Sally Rooney nimmt ihre Bücher selbst vom Markt. Bei FM4 wird daraus ein Angriff auf die Meinungsfreiheit – mit reichlich Verdrehungen.
Die sogenannte Palästina-Solidaritätsszene ist ein Sammelsurium bisweilen recht seltsamer Gestalten. Man trifft dort auf den mittlerweile knapp vor der Pension stehenden, lebenslangen Kämpfer gegen den Weltimperialismus und dessen zionistische Verkörperung ebenso wie auf eine wohlstandsverwahrloste Millionenerbin, auf einen einigermaßen erfolglosen Ex-Sportler, auf Queers, die ausgerechnet die Hamas als Bündnispartner auserkoren haben, obwohl die sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vom nächsten Hausdach werfen würde, oder auf eine mit psychischen Problemen kämpfende Klimawandelgegnerin, die mittlerweile überall auftaucht, wo medienwirksam Rabatz veranstaltet wird.
Zu meinen besonderen Lieblingen zählen die im Kunst- und Kulturbetrieb anzutreffenden Aktivisten, die von einer Preisverleihung zur anderen um die ganze Welt jetten und diese Bühne nutzen, um irgendwas mit »Free Palestine« zu delirieren und einen kompletten Boykott Israels zu fordern, sich aber sofort als verfolgte Opfer einer angeblich rechten »Cancel Culture« in Szene setzen, wenn ihr überbordendes Mitteilungsbedürfnis nicht auf ungeteilte Zustimmung trifft.
Aufritt Sally Rooney
Zu dieser letzten Gruppe gehört auch die irische Schriftstellerin Sally Rooney, die freilich sogar aus dem umrissenen Kuriositätenkabinett noch hervorzustechen vermag. Irgendwann ist die »Autorin beliebter Romane über unerträgliche Figuren im Stil von Sally Rooney« (© Seth Mandel) auf der Suche nach einem Sinn im drögen Leben, wie andere penetrante Nervensägen auch, bei dem als Unterstützung der Palästinenser getarnten Kampf gegen Israel gelandet.
Und der nimmt bei Rooney geradezu heilsgeschichtliche Dimensionen an. In einer Rede im März 2026 sagte sie:
»Der Kampf für Palästina ist auch – und war schon immer – ein Kampf für die Befreiung der Menschheit und für unsere Zukunft auf dieser Erde. Die Gegner, denen wir in der palästinensischen Solidaritätsbewegung gegenüberstehen (…), sind dieselben Kräfte, die den katastrophalen Klimawandel vorantreiben und die Grundlage für unser gemeinsames Überleben zerstören. Indem wir uns solidarisch mit Palästina zeigen, lernen wir, wie wir für das Leben auf der Erde kämpfen können.«
Nicht weniger als das Heil der gesamten Erde steht demnach beim Kampf gegen Israel auf dem Spiel. Wobei, wer weiter zuhörte, dem musste auffallen, dass es eigentlich um Rooneys Kampf mit sich selbst geht: »Was sonst kann unser Leben in so dunklen Zeiten wie diesen erträglich machen? Was sonst kann uns angesichts solch eines Grauens einen Grund geben, weiterzumachen, die Verzweiflung abzuwehren, mit uns selbst im Reinen zu bleiben und für unsere Zukunft zu kämpfen, ganz gleich, welche Folgen das haben mag?«
Völlig zurecht bemerkte ein Beobachter damals, womit wir es hier zu tun haben: »mit Selbstverherrlichung, die sich als Solidarität tarnt. Sie tragen arabische Kopfbedeckungen und schirmen ihr Leben mit einem Kraftfeld vor den ›unheiligen‹ Waren des jüdischen Staates ab – nicht, weil dies irgendwelche greifbaren Auswirkungen im Nahen Osten hätte, sondern um ihre eigene Tugend zur Schau zu stellen.«
Selbstverhängte Zensur
Die angesprochene Zurschaustellung der eigenen Tugendhaftigkeit hat nun einen neuen Höhe- bzw. Tiefpunkt erreicht: In einem Akt »performativer Selbstsabotage« ließ Rooney ihren Verlag bekanntgeben, dass ihre Bücher in Großbritannien nicht mehr ausgeliefert werden.
