Im Interview mit Elisa Mercier spricht Karoline Preisler über die Vorwürfe, einen Influencer fälschlicherweise mit dem CSD-Anschlag in Verbindung gebracht zu haben.
Die Politikerin und Aktivistin Karoline Preisler steht nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin in der Kritik. Ihr wird vorgeworfen, zunächst einen Influencer fälschlicherweise mit der Tat in Verbindung gebracht zu haben. Besonders deutlich fiel die Kritik des Berliner Tagesspiegel aus. Im Gespräch mit Elisa Mercier erklärt Preisler, wie sie die Vorwürfe gegen sich einordnet.
Elisa Mercier (EM): Wie nehmen Sie die mediale Darstellung wahr, Sie hätten einen Unbeteiligten verdächtigt?
Karoline Preisler (KP): Dieser Vorwurf trifft nicht zu. Ich bin – wie von der Polizei ausdrücklich erbeten – Hinweisen und Verdachtsmomenten nachgegangen und habe diese den zuständigen Stellen gemeldet. Das betreffende Auto kam mir verdächtig vor, stellte sich aber als nicht relevant heraus. Zu keinem Zeitpunkt habe ich einen Unbeteiligten als Täter des CSD-Anschlags bezeichnet. Als Tatverdächtigen habe ich ausschließlich Abdul B. benannt. Abdul M. habe ich dagegen mehrfach und ausdrücklich entlastet. Das lässt sich anhand meiner öffentlichen Äußerungen nachvollziehen.
Mein Beitrag vom 24. Juli 2026 entstand bereits vor dem Anschlag vom 25. Juli. Er konnte sich daher denklogisch nicht auf diese Tat beziehen. Inhaltlich ging es ausschließlich um einen von Abdul M. selbst in mehreren TikTok-Videos geschilderten angeblichen illegalen Einreiseversuch in die Europäische Union und um seine behauptete Rückkehr nach Deutschland nach einer Abschiebung in die Türkei.
Am 26. Juli habe ich öffentlich und unmissverständlich klargestellt, dass Abdul M. nicht der gesuchte Tatverdächtige Abdul B. ist. Um Missverständnisse auszuschließen, habe ich dies zusätzlich durch einen Bildvergleich verdeutlicht. Auch im bereits am Vormittag des 26. Juli aufgenommenen Podcast mit Constantin Schreiber habe ich ausdrücklich erklärt, dass Abdul M. nicht der gesuchte Täter ist. Zu keinem Zeitpunkt habe ich etwas anderes behauptet.
EM: Wenn Sie heute auf die damalige Situation zurückblicken: Würden Sie anders handeln?
KP: Der Anschlag war der blanke Horror. Meine Tochter war zuvor mit einer Freundin auf dem CSD gewesen. Ich war unendlich erleichtert, als sie sicher zu Hause war. Im Rückblick denke ich aber auch an die Eltern, die zu diesem Zeitpunkt noch auf ihre Kinder warteten. Ich hätte vor Ort sein und die Suchenden unterstützen sollen. Dass ich daran in diesem Moment nicht ausreichend gedacht habe, werfe ich mir vor. Ja, ich würde im Nachhinein anders handeln. In einer solchen Ausnahmesituation, in der sich gesicherte Informationen, Verdachtsmomente und Gerüchte überschlagen, muss man auch sprachlich noch deutlicher zwischen diesen Kategorien unterscheiden. Darauf würde ich heute noch stärker achten.
Kritik aushalten
EM: Wie haben Sie die öffentliche Resonanz auf den Vorwurf, einen Unbeteiligten des Anschlags verdächtigt zu haben, wahrgenommen?
KP: Von der öffentlichen Debatte selbst habe ich nur begrenzt etwas mitbekommen. Eine ausdrücklich darauf bezogene Morddrohung ist bei mir eingegangen. Leider reiht sie sich in zahlreiche Mord- und Vergewaltigungsdrohungen ein, denen meine Familie und ich seit Jahren ausgesetzt sind.
Trotzdem gilt: Öffentlichkeit und freie Presse sind unverzichtbare Güter. Wer wie ich aus einer Diktatur kommt, weiß, wie wertvoll eine freie und kritische Berichterstattung ist. Dazu gehört auch, Kritik auszuhalten. Anwaltlichen Rat einzuholen, schadet ebenfalls nicht. Gleichzeitig wünsche ich mir gerade in unübersichtlichen Ausnahmesituationen besondere Sorgfalt. Zwischen gesicherten Tatsachen, Verdachtsmomenten und Bewertungen muss klar unterschieden werden. Da der Anschlag islamistisch motiviert war, habe ich zugleich viel Unterstützung aus meinem queeren Umfeld und aus der Politik erfahren. Dort kennt man mein langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und Islamismus und für die Freiheit unterschiedlicher Lebensentwürfe.
EM: Welche Auswirkungen könnte die Debatte um Sie auf die Wahrnehmung Ihres Engagements haben?
KP: Die Menschen, mit denen ich seit Jahren gegen Antisemitismus und für ein freies Leben arbeite, kennen meine Haltung und mein Engagement. Nachbarschaft, Israelis, Iraner, Menschen mit Fluchterfahrung, religiöse Nachbarn sowie queere Freunde haben die Vorwürfe geprüft und für sich schnell eingeordnet. Gerade diejenigen, die selbst immer wieder von Antisemitismus, Israelhass oder politischer Verleumdung betroffen sind, wissen, wie schnell sich zugespitzte Darstellungen verselbstständigen können. Kritischer Journalismus bleibt dennoch unverzichtbar. Entscheidend ist, dass Kritik auf überprüfbaren Tatsachen beruht und nicht selbst zu einer Vorverurteilung beiträgt. Mein Einsatz gegen Antisemitismus, Israelhass und islamistische Gewalt wird durch diese Debatte nicht ausgebremst. Im Gegenteil: Ich bleibe dran.
EM: Werden Sie wegen der Vorwürfe gegen Sie vor Gericht ziehen?
KP: Landeten alle handwerklich mangelhaften Presseberichte, wie zum Beispiel über Israel oder jetzt vor Wahlen, vor deutschen Gerichten, wären diese über Jahrzehnte ausgelastet. Wir sollten uns konzentrieren. Ich bringe Antisemiten vor Gericht. Das ist mir wichtig.
EM: Wie müsste aus Ihrer Sicht die Kommunikation über Anschläge und Gewalttaten in sozialen Medien ganz allgemein künftig gestaltet sein?
KP: Soziale Medien sind eine Errungenschaft. Sie ermöglichen schnelle Information, unterschiedliche Perspektiven und unmittelbare Öffentlichkeit. Gerade in Krisensituationen bringen sie jedoch auch eine besondere Verantwortung mit sich. Gesicherte Erkenntnisse, persönliche Beobachtungen und bloße Verdachtsmomente müssen deutlich voneinander getrennt werden. Niemand darf aufgrund von Gerüchten oder missverständlichen Äußerungen digital vorverurteilt und durchs virtuelle Dorf getrieben werden. Soweit Abdul M. durch die Dynamik in den sozialen Medien belastet wurde, bedaure ich das ausdrücklich. Auch wenn seine eigenen Videos Fragen aufgeworfen haben und seine darin erzählte Geschichte nach seinen späteren Angaben erfunden war, rechtfertigt das keine persönliche Herabwürdigung.
