Unklare Ziele und ein asymmetrischer Krieg

Der iranische Öl-Terminal auf der Insel Kharg wurde bisher im Krieg nicht zum Ziel von Angriffen. (© imago images/Anadolu Agency)

Für Thomas von der Osten-Sacken sorgen unter anderem die unklaren Ziele der USA dafür, dass niemand sagen kann, wie der Iran-Krieg enden wird.

Im Mena-Watch-Talk spricht Florian Markl mit Thomas von der Osten-Sacken über die aktuelle Lage im amerikanisch-israelischen Krieg gegen das iranische Regime. Zwei Wochen nach Beginn des Kriegs zeige sich diesem zufolge ein widersprüchliches Bild: Auf der taktischen Ebene habe der Iran den zahlreichen Luft- und Raketenschlägen nichts entgegenzusetzen, strategisch bleibe aber unklar, welches Ziel insbesondere die Amerikaner eigentlich verfolgen.

Von US-Präsident Donald Trump kämen unterschiedliche, teils sogar widersprüchliche Signale. Mal sei von einer angestrebten »bedingungslosen Kapitulation« des iranischen Regimes die Rede, mal erkläre Trump im Gegensatz dazu, der Krieg sei praktisch bereits gewonnen. Das führe zu ernsten Problemen, denn ohne klare politische Zielsetzung könne selbst eine militärische Überlegenheit keinen Sieg garantieren. Klar sei jedenfalls, dass Trump den Krieg nicht einfach per Social-Media-Posting für gewonnen erklären könne, denn da habe auch der Iran ein Wörtchen mitzureden.

Irans Kalkül: den Krieg verlängern

Teheran setze voll auf eine klassische Strategie der asymmetrischen Kriegsführung, bei der die militärisch unterlegene Seite auf eine guerilla-artige Kriegsführung, auf Attacken gegen »weiche Ziele« wie die Schifffahrt durch die Straße von Hormus, auf Raketen- und Drohnenangriffe auf andere Staaten in der Region und auf Aktionen durch regionale Stellvertretergruppen setze. Ziel sei es, den Konflikt zu verlängern und auf unbeteiligte Akteure auszuweiten, um die Kosten für den Gegner in die Höhe zu treiben.

In solchen Kriegen gelten für die Kriegsparteien unterschiedliche Maßstäbe: Während die militärisch überlegene Macht den Krieg gewinnen müsse, reiche es der unterlegenen Macht oft, nicht zu verlieren, also die eigene Handlungsfähigkeit weiter unter Beweis zu stellen.

Für Osten-Sacken wiederholte Trump einen Fehler, den die USA in vergangenen Jahrzehnten bereits öfter gemacht hätten: Er habe geglaubt, das iranische Regime unter Anwendung einer Shock-and-Awe-Strategie rasch in die Knie zwingen zu können. Der Präsident habe die Hoffnung gehabt, »dass dieser Enthauptungsschlag, den sie da am ersten Tag gemacht haben, bei dem Ayatollah Khamenei und ganz viele hochrangige Regimevertreter getötet wurden, so einen Schock im Iran auslöst, dass man sehr, sehr schnell diesen Krieg beenden kann«.

Dabei hätte man »aus den Erfahrungen in Afghanistan, im Irak, im Kampf gegen den IS und so weiter und so fort lernen müssen, dass moderne Kriege und vor allen Dingen diese asymmetrischen Kriege nach einer anderen Logik funktionieren«.

Einstweilen sei es dem iranischen Regime jedenfalls gelungen, den Krieg auf große Teile der Region auszuweiten. Mehr als ein Dutzend Staaten wurden bereits zu Zielen iranischer Angriffe, wobei insbesondere der Irak sich zu einem gefährlichen Nebenkriegsschauplatz zu entwickeln drohe. Der Iran greife im Nordirak keineswegs nur Stellungen der Amerikaner oder der kurdischen Gruppierungen an, sondern auch zivile Ziele, während im Rest des Landes eine Art niederschwelliger Krieg gegen die mit dem Iran verbündeten schiitischen Milizen stattfinde, der das Potenzial habe, sich zu einem neuen Bürgerkrieg auszuweiten.

