Israels neue Front im Osten des Landes

Blick von der in Israel gelegenen Kreuzfahrerfestung Belvoir über das Jordantal
Blick von der in Israel gelegenen Kreuzfahrerfestung Belvoir über das Jordantal (© Imago Images / Depositphotos)

In Israel wächst die Sorge vor einer neuen Sicherheitsherausforderung vom Westjordanland bis zur jordanischen Grenze. Aufgrund der Lehren des 7. Oktober wird die Ostflanke neu bewertet.

Hoch über dem Jordantal erhebt sich die Kreuzfahrerfestung Belvoir (Kochav HaYarden). Von den Mauern der fast neunhundert Jahre alten Anlage schweift der Blick weit über das Tal, hinüber zu den Bergen Jordaniens und tief in die Westbank. Die Landschaft wirkt friedlich, fast zeitlos. Die Burg wurde einst errichtet, um eine der wichtigsten Handels- und Militärachsen des Nahen Ostens zu kontrollieren. Heute erinnert die Festung daran, dass die Region seit Jahrhunderten Schauplatz von Kriegen, Eroberungen und geopolitischen Rivalitäten ist. Nun rückt sie in den Mittelpunkt israelischer Sicherheitsüberlegungen.

Über zwei Jahrzehnte lang galt die israelische Sperranlage entlang der Westbank – die im jüdischen Staat offiziell als Judäa und Samaria bezeichnet wird – als eine der wirksamsten Schutzmaßnahmen gegen Terroranschläge. Als Reaktion auf die Gewalt der zweiten Intifada Anfang der 2000er-Jahre errichtet, sollte sie Selbstmordattentäter und bewaffnete Angreifer von israelischen Städten fernhalten.

Doch trotz moderner Überwachung gibt es weiterhin Schwachstellen. Immer wieder gelingt es Menschen, Sperranlagen zu überwinden. Meist sind dies Palästinenser, die ohne Genehmigung illegal in Israel arbeiten wollen. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wächst jedoch die Sorge der Sicherheitsbehörden, dass dieselben Lücken auch von Terroristen genutzt werden könnten.

Die Folgen der veränderten Bedrohungslage reichen bis tief in den Osten des Landes. Unter der Erde wird derzeit ein Stück Geschichte reaktiviert: Militärstellungen und Schutzbunker der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), die nach den Kriegen von 1967 und 1973 errichtet und später aufgegeben wurden, werden erneut überprüft, instandgesetzt und für einen möglichen Ernstfall vorbereitet.  

Neuorganisation

In Israels Sicherheitsapparat wächst die Befürchtung, dass nicht nur der Norden und Süden des Landes verwundbar sind, sondern auch die knapp fünfhundert Kilometer lange Ostflanke – vom Jordantal über die Westbank und die jordanische Grenze bis hinunter zur Arava und zum Roten Meer.

»An vielen Stellen trennt lediglich der Jordanfluss Israel vom haschemitischen Königreich«, sagt IDF-Oberst Gilad Shikri, der als Kommandeur für den Schutz des Jordantals und der östlichen Grenze zuständig ist. »Sicherheitspolitisch galt die topografisch schwierige Region lange als vergleichsweise ruhig. Allerdings ist sie seit Jahren ein Schauplatz von Waffen- und Drogenschmuggel. Mittlerweile bereiten wir uns auf ein völlig anderes Szenario vor: auf den Versuch einer koordinierten Masseninfiltration bewaffneter Terroristen aus Jordanien.«

Die Bedrohung beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Angreifer. Israel muss sich darauf einstellen, dass künftige Angriffe mit einer Kombination aus Drohnen und anderen Mitteln geführt werden könnten. Die Herausforderung besteht darin, komplexe Operationen wie jene vom 7. Oktober frühzeitig zu erkennen und abzuwehren. Als Konsequenz und Lehre aus dem Hamas-Massaker haben die IDF ihre Verteidigung an der Ostflanke grundlegend neu organisiert.

