dogmatisches Deutungsmuster, in dem der jüdische Staat strukturell die Rolle des Täters zugewiesen bekommt – unabhängig von der Geschichte, den Geschehnissen und den Gegebenheiten, die das Land seit Generationen prägen.
Rollenverteilung nach Reflex
Im Zentrum stehen Mechanismen der Polarisierung, die Inversion von Täter- und Opferrollen sowie die Zuschreibung kollektiver Schuldtomografien. Aus der Existenz einer weißen Mehrheitsgesellschaft wird ein Herrschaftsverhältnis abgeleitet, das durch exklusive Schutzräume korrigiert werden soll. »Weiß« wird dabei eine politische Kategorie: privilegiert, dominant, potenziell unterdrückend. Der einzelne Weiße muss nichts getan haben, um in diese moralische Kategorie zu fallen. Seine Zugehörigkeit genügt.
Und ebenso wird aus der Existenz Israels ein grundsätzliches Herrschaftsverhältnis abgeleitet: Israel erscheint als (siedler-)kolonial, expansionistisch und unterdrückerisch, die Palästinenser als die strukturell Unterlegenen und Unterjochten. Auch hier wird die Wirklichkeit dem ideologischen Raster untergeordnet. Israel muss nicht erst anhand einzelner Handlungen als kolonialer Akteur erwiesen werden; die Kategorie steht vielmehr bereits a priori fest.
Dabei gerät eine zentrale Tatsache aus dem Blick: Israel ist keine ethnisch homogene Kolonialgesellschaft, sondern eine pluralistische, multikulturelle Demokratie. Rund ein Fünftel seiner Staatsbürger sind Araber; darunter Muslime, Christen und Drusen. Arabische Israelis besitzen das aktive und passive Wahlrecht und sind in der Knesset vertreten. Diese gesellschaftliche Realität passt nicht zum gezeichneten Bild eines monolithischen Kolonialstaates. Die Gleichsetzung Israels mit einem solchen ist daher keine neutrale Beschreibung, sondern eine politische Deutung, die aus dem jüdischen Staat eine Chiffre für Unterdrückung macht.
Prinzipiell könnte man meinen, die Kooperation zwischen EOTO und der Volksbühne sei in Menschlichkeit verankert. Doch unter der wohlmeinenden Oberfläche zeigt sich ein ideologisches Konstrukt, dessen Voraussetzungen einer nüchternen Prüfung kaum standhalten. Die Behauptung einer grundsätzlich rassistischen Badegesellschaft lässt sich empirisch allerdings kaum aufrechterhalten.
Schwarze Kinder sind in Berlin nicht vom Schwimmbadbesuch ausgeschlossen. Von einer strukturellen Zugangssperre kann also keine Rede sein. Die Berliner Bäder stehen grundsätzlich allen offen; für Jugendliche gibt es reguläre Zugangsmöglichkeiten. Hinzu kommt der Super-Ferien-Pass, der ihnen in den Sommerferien freien Eintritt in die Berliner Bäder ermöglicht und der selbst für lediglich neun Euro erhältlich ist. Wo also liegt das konkrete Problem, das ein exklusives Schwimmangebot für Schwarze lösen soll?
Die Logik beider Fälle ist verblüffend ähnlich: Schwarze Menschen seien grundsätzlich so diskriminiert, dass sie einen eigenen, vor Weißen geschützten Schwimmraum benötigen. Die politische Antwort darauf heißt: das Volksbühnenbad. Im Nahostdiskurs lautet die entsprechende Erzählung: Palästinenser seien durch Israel enteignet, entwurzelt und aus ihrer Heimat vertrieben worden und benötigten deshalb einen Safe Space. Aus der behaupteten Opfergeschichte wird ein politischer Anspruch – und aus dem Anspruch, in seiner radikalisierten Variante, die Rechtfertigung, ihn mit aller Gewalt durchzusetzen.
Damit verschiebt sich der Zweck: Nicht ein konkretes Hindernis wird beseitigt, sondern eine politische Forderung wird erhoben, der es an Absurdität nicht mangelt. Im Namen des Antirassismus wird ausgerechnet die Trennung nach Hautfarbe zum sichtbaren Symbol des Widerstands gegen »weiße Dominanz«. Im Israel-Diskurs genügt die Etikettierung als »Kolonialmacht«, um Boykott, Delegitimierung und die selbstverliebte Romantisierung der Intifada als »antikolonialen Widerstand« zu rechtfertigen – unabhängig von deren eigentlicher Wirksamkeit. Gerechtigkeit wird als hektischer Aktionismus verstanden und inszeniert.
Widerstand mit Widersprüchen
Die Critical Race Theory zeichnet den »weißen Mann« als Ursprung allen Bösen und zapft zugleich weiße Schuldgefühle und staatliche Fördergelder an. Selbst noch afrikanische Despoten und Diktaturen des »globalen Südens« werden von der Kritik verschont, weil allein der Westen schuld an ihnen sein soll. Kollektive Selbstermächtigung sieht anders aus. Das Pendant im Nahostdiskurs ist nicht minder widersprüchlich: Die Free-Palestine-Bewegung dämonisiert Israel als Unterdrücker und erwartet zugleich von eben diesem als »genozidal« gebrandmarkten Land, die Bevölkerung des Feindes mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen. Während Israel als Täterstaat moralisch in die Pflicht genommen wird, bleiben die milliardenschweren Milizenführer der Hamas als Verantwortliche weitgehend ausgeblendet.
Beide Szenarien sind von paternalistischer Entmündigung geprägt: Den vermeintlich Schutzbedürftigen wird offenbar nicht zugetraut, für die eigene Situation Verantwortung zu übernehmen. Der Rassismus der geringen Erwartungen lässt grüßen.
Die Schwimmbad-Affäre ist mehr als ein Sturm im Wasserglas. Der lehrreiche Fall schlägt Wellen. Ob man daraus tatsächlich Konsequenzen zieht, darf bezweifelt werden. Teile der Presse schüren Ressentiments, anstatt die Inszenierung des verantwortungslosen Stunts zu verurteilen. Influencer rufen zu Spenden für den bereits staatlich alimentierten Verein EOTO auf, der freilich weniger die Lösung als vielmehr Teil des Problems ist. Währenddessen zeigen sich immer mehr afrodeutsche Eltern nicht einverstanden damit, dass ihre Kinder für ein politisches Experiment instrumentalisiert und auf dem Präsentierteller der sich selbst für progressiv Haltenden der Traumatisierung oder Gefährdung ausgesetzt werden.
Ein Blick in die Kommentarspalten widerlegt die mediale Einheitsfront: Ausgerechnet aus der schwarzen Community selbst kommt die Warnung vor dem inflationären Gebrauch des Rassismusvorwurfs. Schwarze Stimmen, die das Projekt der Critical Race Theory infrage stellen, werden politisch und medial jedoch kaum berücksichtigt. Die Parallele zum Nahostdiskurs ist schwer zu übersehen: Moderate palästinensische Stimmen, die Hamas, Gewalt und die politische Instrumentalisierung der eigenen Bevölkerung kritisieren, finden kaum Gehör, während Medien wie die taz der militanten Fanfiktion zugunsten der Free-Palestine-Erzählung breiten Raum geben.
