Seit wenigen Wochen nehmen die Proteste in Israel wieder zu. Für viele Bürger hat die Rückholung der Geiseln Priorität. Wie diese zu erlangen ist, herrscht jedoch Uneinigkeit.
Die wöchentlichen Kundgebungen zur Rückholung der Geiseln setzten kurz nach dem 7. Oktober 2023 ein und rissen bis heute nicht ab, obschon die Teilnehmerzahlen zeitweise rückläufig waren. Mitte des heurigen August änderte sich dieser Trend, als die Protestaufrufe mit massenhafter Präsenz und neu entbranntem Aktivismus wieder lauter wurden.
Auch eine weitere Veränderung machte sich zu diesem Zeitpunkt bemerkbar: Brachte das Forum der Familien von Geiseln und Vermissten bislang ein einziges, für sich alleinstehendes Anliegen vor, nämlich die Rückholung der Geiseln, kam inzwischen eine zweite Forderung hinzu: Die israelische Regierung solle den Krieg im Gazastreifen beenden.
Dass diese Proteste, die aktuell sowohl bezüglich Umfang, Intensität als auch Teilnehmerzahl an Fahrt aufnehmen, nunmehr zwei Forderungen stellen, geht auf eine Mehrheitsentscheidung des »Forums der 50«, das die Familien der immer noch im Gazastreifen verbliebenen Geiseln repräsentiert, zurück. Infolgedessen rief das unter dem Motto »Bring them Home« agierende umfassendere Forum der Angehörigen aller Geiseln zunächst am 17. August zu Protestaktionen auf, die das Land lahmlegen sollten.
Enormer Aktionsradius
An diesem Arbeitstag liefen so umfangreiche Aktionen an, wie sie Israel noch selten gesehen hatte, seitdem die Familien der Geiseln zu Protestmärschen, Blockaden der Wohnsitze von Regierungsministern und Kundgebungen an unterschiedlichsten Orten aufrufen. Schon am Vorabend, der den von Sehnsucht und Sorgen an den Rand der Verzweiflung getriebenen Familien der Geiseln gewidmet war, kam auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv eine sehr viel größere Menschenmenge zusammen, als es in den 98 Wochen davor zumeist üblich gewesen war.
Bei der Veranstaltung sah man auf Plakaten und in Videoclips nicht nur die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor festgehaltenen fünfzig Geiseln (49 Männer und eine Frau, von denen dreißig bereits für tot erklärt worden sind, wobei mittlerweile die sterblichen Überreste von zwei Männern geborgen wurden), sondern es wurden diese Menschen auch im Kreis ihrer Lieben gezeigt. Denn das Leid der Geiselhaft bringt auch schwerwiegende Folgen für alle Angehörigen.
Am Morgen des 17. August begannen die Aktionen zu symbolisch festgelegten Zeiten. Um 6:28 Uhr, als die Hamas am »Schwarzen Schabbat« Israel überfallen hatte, blockierten die ersten Aktivisten die Straßen. Um 7:10 Uhr – in Anlehnung an das Datum des Überfalls – liefen weitere Aktionen an. Während in fast jeder Stadt Menschen an den Ein- und Ausfahrtstraßen protestierten, sah man sie auf dem Land vor allem auf Autobahnbrücken. Im Verlauf des Tages wurden wichtige Verkehrsadern wieder und wieder blockiert.
Es war ein Tag, an dem vieles in ganz Israel nicht reibungslos funktionierte, denn dem Aufruf des Geisel-Angehörigenforums hatten sich auch die Hochschulen des Landes (mit Ausnahme der Bar-Ilan und der Ariel Universität) und 75 Stadt- und Regionalverwaltungen, aber auch Teile der Geschäftswelt sowie Hightech-Firmen angeschlossen. Auch, wenn die größte Gewerkschaft des Landes, die Histadrut, auf Distanz blieb, blieben Hightech-Arbeitsplätze verwaist und Restaurants geschlossen. Aus juristischen Gründen konnten die Behörden keinen Streiktag ausrufen. Dem privaten Sektor waren die Hände jedoch nicht gebunden. Viele Arbeitnehmer wurden ohne Verdienstverlust freigestellt.
Ziel verfehlt
Den Medien zufolge fanden an mehreren Hunderten Orten im ganzen Land Aktionen statt. Die Schätzungen bezüglich der Teilnehmerzahl gingen auseinander. Die Organisatoren gaben an, dass sich während des Tages rund 2,5 Millionen Menschen an den Protesten beteiligt hatten. Gegen Abend war ein Protestmarsch mit einer Großkundgebung geplant, zu dem sich mit rund einer halben Million Menschen so viele im Zentrum von Tel Aviv wie selten zuvor versammelt hatte. Einzelne Elemente der Kundgebung, darunter die symbolische Hochzeit der Geisel Matan Zangauker, bei der seine Mutter und seine Verlobte in Schwarz auf der Bühne unter dem Hochzeitsbaldachin standen, wollten nochmals wachrütteln.
