In dieser Reihe stellen wir die jüdische Dichterin und Widerstandskämpferin Chana Szénes vor. Sie emigrierte 1939 als 18-Jährige von Ungarn nach Palästina, wo sie sich 1943 einer Freiwilligeneinheit des britischen Geheimdienstes anschloss, deren Ziel es war, als Fallschirmspringer über feindlichem Gebiet abzuspringen, um abgeschossene britische Piloten und Juden zu retten.
Heute vor 82 Jahren, am 7. November 1944, wurde Chana Szénes im Alter von 23 Jahren in Budapest hingerichtet. 1950 wurde ihr Leichnam nach Israel überführt. In Liedern und Büchern wird ihrer in der Gegenwart gedacht.
Ohne es zu wissen, war Yoel Palgi in dasselbe Gestapo-Gefängnis gebracht worden wie Chana Szénes. Eines Tages, erinnerte er sich später, hörte er den lauten Ruf: »Chana Szénes!«, gefolgt von etwas, das ihm vorkam wie ihre Antwort. Als er am nächsten Tag zum Verhör gebracht wurde, konnte er sich auf der Fahrt dorthin mit anderen Gefangenen unterhalten.
Er fragte sie, ob sie etwas von Chana wüssten. »Was für eine Frage!«, antwortete einer. »Sie war gestern mit uns zusammen. Sie holten sie zum Verhör. Ein bemerkenswertes Mädchen. Sie redet immer über die jüdische Frage und erzählt jedem von Eretz Israel. Sie hat uns wirklich Hoffnung gegeben.« Die Häftlinge erzählten Yoel, dass sie in Einzelhaft sei, zwei oder drei Etagen über seiner Zelle.
Treffen im Gefängnis
Yoel Palgi und Chana Szénes fanden einen Weg, miteinander zu kommunizieren. Beide hatten von ihren Zellen aus eine Sichtachse auf den Hof. Morgens, wenn die Sonne auf seine Seite schien, gab Yoel mithilfe eines Spiegels Morsezeichen; am Nachmittag, wenn Chanas Zelle im Sonnenlicht lag, antwortete sie auf die gleiche Weise. Chana kommunizierte auch mit anderen Mitgefangenen: Sie schnitt große Buchstaben aus Papier aus und legte sie nacheinander in ihr Fenster, bis sich daraus ein Wort ergab. Yoel Palgi schreibt:
»Auf diese Weise stellte sie sich vor, erfuhr von ihren Problemen, gab ihnen Informationen darüber, was außerhalb der Gefängnismauern passierte, und erzählte ihnen auch von Palästina und dem Leben im Kibbuz. Ihr Fenster wurde zu einem Informations- und Bildungszentrum, von morgens bis abends schauten Gefangene dort nach Nachrichten. Gegenüber waren einige Mitglieder der zionistischen Bewegung, die wegen Untergrundaktivitäten verhaftet worden waren und ihr Urteil erwarteten. Sie gab ihnen neuen Mut.«
Furchtlos sei Chana gegenüber SS und Gestapo gewesen, erinnerte er sich:
»Sie wussten, dass sie Jüdin war, aber sie wussten auch, dass sie eine britische Fallschirmspringerin war, die gekommen war, um gegen sie zu kämpfen. Jahrelang hatte man ihnen beigebracht, dass sich Juden nie wehren, dass sie die bösartigste Behandlung hinnehmen werden, nun waren sie erschüttert von ihrer Courage.«
Schließlich, nach zwei Monaten und mithilfe von Bestechung, gelang es Yoel und Chana, einander zu treffen. Chana verlor kein Wort über die Misshandlung, der sie durch die Gestapo und die ungarische Polizei ausgesetzt gewesen war, doch Yoel wusste durch Berichte anderer Gefangener, was geschehen war. Die Gestapo hatte durch Folter versucht, an den Code für den britischen Sender zu gelangen, den die Fallschirmspringer mit sich geführt hatten. Dann hätten die Deutschen die Alliierten mit irreführenden Meldungen füttern können, damit sie Bomberverbände ins Flakfeuer locken konnten.