Die Umstrukturierung begann mit der Instandsetzung eines dichten Netzes von Militärposten und Beobachtungsstellungen, die in den 1970er-Jahren im Jordantal errichtet und nach dem Friedensabkommen zwischen Jerusalem und Amman aufgegeben worden waren. Ziel ist es, ein Eindringen von Terroristen bereits im Grenzbereich zu verhindern. Nur wenige hundert Meter von Jordanien entfernt waren einige Bunker und Schützengräben bis vor wenigen Monaten ein Zuhause für Fledermäuse und anderes Getier. Desinfektionsteams mussten hinzugezogen werden, um sie wieder nutzbar zu machen.

Auch wenn es eine Friedensgrenze zum Haschemitischen Königreich ist, müssen wir auf einen Überraschungsangriff vorbereitet sein«, warnt Shikri. «Israel arbeitet weiterhin eng mit den jordanischen Sicherheits- und Geheimdiensten zusammen. Der Informationsaustausch funktioniert gut und ist ein wichtiger Baustein für die Stabilität an der Grenze. Gleichzeitig dürfen wir uns nicht ausschließlich auf diese Kooperation verlassen.«

Hinter der Sorge vor einer möglichen Infiltration aus dem Osten steht aus Sicht israelischer Sicherheitskreise jedoch nicht nur die unmittelbare Grenzsituation. Vielmehr richtet sich der Blick zunehmend auf regionale Akteure, die versuchen könnten, bestehende Schwachstellen auszunutzen und neue Fronten gegen Israel aufzubauen.

Nach Einschätzung israelischer Sicherheitskreise geht die eigentliche Gefahr von Iran und dessen Stellvertretermilizen aus, die nach deren Schwächung in Syrien und im Libanon versuchen könnten, von Jordanien aus zu operieren. Die IDF schätzen, dass Teheran in den kommenden Jahren mithilfe weiterer regionaler Proxys – etwa über die schiitischen Milizen im Irak oder die Huthi im Jemen – versuchen könnte, eine neue Front gegen Israel zu eröffnen.

Die an der Grenze stationierte Division, die aus fünf Brigaden besteht, geografisch gegliedert ist und rund 12.000 Soldaten umfasst, setzt das neue Verteidigungskonzept schrittweise um. Es basiert auf vier Verteidigungslinien, darunter natürliche Hindernisse wie der Jordanfluss sowie strategische Verkehrsachsen wie die Route 90. Doch die Armee verlässt sich nicht allein auf diese Schutzmaßnahmen. Sie beobachtet die Entwicklungen in den Nachbarländern genau, um mögliche Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und Organisationen zu identifizieren, die versuchen könnten, in das Gebiet einzudringen.

Der Jordan ist der schmale Grenzfluss zwischen Israel und Jordanien
Der Jordan ist der schmale Grenzfluss zwischen Israel und Jordanien (© Imago Images / Depositphotos)

Geänderte Bedrohungswahrnehmung

Trotz der eingeleiteten Maßnahmen ist das Sicherheitsgefühl vieler Bewohner entlang der Ostgrenze weiterhin gering. Zwar hat Israel mit dem Bau eines neuen Grenzzauns entlang der jordanischen Grenze begonnen und verstärkt seine militärische Präsenz. Doch vielerorts sind die bestehenden Sperranlagen weiterhin lückenhaft oder in schlechtem Zustand. Für die Menschen, die unmittelbar an der Grenze leben, ist die Bedrohung deshalb keine abstrakte militärische Planskizze, sondern Teil ihres Alltags.

Zwischen Feldern, Gewächshäusern und kleinen Ortschaften verläuft der Grenzzaun stellenweise unscheinbar durch die Landschaft. An manchen Abschnitten trennt nur ein einfacher Zaun Israel von Jordanien und der Westbank – eine Realität, die viele Anwohner seit Jahren mit Sorge betrachten. »An vielen Stellen ist die Sperranlage offen wie ein Scheunentor«, warnt Yoav Saban, Sicherheitsbeauftragter des Regionalrats Süd-Scharon. »Häufig gibt es keinerlei Kontrollmaßnahmen. Jeder kann den Zaun einfach überqueren – er muss nicht einmal springen, weil er an vielen Stellen beschädigt ist.«

Saban lebt selbst in der Ortschaft Matan, die unmittelbar an der Trennlinie zur Westbank liegt. Zwischen den letzten Häusern des Ortes und dem palästinensischen Dorf Habla liegen stellenweise nur rund fünfzig Meter. Für die Bewohner ist die Verwundbarkeit ihrer Umgebung deshalb keine theoretische Debatte, sondern gelebte Realität. Seit Jahren berichten Anwohner von einem stetigen Strom illegaler Grenzübertritte. Neben Palästinensern, die ohne Genehmigung in Israel arbeiten wollen, gelangen nach Angaben der israelischen Sicherheitsbehörden immer wieder auch Schmuggelware und Waffen über die Trennlinie. Aus Sicht vieler Bewohner zeigen diese Vorfälle, wie leicht bestehende Schwachstellen ausgenutzt werden können.

