Ein israelischer Soldat schildert seinen Einsatz bei einem Verteilzentrum für Hilfsgüter im Gazastreifen. Stimmen wie seine finden in den Medien kaum Gehör.
»Ich sage nicht, dass immer alles richtig läuft – wir sind Menschen, und Menschen machen Fehler«, sagte ein junger Mann vor wenigen Tagen in Tel Aviv. »Aber dort, wo ich war, habe ich nicht gesehen, was in den Nachrichten behauptet wird. Ich habe etwas ganz anderes gesehen.«
Den israelischen Journalisten gegenüber, denen er Rede und Antwort stand, trat der Mann nur als »Y« auf. Er ist Reservesoldat der israelischen Armee und hat seit dem 7. Oktober 2023 bereits drei Touren im Gazastreifen hinter sich gebracht. Seine differenzierten und durchaus selbstkritischen Eindrücke wären geeignet, das überaus einseitige Bild zu korrigieren, das von Israels Kampfeinsatz im Gazastreifen gezeichnet wird. Aber Stimmen wie die seine erhalten in der auf Vereinfachung, Schwarz-Weiß-Malerei und vielfach unkritische Behauptungen der Hamas-wiedergebenden Berichterstattung westlicher Medien nur selten Gehör.
Nicht dafür ausgebildet
Glaubt man den Medienberichten und den Pressemeldungen der Vereinten Nationen, verbringen israelische Soldaten ihre Zeit an oder in der Nähe von Hilfsgüterverteilzentren im Gazastreifen vor allem damit, willkürlich hilfesuchende palästinensische Zivilisten zu töten.
Y war selbst in einem sogenannten humanitären Korridor im Einsatz, der dazu dienen soll, Hilfsgüter zu verteilen. Er hat keinerlei Veranlassung, das schönzureden, was er dort erlebt hat: »Das war das Schlimmste, das ich je getan habe. Es war widerlich. Man sieht Menschen, die sich um Lebensmittel streiten. Sie trampeln, werfen mit Sand, stehlen. Es ist das reinste Chaos.« Als Soldat fühlte er sich dort fehl am Platz: »Dafür sind wir nicht ausgebildet. Wir sind Infanteristen. Wir sollen Terroristen bekämpfen, nicht Unruhen unter Kontrolle bringen.«
Das Problem ist Israelis spätestens seit den 1980er Jahren bekannt, als Aufnahmen israelischer Soldaten zu sehen waren, die gegen gewalttätig demonstrierende Palästinenser im Zuge der sogenannten ersten Intifada vorgingen. Schon damals standen die jungen israelischen Soldaten vor dem Problem, Aufgaben meistern zu müssen, für die sie weder ausgebildet noch ausgerüstet waren. Randalierende Massen unter Kontrolle zu bringen oder zu zerstreuen hätte nicht Aufgabe von Soldaten sein sollen, denen nur wenige nicht-tödliche Mittel zur Verfügung standen. Oft sahen sie sich gezwungen, von ihren Schusswaffen Gebrauch zu machen – mit entsprechend gravierenden Folgen, selbst, wenn sie versuchten, sich auf Warnschüsse und nicht-tödliche Schüsse zu beschränken.
Die Situation stellt sich für Y heute genauso dar wie für seine Vorgänger vor vierzig Jahren. Strategisch findet der junge Soldat den Versuch Israels, ein System der Verteilung von Hilfsgütern auf die Beine zu stellen, das sicherstellt, dass nicht die Hamas der Hauptprofiteur der internationalen Hilfe ist, völlig richtig. »Die Kontrolle über die Hilfsgüter übernehmen, das Leben der Zivilbevölkerung erleichtern und die Hamas isolieren« sei ein sinnvolles Vorhaben, »aber vor Ort artete das Ganze in Chaos aus«. In dem entstandenen Chaos hätten die Soldaten »versucht, etwas Ordnung zu schaffen, aber das System ist von Anfang an zusammengebrochen«.
Oft versteckten sich Gruppen von Männern unter den Hilfesuchenden, um sie der erhaltenen Lieferungen zu berauben. Derartige Versuche seien keine spontanen Aktionen gewesen, sondern waren geplant und zeitlich koordiniert. »Immer kurz bevor oder kurz nachdem die Drohnen über sie hinwegflogen.«
Außerhalb der Hilfszentren hätten Hamas-Terroristen und kriminelle Banden die Menschen überfallen. »Sie nehmen den Zivilisten [die Lebensmittel] weg und verkaufen sie weiter. Wir haben Leute festgenommen, die das tun. Einige gehören zur Hamas. Einige sind nur Opportunisten. Aber es ist organisiert. So hält die Hamas die Menschen in Abhängigkeit.«
Szenen einer Hungersnot habe er dennoch nicht gesehen. »Niemand bricht vor Hunger zusammen. Entsprechende Berichte seien bösartige Verleumdungen, so Y: »Wenn es im Gazastreifen Unterernährung gibt, dann nur, weil die Hamas es so will. Sie haben die Lebensmittel und sie blockieren sie. Sie wollen die Fotos von abgemagerten Kindern. Das ist ihre Waffe.«
Geplante Aktionen
Frustriert zeigt sich Y über die enorme Diskrepanz zwischen dem, was er selbst erlebt hat, und dem, wie darüber in Medien berichtet wurde. So etwa bei einem Vorfall am 20. Juli, als international gemeldet wurde, israelische Soldaten hätten einmal mehr das Feuer auf Zivilisten eröffnet, die auf Lebensmittel gewartet hätten. Y sei dort gewesen und nichts habe dem entsprochen, was danach zu lesen war.
