Können die israelischen Demonstrationen zur Geiselfreilassung beitragen?

Demonstration auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv am 17. August

Am 17. August gingen in Israel Hunderttausende für die Freilassung der Hamasgeiseln und das Ende des Gazakriegs auf die Straßen. Die Organisatoren sprachen von einem großen Erfolg.

Am heurigen 17. August stand Israel still. Das Forum der Geiselfamilien hatte die Bevölkerung zu einer landesweiten Solidaritätsbekundung, einem regelrechten »Tag des Stillstands«, aufgerufen. Behörden und Universitäten sowie zahlreiche Unternehmen und Büros blieben an diesem Tag, eigentlich ein üblicher Geschäftstag, geschlossen, und viele hunderttausend Menschen versammelten sich auf Straßen, Kreuzungen und Brücken, um für die Wiederkehr der hoffentlich noch zwanzig lebenden und dreißig getöteten Geiseln zu plädieren.

Am Abend strömte rund eine Million Menschen zum Kikar HaChatufim, dem Platz der Geiseln im Herzen Tel Avivs, und lauschte den Angehörigen, die ihren Schmerz und ihre Hoffnung zum Ausdruck brachten.

Mut machen

»Es war ein großer Erfolg«, meinte Gil Dickmann, ein führender Vertreter des Familienforums, die überwältigende Teilnahme habe »seine Erwartungen übertroffen«. Dickmanns Cousine Carmel Gat zählte zu jenen sechs Geiseln, die in den Hamas-Tunneln von den Terroristen exekutiert wurden. Zwar würden alle Umfragen zeigen, dass über achtzig Prozent der Bevölkerung die Rückkehr der Geiseln als oberste Priorität erachteten, doch er und andere Organisatoren befürchteten vor solchen Aktionen immer, dass die Wirklichkeit ein weniger eindeutiges Bild zeichnen könnte.

Deshalb wurde im »Forum der 50« (der Name ist in Anlehnung an die fünfzig verbleibenden Geiseln gewählt worden) auch abgestimmt, ob der Tag überhaupt stattfinden solle – die Mehrzahl der Familienvertreter gab grünes Licht. »Was haben wir denn sonst für eine Wahl«, so Dickmann, »wir müssen alles unternehmen, bevor es zu einem weiteren Unglück wie dem Mord an den sechs Geiseln im Vorjahr kommt.«

Was aber bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort »Erfolg«, von dem Dickmann spricht? Geht es um die Anzahl der Teilnehmer? Oder um das Gelingen, Einfluss auf die Geiselverhandlungen zu nehmen? Laut den Organisatoren ist es mittlerweile gelungen, Druck auf die israelische Regierung auszuüben, was man schon an Netanjahus öffentlicher negativer Reaktion gesehen habe. Noch wichtiger sei aber, dass die vergangenen Massenkundgebungen den Geiseln Hoffnung gegeben hätten. Nach ihrer Rückkehr haben einige der Entführten berichtet, während ihrer Gefangenschaft von den Protesten auf Israels Straßen gehört und teilweise in den Medien verfolgt zu haben. Das habe ihnen Mut gemacht.

Dickmann aber nennt noch einen weiteren Grund für die Organisation des Stillstands-Tags: Er habe der Hamas gezeigt, dass die Israelis es ernst meinen und die Geiseln um jeden Preis nach Hause bringen wollen. Bei Benjamin Netanjahu seien die Absichten nicht immer ganz so klar; die Solidaritätsveranstaltungen hingegen demonstrierten der Hamas, wie verpflichtet die Bevölkerung den Geiseln sei.

Das Problem

Genau darin steckt aber auch das Problem, da sich dadurch die Terrororganisation unter Umständen im Aufwind wähnt, ihre Forderungen nach oben schraubt oder sogar jede verhandelbare Lösung blockiert: »Alle, die sich heute für ein Ende des Kriegs stark machen, um die Geiseln freizubekommen, erschweren nicht nur die laufenden Verhandlungen, sie stellen auch sicher, dass die Hamas uns wieder und wieder angreifen wird und unsere Söhne und Töchter weiterhin kämpfen müssen«, kritisierte Israels Ministerpräsident die Demonstranten.

Viele geben auch zu bedenken, dass sich die Massenkundgebung notgedrungen an den falschen Adressaten richten. Nicht die israelische Regierung hielte die Geiseln gefangen und nicht sie sei es, die sich weigere, sie herauszugeben, so ihr Argument.

Die Hamas aber, die ja in diesem Fall die Karten in der Hand hält, würde sich über die israelischen Massenkundgebungen wohl nicht weiter aufregen. Im Gegenteil. So argumentieren unter anderem auch einige Angehörige der Geiseln wie etwa Zvika Mor: »Wer etwas erreichen will, der muss nach außen Druck ausüben, nicht nach innen«, meint der Vater des Soldaten Eytan Mor, der seit dem 7. Oktober 2023 in Geiselhaft ist. Es ginge darum, die Hamas in die Knie zu zwingen, so Mor weiter, denn die Terroristen würden sonst niemals alle Geiseln aus der Hand geben.

Auf Konsens setzen

»Proteste und Massenkundgebungen eignen sich nicht als Druckmittel gegen die Hamas«, bestätigt auch die Aktivistin und ehemalige Parlamentsabgeordnete Rachel Azaria. Dafür wären Maßnahmen globaler Machthaber wie US-Präsident Donald Trump und internationaler Institutionen wie die UNO besser ausgerichtet.

Sie hält die Aktionen zwar auch innenpolitisch für sinnvoll, weil sie der Regierung die Priorität der Bevölkerung deutlich vor Augen führten, aber man könnte es noch besser machen: »Bei einer solchen Demonstration muss man auf Konsens setzen und ein Ziel festlegen, bei dem es keine zwei Seiten gibt.« Die Organisatoren aber hatten diesmal nicht nur die unangefochtene Rückkehr der Geiseln, sondern auch ein umgehendes Ende des Kriegs gefordert. Nur dergestalt, so ihr Argument, könnte man die Geiseln retten.

Diese Überzeugung wird aber nicht von allen Israelis geteilt. »Die Linken sind dafür und die Rechten dagegen – das ist das Schlimmste, das der Demonstration passieren konnte«, bedauert Azaria. Die Doppelforderung der Demonstranten würde die Bevölkerung spalten und damit die Wirkungskraft der Kundgebung schwächen. Wenn man innenpolitisch etwas erreichen will, so Azaria, soll man eine Forderung stellen, aber keine Lösung vorwegnehmen. Damit ließe sich ein übergreifender Konsens erzielen und Druck auf die Regierung ausüben, die nun ihrerseits gefordert sei, eine Lösung zu finden.

Ob die Kundgebungen nun mehr erreichen könnten oder nicht, eines steht fest: Sie gehen unbeirrt weiter. Am 26. August wurde abermals ein Protesttag mit Demonstrationen an allen wichtigen Dreh- und Angelpunkten des Landes und auch einer vor der amerikanischen Botschaft abgehalten.

»Wir machen jetzt jede Woche weiter, bis die Geiseln freikommen«, versichert Gil Dickmann. Illusionen machen sich die Teilnehmer aber keine. »Konkrete Ergebnisse werden diese Aktionen wohl nicht erwirken. Ich komme aber, um Solidarität mit den Geiseln und ihren Angehörigen zu bekunden«, erklärt Malka Alyakim, die wie viele andere Israelis an jeder Kundgebung teilnimmt. Die Umstehenden stimmen mit ihr lautstark überein.

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