Während die IDF im Jordantal den Bau eines modernen Hightech-Grenzzauns entlang der jordanischen Grenze vorantreiben, der nach derzeitiger Planung bis Anfang 2028 fertiggestellt werden soll, und auch die Sperranlage zur Westbank weiter ausbauen, bleiben die Sorgen vieler Anwohner bestehen. Sie befürchten, dass ein koordinierter Angriff aus dem Osten trotz der eingeleiteten Maßnahmen nur schwer aufzuhalten wäre. Diese Sorge spiegelt sich auch in der öffentlichen Meinung wider: Laut einer im Juni veröffentlichten Umfrage vom israelischen Fernsehsender Kanal 12 befürchten 74 Prozent der Israelis, dass sich ein Angriff nach dem Muster des 7. Oktober 2023 erneut ereignen könnte.

»Die größte Sorge bereiten uns heute mehrere gleichzeitige Infiltrationen – selbst, wenn sie nur von einer Handvoll Terroristen ausgehen«, erklärt Saban. »Der 7. Oktober hat unsere gesamte Denkweise verändert. Früher bereiteten wir uns vor allem auf einzelne Täter vor. Heute müssen wir jederzeit damit rechnen, dass mehrere bewaffnete Gruppen gleichzeitig versuchen, in israelische Ortschaften einzudringen.«

Seit fast drei Jahren hat sich die Bedrohungswahrnehmung in den Gemeinden entlang der Trennlinie grundlegend gewandelt. Während der Fokus früher vor allem auf einzelnen Attentätern lag, bereitet man sich heute auf koordinierte Angriffe größerer Terrorgruppen vor. Jede ungewöhnliche Bewegung entlang der Sperranlagen muss sofort überprüft werden. Kurze Reaktionszeiten und ständige Einsatzbereitschaft sind wichtiger denn je. Deshalb wurden die lokalen Sicherheitsstrukturen ausgebaut und die Zusammenarbeit mit Armee und Polizei deutlich intensiviert. Ziel ist es, ein Szenario wie beim 7. Oktober bereits im Ansatz zu verhindern.

»Nach dem Hamas-Angriff hat uns die Regierung zusätzliche logistische Unterstützung und eine bessere Ausrüstung der zivilen Sicherheitskräfte zugesagt«, erzählt der Sicherheitsbeauftragte. «In einigen Gemeinden unserer Region ist davon bis heute nur ein Teil angekommen. Mehrere Terroranschläge und eine Serie von Infiltrationsversuchen entlang der Trennlinie haben schließlich dazu geführt, dass zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden.«

Der alte Zaun an der Grenze zwischen Israel und Jordanien
Der alte Zaun an der Grenze zwischen Israel und Jordanien (© Imago Images / Depositphotos)

Anhaltende Eskalation

Die Beobachtungen der Sicherheitsverantwortlichen entlang der Trennlinie spiegeln eine Entwicklung wider, die auch von Experten mit wachsender Sorge verfolgt wird. Während die Menschen vor Ort die unmittelbaren Herausforderungen täglich erleben, richtet sich der Blick nun auf die strategische Ebene: Wie hat sich die Bedrohung an Israels Ostflanke verändert – und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Israels Sicherheitsdoktrin? Die Ereignisse der vergangenen Jahre haben viele sicherheitspolitische Grundannahmen ins Wanken gebracht. Entsprechend wächst in Militär und Forschung die Überzeugung, dass die Ostflanke nicht länger als sekundärer Schauplatz betrachtet werden kann.