Grund dafür sei die Gesetzeslage im Königreich, genauer: die Anti-Terrorgesetzgebung. Diese Gesetzgebung verbietet – na no na ned, wie man auf Österreichisch sagen würde – die Finanzierung von Terrororganisationen. Um eine solche handelt es sich bei der nach fast 400 Anschlägen im Sommer 2025 verbotenen Gruppe »Palestine Action«. Und genau dieser wollte Rooney, wie sie verkündet hatte, den Erlös ihrer Buchverkäufe in Großbritannien zukommen lassen. Um einer Anzeige wegen Terrorunterstützung zuvorzukommen, hat sie jetzt von sich aus ihre Bücher vom Markt nehmen lassen – und geriert sich als Opfer repressiver Gesetzgebung.
Dieses, wie Nicholas Potter richtig bemerkt, »ausschließlich selbstverschuldete«, öffentlich inszenierte Mimimi ist zwar völlig durchsichtig, aber das heißt nicht, dass Rooney für ihren Publicity-Stunt nicht doch noch Verteidiger finden würde. Auf der Webseite des österreichischen staatlichen Radiokanals FM4 etwa erklärte der eigentlich als Musikjournalist und Radiomoderator bekannte Robert Rotifer die Angelegenheit zu einer »demokratiepolitisch brandgefährlichen Farce«.
Von wegen Redefreiheit
Eine Farce ist für ihn freilich nicht das Verhalten Rooneys, sondern die britische Antiterrorgesetzgebung. Dass »Palestine Action«, die Rotifer als »Gruppe von Aktivist:innen« bezeichnet, verboten und öffentliche Unterstützer festgenommen wurden, charakterisiert er als »bizarres Geschehen«.
Von Terror möchte Rotifer nicht sprechen, deswegen setzt er das Wort stets in Anführungszeichen, und verharmlost die Taten, die zum Verbot von »Palestine Action« geführt haben. Zu diesen gehörten u. a. antisemitische Angriffe auf jüdische Geschäfte in einem Londoner Viertel, in dem viele orthodoxe Juden leben, und der Einbruch in die Fabrik eines israelischen Rüstungsunternehmens, bei dem die Täter einer Polizistin mit einem Vorschlaghammer die Wirbelsäule zertrümmerten.
Während Rotifer solch wichtige Details unterschlägt, versucht er an anderer Stelle, seine Leser in die Irre zu führen. So behauptet er, wegen der »ausschweifenden Terrorgesetzgebung« gelte nun »auch die Veröffentlichung von Büchern der Romanautorin als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung«. Das ist, und vermutlich weiß er das selbst ganz genau, blanker Unsinn: Der britische Staat kriminalisiert nicht die Veröffentlichung von Büchern, sehr wohl aber die Finanzierung von Terrororganisationen. Daran ist nichts außergewöhnlich. Auch in Österreich darf man einer Terrorgruppe nicht Geld spenden.
Außergewöhnlich ist vielmehr, dass Rotifer aus der Angelegenheit eine Sache der »Redefreiheit« zu machen versucht. Er wütet gegen herbeifantasierte »staatliche Sanktionen gegen eine Autorin und einen Buchverlag« und eine »Rechtsprechung, die politische Meinungsäußerung bestraft, indem sie der ihre Meinung äußernden Autorin das Recht auf Publikation verweigert«. Noch einmal: Nichts dergleichen ist geschehen.
Für Rotifer ist es anscheinend völlig normal, dass eine Autorin den Kampf gegen Israel zu einer Frage der Zukunft des Heils der Menschheit und der Erde stilisiert, und in diesem Wahn Geld an Terroristen spenden will, die bei ihren illegalen Aktionen Menschen schwerste Verletzungen zufügen. Daraus dann aber unter Irreführung der Leser eine Frage der »Redefreiheit« zu machen, ist so dreist, dass es fast von Sally Rooney stammen könnte.