Yoel erfuhr, dass Chana auf dem Weg nach Budapest versucht hatte, sich das Leben zu nehmen; sie hatte aus dem Fenster des Zuges springen wollen. Doch sie wurde daran gehindert. »Du hast nicht das Recht, dich zu zerstören«, hatte ihr Wächter gesagt. »Du bist Staatseigentum. Wir werden dich entsorgen, wenn wir dich nicht mehr benötigen, vorher nicht.«
Yoel Palgi war überzeugt, dass Chanas Standhaftigkeit ihrer Mutter das Leben rettete. Wäre sie unter der Folter zusammengebrochen und hätte den Peinigern gesagt, was sie wissen wollten, hätten sie Katharina nach Auschwitz geschickt. So hielten sie Mutter und Tochter im selben Gefängnis fest, im Glauben, dass Folter, Hunger und die Zeit ihnen das gewünschte Ergebnis brächten.
Eines Tages wurden in ein anderes Gefängnisse verlegt. Yoel erinnerte sich, dass sie zuerst aus dem LKW ausstieg, Sie kam in das Gefängnis in der Conti-Straße, wo politische Gefangene inhaftiert waren, denen Verrat, Spionage und ähnliches vorgeworfen wurde.
»Sie stand am Tor, sah so jung aus, so tapfer. Als sich der LKW in Bewegung setzte, stellte sie ihre Tasche ab und gab uns ein ermunterndes Daumen-hoch-Signal, ihr liebliches Gesicht zu einem Lächeln geformt. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah.«
Abschied
Das war am 11. September 1944. Am 28. Oktober war Chanas Prozess. Sie zeigte sich mutig und entschlossen. Der Staatsanwalt forderte die Todesstrafe. Die Journalistin Marie Syrkin, die im Mai 1946 für das jüdisch-amerikanische Commentary Magazine über Chana Szénes berichtete und dafür mit ihrer Mutter und anderen Zeitzeugen gesprochen hatte, schreibt: »Vielleicht waren die Richter von ihrem Mut beeindruckt und zugleich von ihrer Jugend und Ausstrahlung berührt. Jedenfalls verkündeten sie zunächst kein Urteil. Chana wurde in ihre Zelle zurückgebracht.«
Am 6. November 1944 erschien ein Offizier bei ihr in Zelle 13, Hauptmann Dr. Gyula Simon, der Vorsitzende des Militärgerichts. Er sagte ihr: »Chana Szénes, Sie wurden zum Tode verurteilt. Möchten Sie ein Gnadengesuch einreichen?« Sie antwortete: »Zum Tode verurteilt? Nein! Ich will Berufung. Bringen Sie mir einen Anwalt.« – »Sie können keine Berufung einlegen. Sie können um Gnade ersuchen.« – «Ich wurde vor dem Gericht des Befehlshabers der ungarischen Streitkräfte, Klasse B, verurteilt. Ich weiß, dass ich das Recht habe, Berufung einzulegen.« – »Es gibt keine Berufung«, lautete die Antwort. »Ich frage noch einmal: Wollen Sie um Begnadigung bitten oder nicht?«
Sie fuhr ihn an: »Eine Begnadigung? Von Ihnen? Ich werde nicht vor Mördern und Henkern betteln. Ich werde euch nicht um Gnade bitten!« – »Dann bereiten Sie sich auf den Tod vor! Sie dürfen Abschiedsbriefe schreiben. Beeilen Sie sich, denn das Urteil wird in einer Stunde vollstreckt.«
Hauptmann Simon befahl ihre Erschießung, obwohl das Gerichtsverfahren hinsichtlich der Strafzumessung noch nicht ordnungsgemäß abgeschlossen war. Nach dem Krieg wurde er vor einem ungarischen Volksgericht zur Verantwortung gezogen. Dabei ging es auch um die ungesetzliche Hinrichtung. Zunächst erhielt er 1946 eine einjährige Gefängnisstrafe. 1948 erhöhte ein Berufungsgericht diese auf sieben Jahre. Laut biografischen Berichten gelangte er später nach Argentinien.
Brief an die Mutter
Chana ließ sich Papier und Stift in ihre Zelle bringen und schrieb zwei Briefe, einen an Yoel und Peretz, einen an ihre Mutter. Zur Hinrichtung wurde Chana in das Gefängnis an der Margit körút zurückgebracht, wo auch Yoel Palgi inhaftiert war.