Kurden zwischen Hoffnung und Vorsicht

In einer schwierigen Situation befinden sich aus Sicht Osten-Sackens die iranisch-kurdischen Oppositionsgruppen, die sich überwiegend im Exil im Nordirak befinden. Auf der einen Seite bestehe die »große Hoffnung, dass dieses verhasste Regime jetzt gestürzt wird. Darauf arbeitet man seit Jahrzehnten hin und hat jetzt die Hoffnung, dass es endlich, endlich, endlich passiert.« Deshalb habe man sich auch auf den Tag X vorbereitet, an dem die kurdischen Parteien ihre Kämpfer über die Grenze zurück in den Iran entsenden würden, um einen dortigen Aufstand gegen das Regime zu unterstützen, Territorium sichern zu können und perspektivisch eine Selbstverwaltung nach Vorbild der Autonomieregion im Nordirak aufzubauen.

Auf der anderen Seite agierten die Kurden aber mit großer Zurückhaltung, bestehe doch die große Furcht, dass sie im schlimmsten Fall – dem Überleben des Regimes – zum Ziel blutiger Rache werden könnten. Auf keinen Fall wolle man sich am Krieg beteiligen, um sodann von den Amerikanern fallengelassen zu werden, wie es zu Jahresbeginn den Kurden im benachbarten Syrien widerfahren ist.

Zersplitterte Opposition

Innerhalb des Irans erschwert ein umfassender Internet-Blackout die Organisation von Widerstand gegen das Regime, das damit droht, mit noch massiverer Gewalt gegen jeglichen Protest vorzugehen als im Januar, als es binnen weniger Tage Zigtausende Demonstranten ermordete. Osten-Sacken ist überzeugt, dass eine große Mehrheit der Iraner auf ein Ende der Islamischen Republik hofft, doch ohne Kommunikationsmöglichkeiten und angesichts eines starken Repressionsapparates sei ein landesweiter Aufstand derzeit kaum vorstellbar.

Ein weiteres Problem sei die Zersplitterung der iranischen Opposition. Monarchisten, republikanische Gruppen und ethnische Bewegungen verfolgen unterschiedliche politische Visionen für die Zukunft des Landes. Besonders die Frage nach Autonomierechten für nicht-persische Bevölkerungsgruppen sorgt für Konflikte. Das sei beispielsweise im Irak vor dem Sturz Saddam Husseins 2003 ganz anders gewesen. Damals habe unter den Oppositionsgruppen Einigkeit über das Ziel des Aufbaus eines föderalen Systems mit kurdischer Selbstverwaltung im Nordirak gegeben.

Im Iran, in dem ethnische Minderheiten zusammen knapp die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, könne davon keine Rede sein. Hier würden die persischen Oppositionsgruppen sämtliche Überlegungen in Richtung föderaler Strukturen als Separatismus verteufeln, der die Einheit des Landes zerstören wolle. Diese fundamentale Uneinigkeit erschwere nicht nur den Sturz des Regimes, sondern werfe auch Fragen über die politische Ordnung nach einem möglichen Machtwechsel auf.

»Tell me how this ends«

Wie dieser Krieg enden wird, lässt sich für Osten-Sacken derzeit nicht sagen. Die Spannweite möglicher Szenarien reiche vom Sturz der Islamischen Republik bis zum Überleben eines geschwächten, aber weiterhin bestehenden Regimes.

Letzteres wäre das Worst-Case-Szenario: Sollte das Mullah-Regime den Krieg überstehen, würde die Führung dies nicht nur propagandistisch als Sieg über die USA und Israel darstellen, sondern die auf einer immer fragileren Basis stehende Macht mit immer größerer Gewalt gegen die eigene Bevölkerung zu festigen suchen.

Sollte der Krieg sich in die Länge ziehen, drohen aus Sicht von Osten-Sacken mehr als unerfreuliche Folgen. Schon jetzt sei der Krieg, der nicht, wie eigentlich erforderlich, vom Kongress autorisiert wurde, alles andere als populär. Und auf beiden Seiten des politischen Spektrums, also sowohl im linken Flügel der Demokratischen Partei als auch in Trumps MAGA-Bewegung, werden die Stimmen lauter, die den Krieg zur Mobilisierung israelfeindlicher und teils offen antisemitischer Ressentiments benutzen. Je länger der Krieg dauert, so Osten-Sackens Befürchtung, umso öfter dürfte in alter Sündenbock-Manier gefragt werden: »Warum führen wir hier einen Krieg für Israel?«

Auf die zu Beginn des Irak-Kriegs 2003 vom späteren US-General David Petraeus an einen Journalisten gerichtete Aufforderung, »tell me how this ends«, kann Osten-Sacken gegenwärtig jedenfalls nur antworten: »Ich weiß es nicht. Es weiß, glaube ich, momentan niemand.«

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