Taz-Faktenprüfer im »Nakba«-Rausch: Wenn Ideologie die Recherche ersetzt  

Schriftzug und Logo am taz Gebäude der TAZ in der Berliner Friedrichstrasse
Schriftzug und Logo am taz Gebäude der TAZ in der Berliner Friedrichstrasse (© Imago Images / Steinach)

Ein taz-Autor wirft Israel vor, seinem Vater durch die »Nakba« 1948 eine Polio-Impfung verwehrt zu haben – obwohl es den Impfstoff damals noch lange nicht gab. Der Fall zeigt, wie journalistische Sorgfalt zugunsten eines israelkritischen Narrativs ausgehebelt wird.

In einem umfassenden taz-Beitrag unter dem Titel »Solidarität mit Palästina in der BRD: Warum ich die Vorsilbe Deutsch wieder ablegte« unternimmt der Autor Mohamed Ibrahim einen Rundumschlag gegen Deutschland, Israel und den Westen. Die taz schreibt über ihn: »Mohamed Ibrahim ist Politologe und organisiert seit vielen Jahren Dialog- und Bildungsprojekte.« Um seine persönliche und politische Opfererzählung dramatisch aufzuladen, greift er tief in die autobiografische Kiste und präsentiert der Leserschaft ein tragisches Familienschicksal. Wörtlich schildert er in dem am 04. August 2026 veröffentlichten Artikel:

»Mein Vater wurde 1945 in einem Dorf im damaligen Palästina geboren, aus dem er und meine Großeltern drei Jahre später während der Nakba vertrieben wurden. Durch die Vertreibung erhielt er die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig. Er erkrankte, die Lähmung beeinträchtigte die Entwicklung seines rechten Beins, sodass er sein Leben lang humpelte. Im Flüchtlingslager im Libanon gehörte er zu den ersten Friseuren. Diesen Beruf übte er auch später mit ungebrochener Leidenschaft aus. Es war, als wollte er jedem zeigen, dass Aufgeben keine Option ist. Diese Haltung hat mich tief geprägt und motiviert.«

Die Erzählung mag Mitleid erzeugen, hat allerdings ein gravierendes Problem: Sie ist medizinisch und historisch eine absolute Unmöglichkeit. Nicht die Erkrankung ist unmöglich – wohl aber die von Ibrahim behauptete Ursache ihrer Entstehung. Der von Jonas Salk entwickelte Polio-Impfstoff wurde erst 1955 zugelassen. Im Jahr 1948, als der Vater während des vom Autor als »Nakba« bezeichneten israelischen Unabhängigkeitskrieges vertrieben worden sei, gab es somit noch keinen zugelassenen Polio-Impfstoff, dessen Verabreichung er infolge der Geschehnisse hätte versäumen können.

Der entscheidende Punkt ist also nicht, ob der Vater tatsächlich an Polio erkrankte. Das ist eine persönliche medizinische Angabe, die sich von außen nicht beurteilen lässt. Unmöglich ist vielmehr die von Ibrahim hergestellte zeitliche Kausalität: Eine 1948 durch Vertreibung verhinderte Impfung gegen Kinderlähmung setzt einen Impfstoff voraus, der damals gar nicht existierte.

Systemisches Versagen der Faktenchecks

Solche Anachronismen kennt man vor allem aus der Kinowelt. Wenn in eine moderne Verfilmung der Odyssee historische Unstimmigkeiten eingebaut sind, nimmt das Publikum dies als künstlerische Freiheit hin. Doch während der Spielfilm und die antike Dichtung Homers mitsamt dem Epos um den Zyklopen Polyphem fiktive Erzählungen darstellen, tritt der taz-Beitrag mit dem Anspruch auf, eine authentische Biografie zu vermitteln.

Dieser eklatante Fehler ist kein harmloser Ausrutscher. Dass bei einem Text von rund 17.000 Zeichen selbst bei elementaren medizinischen und historischen Kerndaten sämtliche redaktionellen Kontrollmechanismen versagten, legt ein strukturelles Problem offen. Wenn eine Erzählung ins verfestigte Feindbild passt, werden Fakten ungeprüft durchgewunken. Aus einem bedauerlichen gesundheitlichen Schicksal wird rückwirkend eine israelfeindliche Täter-Opfer-Erzählung konstruiert, um dem jüdischen Staat die Schuld an einer Erkrankung zuzuschreiben, obwohl die dafür vorausgesetzte Impfung erst sieben Jahre später entwickelt wurde.