Noch einmal Marie Syrkin: »Der 7. November war ein kalter, nebliger Herbsttag. Chana wurde in den Gefängnishof geführt. Augenzeugen berichteten später, dass sie sich geweigert habe, die Augen verbinden zu lassen. Aufrecht und regungslos habe sie dagestanden, als der Befehl zum Schießen ertönte.« Das war um zehn Uhr morgens. Normalerweise konnten die Gefangenen erkennen, wenn eine Hinrichtung bevorstand: die Schritte des Erschießungskommandos, das Trommeln und schließlich die Schüsse. Diesmal waren jedoch lediglich Gewehrsalven zu hören. Sehen konnten die Gefangenen nichts.
Yoel Palgi hörte die Schüsse in seiner Zelle, die er mit anderen teilte, darunter der ungarische Jude Fleischmann, der Chana an der Grenze getroffen, sich ihr angeschlossen hatte und mit ihr zusammen verhaftet worden war. Fleischmann fragte einen Wächter, wer hingerichtet worden war. »Eine Partisanin. Es heißt, sie sei eine britische Spionin gewesen.«Es war also Chana. Yoel Palgi schreibt:
»Ich hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich spürte, wie alle Blicke auf mir ruhten. Schließlich brachte ich hervor: ›Sie war der wunderbarste Mensch, den ich je gekannt habe.‹«
Katharina Szénes konnte ihre Tochter vor der Hinrichtung nicht mehr sehen. Im Gefängnis in der Conti-Straße holte sie die Briefe ab, die sie geschrieben hatte. In dem Brief an sie stand:
»Liebste Mutter,
Ich weiß nicht, was ich sagen soll – nur dies: Eine Million mal danke, und vergib mir, wenn du kannst.
Du weisst so gut, warum Worte nicht nötig sind.
Mit Liebe für immer,
Deine Tochter.«
Überführung des Leichnams nach Israel
Nachdem Chana Szénes am 7. November 1944 im Alter von 23 Jahren in Budapest erschossen worden war, wurde ihr Leichnam zunächst auf dem jüdischen Friedhof der Stadt beigesetzt. 1950 gestattete die ungarische Regierung die Exhumierung und Überführung ihrer sterblichen Überreste nach Israel. Vertreter der jüdischen Gemeinde begleiteten die Ausbettung mit einer Abschiedszeremonie.
Der Sarg wurde anschließend mit der Eisenbahn nach Wien gebracht. Dort traf ihr Bruder Gyuri auf die Begleiter. Zur israelischen Delegation gehörten außerdem Ze’ev Pardes, ein Freund aus ihrem Kibbuz Sdot Jam, und Menachem Cohen vom israelischen Verteidigungsministerium. Ursprünglich sollte der Sarg von Wien nach Italien und von dort per Schiff nach Israel gelangen. Doch die italienischen Behörden verweigerten überraschend die Durchfahrt des Sarges mit der Eisenbahn. Als Begründung führten sie gesundheitspolizeiliche Vorschriften an. Die Verhandlungen dauerten elf Tage. Pardes erinnerte sich später daran, wie zermürbend das Warten war. Schließlich wurde die Weiterfahrt genehmigt.
In Italien wurde der Sarg auf das Schiff »Kedma« gebracht. Israelische Kriegsschiffe fuhren dem Schiff entgegen. Die israelische Nationalbibliothek besitzt Fotografien dieser Verladung. Am 27. März 1950 traf der Sarg in Haifa ein, dort warteten Tausende Menschen. Filmaufnahmen der Nationalbibliothek zeigen die Prozession und die Anteilnahme der Bevölkerung. Der Sarg wurde mit militärischen Ehren an Land gebracht. Der oberste Militärrabbiner sprach die traditionellen Totengebete.
Von Haifa führte der Trauerzug zunächst zum Kibbuz Sdot Jam bei Caesarea, wo Chana Szénes vor ihrem Kriegseinsatz gelebt hatte. Dort sprangen drei Fallschirmjäger mit Blumenkränzen ab, salutierten vor dem Sarg und legten die Kränze nieder. Anschließend ging es nach Tel Aviv. Entlang der Strecke schlossen Geschäfte und Werkstätten als Zeichen der Trauer. Militärfahrzeuge, Regierungsvertreter, Familienangehörige und zahlreiche Zivilisten begleiteten den Sarg.
Am 29. März 1950 wurde Chana Szénes schließlich auf dem Jerusalemer Herzlberg mit militärischen Ehren beigesetzt. An den Feierlichkeiten nahmen Ministerpräsident David Ben-Gurion und Generalstabschef Jigael Jadin teil.
