Die Schwächung der militärischen Macht und des regionalen Engagements des Iran hat den Huthi die Gelegenheit geboten, sich als Anführer der regionalen »Achse des Widerstands« zu positionieren.
Or Horvitz
Es bedarf keiner aufwendigen Interpretation, um die Absichten der jemenitischen Huthi zu verstehen, denn die Botschaft steht klar und deutlich auf ihrer Flagge: »Tod für Amerika, Tod für Israel, Fluch über die Juden, Sieg für den Islam!« Diese Kurzfassung ihrer Ideologie verweist auf die bestimmenden Merkmale der schiitischen Bewegung, die seit 2014 weite Teile des Jemen kontrolliert: religiöser Extremismus, regionaler Expansionismus und ein tiefsitzender Hass auf Israel und die Juden.
Jahrelang schenkte der Westen – und insbesondere Israel – der Bewegung relativ wenig Beachtung. Der Jemen galt weithin als instabil, abgelegen und strategisch unbedeutend, da er etwa 1.500 Kilometer von Israel entfernt liegt.
Dann kam der November 2023, in dem die Huthi als Reaktion auf den Krieg im Gazastreifen eine Kampagne starteten, um die Durchfahrt durch die Meerenge von Bab al-Mandab zu stören. Der Handelsverkehr auf einer der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten ging um etwa die Hälfte zurück. Darüber hinaus begannen die Huthi israelisches Territorium mit Raketen und Drohnen der Huthi zu beschießen, und demonstrierten damit sowohl ihre militärischen Kapazitäten als auch ihre Fähigkeit, aus beträchtlicher Entfernung Schaden anzurichten.
Intensive Militäroperationen sowohl Israels als auch der Vereinigten Staaten haben die Entschlossenheit der Huthi nicht brechen können. Ihre militärischen Fähigkeiten wurden zwar geschwächt und einige ihrer Anführer ausgeschaltet, doch die Bewegung hat sich behauptet und ihre regionale Reichweite sowie ihre globale Störkraft unter Beweis gestellt. Selbst anhaltende amerikanische Militäraktionen haben es nicht geschafft, diese radikale schiitische Organisation dazu zu zwingen, ihre Angriffe einzustellen.
Steigende Gefahr
Die Huthi unterhalten strategische und militärische Beziehungen zum Iran, sind jedoch – anders als die im Libanon tief verwurzelte Hisbollah – Teheran nicht unmittelbar untergeordnet. In vielerlei Hinsicht hat die Schwächung der militärischen Macht und des regionalen Engagements des Iran der jemenitischen Terrormiliz die Gelegenheit eröffnet, sich als Anführer der regionalen »Achse des Widerstands« zu positionieren. Der Westen steht daher vor einer doppelten Herausforderung. Sollte das iranische Regime in den kommenden Jahren überleben, wird die militärische Unterstützung für die Huthi wahrscheinlich fortgesetzt. Sollte dies nicht der Fall sein, verfügen die Huthi selbst über beträchtliche eigene Kapazitäten zur Waffenproduktion und über den Ehrgeiz, die Führung der Achse zu übernehmen – auch ohne iranische Hilfe.
In beiden Fällen dürfte sich die Herausforderung durch die Huthi verschärfen. Die Bewegung vereint fanatische Ideologie, beträchtliche militärische Macht und eine anpassungsfähige, zunehmend hochentwickelte Rüstungsindustrie. Sie hat den kommerziellen Seezugang zum israelischen Hafen von Eilat bereits nahezu unmöglich gemacht und behält die Fähigkeit, als Reaktion auf Entwicklungen im Nahen Osten Angriffe gegen Israel zu starten.
Doch dies ist möglicherweise nicht die einzige Gefahr. Die jemenitische Terrorgruppe könnte eine führende Rolle in der anti-israelischen Achse übernehmen und ihre erklärten Ziele unabhängig von den Ereignissen in anderen Regionen verfolgen. Besonders beunruhigend ist eine Erklärung des Huthi-Führers, in der er von »Hunderttausenden unserer Leute« spricht, »die nach Palästina gehen werden, um am heiligen Dschihad gegen den zionistischen Feind teilzunehmen«.
Nach dem 7. Oktober kann es sich Israel nicht leisten, einen Feind zu unterschätzen, der offen seine Absicht bekundet, den jüdischen Staat zu vernichten – insbesondere, wenn dieser Feind bereits seine Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, überraschend zuzuschlagen. Es gibt jedoch viel, was getan werden kann.
Jerusalem muss eine klare und glaubwürdige Abschreckungsstrategie etablieren, in deren Rahmen die Huthi für jeden Angriff auf israelisches Territorium oder mit dem jüdischen Staat verbundene Schiffe einen hohen Preis zahlen. Gleichzeitig bietet die gemeinsame Bedrohung die Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit den Golfstaaten zu vertiefen. Eine solche Kampagne sollte eine nachhaltige Zusammenarbeit schaffen, um die militärischen Fähigkeiten der Huthi zu schwächen, ihre Führung systematisch ins Visier zu nehmen und – soweit möglich – lokale Kräfte zu stärken, die in der Lage sind, ihre Herrschaft in Frage zu stellen.
Internationale Gemeinschaft gefordert
Die internationale Gemeinschaft muss zudem die Bereitstellung und Überwachung der humanitären Unterstützung für den Jemen reformieren, um die Hilfe für schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen zu sichern und gleichzeitig zu verhindern, dass sie zur Aufrechterhaltung der Huthi-Herrschaft oder militärischer Aktivitäten zweckentfremdet wird. Diese Bemühungen sollten von politischen, wirtschaftlichen und informativen Maßnahmen begleitet werden, die darauf abzielen, den Machtgriff der Huthi zu schwächen.
Die jemenitische Terrorgruppe stellt derzeit nicht die größte Bedrohung für Israel dar. Jerusalem muss sich weiterhin auf dringlichere Herausforderungen im Iran, im Libanon und im Gazastreifen konzentrieren. Das Scheitern vom 7. Oktober erfordert es dennoch, dass Israel über den unmittelbaren Horizont hinausblickt, insbesondere da die sich abzeichnende Gefahr bereits deutlich erkennbar ist. Im Nahen Osten gibt es keine Machtvakuen. Wenn eine extremistische Kraft schwächer wird, tritt oft eine andere an ihre Stelle. Israel muss sich bereits jetzt auf diesen möglichen Wandel vorbereiten und gleichzeitig die gemeinsame Bedrohung durch die Huthi nutzen, um die strategische Zusammenarbeit mit den Golfstaaten zu vertiefen.
Or Horvitz ist ein ehemaliger Oberstleutnant des israelischen Verteidigungsnachrichtendienstes (IDI). Er war Leiter der Abteilung für die Hisbollah und den Libanon (2022–2024) und danach (2024–2026) als leitender Berater des Direktors des IDI tätig, wo er maßgeblich an Israels Operationen gegen die Hisbollah und den Iran beteiligt war. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)