Das Agieren der taz steht damit in offenem Widerspruch zu den Grundsätzen des Deutschen Presserats. Ziffer 2 des Pressekodex verlangt ausdrücklich die Prüfung von Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt mit der gebotenen Sorgfalt.

Ganz abgesehen von der in der taz kolportierten historischen Fiktion zeichnet die Realität vor Ort das genaue Gegenteil aus: Israel blickt auf eine bemerkenswerte Bilanz beim Schutz palästinensischer Kinder vor Kinderlähmung zurück. Die umfangreichen Polio-Impfkampagnen im Gazastreifen fanden im September und Oktober 2024 sowie im Februar 2025 statt. Sie wurden notwendig, nachdem im August 2024 der erste Poliofall seit 25 Jahren im Gazastreifen aufgetreten war, wie das Kinderhilfswerk UNICEF bestätigte. Durch koordinierte Feuerpausen und internationale Zusammenarbeit konnten dabei mehr als 600.000 Kinder erreicht werden – mit einer Impfquote von über neunzig Prozent.

Dieser enorme logistische Aufwand steht in scharfem Kontrast zu der Unterstellung, Israel habe palästinensische Kinder bewusst einer Polio-Gefahr ausgesetzt. Wer die Vernichtung der Bevölkerung betreibt, organisiert nicht mitten im Krieg internationale Impfkampagnen zum Schutz der Kinder der Gegenseite. Bemerkenswert ist, dass die taz diese Fakten parallel zu Ibrahims Artikel nicht erwähnt – obwohl sie selbst bereits 2024 und 2025 ausführlich über die Polio-Impfkampagnen berichtet hatte.

Als langjährige Kolumnistin und Essayistin für die taz habe ich selbst immer wieder erlebt, wie schwierig es sein kann, auf problematische oder sachlich wackelige Israelkritik hinzuweisen. Beschwerden an höhere redaktionelle Instanzen und die Fehlerabteilung werden nur selten beantwortet. Die taz hat mit ihrer Veröffentlichung nicht nur ihre eigenen Leser getäuscht, sondern auch gezeigt, wie tief die Schere im Kopf greifen kann, wenn es gegen Israel geht. Echter Journalismus misst Behauptungen an Fakten – nicht an dem Wunsch, ein ideologisches Narrativ um jeden Preis zu stützen.

Nachtrag

Seit gestern Abend stand dem Text von Ibrahim folgende Anmerkung der taz-Redaktion vorangestellt: »Wir prüfen den Artikel derzeit auf einen möglichen Fehler und werden ihn gegebenenfalls korrigieren.« Dringend wartete ich auf eine Erklärung. Auf eine eigentlich unmögliche Erklärung, handelt es sich hier doch nicht etwa um einen verzeihbaren Tippfehler oder Zahlendreher.

Seit kurz vor halb zehn am heutigen Montag, ist die redigierte bzw. bearbeitete Version des Ibrahim-Textes da. Im Wesentlichen wurde der folgende Satz ersatzlos gestrichen: »Durch die Vertreibung erhielt er die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig.« Erst am Ende des Artikels steht:

»[Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Vater des Autors sei aufgrund seiner Vertreibung nicht rechtzeitig gegen Kinderlähmung geimpft worden. Die Impfung gegen Kinderlähmung gibt es aber erst seit 1955. Ein Zusammenhang zwischen der Vertreibung und der Erkrankung bestand somit nicht. Wir bedauern diesen Fehler und bitten, ihn zu entschuldigen.]«

Wie man so schön sagt: »So mir nichts, dir nichts.« Damit ist die Sache jedoch noch lange nicht geklärt. Anstatt nun den Text und den Ton des Autors in Frage zu stellen, wird so getan, als habe man einen bloßen Flüchtigkeitsfehler korrigiert. Das fehlende Schuldbewusstsein und der Reflex, Israel bei jedweder denkbaren Möglichkeit eins auszuwischen, sind strukturelle Probleme, die nicht nur den Ruf der Zeitung und der Branche schädigen, sondern auch Israelis und Juden schaden.

Ritualmordlegenden leben keineswegs nur – und nicht einmal hauptsächlich – von den wutschäumenden Reden politischer Akteure. Sie ernähren sich vielmehr von kleinen, anekdotenhaft erzählten, fast unscheinbaren und leicht zu überhörenden Einzelfallberichten. Ganz nach dem Prinzip: »Steter Tropfen höhlt den Stein« entfalten sie genau dadurch ihre schleichende, aber gefährliche Wirkung.

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