In Israel gibt es heute 32 Straßen, die nach Chana Szénes benannt sind. Diese befinden sich unter anderem in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa, Beer Sheva, Ashdod, Netanya, Ramat Gan, Herzliya, Hadera, Nahariya, Beit She’an, Raanana, Lod und Petah Tikva. Drei Kibbuzim – Yad Chana, Lahavot Haviva und Netzer Sereni – sind nach Fallschirmspringern benannt, die hingerichtet wurden.
Chana Szénes in der Gegenwart
Alle paar Jahre schreibt jemand ein Buch über Chana Szénes. Im Frühjahr 2026 hat der israelische Journalist Matti Friedman eines veröffentlicht: »Out of the Sky. Heroism and Rebirth in Nazi Europe«. In vielerlei Hinsicht spiegele die Geschichte der Fallschirmspringer wider, was Israel seit dem 7. Oktober tue, sagte er im März in einem Interview:
»Wir leben in Zeiten, die zwar – glücklicherweise – nicht so schlimm sind wie die 1940er Jahre, die uns aber dennoch an jene Zeit erinnern. Manchmal erscheint die Lage aussichtslos; doch es lohnt sich, sich darauf zu besinnen, was den zionistischen Instinkt im Jahr 1944 ausmachte: Wenn man mit einer unmöglichen Situation konfrontiert ist, muss man handeln, anstatt in Verzweiflung zu versinken. Man legt sich nicht einfach ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf. Stattdessen fragt man sich: ›Was werde ich jetzt tun?‹ Das ist die klassische zionistische Frage.«
Chana Szénes war nicht naiv oder verblendet. Im Gespräch mit Yoel Palgi, das die beiden vor der Überquerung der Grenze führten, äußerte sie sich sehr pessimistisch über die Aussicht, Juden zu retten:
»Mein Herz sagt mir, dass wir keine Juden mehr retten werden. Wir werden den wenigen Verbleibenden auf dem Weg zur Hinrichtung unseren Respekt zollen. Und selbst wenn Tausende gerettet werden oder Zehntausende, werden sie die Kraft haben, einen neuen Krieg für das Leben der Nation zu beginnen? Ich fühle auch, dass den Resten von Ungarns Judentum das gleiche Schicksal bevorsteht wie anderswo.«
Und doch zog sie daraus den Schluss:
»Darum müssen wir handeln, ohne Kosten oder Konsequenzen abzuwägen. … Ich muss gehen. Und wenn ich sterbe, wird es nicht vergebens sein. Vielleicht werden die Juden ein Gerücht hören, dass eine Agentin aus Palästina versucht hat, zu ihnen zu gelangen, und bei dem Versuch gestorben ist, und die Herzen in den Wäldern und in den Ghettos werden von dem Gedanken belebt werden: Wir müssen weitermachen, sie haben uns nicht aufgegeben, sie haben uns nicht vergessen, vielleicht ist die Rettung nah. Vertrauen kann Wunder wirken. Ich muss gehen.«
Sie betonte, dass sie leben wolle. Sie erwarte »eine Menge vom Leben«. Aber das »Recht zu leben«, wie sie es nannte, war in ihrem Bewusstsein daran geknüpft, zu den bedrohten Juden zu gelangen.
Von Budapest nach Entebbe
Man kann eine Linie konstruieren vom Zion Mule Corps (Zionistisches Maultierkorps), einer jüdischen Transporteinheit der britischen Armee, die 1915 im Ersten Weltkrieg an der Schlacht von Gallipoli teilnahm – eines der schrecklichsten Gemetzel des gesamten Krieges –, zu den heutigen Israel Defence Forces (IDF). Die Juden, die unter türkischem Artilleriebeschuss mit ihren Maultieren zwischen dem Strand und der Front hin- und herliefen, um den britischen Soldaten Essen, Wasser und Munition zu bringen und Verwundete zu transportieren, hatten keine Panzer, keine F-35 und keinen Iron Dome. Aber es fehlte ihnen nicht an Mut. Und sie hatten eine Identität als erste ausdrücklich jüdische militärische Formation der Neuzeit und als Vorläufer späterer jüdischer Streitkräfte.
