Der Antizionismus bringt längst nicht mehr nur politische Parolen hervor

Demonstration gegen Antizionismus in New York

Wie der Anstieg gewalttätiger Übergriffe weltweit zeigt, schafft der Antizionismus ein Klima, in dem Menschen zur Zielscheibe werden, weil sie Israelis oder Juden sind.

Im Journalismus spricht man jedes Jahr zuverlässig vom Sommerloch, jener Zeit, in der vermeintlich kaum Relevantes geschieht und die Nachrichten von Meldungen über aggressive Welse oder Bundeskanzler beherrscht werden, die Wimbledon besuchen. Im Bereich des Antisemitismus allerdings bleibt die Hoffnung auf eine solche Nachrichtenflaute unerfüllt. Stattdessen häufen sich Übergriffe auf Israelis, die im Ausland reisen oder Urlaub machen.

So wurden am 13. Juli sechs israelische Touristen in der Mongolei Opfer eines gewaltsamen antisemitischen Angriffs auf einem Zeltplatz. Lokale kasachische Muslime näherten sich dem Lager. Die Israelis begannen hastig, ihre Ausrüstung zusammenzupacken und ihre Schuhe anzuziehen, um fliehen zu können, doch sie waren zu langsam. Während des Angriffs riefen die Täter »Heil Hitler« und »Verschwindet von hier«.

Die Brutalität des Überfalls lässt zusammenzucken. Mit Äxten und Messern sowie massiver körperlicher Gewalt gingen die Angreifer auf die Gruppe los. Die drei Männer der israelischen Reisegruppe konnten sich, auch aufgrund ihrer Vergangenheit bei der israelischen Armee, schützend vor die drei Frauen stellen. Sie wehrten einen Angreifer mit einer Glasflasche ab und entrissen einem anderen ein Messer. Schließlich flohen die Täter. Ein einheimischer Fahrer half der Gruppe bei der Flucht. Einer der Israelis erlitt durch einen Schlag ins Gesicht einen Kieferbruch und musste später zur Operation nach Israel ausgeflogen werden.

Die Betroffenen wandten sich an die israelische Botschaft in China, die auch für die Mongolei zuständig ist, und wurden bis zu ihrer Ausreise von Botschaftsmitarbeitern sowie dem israelischen Botschafter begleitet. Das Angebot der mongolischen Behörden, Anzeige zu erstatten, schlug die Gruppe zugunsten einer schnellen Ausreise aus. Angaben zur Identität oder einer Festnahme der Angreifer liegen bislang nicht vor.

Nur wenige Tage später, am 17. Juli, sorgte ein weiterer antisemitisch motivierter Vorfall für Aufsehen. In Montenegro wurde eine Gruppe israelischer Urlauber von mehreren jungen Männern angegriffen. Nach Angaben der Betroffenen handelte es sich um mehr als zehn Angreifer, die sie beschimpften, traten und mit Stühlen bewarfen. Einer der Israelis erlitt einen Kieferbruch, ein anderer verlor infolge der Schläge zeitweise das Bewusstsein.

Es war bereits der zweite bekannt gewordene antisemitische Vorfall gegen israelische Reisende in Montenegro innerhalb kürzester Zeit. Anfang Juli war in Plav eine Gruppe israelischer Touristen von zwei Einheimischen belästigt worden. Von diesem Vorfall verbreitete sich ein Video viral im Internet, das die beiden Angreifenden selbst aufgenommen hatten. Darin pöbeln sie israelische Touristen mit den Worten an: »Machst du gerade Pause vom Völkermord?« Die Israelis versuchten, die Situation zu entschärfen, wurden jedoch als »Babymörder« beschimpft, die einen angeblichen »Völkermord« zu verantworten hätten. Eine der beiden Angreiferinnen sagte: »Ich kenne deine Mutter, die Kinder tötet.«

»Zionistenliste«

Vor wenigen Tagen verurteilte der Präsident der Mailänder Jüdischen Gemeinde Mosaico ein im Internet verbreitetes Formular scharf. Dieses rief dazu auf, die Anwesenheit israelischer Staatsbürger und italienischer Juden in Hotels und anderen touristischen Unterkünften in Italien zu melden. Inzwischen wurden die Formulare nach dem Eingreifen des italienischen Nationalen Koordinators zur Bekämpfung von Antisemitismus entfernt. In dem Dokument hieß es: »Dieses Formular dient der Erfassung von Fällen zionistischen Tourismus, von Immobilienkäufen und allgemeiner zionistischer Neokolonialisierung in Italien. Die erhobenen Daten werden dem Global Sumud Movement übermittelt und vertraulich behandelt.«

Das erklärte Ziel bestand laut der italienischen Zeitung La Repubblica darin, Standorte von Juden und Israelis zu erfassen und zu kartieren, um sie für nicht näher bezeichnete künftige Maßnahmen nutzbar zu machen. Auf weiteren Seiten des Formulars wurden die Nutzer aufgefordert anzugeben, an welchen Orten jüdische oder israelische Besucher gesichtet worden seien, ob lokale Organisationen oder Aktivistengruppen das »Phänomen« bereits »bearbeiteten«, und darum gebeten, zusätzliche Informationen bereitzustellen. Die Mailänder Jüdische Gemeinde leitete den Fragebogen an die zuständigen Behörden weiter. Das Global Sumud Movement (GSM), das vor allem durch die Organisation von Gaza-Flottillen bekannt wurde, wies die Vorwürfe zurück.

»Wir erleben eine neue Eskalation des Antisemitismus, die keinesfalls unterschätzt werden darf«, sagte Livia Ottolenghi, Präsidentin des Verbands der Jüdischen Gemeinden Italiens (UCEI). »Diesmal sind wir mit einem Online-Formular bei neuen ›gelben Sternen‹ angekommen.«

Im Netz finden sich zahlreiche weitere Videos und Berichte über vergleichbare Vorfälle. Das israelische Außenministerium hat seit Juli vergangenen Jahres 45 antisemitische Vorfälle gegen Israelis im Ausland registriert. Das geht aus dem aktuellen Konsularbericht mit dem Titel »Map of Distress« hervor. Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um einen Höchststand.

Die gemeldeten Vorfälle reichen von körperlichen Angriffen und tätlichen Auseinandersetzungen über Anspucken und verbale Beleidigungen bis hin zur Verweigerung von Dienstleistungen sowie dem Verweis aus Hotels, Cafés und Restaurants. »Aus mehreren Ländern erhielten wir Berichte, wonach Israelis aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit oder sichtbarer israelischer Symbole identifiziert und anschließend Ziel von Belästigungen, Drohungen oder sogar körperlichen Attacken wurden.«

Nach Sichtung der Vorfälle deutet vieles darauf hin, dass die Entwicklung im Jahr 2026 den bisherigen Höchststand noch übertreffen könnte. Es ist offensichtlich, dass sich der Antisemitismus ungeschminkt in einer Form artikuliert, die sich ausdrücklich gegen Israelis richtet. Wer israelische Staatsbürger allein aufgrund ihrer Herkunft angreift, aus Hotels vertreiben, auf Listen erfassen oder im Urlaub einschüchtern will oder gar körperlich attackiert, macht deutlich, dass der sogenannte Antizionismus längst nicht mehr nur politische Parolen hervorbringt. Er schafft ein Klima, in dem Menschen zur Zielscheibe werden, weil sie Israelis oder Juden sind. Der israelbezogene Antisemitismus manifestiert sich als konkrete Gewalt gegen Menschen.

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