Selbst bei niedrigeren Zahlen als den von den Organisatoren genannten war dies der umfangreichste Protesttag seit dem Herbst 2023. Dennoch wurde das Ziel, das Land lahmzulegen, nicht erreicht, wie es im September 2024 zumindest für einige Stunden gelang. In keiner Weise kamen die Proteste an jenen Tag im Frühjahr 2023 heran, als im Protest gegen die Kündigung des damaligen Verteidigungsministers Yoav Gallant Israelis spontan in Massen auf die Straßen strömten und sich die Histadrut anschloss, sodass daraus ein nationaler Generalstreik gegen diese Maßnahme im Zuge der Justizreform wurde.
Da die Aktionen des 17. August den Betroffenen viel Mut machten und allen, die sich solidarisch einbrachten, das Gefühl gaben, nicht in ohnmächtiger Passivität zu verharren, wurde in Folge zu einem weiteren Protesttag aufgerufen, zu dem sich knapp zehn Tage später allerdings weitaus weniger Menschen einfanden, denn längst hatte sich unter den Aktivisten wieder einmal Frustration breitgemacht: Die Regierung schmetterte ein weiteres, als Augenauswischerei charakterisiertes Angebot der Hamas ab und ließ überdies die Mobilisierung von Zehntausenden von Reservisten unter anderem für die bereits Anfang August vom Sicherheitskabinett beschlossene Einkesselung von Gaza-Stadt anlaufen.
Einig – uneinig
Zweifelsohne empfindet die Seele der israelischen Nation es als ein moralisches als auch religiöses Gebot (erwähnt in Thora, Talmud und beispielsweise in den Schriften des Maimonides), alles nur Erdenkliche für die Freilassung von jüdischen Geiseln zu unternehmen. Doch wenngleich die Protestbewegung diesbezüglich deutlich die Regierung in die Pflicht nimmt, darf man nicht vergessen, dass die Hamas hierbei ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat und sie die Situation für ihre perfide psychologische Kriegsführung und ihre Erpressung Israels ausschlachtet.
Blickt man auf das Forum der Geisel-Angehörigen, könnte man meinen, die rund 250 Familien mit ihren Tausenden von Verwandten würden in Einigkeit handeln. Ohne jede Frage: Alle wollen ihre Angehörigen zurück in Israel wissen – doch die Ansichten, wie das am besten zu erreichen sei, gehen sogar im Kreis der unmittelbar betroffenen Familien auseinander.
Zwar muss man festhalten, dass die Mehrheit der Geiselangehörigen der Ansicht ist, neue und gar mit Nachdruck angegangene Militäroperationen im Gazastreifen würden das Leben der Geiseln gefährden. Doch gibt es auch eine Minderheit, die anders denkt, da sie ein Einlenken gegenüber der Hamas – und erst recht ein von Israel zu diesem Zeitpunkt deklariertes Ende des Kriegs – nicht als Garant für die Rückkehr der Geiseln, ob tot oder lebendig, erachten.
Auf dem Platz der Geiseln befindet sich eine Skulptur mit den hebräischen Buchstaben des Worts Tikvah – Hoffnung. Das Forum der Angehörigen der Geiseln vermarktet für ihre Spendenkasse Halsketten mit diesem Schriftzug. Das Tikvah-Forum hingegen, das einige wenige Geiselfamilien gegründet hatten, distanziert sich vom Forum jener Familien, das andauernd Schlagzeilen macht. Dieses Forum, dessen Mitglieder politisch rechts-national orientiert sind, wird im Ausland so gut wie nicht wahrgenommen. In Israel berichten darüber fast ausschließlich Kanäle und Portale, die Sprachrohr der Siedlerbewegung sind.
Die Mitglieder dieses Forums, darunter rund fünfzehn Familien von Geiseln, lehnen die Freilassung von palästinensischen (Sicherheits-)Häftlingen ebenso wie Verhandlungen mit einer Terrorvereinigung grundsätzlich ab. Sie glauben, dass gegenüber der Hamas nur einige einzige Sprache wirksam ist: militärische Schlagkraft bis zur Erlangung des für sie wichtigsten Ziels, die Zerschlagung der Gruppierung – auch, wenn das bedeutet, dass die im Gazastreifen verbliebenen Geiseln dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Doch wer meint, damit seien aufgrund von politischen Ansichten und gelebten Weltanschauungen eindeutige Zuordnungen möglich, der irrt. Israel wäre nicht Israel, wären da nicht Mitglieder des Tikvah-Forums, die für einen Sieg über die Hamas plädieren, jedoch zugleich Premier Benjamin Netanjahu harsch kritisieren, weil er für sie die Hauptschuld am Erstarken der Terrorgruppe trägt. Und natürlich beherbergt Israel auch Siedler, die sich der Protestbewegung gegen die Justizreform anschlossen oder schon vor Monaten gegen die Fortsetzung des Kriegs im Gazastreifen aufbegehrten. Avidan Freedman, der in der Siedlung Efrat lebt und einen Blog in der Times of Israel unterhält, ist nur ein namentlich zu erwähnender Rabbiner, auf den dies zutrifft.