»Das Westjordanland ist heute die größte sicherheitspolitische Herausforderung Israels«, sagt Dr. Michael Milshtein vom Moshe-Dayan-Zentrum für Nahost- und Afrikastudien der Universität Tel Aviv. »Der Iran investiert seit Jahren erhebliche Anstrengungen, um das Westjordanland zu einer weiteren Front gegen Israel auszubauen. Der 7. Oktober hat gezeigt, dass auch Szenarien, die lange als unwahrscheinlich galten, ernst genommen werden müssen. Genau deshalb darf die Ostflanke nicht vernachlässigt werden.«

Der Nahostexperte beschäftigt sich seit Jahren mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Palästinensergebieten. In seinen Analysen warnt er vor einer schleichenden Erosion der Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), insbesondere im Norden des Westjordanlands. Gleichzeitig hätten lokale bewaffnete Gruppen, unterstützt durch die ideologische und materielle Einflussnahme der Hamas und des Iran, an Bedeutung gewonnen. Nach den Erfahrungen des 7. Oktober sei deshalb eine Neubewertung der Ostflanke unumgänglich. Aus Milshteins Sicht geht es dabei nicht nur um den Schutz der Grenze zu Jordanien, sondern um die Verhinderung einer weiteren aktiven Terrorfront unmittelbar vor den israelischen Ballungszentren.

«Die Schwäche der PA hat in weiten Teilen des Westjordanlands ein Machtvakuum entstehen lassen«, erklärt der Politologe. »Viele der jungen Attentäter gehören heute keiner der traditionellen Terrororganisationen mehr an, sondern agieren in kleinen, lokalen Zellen oder als Einzeltäter. Zugleich liefert die Hamas mit ihrer anhaltenden Aufwiegelung den ideologischen Nährboden für weitere Gewalt. Das Zusammenspiel einer geschwächten PA, einer zunehmend radikalisierten jungen Generation und der Hetze islamistischer Gruppen bildet den Kern der anhaltenden Eskalation im Westjordanland.«

Die sicherheitspolitischen Konsequenzen reichen damit weit über den Bau neuer Zäune oder zusätzlicher Militärposten hinaus. Im Mittelpunkt steht ein grundlegender Perspektivwechsel: Nicht mehr die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs bestimmt die Einsatzplanung, sondern die Fähigkeit, auch auf das Undenkbare vorbereitet zu sein. Was über Jahre als theoretisches Szenario galt, ist seit dem 7. Oktober Teil der militärischen Realität geworden. Entsprechend richtet sich der Blick heute weniger auf die Frage, ob eine Bedrohung entstehen könnte, sondern darauf, wie ihr frühzeitig begegnet werden kann. Genau dieser Wandel zeigt sich auch aus der Perspektive jener, die ihn täglich in operative Maßnahmen übersetzen müssen.

»Unsere Division fragt sich jeden Tag, wie wir einen weiteren 7. Oktober verhindern können – und wie wir sicherstellen, dass sich nicht einmal ansatzweise etwas Ähnliches ereignet«, warnt IDF-Brigadekommandeur Gilad Shikri. »Die Erfahrungen des Hamas-Massakers haben gezeigt, dass wir potenzielle Bedrohungen frühzeitig erkennen und ihnen zuvorkommen müssen. Abschreckung allein genügt nicht mehr – entscheidend sind permanente Wachsamkeit, frühzeitige Aufklärung und eine Verteidigung, die auch auf außergewöhnliche Szenarien vorbereitet ist.«

Der Blick richtet sich dabei längst nicht nur auf die Sicherheitsanlagen selbst, sondern auf die Entwicklungen jenseits der Grenze. Die politischen Veränderungen in Jordanien und im Westjordanland werden in Israel heute deutlich intensiver beobachtet als noch vor wenigen Jahren. Dabei unterscheidet die IDF klar zwischen dem haschemitischen Königreich als sicherheitspolitischem Partner und den regionalen Bedrohungen, die von Terrororganisationen oder einer Destabilisierung der Region ausgehen können.

»Die jordanische Armee ist nicht unser Feind«, stellt Shikri klar. »Gerade deshalb müssen wir klar zwischen unseren Partnern und den Kräften unterscheiden, die die Region destabilisieren wollen. Unser Auftrag ist es, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und ihnen zuvorzukommen. Nur so kann verhindert werden, dass aus Warnsignalen eines Tages Realität wird.«

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