Gleichfalls kann man eine Linie ziehen von Chana Szénes und den Fallschirmspringern zu den Soldaten, die 1976 die Geiseln von Entebbe befreiten. Es fehlte 1944 an den Mitteln, etwas zu erreichen, an der Ausbildung, an einem tragfähigen Plan und nicht zuletzt an einem jüdischen Oberbefehl. Sie waren den Briten unterstellt und sollten ohne jegliche Unterstützung unrealistische militärische Ziele verfolgen. Wenn dann noch Zeit wäre, dürften sie sich um die Juden kümmern. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Aber was sie von der israelischen Spezialeinheit um Joni Netanjahu und Dan Shomron unterschied, war gewiss nicht fehlender Wille, fehlender Einsatz oder fehlender Mut. Die jüdischen Fallschirmspringer waren der Anfang von etwas, das erst später reifen und Früchte tragen würde.
Licht und Hoffnung
Was Chana Szénes an den nächtlichen Liedern der jugoslawischen Partisanen so tief bewegte, war die Hoffnung, die darin zum Ausdruck kam: Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Diese Hoffnung wünschte sie sich auch für das jüdische Volk. Unter diesem Eindruck schrieb sie ihr berühmtes Gedicht »Ashrei ha-gafrur«:
»Gesegnet sei das Streichholz, das in der sich entzündenden Flamme verzehrt wird.
Gesegnet sei die Flamme, die in der geheimen Feste des Herzens brennt.
Gesegnet sei das Herz, das die Kraft hat, seinen Schlag einzustellen, um der Ehre willen.
Gesegnet sei das Streichholz, das in der sich entzündenden Flamme verzehrt wird.«
Es ist das Gegenteil von Nihilismus und Selbstaufgabe. Es drückt den Wunsch aus, ein Feuer zu entfachen, das die Welt erleuchtet. Das Buch Jesaja drückt diesen Gedanken aus: Die Juden sollen das »Licht für die Völker« sein. Und der Gedanke findet sich auch in Chana Szénes‘ Vortrag »Wurzeln des Zionismus«, den sie im Alter von 17 Jahren in der Schule gehalten hatte.
In der Diaspora seien die Juden zu Nachäffern, Dienern und Prügelknaben verkümmert. Viele große jüdische Ideen und Ideale seien hinter den Ghettomauern gestorben, »ohne je das Licht der Welt zu erblicken«. Wenn sie ihren eigenen Staat in Palästina hätten, dann könnte dieser eine »Insel« sein »in dem Meer eines scheinbar hoffnungslosen jüdischen Schicksals – eine Insel, auf der wir friedlich einen Leuchtturm errichten können, um Licht in die Dunkelheit zu senden: ein Licht ewiger menschlicher Werte, das Licht des einen Gottes.«
Chana Szénes beließ es nicht dabei, über dieses Licht zu schreiben, das die Dunkelheit erhellt. Es war ihr ein Anliegen, es durch ihr Handeln zu verkörpern. Sie sandte unter Einsatz ihres Lebens – aber nicht in suizidaler Absicht – eine Botschaft an die bedrohten Juden: »Wir haben euch nicht vergessen.«
Das macht sie für die Gegenwart bedeutsam. Jedes Mal, wenn an einem Lagerfeuer in Israel oder in einer Synagoge der Diaspora die Lieder mit ihren Gedichten gesungen werden, wird in den Köpfen immer auch der Gedanke auftauchen, der Chanas Leben bestimmte: Wann immer auf der Welt Juden in Bedrängnis und Gefahr sind, macht sich jemand auf den Weg, um zu ihnen zu gelangen. Marie Syrkin, die im Herbst 1945 nach Palästina reiste und dort die überlebenden jüdischen Fallschirmspringer interviewte, berichtete, sie habe jeden Einzelnen gefragt: »Was hast du erreicht?« Die Antwort sei stets dieselbe gewesen: »Allein unsere Anwesenheit war wichtig.«
In der Serie »Nur die Sterne waren nah« sind erschienen:
- Teil 1: Die jüdische Widerstandskämpferin Chana Szénes
- Teil 2: Hinwendung zum Zionismus
- Teil 3: Sehnsucht nach Eretz Israel
- Teil 4: Das Zertifikat
- Teil 5: Ankunft und Eretz Israel
- Teil 6: Bomben auf Haifa und Tel Aviv
- Teil 7: Im Kibbuz Sdot Jam
- Teil 8: Palmach
- Teil 9: Gyuris Flucht
- Teil 10: Union Jack und Menora
- Teil 11: Haganah gegen Hitler
- Teil 12: Abschied von Eretz Israel
- Teil 13: Hitzige Diskussionen in Kairo
- Teil 14: Schwere Stunde
- Teil 15: Die Fallschirmspringerin aus Palästina
- Teil 16: Nach Jugoslawien
- Teil 17: Bei den Partisanen
- Teil 18: Gesegnet sei das Streichholz
- Teil 19: An der Grenze
- Teil 20: Die Katastrophe
- Teil 21: Rudolf Kasztner
- Teil 22: Zeit gewinnen
- Teil 23: Ein verrückter Plan
- Teil 24: Katharinas Verhör
- Teil 25: In Eichmanns Budapester Hauptquartier
- Teil 26: Das Gefängnis an der Margit körút
Literatur
· Baumel, Judith Tydor: „The Heroism of Hannah Senesz: An Exercise in Creating Collective National Memory in the State of Israel.“ In: Journal of Contemporary History, Bd. 31, Nr. 3 (1996), S. 521–546.
