Prix Ars Electronica 2026: Goldene Nica für die »Karte des Genozids« von Forensic Architecture

Das Ars Electronica Center in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz
Das Ars Electronica Center in der oberösterreichischen Hauptstadt Linz (© Imago Images / Daniel Scharinger)

Die Ars Electronica zeichnet das antiisraelische Projekt von Forensic Architecture aus und erklärt, dass man mit der Preisverleihung lediglich zu offener Diskussion und Debatte einladen wolle.

Man kann ein Werk auszeichnen, weil man seine politischen Konsequenzen nicht durchschaut. Oder man zeichnet es aus, weil man sie sehr wohl durchschaut – und gerade deshalb für preiswürdig hält. Die Goldene Nica des Prix Ars Electronica 2026 in der Kategorie Interactive Art+ geht an »A Cartography of Genocide: Israel’s Conduct in Gaza Since October 2023« – ein Projekt der Londoner Forschungsagentur Forensic Architecture, die von dem in Israel geborenen Architekten Eyal Weizman geleitet wird.

Die Jury, bestehend aus internationalen »Expertinnen und Experten«, feiert das Werk laut Jurystatement als »zivilgesellschaftliche Infrastruktur« und als Bindeglied, das »tausende verstreute Datenpunkte« in eine »öffentlich zugängliche und navigierbare Schnittstelle« verwandelt. »Methodische Strenge« trifft auf »Informationsarchitektur« und »forensische Rekonstruktion«. Das klingt sehr nach Wissenschaft. Aber auch nach jener Rhetorik, die Beweis und Deutung so fein ineinanderfaltet, dass man als Laie am Ende nicht mehr weiß, wo die Recherche endet und die Parteinahme beginnt.

Dass Ars-Electronica-Direktor Gerfried Stocker die Verleihung »nicht unkommentiert« lassen will, ist die präventive institutionelle Antwort auf befürchtete Kritik an der Auszeichnung eines antiisraelischen Projekts. »Wir respektieren die Entscheidung der Jury«, schreibt er und fügt hinzu, dass man die historischen, politischen und gesellschaftlichen Implikationen offen diskutieren wolle, natürlich ohne Partei zu ergreifen. Die Ars Electronica entscheidet sich also für die Formel ›alles und nichts‹. Wer eine Auszeichnung verleiht und zugleich betont, sie »nicht unkommentiert« lassen zu wollen, hat bereits kommentiert – maßgeblich durch die Auszeichnung selbst. Der beigefügte Hinweis auf die »unmissverständliche und entschiedene Ablehnung des Antisemitismus« wirkt dabei eher wie eine institutionelle Absicherung als eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der konkreten Kritik.

Die Ars Electronica Linz GmbH & Co. KG steht zu hundert Prozent im Eigentum der Unternehmensgruppe der Stadt Linz. Das Festival wird unter anderem von der Stadt Linz, dem Land Oberösterreich und der Republik Österreich finanziert. Gerade eine Stadt mit der Geschichte von Linz – in deren Umland sich mit Mauthausen eines der zentralen nationalsozialistischen Konzentrationslager befand – müsste sensibel dafür sein, künstlerische Avantgarde von politischer Entlastungsrhetorik unterscheiden zu können. Stattdessen wird der Genozidvorwurf gegen Israel mit einem der renommiertesten Preise für Medienkunst ausgezeichnet.

Forensik der Eindeutigkeit

Das 2010 von Weizman gegründete Forensic Architecture hat sich einen eindeutigen Ruf erarbeitet. Mittels 3D-Modellen rekonstruiert es Gewaltgeschehen, Satellitenbilder sollen zu Zeugen werden und Architektur so zum Beweiswerkzeug. Das Kollektiv kombiniert dabei unter anderem Fernerkundung, Zeugenaussagen, Bildmaterial und räumliche Rekonstruktionen und erhebt ausdrücklich den Anspruch, mit diesen Methoden Beweismaterial zu produzieren. Was neben dieser Methode auffällt, ist die Priorisierung dessen, worauf sie angewandt wird. Forensic Architecture bebildert das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza mit enormem technischem und dokumentarischem Aufwand. Die Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023, die Geiselnahmen und die fortgesetzten Raketenangriffe werden in diesem forensischen Gesamtbild marginalisiert.

Wie weit dieser Deutungsrahmen reicht, zeigt auch Weizmans aktuelles Buch »Ungrounding. The Architecture of Genocide«, das der Architekturprofessor Stephan Trüby in der taz ausführlich rezensiert hat. Weizmans Kritik beschränkt sich keineswegs auf die seit dem Sechstagekrieg von 1967 besetzten Gebiete oder auf die israelische Kriegsführung nach dem 7. Oktober 2023. Sie reicht zurück bis zum Unabhängigkeitskrieg von 1948 und zu den territorialen Verhältnissen, die aus den anschließenden Waffenstillstandsvereinbarungen hervorgingen. Damit geraten auch Orte innerhalb Israels westlich der Grünen Linie in den Fokus. Trüby wirft deshalb die grundsätzliche Frage auf, welchen Platz ein souveräner jüdischer Staat innerhalb der Waffenstillstandslinien von 1949 in Weizmans politischem und theoretischem Bezugsrahmen überhaupt noch einnimmt.