Bereits in der Nacht zuvor seien bis zu zehn Lkw mit Hilfslieferungen eingetroffen, die am folgenden Morgen verteilt werden sollten. Plötzlich habe sich eine Menschenmenge genähert. »Sie hätten nicht dort sein dürfen. Der Ort war abgesperrt. Sie sahen die Lastwagen und kamen, um zu plündern.« Y und andere Soldaten hätten Warnschüsse abgegeben, worauf sich die Menschen entfernt hätten. Niemand sei verletzt worden. Die Armee habe auf Arabisch klar und deutlich bekannt gemacht, dass das Gelände ab neun Uhr für Hilfesuchende zugänglich sei.
Y wurde im Rahmen eines kleinen Teams zu einem Vorposten an einer Kreuzung geschickt, die rund einen Kilometer vom Hilfskorridor entfernt war. Gegen 4.30 Uhr seien vier Männer dort aufgetaucht und im Hintergrund die Stimmen von mehreren Menschen zu hören gewesen, bevor plötzlich »Allahu Akbar«-Rufe die nächtliche Stille durchbrachen. »Da wurde klar, dass es sich nicht um eine spontane Menschenansammlung handelte«, so Y, »das war koordiniert«.
Aus den ursprünglich vier Männern, die sich zuerst genähert hatten, wurden blitzschnell »hundert. Dann tausend. Alles erwachsene Männer. Keine Frauen. Keine Kinder. Nur Männer, die direkt auf uns zuliefen.« Die Soldaten seien von drei Seiten umzingelt und aus der Menge Schüsse aus Kalaschnikow-Maschinengewehren zu hören gewesen. »Wir sahen nicht, wer schoss, aber wir hörten es.«
Als sich die Menschenmenge auf weniger als hundert Meter dem Kontrollposten genähert hatte, sei der Befehl ergangen, den Posten – und die Hilfslieferungen im Korridor – zu verteidigen. »Nichts hielt sie auf, weder die Drohnen noch die Megafone, Blendgranaten oder Warnschüsse. Am Ende haben wir geschossen. Es gab keine andere Wahl.« Die Hamas habe das Ziel verfolgt, die Hilfslieferung zu stehlen »und eine Tragödie [zu] provozieren, die sie filmen konnten«. Die Männer, die auf ihren Kontrollposten zustürmten, hätten genau gewusst, was sie taten.
Hamas kennt die Einsatzregeln
Y zufolge hätten die Soldaten nur eingreifen dürfen, sollte die Situation für sie lebensbedrohlich werden. »Das hat die Hamas ausgenutzt. Sie wussten, dass wir Grenzen hatten. Sie schickten die Menge wie einen Schutzschild vor sich her. Und als es zu Explosionen kam, liefen die Kameras bereits.« Er und seine Kameraden hätten nichts anderes getan, als ihre Aufgabe zu erfüllen, also die Hilfslieferungen vor der Plünderung durch die Hamas zu schützen. »Und dann werden wir als Kriegsverbrecher bezeichnet.«
Nur wenige Stunden später sah die Geschichte in der Schilderung der Medien völlig anders aus. Denn nun hieß es plötzlich, »wir hätten hungernde Zivilisten erschossen. Das ist nicht wahr. Es war keine Schlange für Lebensmittel. Es war ein gewaltsamer Versuch, den Korridor zu stürmen.« Die auf Telegram-Kanälen veröffentlichten Namen seien allesamt jene von erwachsenen Männern, aber weder von Frauen oder Kindern gewesen.
Für Y ist klar: Die Hamas »wollte ein Blutbad. Etwas, das sie den Medien verkaufen können.« Und die Medien hätten ihre Rolle genauso erfüllt, wie die Hamas sich das wünscht.
Keine Hoffnung
Von einer Rückkehr zum Palästinenser-Flüchtlingshilfswerk UNRWA für die Hilfsverteilung hält Y nichts. »Die UNRWA ist die Hamas. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen. Ihnen die Kontrolle zurückzugeben, bedeutet, sie direkt den Terroristen zu übergeben.«
Hoffnung, dass sich die internationale Medienberichterstattung ändern wird, hat der israelische Soldat keine: »Die Lügen werden weitergehen. Die Welt wird uns weiterhin die Schuld geben. Aber wir werden unsere Arbeit weitermachen, weil jemand sie tun muss.«