· Baumel-Schwartz, Judith Tydor: Perfect Heroes: The World War II Parachutists and the Making of Israeli Collective Memory. Madison: University of Wisconsin Press, 2010.
· Braham, Randolph L.: The Politics of Genocide: The Holocaust in Hungary. 2 Bände. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage. New York: East European Monographs / Columbia University Press, 2016.
· Brand, Daniel: Trapped by Evil and Deceit: The Story of Hansi and Joel Brand. Cherry Orchard Books, Boston 2021.
· Gur, David: Brothers for Resistance and Rescue: The Underground Zionist Youth Movement in Hungary during World War II. Hrsg. von Eli Netzer. Erweiterte und überarbeitete Ausgabe. Jerusalem/New York: Gefen Publishing House, 2007.
· Hausner, Gideon: Gerechtigkeit in Jerusalem. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Peter de Mendelssohn. München: Kindler Verlag, 1967.
· Hay, Peter: Ordinary Heroes: Chana Szenes and the Dream of Zion. New York: G. P. Putnam’s Sons, 1986.
· Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. 3 Bände. Durchgesehene und erweiterte Ausgabe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1990.
· Laszlo, Carl: Der Weg nach Auschwitz und Ferien am Waldsee. Erinnerungen eines Überlebenden. Potsdam: Vacat Verlag, 1998.
· Lewy, Jizchak (Auswahl, Übersetzung und Erläuterungen): Das Leben von Channah Szenes (1921–1944), nach ihren Tagebüchern. Zürich: Verein der Freunde des „Aufbaus“, 1961. Sonderdruck aus Aufbau, Jg. 26 (1960), Hefte 34–40.
· Löb, Ladislaus: Geschäfte mit dem Teufel. Die Tragödie des Judenretters Rezső Kasztner. Bericht eines Überlebenden. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 2010.
· Lustiger, Arno: Zum Kampf auf Leben und Tod! Das Buch vom Widerstand der Juden 1933–1945. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1994.
· Masters, Anthony: The Summer That Bled: The Biography of Hannah Senesh. London: Michael Joseph, 1972.
· Palgi, Yoel: Into the Inferno: The Memoir of a Jewish Paratrooper Behind Nazi Lines. Mit einer Einleitung von David Engel und einem Nachwort von Phyllis Palgi. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press, 2003.
· Révész, Peretz: Standing Up to Evil: A Zionist’s Underground Rescue Activities in Hungary. The International Institute For Holocaust Research, Jerusalem: Yad Vashem 2019.
· Senesh, Hannah: Her Life and Diary. The First Complete Edition. Woodstock, VT: Jewish Lights Publishing, 2013.
· Syrkin, Marie: The Parachutists from Palestine. In: Commentary, Mai 1946. Online: https://www.commentary.org/articles/marie-syrkin-2/the-parachutists-from-palestine/
· Syrkin, Marie: Blessed Is the Match: The Story of Jewish Resistance. Philadelphia: The Jewish Publication Society of America / New York: Alfred A. Knopf, 1947.
· Whitman, Ruth: The Testing of Hanna Senesh. Detroit: Wayne State University Press, 1986.