Diese Frage ist nicht nur theoretischer Natur. Forensic Architecture ist längst selbst Akteur in der politischen und völkerrechtlichen Auseinandersetzung um den Gaza-Krieg. Das Recherchekollektiv unterstützt mit seinen Untersuchungen die von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof angestrengte Klage, in der Israel Verstöße gegen die Völkermordkonvention vorgeworfen werden. Der forensische Wahrheitsanspruch seiner Arbeit und ihre politische Wirkung lassen sich deshalb kaum voneinander trennen.

Ferner bewegt sich Weizman in einem Umfeld, in dem wissenschaftliche Untersuchung, politische Positionierung und völkerrechtliche Anklage ineinandergreifen. Gemeinsam aufgetreten ist er etwa mit der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese. Sie wirft Israel vor, die Sprache und Kategorien des humanitären Völkerrechts als »humanitären Deckmantel« zu verwenden, um sein Vorgehen im Gazastreifen zu legitimieren. Forensic Architecture präsentiert seine Arbeit mit dem Anspruch forensischer Beweisführung, während die daraus gezogenen politischen Schlussfolgerungen häufig bereits Teil eines klar umrissenen Deutungsrahmens sind. Wo die Rekonstruktion endet und die politische Kampagne beginnt, ist deshalb nicht immer eindeutig auszumachen.

Eine besonders aufschlussreiche Rolle spielt dabei das Tunnelsystem der Hamas. In »Ungrounding« zeichnet Weizman dessen Entwicklung als eine Geschichte nach, die bis in die Zeit nach dem Sechstagekrieg von 1967 zurückreicht. Techniken des unterirdischen Guerillakampfs, die palästinensische Kämpfer unter anderem in China kennengelernt hatten, fanden demnach zunächst Eingang in Flüchtlingslager wie Dschabaliya.

Eine neue Bedeutung erhielten die Tunnel nach dem Camp-David-Abkommen von 1978 und der anschließenden Grenzziehung, die Rafah Anfang der achtziger Jahre zwischen Ägypten und dem Gazastreifen teilte. In den folgenden Jahrzehnten entstand ein weit verzweigtes unterirdisches System, dessen Gesamtlänge Weizman mit etwa siebenhundert Kilometern beziffert. Am Ausbau waren einflussreiche Familienclans ebenso beteiligt wie zahlreiche junge Arbeiter, von denen einige die körperlich extrem belastende Arbeit unter dem Einfluss des opioiden Schmerzmittels Tramadol verrichtet haben sollen. Die Tunnel entwickelten sich zugleich zu einer zentralen Schmuggelroute.

Die Darstellung ist gerade deshalb so bemerkenswert, weil sie die militärische und gesellschaftliche Bedeutung des Tunnelsystems sichtbar macht. Stephan Trüby sieht darin einen Widerspruch zu Weizmans eigener Argumentation. Je detaillierter dessen Beschreibung der unterirdischen Infrastruktur ausfalle, desto schwieriger werde es, die israelische Argumentation über die Einbettung militärischer Strukturen der Hamas in den zivilen Raum einfach beiseitezuschieben.

Die Institution als Verstärker

Es geht dabei nicht um die Frage, ob Weizmans Arbeiten ausgestellt, diskutiert oder ausgezeichnet werden dürfen. Entscheidend ist vielmehr, welche Verantwortung Institutionen übernehmen, wenn sie einer derart politisch aufgeladenen Arbeit ihre Bühnen, ihre Reputation und ihre Preise zur Verfügung stellen. Die Ars Electronica präsentiert nicht lediglich eine kontroverse Position zur Diskussion. Durch ihre institutionelle Rahmung verleiht sie der Arbeit zusätzliche Autorität. Der Verweis einer Jury auf »methodische Strenge« löst diesen Widerspruch nicht auf. Eine Auszeichnung schafft schließlich nicht nur Öffentlichkeit, sondern auch Legitimität.

Gerfried Stockers Anspruch, »Räume für den Dialog offen« zu halten, »auch unter Bedingungen tiefer Polarisierung«, klingt zunächst nach jener Offenheit, die Kulturinstitutionen für sich beanspruchen sollten. Doch Offenheit entbindet sie nicht von der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen. Wer eine Arbeit prämiert, die bereits im Titel den Genozidvorwurf gegen Israel erhebt, kann die Auszeichnung anschließend kaum als bloße Einladung zur Debatte darstellen. Auch ein Kunstpreis setzt einen Akzent. Er trifft eine Auswahl darüber, welche Perspektive besondere Sichtbarkeit, Autorität und Anerkennung erhält.

Was sich allerdings beobachten lässt – und die Ars Electronica dürfte darin kaum eine Ausnahme sein –, ist eine deutliche Verschiebung der kulturellen Aufmerksamkeitsökonomie seit dem 7. Oktober 2023. Je radikaler die Anklage gegen Israel ausfällt, desto bedeutsamer scheint bisweilen ihre Aussicht auf Resonanz, sprich: auf Ausstellungen und Podien, Preise und Förderungen, Einladungen und publizistische Aufmerksamkeit. Der Vorwurf wird damit nicht nur zum politischen Statement, sondern kann zur kulturellen Währung werden.

Die Ästhetik der Anklage

Eine für Herbst geplante Ausstellung zum Thema Zerstörung und Aufbau suggeriert forensische Objektivität. Ein Blick auf die Mitwirkenden lässt Skepsis aufkommen.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten. Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung.
Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte
oder direkt über Ihren PayPal Account.